Autobahn: Der Kampf um die linke Spur

2.11.2017

Viele Autofahrer sind gestresst. Sie fühlen sich von Besserwissern und Langsamfahrern behindert. Zwei Vielfahrer und ein Polizist berichten über den täglichen Krieg auf der Straße. Eine Geschichte über Rechthaber, Schleicher, Raser und Drängler
 
Außendienstler Oliver Brodnicke ist auf dem Weg zu einem Kunden. Er fährt schnell, ungefähr 170, 180 Stundenkilometer. Kein Tempolimit weit und breit, die Überholspur der Autobahn ist frei soweit das Auge reicht. Ein gutes Stück voraus biegt ein Lkw auf den Beschleunigungsstreifen ein, dahinter drei Pkw. Und völlig unvermittelt wechselt der mittlere auf die Überholspur, mit höchstens Tempo 90. Brodnicke tritt die Bremse durch, er kann den Aufprall gerade noch verhindern. Sein Puls rast trotzdem.

Der 54-Jährige verbringt viel Zeit auf der Autobahn. Sehr viel Zeit. Für einen Markenartikel-Hersteller betreut er Kunden in ganz Norddeutschland. 78.000 Kilometer macht er im Jahr, der durchschnittliche Autofahrer schafft weniger als ein Fünftel dieser Strecke. Oliver Brodnicke gehört damit zu jenen zehn Prozent Vielfahrern, die einer ADAC Umfrage zufolge mehr als 30.000 Kilometer im Jahr zurücklegen – häufig im Auftrag ihres Arbeitgebers.
 

69 % der ADAC Mitglieder ärgern sich über Spurwechsel, ohne zu blinken

Vielfahrer Oliver Brodnicke fährt ca. 78.000 Kilometer im Jahr
Dank ihrer Routine beherrschen die meisten ihr Fahrzeug, viele sind mit einer überdurchschnittlich motorisierten Mittelklasselimousine unterwegs. Und sie sind für ihren Job auf den Führerschein angewiesen. Regelverstöße können sie sich nicht leisten. Bei Oliver Brodnicke ist der Besitz der Fahrerlaubnis sogar Voraussetzung für den Arbeitsvertrag.


Brodnicke sagt: „Die einseitige Drängler-Beschimpfung geht am Thema vorbei, in 95 Prozent der Fälle sind die Linksspur-Blockierer die Ursache fürs dichte Auffahren.“  Immer wieder beobachte er, dass ein Vorausfahrender die Überholspur nicht freimacht – obwohl rechts reichlich Platz wäre. Sein Eindruck: „Viele Autofahrer nutzen die linke Spur nicht zum Überholen, sondern aus reiner Bequemlichkeit.“

Auch Sebastian Kaiser (Name geändert) ist ein typischer Vielfahrer. Er kennt die Autobahnen nördlich von Kassel in- und auswendig. Das Einsatzgebiet des Außendienstmitarbeiters bei einer Versicherung erstreckt sich von der holländischen Grenze im Westen zur polnischen im Osten, im Norden reicht es bis nach Dänemark. Tempolimits, Staufallen oder Dauerbaustellen – der 51-Jährige weiß in aller Regel, was ihn auf der Reise zum nächsten Termin erwartet.

59 % regen sich über unberechtigtes Linksfahren auf

Seine Fahrweise beschreibt er als „zügig“. Wenn die Verkehrslage es zulässt, beschleunigt er seine Oberklasselimousine auf 150 bis höchstens 200 Stundenkilometer. Punkte in Flensburg hat er nicht. Ihm ist klar, dass sein Wagen im Rückspiegel bedrohlich wirken kann: „Wahrscheinlich kommt ein so großes Auto recht martialisch daher.“ Das liege aber eher am Design und nicht an seiner Fahrweise. Pauschale Drängler-Vorwürfe – dickes Auto plus hohes Tempo gleich Verkehrsrowdy – weist er von sich: Sein Wagen halte dank Abstandsregeltempomat (ACC) ganz automatisch die richtige Distanz zum Vordermann.

