Fahrbericht Hyundai Nexo: Brennstoffzelle an Bord

16.7.2018

Brennstoffzellenautos produzieren ihren Strom während der Fahrt selbst. Klingt genial. Deshalb waren auch BMW, VW, Ford und Co. am Thema –  gaben aber auf. Hyundai nicht: Sie präsentieren den brandneuen Nexo, der ab August 2018 für 69.000 Euro beim Händler steht. Die ADAC Motorwelt konnte ihn bereits fahren

Hyundai glaubt an Wasserstoff: Nach dem ix35 bringen die Koreaner den Nexo als Nachfolgemodell an den Start.  Auf einer Fahrt von Los Angeles nach Las Vegas konnten wir den SUV exklusiv testen. Erste und wichtigste Information: Trotz gleichem Tankinhalt kommt der Nexo dank seiner optimierten Brennstoffzellentechnik knapp 100 Kilometer weiter. Unser Eindruck: Echte 550 Kilometer Reichweite sollten nun drin sein – und das ist bei derzeit nur 43 Wasserstofftankstellen in Deutschland wichtig.

Drei Wasserstofftanks unter dem Kofferraum

Die drei Tanks liegen Platz sparend unter dem Kofferraum, der so mit seinen umlegbaren Sitzlehnen gut nutzbar ist. Mit üppigem Raumgefühl und komfortabler Beinfreiheit bietet der 4,67 Meter lange Nexo – das ist VW-Tiguan-Allspace-Größe – ohnehin Platz genug. Die Sitze sind bequem, die verwendeten Plastikmaterialien der amerikanischen Version zwar schön, aber haptisch etwas enttäuschend. Optische Highlights bieten das digitale Display über die halbe Fahrzeugbreite und das flach liegende Instrumentenpanel. Allerdings lassen sich dessen Tasten nicht intuitiv ohne Blickkontakt bedienen.

Ansonsten gibt der Nexo keine Rätsel auf: reinsetzen, starten und losfahren – wie mit jedem anderen E-Auto. Das bedeutet, sanft und stressfrei fast geräuschlos dahingleiten. Und nur bei Bedarf mal die enorme Durchzugskraft eines E-Motors ausprobieren. Beim Nexo sind es 395 Newtonmeter, der Spurt auf 100 Stundenkilometer dauert 9,2 Sekunden. Doch der Nexo verleitet ohnehin eher zum entspannten Cruisen – nicht nur in Amerika.

So kommt die Europa-Version des SUV

Fünf Monate nach unserer exklusiven Testfahrt von Los Angeles nach Las Vegas präsentierte Hyundai jetzt in Oslo das für Europa homologierte Modell. Im Vergleich zur amerikanischen Version hat sich nur wenig geändert.

Das ausgewogene SUV-Design mit der durchgehenden LED-Lichtleiste vorne passt auch gut zum europäischen Straßenbild, das Raumgefühl vorne wie hinten bleibt enorm großzügig, der große Kofferraum mit umlegbaren Lehnen mit 461 bis 1466 Litern bestens nutzbar, das Fahrwerk federt ausgewogen und die Durchzugskraft des laufruhigen Motors beeindruckt immer noch. Leider nicht verändert hat sich das etwas teigige, indirekte Lenkgefühl, das eher zu amerikanischen Highways statt kurviger Eifelstraße passt.

Erfreulicherweise knausert Hyundai in der Europa-Version nicht bei der Ausstattung. Für 69.000 Euro bleiben von den riesigen Displays, den kompletten Assistenzsystemen mit Stau-, Einpark- und Querverkehrfunktion über die Lichtsensoren bis zur DAB-Soundanlage mit Echtzeitnavigation keine Wünsche offen. Zubuchbar ist lediglich ein Premiumpaket für 3500 € mit 19-Zöllern, Around-View-Monitor oder großem Panorama-Glas-Dach.

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Bald sollen 100 Wasserstofftankstellen stehen

Der Clou, warum man sich trotzdem unbedingt für dieses Paket entscheiden sollte, ist jedoch der inkludierte Totwinkel-Assistent. Hier leuchtet nicht nur eine LED im Außenspiegel auf, wenn ein Fahrzeug im toten Winkel fährt: Wird der Blinker betätigt, erscheint das reale Spiegelbild – von einer Kamera übertragen – im hochauflösendem Zentraldisplay direkt vor dem Fahrer. Ein tolles Hilfsmittel, weil der erfasste Winkel sogar größer ist, als reale Spiegel ihn erfassen können. Warum sind nicht schon andere Hersteller auf diese Idee gekommen?

