Dr. Marcus Groll, Ionity: "Ladeinfrastruktur ist eine Investition in die Zukunft"

Dr. Marcus Groll ist Chief Operating Officer (COO) bei Ionity
Dr. Marcus Groll ist Chief Operating Officer (COO) bei Ionity © Nicht veröffentlichen

Das Laden von Elektroautos muss so einfach wie Tanken werden. Dieses Ziel verfolgt die Firma Ionity im Auftrag der Automobilhersteller. COO Marcus Groll über die Herausforderungen und Probleme einer neuen Branche.

Elektroautos gehört die Zukunft, das Aus für den Pkw mit Verbrennungsmotor ist beschlossen. Der ADAC beschäftigt sich daher intensiv mit der Frage, ob und wie der Umstieg auf das Elektroauto gelingen kann, bietet selbst Leasing, Finanzierung, Wallbox-Tests und auch eine Ladekarte für Elektroautofahrer an.

Zu den größeren Baustellen der Elektromobilität gehört die öffentliche Ladeinfrastruktur. Das erlebten zwei Experten des ADAC exemplarisch an einer Ladestation von Ionity in Österreich (zum Bericht geht es hier). Grund genug, beim Ladestrom-Anbieter nachzufragen, wie es um die Zuverlässigkeit, die Auslastung und die Zukunft des Schnellladens in Deutschland und Europa bestellt ist. Dr. Marcus Groll, Chief Operating Officer (COO) bei Ionity, stand Rede und Antwort.

Herr Dr. Groll, eine Ionity-Station, vier Ladesäulen, aber aus keiner kam Strom. Was war da los an der Station in Österreich?

Marcus Groll: Der Netzbetreiber hatte den Netzanschluss ohne Vorankündigung wegen einer lokalen Wartung abgeschaltet. Normalerweise wird so etwas frühzeitig angekündigt, damit wir unsere Kunden darauf vorbereiten können.

Wir schalten dann die Anzeige für die Station in der Lade-App auf Rot und kennzeichnen sie als nicht verfügbar. So sieht der Kunde schon im Vorfeld, dass er dort nicht laden kann. Auch die Hotline weiß Bescheid und kann die Autofahrer telefonisch beraten. Das war in diesem Fall nicht rechtzeitig möglich und führte leider zu den Unannehmlichkeiten für Ihre Kollegen.

Wie steht es um die Gesamtzuverlässigkeit Ihrer Ladesäulen?

Bei der Verfügbarkeit aller Standorte haben wir eine Quote von 99,4 Prozent. Der an dem Tag ausgefallene Standort in Österreich ist eigentlich eine unserer Top 5-Stationen, was die Zuverlässigkeit angeht.

Wer ist Ionity?

Ionity baut und betreibt ein europaweites Netzwerk von Schnell-Ladestationen für Elektroautos. Die Ionity GmbH ist ein Joint Venture der Automobilhersteller BMW, Ford, Hyundai und Mercedes sowie der Volkswagen Group mit Audi und Porsche. Finanzinvestor ist die BlackRocks Global Renewable Power Platform. Die Zentrale von Ionity befindet sich in München, es gibt Büros in Dortmund und Oslo.

Was muss passieren, damit eine gesamte Station ausfällt?

Es kann sein, dass ein Trafo neu ans Netz angeschlossen wird oder der Netzbetreiber das Netz wartet oder umbaut. In den skandinavischen Ländern haben wir immer wieder Sturmschäden, weil beispielsweise Bäume auf Überlandleitungen fallen. Dann ist der Strom für mehrere Stunden weg.

Können Sie Ihre Stationen vor solchen Ausfällen nicht schützen?

Da würden nur Batteriespeicher oder Diesel-Generatoren als Notlösung helfen. Einstweilen sind wir dabei, unsere Trafostationen aus der Ferne zu steuern, sodass wir die Station schnellstmöglich hochfahren können, wenn der Strom wieder da ist.

Warum sind Ladesäulen nicht so zuverlässig wie Tanksäulen?

Im Vergleich zu einer Tanksäule ist die Steuerung einer Ladesäule ziemlich komplex, das darf man nicht vergessen. Das Auto lädt nicht nur Strom, Auto und Ladesäule kommunizieren während des gesamten Ladeprozesses miteinander.

Und wir haben es mit verschiedenen Autoherstellern mit unterschiedlichen Modellen, verschiedenen Herstellern von Ladestationen, verschiedenen IT-Firmen, verschiedenen Apps und Ladekabeln zu tun, die alle in der Gesamtkette funktionieren müssen. In den letzten zwei, drei Jahren ist viel verbessert worden, Optimierungsbedarf gibt es aber noch, ganz klar.

Probleme macht auch das Bezahlen – etwa wenn eine Ladekarte nicht akzeptiert wird oder eine App nicht funktioniert.

Ergebnis einer ADAC Umfrage vor einem Jahr © ADAC e.V.

