So genannte All-Terrain-Reifen sind bei Camper- und Pick-up-Fahrern im Trend: Die grobstolligen Reifen versprechen gute Traktion auf jedem Untergrund. Sind sie aber wirklich zu empfehlen? Der ADAC hat acht All-Terrain-Reifen getestet. All-Terrain-Reifen Trend bei Pick-ups und Campern Erhebliche Nachteile auf der Straße Ganzjahresreifen die bessere Wahl Unbekanntes Terrain erobern, Abenteuer erleben, Outdoor-Feeling genießen – die Sehnsucht nach der großen Freiheit ist ungebrochen. Das zeigt nicht nur der anhaltende Trend zum SUV, sondern auch der zum Campingmobil in allen erdenklichen Größen. All-Terrain-Reifen für robusten Look Dazu passt ins Bild, dass man immer mehr Camper, Pick-ups oder Geländewagen auf grobstolligen All-Terrain-Reifen (AT) sieht. In Sachen Abenteuer-Look machen sich die Reifen schließlich hervorragend, außerdem versprechen sie, in unwegsamem Gelände weiter zu kommen als gewöhnliche Reifen. Für den Einsatz in Südamerika, Afrika oder Australien, wo sich das automobile Leben durchaus oft auf unbefestigten Wegen abspielt, mag das sinnvoll sein. Aber in Europa? Hierzulande wird diese Art von Reifen meist aus optischen Gründen gekauft. Echte Offroad-Herausforderungen sind auf dem europäischen Kontinent die Ausnahme, so dass auch mit All-Terrain-Reifen ausgerüstete Fahrzeuge wohl den größten Teil ihres Daseins auf asphaltierten Wegen unterwegs sind und höchstens mal mit einer nassen Wiese auf dem Campingplatz zu kämpfen haben. Daher konzentriert sich dieser Test eher auf die Frage: Sind All-Terrain-Reifen auf der Straße wirklich eine gute Idee? Getestet wurde die Dimension 225/65 R17, eine Größe, die auch auf den VW Bus passt, den Camping-Klassiker schlechthin. Aber auch andere Fahrzeuge können diese oder eine benachbarte Größe fahren. Kein AT-Reifen ist empfehlenswert Um die Performance auf der Straße einordnen zu können, diente der Pirelli Cinturato SF3, ein Pkw-Ganzjahresreifen, als Referenz und lief bei allen Testszenarien mit. Ein Ganzjahresreifen deshalb, weil die All-Terrain-Reifen im Test allesamt über das Schneeflockensymbol verfügen, also auch bei winterlichen Straßenverhältnissen gefahren werden dürfen. Das Ergebnis ist eindeutig und enttäuschend zugleich: Die AT-Reifen schneiden im Vergleich zum Referenz-Ganzjahresreifen erheblich schlechter ab. Insbesondere auf trockenem und nassem Asphalt sind die Resultate ernüchternd. Nur auf schneebedeckter Fahrbahn können zwei Reifen zumindest in die Nähe der Eigenschaften des Referenzreifens kommen, ohne diese jedoch tatsächlich zu erreichen. Als empfehlenswert geht deshalb keiner der getesteten Reifen durch. All-Terrain-Reifen: Ergebnisse im Detail Soll es dennoch unbedingt ein AT-Reifen sein: Allesamt gleich schlecht sind die Reifen nicht. Es gibt bessere AT-Reifen und welche, von denen man partout die Finger lassen sollte. So hat der Testsieger, der Yokohama Geolander A/T G015, insgesamt mit der Note 2,9 abgeschnitten und stellt zumindest die beste Wahl unter den AT-Reifen dar. Wissen sollte man allerdings, dass man mit dem "normalen" Ganzjahres-Referenzreifen erheblich sicherer unterwegs ist: Der kommt auf eine 2,1 und ist damit um fast eine gesamte Note besser. Klicken oder tippen Sie auf einen Reifen in der Tabelle, und Sie sehen die Einzelbewertungen in den Testkategorien. Lange Bremswege auf Nässe Wo hakt es bei den All-Terrain-Reifen? Auffällig im Test ist beispielsweise die Schwäche beim Bremsen auf nassem Asphalt. Der schlechteste Reifen, der BF Goodrich Trail Terrain T/A, fällt mit miserablen Bremswerten komplett durch. Aus 80 km/h kommt das Testfahrzeug erst nach 48,8 Metern zum Stehen. Selbst der beste der AT-Reifen in dieser Disziplin, der Falken mit knapp 40 Metern Bremsweg, verursacht einen sechs Meter längeren Bremsweg als der Referenzreifen. Das ist immerhin die Länge eines ganzen Campervans, die darüber entscheiden kann, ob man noch vor einem Hindernis zum Stehen kommt oder ob es knallt. Nicht nur beim Bremsen, auch bei der Fahrdynamik auf dem bewässerten Handlingkurs haben die AT-Reifen das Nachsehen gegenüber dem Ganzjahresreifen. Deutlich schlechtere Rundenzeiten und ein teils heikles Fahrverhalten zeugen davon, dass es mit dem Grip nicht weit her ist. Mit entsprechenden Folgen: So verursacht etwa der Pirelli eine ausgeprägte Tendenz zum Übersteuern und