Auch als Hybrid ein echtes US-Car: Die Corvette E-Ray im Fahrbericht
Von Andreas Huber

Irgendwo zwischen Muscle-Car und Supersportwagen positioniert Chevrolet seine Corvette – denn der Sportwagen liefert dank seines 6,2-Liter-V8-Saugmotors ein emotionales Gesamtpaket, das in Europa seinesgleichen sucht. Testfahrt!
Hybridantrieb mit 644 PS Systemleistung
Mittelmotorkonzept mit V8-Saugmotor
Fahrspaß für mindestens 169.000 Euro
Sportwagen gibt es viele da draußen, Charakter haben sie alle. Die Bandbreite ist dabei groß und reicht von puristisch roh bis perfektionistisch präzise. Jede dieser Ausprägungen hat ihren Reiz, und wer es gerne etwas ungehobelter mag, blickt seit Jahrzehnten zur Chevrolet Corvette – einem Sportwagen, der bis heute stärker über Charakter als über kühle Perfektion funktioniert.
In ihrer aktuellen Form verbindet die Sportflunder wie keine andere Sportlichkeit mit der Klangkulisse eines amerikanischen Pick-up-Trucks. Ein Soundtrack, der zum Träumen einlädt.
Seit 2023 ist die aktuelle Corvette der Baureihe C8 auch als E-Ray erhältlich. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Hybridversion, die durch einen Elektromotor auf der Vorderachse zum allradgetriebenen Modell wird. Ein Plug‑in-Hybrid ist die E-Ray allerdings nicht – geladen wird der kleine Akku nicht an der Steckdose, sondern als "normaler" Hybrid während der Fahrt.
V8-Sauger + E-Motor: Die Corvette E-Ray mit zwei Herzen

Der Antrieb ist performanceorientiert, weshalb der Sportwagen nur im sogenannten Stealth-Mode eine sehr kurze Strecke elektrisch zurücklegen kann. Zum Rangieren reicht es aber. Während der Fahrt hilft die Vorderachse zwar mit, die Hauptaufgabe bleibt aber beim 6,2-Liter-Smallblock-V8, der ohne Turbolader alleine schon 482 PS auf den Prüfstand bringt. Nimmt man die E-Maschine dazu, erstarkt die E-Ray auf 644 PS Systemleistung und 732 Nm maximales Systemdrehmoment.
Extras zum Preis eines Kleinwagens

Für so viel Leistung will Chevrolet mindestens 169.000 Euro auf dem Tisch liegen sehen, wobei Extras wie die Carbon-Keramik-Bremsanlage von Brembo bereits Teil der Serienausstattung sind. Für 176.900 Euro gibt es dann die vom ADAC gefahrene Cabrio-Version, die aber mit allen verbauten Extras einen Listenpreis von mehr als 206.000 Euro hatte. Die teuersten Einzelposten: die Carbonfelgen für 10.900 Euro, gefolgt vom Carbonpaket für den Innenraum für 3500 Euro. Allein die teuersten Optionen summieren sich auf Beträge, für die man andernorts schon einen Kleinwagen bekommt.
Bereits der Kaltstart ist emotional

Dass die Corvette E-Ray nicht nur preislich in anderen Sphären unterwegs ist, zeigt sie bereits beim Kaltstart. Wer den Startknopf im Armaturenbrett drückt, wird mit einem mehr als imposanten Konzert belohnt, das Enthusiasten unweigerlich ein Grinsen entlockt, während die Nachbarn frühmorgens bereits über die Anzeige zur Ruhestörung nachdenken.
Wer es etwas weniger auffällig haben will, freut sich grundsätzlich über die Hybridisierung der E-Ray und damit über einen lautlosen Start. Allerdings muss dafür genug Restladung im kleinen 1,9-kWh-Akku vorhanden sein. Leise starten wollte die Corvette ihren V8 nämlich ansonsten während ihres Aufenthalts in der Redaktion nicht. Auch der bereits erwähnte Stealth-Modus war bei der Testfahrt stets ausgegraut, also nicht verfügbar.
Sei's drum – der selbstbewusste Auftritt passt zum Gesamtkonzept der Amerikanerin. Alleine optisch ist die Corvette alles andere als zurückhaltend. Wer ein aggressives Auftreten nicht mag und lieber unerkannt durch die Stadt fährt, sollte besser zum Porsche 911 Turbo greifen. Bei dem verdrehen die Menschen am Straßenrand ihre Köpfe nämlich nur im Einzelfall. Mit der Corvette fällt man auf. Immer. Überall. Unweigerlich.
Beeindruckend, aber nicht brutal: Testfahrt mit der E-Ray

Das ist nicht immer angenehm, legt sich aber spätestens auf der Landstraße und der Autobahn wieder. Hat man sich eben an der Ampel noch weggeduckt, belohnt einen der V8 mit einem sonoren Klang, der im Teillastbereich angenehm satt ist und beim Druck auf das Gaspedal an Höhen gewinnt. Tritt man durch, entfesselt man die geballte Kraft der 644 PS, was neben den G-Kräften auch klanglich wahrnehmbar wird. Jenseits der 5000 Umdrehungen fängt die E-Ray förmlich an zu fauchen, was zusätzlich von einem E-typischen Fiepen an der Vorderachse unterstützt wird. Da ist für jeden was dabei.
Chevrolet gibt die Corvette mit 2,9 Sekunden auf 100 km/h an. Nachgemessen haben wir das nicht, der Wert scheint aber keineswegs aus der Luft gegriffen. Selbst jenseits der 200 km/h hat die Flunder noch immer Druck und marschiert konsequent nach vorne.