Dass neue Ideen wie das Fahren mit einer Brennstoffzelle nicht immer gleich zünden, musste der deutsche Hyundai-Importeur mit dem weltweit noch weiter gebauten Vorgängermodell iX35 FuelCell erleben: Seit 2013 entschieden sich nur 200 Käufer für den SUV-Stromer. Doch schon jetzt liegen für den neuen Nexo, der erst ab August bei den Händlern steht, schon 180 Vorbestellungen vor. Und Hyundai-Geschäftsführer Markus Schrick ist sich sicher: Wenn das deutsche Tankstellennetz wie versprochen bald 100 Stationen hat, rechnet er mit 1000 Verkäufen – pro Jahr!

So funktioniert eine Brennstoffzelle

Infografik: Schematische Darstellung der Membranen

In Fahrzeugen kommen PEM (Polymer-Elektrolyth-Membran)-Brennstoffzellen zum Einsatz. Die Membran (in der Grafik in der Mitte) trennt die vom Wasserstoff (H2) umspülte Anode (links) von der Kathode (rechts) mit dem Sauerstoff (O2). Die Wirkungsweise: An der Anode scheiden sich die Wasserstoffmoleküle in Ionen und Elektronen. Die Ionen wandern durch die PEM zur Kathode und verbinden sich dort mit dem Luftsauerstoff zu Wasser. Weil die Membran jedoch für die Elektronen undurchlässig ist, müssen sie auf dem Weg zur Kathode den Umweg über eine Leitung gehen. Die "wandernden" Elektronen führen dann zu einem Stromfluss, der direkt von einem Elektromotor genutzt werden kann.

Tipp Icon

Was machen die Brennstoffzellen-Fahrzeuge von Mercedes und Co?

Zumindest drei Marken haben Wasserstoffautos im Portfolio: Honda den Clarity, Toyota den Mirai und Hyundai seit 2013 den ix35 Fuel Cell. Von dessen Praxistauglichkeit konnte sich die ADAC Motorwelt auf einer 2535-Kilometer-Tour durch Europa bereits überzeugen. Der einzige limitierende Faktor war die Reichweite: Mehr als 430 Kilometer am Stück trauten wir dem ix35 nicht zu.

Mercedes-Benz forschte schon früh an der Technik. Sozusagen als Frühstart präsentierten die Stuttgarter 1994 den NECAR 1, das erste Brennstoffzellenauto der Welt. Auf Basis des MB 100 wurden hier erstmals Wasserstoff und Sauerstoff in Wasser umgewandelt. Die dabei entstehende Energie trieb einen Elektromotor an. Nur: Der Prototyp steht heute im Mercedes-Museum – und neben ihm könnten auch die fünf anderen von der V- bis zur B-Klasse parken, die bis heute entwickelt wurden. Ein Modell in Großserie traute sich Mercedes bisher nicht zu. Noch 2018 soll der GLC F-Cell kommen. Vielleicht. Vielleicht in Kleinstserie.

GM, Ford, Fiat, Nissan, VW oder BMW (ein Wasserstoff-7er stand sogar schon in der Preisliste): Alle Hersteller waren an dem Thema dran. Und alle setzten lieber weiter auf den billigeren Diesel. Doch das Ende des Verbrennungsmotors scheint eingeleitet. Und nicht nur BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich trauert der verlorenen Zeit nach. Er weiß, dass große und schwere Elektroautos aufgrund der höheren Energiedichte des leicht tankbaren Wasserstoffs von der Brennstofftechnik profitieren würden. Und prophezeit sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Batterietechnik. Allerdings können BMW und andere Firmen Wasserstoffautos in Großserie erst in einigen Jahren auf den Markt bringen.

Technische Daten (Herstellerangaben)
Hyundai Nexo
Motor Elektromotor, 440 Brennstoffzellen und Hochvoltbatterie, 120 kW/163 PS, Drehmoment: 395 Nm
Fahrleistungen 9,2 s auf 100 km/h, 177 km/h Spitze
Verbrauch 0,92 kg H2/100 km, 0 g CO2/km
Reichweite
666 km (nach WLTP)
Maße L 4,67 / B 1,86 / H 1,63 m
Radstand
2,79 m
Leergewicht
1889 kg
Preis 69.000 € brutto / 57.983 € netto (mit Umweltbonus 53.983 €)


Fazit der Motorwelt-Redaktion

Redakteur Thomas Kroher mit dem Nexo in der Wüste bei Las Vegas

Erstaunlich, wie gut Hyundai schon das erste Anlaufexemplar des Nexo gelungen ist. Der extra für den Brennstoffzellenantrieb konstruierte SUV überzeugt durch ein sehr ausgewogenes – Fahrverhalten mit einer erstaunlich komfortablen Fahrwerks- und Lenkungsabstimmung sowie den neuesten elektronischen Assistenzsystemen – und das für einen Basispreis von  69.000 Euro.

Text: Thomas Kroher, Fotos: PR

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