Ja, das kommt vor. Wenn man allerdings eine Bezahlkarte vom Betreiber oder eine gute Roaming-Card hat, sieht die Welt ganz anders aus. Noch einfacher wird das mit dem neuen Plug-and-Charge-System, bei der das Auto mit einer hinterlegten Bezahlfunktion erkannt wird: man schließt den Stecker an, der Ladevorgang startet, die Abrechnung erfolgt vollautomatisch. Für den Kunden ist das eine deutliche Verbesserung.

Immer wieder berichten uns Mitglieder, sie hätten das Ladekabel korrekt eingesteckt und trotzdem fließt kein Strom. Woran liegt das?

Die Ladekabel sind schwer, der Stecker wird vom Gewicht nach unten gezogen, so dass die Kontakte sich nicht verbinden. Wir versuchen deshalb die Hersteller davon zu überzeugen, die Steckeraufnahme am Auto zu verbessern. Denn natürlich wird kein Autohändler einem Kunden erklären wollen, dass er den Stecker nach oben drücken und festhalten muss, bis das Auto anfängt zu laden. Daran sieht man, auf welche technischen Kleinigkeiten es manchmal ankommt. Unsere Hotline kann in solchen Fällen sehr schnell weiterhelfen, doch leider wird der Fehler immer erst bei der Ladesäule gesucht, wenn etwas nicht funktioniert.

Wie entwickelt sich die Auslastung Ihrer Ladestationen?

Ladesäulen von Ionity: Ausfälle oder Störungen sind selten – aber stets ärgerlich © Ionity

In Skandinavien kommt es vor, dass von morgens bis abends alle vier oder sechs Ladepunkte permanent belegt sind. Ansonsten schwankt die Auslastung im Wochenverlauf sehr. Montags und dienstags ist es ruhiger. Die höchste Auslastung beobachten wir Sonntag nachmittags. Und auch übers Jahr sehen wir deutliche Schwerpunkte. Wir hatten im Sommer einen neuen historischen Höchststand, mit Tagen, an denen unsere Ladepunkte zu 30 bis 40 Prozent belegt waren. Und zwar den ganzen Tag.

Hat es Warteschlangen gegeben an einer Station?

Das ließ sich nicht in Gänze vermeiden. An den Ferienwochenenden haben wir an hochausgelasteten Stationen Servicemitarbeiter eingesetzt, um die Warteschlange zu koordinieren. Die hatten zum Beispiel Kaffee-Gutscheine und Kleinigkeiten für die Kinder dabei. Gleichzeitig haben unsere Mitarbeiter auch erklärt, wie das mit dem Laden am besten funktioniert. Das kam bei den Kunden sehr gut an.

Ab welcher Auslastung können Sie Ihr Netzwerk an Stationen profitabel betreiben?

Aktuell planen wir mit rund 20 Prozent Auslastung über das gesamte Netzwerk, über alle Tage und alle Jahreszeiten hinweg, also inklusive aller Schwankungen.

Ist das der Wert für die Profitabilität?

Nein. Investitionen in die Infrastruktur muss man langfristig betrachten.

Der Strompreis ist zuletzt massiv gestiegen. Welche Folgen hat das?

Der Strompreis ist, wie wir alle wissen, im Moment schwierig zu kalkulieren. Trotz der schwierigen Umstände haben wir stabile Preise und werden den Ausbau der Erneuerbaren Energien fördern, um auch weiterhin klimaneutrale Mobilität anbieten zu können.

Wären auch flexible Tarife für die Kunden denkbar?

Ja, sicherlich. Einige unserer Wettbewerber machen das bereits.

Wird das Laden in Zukunft billiger oder teurer?

Der Energiemarkt wird dynamischer, und das wird sich auch auf den Strompreis auswirken.

Wie stehen Sie zu der Verpflichtung, die Ladesäulen mit EC- und Kreditkartenzahlung ausstatten zu müssen?

Natürlich werden wir die gesetzlichen Bestimmungen fristgerecht umsetzen. Aber das bedeutet Zusatzkosten, die nur auf wenige Kunden umgelegt werden können. Zu uns kommen 80 bis 90 Prozent der Kunden mit einer Ladekarte. Und die Kosten, die für ein Payment-Terminal anfallen, sind nicht nur Einmal-Kosten, sondern auch laufende Kosten – und die sind erstaunlich hoch.

Sie meinen, das treibt die Kosten unnötig in die Höhe?

Ich kann mir gut vorstellen, dass einzelne Betreiber ihre Säulen wieder abbauen, weil es sich nicht mehr für sie lohnt. Dann haben wir weniger Stationen als vorher. Das Nachrüsten von Kartenlesegeräten an Säulen ist schwierig, der Aufwand ist relativ groß. Wir überlegen gerade, pro Station nur eine Säule mit einem Kreditkarten-Lesegerät auszustatten, das dann für alle Säulen genutzt werden kann. So könnten wir die Zusatzkosten im Rahmen halten.

Wird Ionity künftig Strom vor Ort produzieren? Dächer mit Solarzellen installieren oder Windräder neben einer Ladestation aufstellen?

Wir wollen unseren Kunden weiterhin 100 Prozent Grünstrom anbieten. Dafür werden wir alle Möglichkeiten nutzen, die uns zur Verfügung stehen und sinnvoll sind.