Dabei gibt das Fahrwerk den Untergrund glaubwürdig wieder und schafft Verbindlichkeit. Die Lenkung wird über die verschiedenen Fahrmodi immer konsequenter. Was sich auf der Geraden etwas synthetisch anfühlt, macht auf kurvigen Straßen enorm Spaß und hilft dabei, die Vette zielgenau zu manövrieren. Dank ihres Mittelmotorkonzepts und der damit einhergehenden Gewichtsverteilung ist das Handling ausgesprochen direkt.
Die aufgezogenen Pilot-Sport-Reifen verhelfen dem V8-Boliden außerdem zu einem sagenhaften Gripniveau, das von einem sanft regelnden ESP unterstützt wird. Kurzum: Die Corvette macht unfassbar viel Spaß und bleibt dabei gutmütig und beherrschbar.
Diese Dinge nerven bei der Corvette trotzdem

Kommen wir aber zu Sachen, die beim Fahren mit der E-Ray wirklich nerven. Das Verdeck braucht ewig, bis es sich entscheidet, sich zu öffnen oder zu schließen, groß gewachsene Menschen haben keine Chance auf eine vernünftige Sitzposition, und wer die Dekore im Innenraum etwas zu beherzt anpackt, wird dem Chevy gerne mal ein Knarzen entlocken.
Dazu kommt die unfassbar eingeschränkte Rundumsicht, die auch durch die Kameras, die um das Auto herum platziert sind, nicht wirklich ausgeglichen wird. Spurwechsel wollen lange geplant sein, denn der tote Winkel reicht gefühlt von München nach Berlin, und Spurrillen dienen den breiten Reifen fast immer als Schienen. Die Corvette läuft ihnen stoisch nach.
Auch für den kurzen Einkauf ist die Corvette nur bedingt zu gebrauchen. Klar, dafür ist sie nicht gemacht, aber wer trotzdem noch schnell ein paar Kleinigkeiten mitnehmen möchte, muss auf Ware verzichten, die hitzeempfindlich ist. Sowohl der Frunk vorn als auch der Kofferraum im Heck werden dank der Kühler vorne und der Abgasführung hinten fast schon zur Garkammer.
Fazit: Die Corvette macht Spaß, verlangt aber ihren Preis
Für den Alltag ist der Sportwagen also nicht geeignet. Muss er aber auch nicht sein. Die Corvette ist eine Spaßmaschine für Menschen, die auffallen wollen. Dabei liefert die Amerikanerin nicht nur optisch ab, auch bei sportlicher Gangart macht sie eine gute Figur und kratzt daher am Status des Supersportwagens.
Geht der Spritverbrauch von 13 bis 18 Litern in Ordnung, den der Testwagen auf verschiedenen Fahrten laut Bordcomputer pro 100 Kilometer hat? Mit Blick auf den riesigen Hubraum, die immense Leistung und die sportive Fahrweise ist der Verbrauch zumindest nachvollziehbar.
Vernünftig ist die Corvette E-Ray damit kaum. Faszinierend aber schon. Sie ist laut, breit, teuer, durstig und im Alltag ziemlich unpraktisch – aber genau darin liegt ein großer Teil ihres Reizes.
Chevrolet Corvette E-Ray Cabrio: Technische Daten und Preis
Technische Daten (Herstellerangaben) | Chevrolet Corvette E-Ray Cabriolet 6.2 V8 3LZ Automatik (ab 12/24) |
|---|---|
Motorart | Voll-Hybrid |
Hubraum (Verbrennungsmotor) | 6.162 ccm |
Leistung maximal in kW (Systemleistung) | 473 |
Leistung maximal in PS (Systemleistung) | 644 |
Drehmoment (Systemleistung) | 806 Nm |
Leistung maximal bei U/min. (Verbrennungsmotor) | 6.450 U/min |
Antriebsart | Allrad |
Beschleunigung 0-100km/h | 2,9 s |
Höchstgeschwindigkeit | 296 km/h |
CO2-Wert kombiniert (WLTP) | 289 g/km |
Verbrauch kombiniert (WLTP) | 12,6 l/100 km |
Batteriekapazität (Brutto) in kWh | 1,9 |
Kofferraumvolumen normal | 355 l |
Leergewicht (EU) | 1.944 kg |
Zuladung | 156 kg |
Garantie (Fahrzeug) | 3 Jahre / 100.000 km |
Länge x Breite x Höhe | 4.734 mm x 2.024 mm x 1.236 mm |
Grundpreis | 176.900 Euro |
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