verlangt einen kundigen Fahrer oder eine kundige Fahrerin, um das auskeilende Fahrzeugheck wieder einzufangen. Wie sieht es abseits der Straße aus? Schotter Ob die AT-Reifen abseits der Straße Vorteil haben, hat der ADAC ebenfalls getestet. So wurden beispielsweise Traktionsmessungen auf einem Schotterparcours durchgeführt. Ein Reifen setzte sich hier am besten in Szene: So zügig wie mit dem Matador konnte der Testwagen mit keinem anderen Reifen beschleunigen. Allerdings kommt auf dem zweiten Platz dann schon der Pkw-Referenzreifen – mit ihm ist man also auf Schotterstraßen mitnichten schlechter unterwegs als mit einem AT-Reifen. Auch einen überaus anspruchsvollen Schotter-Handlingparcours mussten die Probanden teils sogar am fahrdynamischen Limit über sich ergehen lassen. Große Unterschiede in der Performance gab es hier nicht, auch nicht im Vergleich zum Ganzjahresreifen. Aber: Nach dem Test zeigte sich, dass die grobstolligen AT-Reifen die extreme Schotter-Tortur besser wegstecken konnten als der Ganzjahresreifen, der am Ende bereits Stücke seines Profils verloren hat. Zumindest unter diesen Bedingungen sind AT-Reifen robuster. Schlamm Dass sich die Wiese eines Campingplatzes sehr schnell in einen schmierig-schlammigen Untergrund verwandeln kann, wissen Camper meist allzu gut: Wer vom Platz fahren möchte, kann leicht Traktionsprobleme bekommen. Wie schneiden hier die AT-Reifen ab? Für die Tester stellte sich das Problem, dass objektive Messungen auf einer nassen Wiese nicht durchführbar sind. Um dennoch eine Aussage treffen zu können, wurde eine Wiese bewässert und verglichen, ob die AT-Reifen eine Verbesserung gegenüber dem Pkw-Ganzjahresreifen bieten. Das ernüchternde Ergebnis: Die Traktion der All-Terrain-Reifen war nicht merklich besser. Viel entscheidender war, ob das Testfahrzeug allradgetrieben war oder nur über eine angetriebene Achse verfügte. Wenn es nur über Front- oder Heckantrieb verfügte, zeigte eine Differentialsperre immer noch mehr Wirkung als die Wahl der Reifen. Zudem wollten die Tester wissen, wie sich ein gewöhnlicher Pkw-Sommerreifen (anstelle des Ganzjahresrreifens als Referenz) schlägt. Erkenntnis: Mit ihm kommt man auf Schlamm und Schotter erheblich schlechter voran. Gegenüber den Sommerreifen haben sowohl AT-Reifen und auch Ganzjahresreifen durch ihr "winterlicheres" Profil offenbar Vorteile. Schnee: Wie wintertauglich sind AT-Reifen? Das Profil sollte selbstredend auch für den Winter passen, schließlich haben alle getesteten AT-Reifen wie auch der Ganzjahresreifen ein Schneeflockensymbol auf der Flanke und sind damit für winterliche Bedingungen zugelassen. Und hier trennt sich das Testfeld deutlich: Während die Reifen im Trockenen um 0,9 und im Nassen um 1,4 Notenpunkte differieren, liegen geradezu Welten zwischen dem besten und schlechtesten Reifen im Schnee. Während der Bridgestone nur auf eine Schneenote von 4,2 kommt, erweist sich der Yokohama als Winterexperte und liegt mit einer Note von 2,4 fast auf dem Niveau des Pkw-Ganzjahresreifens. Fazit und Tipps des ADAC Die Nutzung von AT-Reifen bedeutet einen merklichen Verlust an Fahrsicherheit im Vergleich zu einem Pkw-Reifen. Dieser Schritt sollte also wohlüberlegt sein. Wer AT-Reifen nutzen möchte, findet in den vier Reifen mit einer befriedigenden Gesamtnote zumindest Modelle mit ausgewogen verteilten Stärken und Schwächen. Die vier abgewerteten Testreifen zeigen alle deutliche Schwächen. Für schwere Campingfahrzeuge, die aufgrund der hohen geforderten Traglasten keine normalen Pkw-Reifen nutzen können, empfiehlt sich der Blick auf C- bzw. CP-Reifen, die es ebenfalls mit Ganzjahresfreigabe gibt. Wer gelegentlich abseits befestigter Straßen fährt, kommt auf üblichen Schotterwegen und Wiesen mit einem Pkw-Ganzjahresreifen überraschend gut voran. Hier finden sich empfehlenswerte, vom ADAC getestete Ganzjahresreifen. Wer mehr Traktion braucht, kann den weitaus größten Effekt durch die Wahl eines allradgetriebenen Fahrzeugs erzielen. Alternativ – falls es das gewünschte Modell nicht mit Allradantrieb gibt – kann man bei diversen Getriebespezialisten nach dem Verbau eines Differentials mit Sperrwirkung fragen. Auch ein solches Sperrdifferential steigert die Traktion auf rutschigem Untergrund deutlich. Test und fachliche Beratung: Christoph Pauly/ADAC Technik Zentrum