Gefährliche Situationen entstehen, so seine Beobachtung, in den meisten Fällen nicht durch die schnellen Autofahrer auf der Mittel- oder Überholspur. Sondern durch Achtlosigkeit beim Spurwechsel: „Es wird viel zu wenig und viel zu kurz geblinkt, fast jeden Tag erlebe ich, wie ohne Schulterblick und Blinken völlig unvermittelt rübergezogen wird.“ Die Folge für Sebastian Kaiser: Das ACC seines Wagens muss immer wieder eingreifen, sein Auto manchmal sogar rabiat abbremsen. „Da geht mein Blutdruck jedes einzelne Mal voll durch die Decke.“

Die Autofahrer, die ihn behindern, teilt Kaiser in zwei Kategorien ein. Einerseits diejenigen, die mit dem dichten Verkehr auf den Autobahnen nicht zurechtkommen. Mit ihnen, sagt Kaiser, habe er sogar Mitleid. In Rage gerät er bei der zweiten Gruppe: den Besserwissern und Rechthabern, die auf der linken Spur stur ihr Tempo halten, nicht einmal nach rechts wechseln, wenn mehr als genug Platz wäre. „Diese Leute erzwingen sich die Vorfahrt, für mich ist das Nötigung.“

84 % nervt dichtes Auffahren bei hoher Geschwindigkeit

Polizeihauptkommissar Steiner beobachtet den Verkehr auf der A9
Aber es gibt auch die andere Seite – die der von hinten Bedrängten. Polizeihauptkommissar Wolfgang Steiner blickt auf das gestochen scharfe Foto eines dunkelhaarigen Mannes. Weniger als 22 Meter liegen zwischen dessen Mittelklassewagen und dem Vordermann – bei Tempo 152! Macht 240 €, zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot. 

Steiner sitzt in einem weißen Transporter, vor ihm stehen vier Bildschirme. Kabel verbinden die Computer mit drei Kameras an einer Autobahnbrücke über die A9. Sie liefern Beweisfotos, eine Kamera filmt den Verkehrsfluss auf einer Strecke von bis zu 400 Metern. Gespeichert wird das Ganze nur, wenn das System einen Verstoß erkennt. Die finale Auswertung übernehmen aber immer noch die Polizisten in der Dienststelle.

Mit den Filmaufnahmen wird Steiner bei Bedarf vor Gericht beweisen, dass tatsächlich gedrängelt wurde. „Da hat sich einer direkt vor mich gesetzt!“ – diese Ausrede kann er in aller Regel als solche entlarven. Ungefähr 80 Drängler erwischt Steiner an einem typischen Vormittag. Dass viele zu dicht auffahren, weil sie sich vom Handy ablenken ließen, bezweifelt der Polizist: „Wenn Sie bei 140 km/h am Kofferraum vom Vordermann kleben, dann können Sie nicht gleichzeitig am Smartphone herumspielen.“

Den Verkehr kontrolliert die Autobahnpolizei außerdem mit Überwachungsfahrzeugen: Front- und Heckkameras filmen, auch die Geschwindigkeit wird gemessen. Steiner sagt: „Damit erwischen wir zwar nur fünf, sechs Drängler am Tag. Dafür aber die ganz besonders schlimmen Fälle.“
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Rechtsfahrgebot: In der Regel rechts

Eigentlich formuliert es die Straßenverkehrsordnung sehr deutlich: Grundsätzlich muss jeder Autofahrer „möglichst weit rechts fahren“. Auf zweistreifigen Autobahnen ist die rechte Spur also immer die erste Wahl.

Ein wenig anders sind die Dinge bei dreispurigen Autobahnen geregelt. Dort gilt: Fahren auf der rechten Spur „hin und wieder“ Fahrzeuge, darf man auf der Mittelspur bleiben. Sinn dieser Regelung ist es, riskante Überholmanöver mit ständigem Ausscheren und Wiedereinordnen zu vermeiden. Ist auf der rechten Spur jedoch niemand zu sehen, greift das Rechtsfahrgebot ohne Wenn und Aber.

Und dann gibt es noch die geschlossenen Ortschaften. Hier dürfen die Fahrer von Kfz unter 3,5 Tonnen den Fahrstreifen völlig frei wählen (§7 Abs. 3, StVO).

Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe beim ADAC, versteht den Frust beider Seiten. Er weiß aber auch: Meist ist Unaufmerksamkeit oder Unsicherheit der Grund für die Fehler der Autofahrer. Deshalb rät er zu Selbstbeherrschung: „Wir haben es selbst in der Hand, ob wir uns aufregen. Machen Sie sich klar, dass fast niemand aus Bösartigkeit auf der Überholspur herumtrödelt oder bei Grün zu spät losfährt. Das beruhigt die Nerven ungemein.“

Oliver Brodnicke hält sich an dieses Rezept: „Anders geht es ja gar nicht.“ Sebastian Kaiser dagegen kann den Psychologen-Rat zwar verstehen. In der Praxis überwiegt bei ihm aber immer wieder der Ärger über die Linksspur-Blockierer.

Text: Thomas Paulsen. Fotos: Theo Klein, Jörg Modrow. Illustrationen: ADAC/Laska Grafix. (acfo)

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