Auto & Innovation

Fahrbericht Hyundai Nexo:
Das rollende Kraftwerk

26.1.2018

Brennstoffzellenautos müssen nicht aufgeladen werden, sie produzieren ihren Strom während der Fahrt selbst. Klingt genial. Deshalb waren auch BMW, VW, Ford und Co. am Thema –  gaben aber auf. Hyundai nicht: Sie präsentieren den brandneuen Nexo, der ab Sommer wohl für rund 60.000 Euro beim Händler steht. Die ADAC Motorwelt konnte ihn weltexklusiv fahren

Der Igel ist ein putziges Tier. Und – so erzählt es das Märchen – auch ein ganz besonders schlaues. Während der Hase beim Wettlauf losspurtet und sich auf dem Weg zum Ziel fast verausgabt, ist der Igel längst schon da. Und egal, wie oft der Hase erneut losläuft: Durch die List des Igels bleibt er immer zweiter Sieger.

Der Hase der Automobilwirtschaft ist Mercedes-Benz – zumindest bei der Entwicklung der Brennstoffzelle. Sozusagen als Frühstart präsentierten die Stuttgarter 1994 den NECAR 1, das erste Brennstoffzellenauto der Welt. Auf Basis des MB 100 wurden hier erstmals Wasserstoff und Sauerstoff in Wasser umgewandelt. Die dabei entstehende Energie trieb einen Elektromotor an. Nur: Der Prototyp steht heute im Mercedes-Museum – und neben ihm könnten auch die fünf anderen von der V- bis zur B-Klasse parken, die bis heute entwickelt wurden. Ein Modell in Großserie traute sich Mercedes bisher nicht zu. In diesem Jahr soll endlich der GLC F-Cell kommen. Vielleicht. Vielleicht in Kleinstserie.

GM, Ford, Fiat, Nissan, VW oder BMW (ein Wasserstoff-7er stand sogar schon in der Preisliste): Alle Hersteller waren an dem Thema dran. Und alle setzten lieber weiter auf den billigeren Diesel. Doch das Ende des Verbrennungsmotors scheint eingeleitet. Und nicht nur BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich trauert der verlorenen Zeit nach. Er weiß, dass große und schwere Elektroautos aufgrund der höheren Energiedichte des leicht tankbaren Wasserstoffs von der Brennstofftechnik profitieren würden. Und prophezeit sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Batterietechnik. Allerdings können BMW und andere Firmen Wasserstoffautos in Großserie erst in einigen Jahren auf den Markt bringen.

Die Hasen sind also noch unterwegs. Doch einige Igel sind schon da. Zumindest drei Marken haben Wasserstoffautos im Portfolio: Honda den Clarity, Toyota den Mirai und Hyundai seit 2013 den ix35 Fuel Cell. Von dessen Praxistauglichkeit konnte sich die ADAC Motorwelt auf einer 2535-Kilometer-Tour durch Europa bereits überzeugen (Motorwelt 7/8 2017). Der einzige limitierende Faktor war die Reichweite: Mehr als 430 Kilometer am Stück trauten wir dem ix35 nicht zu. Doch jetzt gibt es den neuen Nexo, den wir weltexklusiv auf einer Fahrt von Los Angeles nach Las Vegas testen konnten. Erste und wichtigste Information: Trotz gleichem Tankinhalt kommt der Nexo dank seiner optimierten Brennstoffzellentechnik knapp 100 Kilometer weiter. Unser Eindruck: Echte 550 Kilometer Reichweite sollten nun drin sein – und das ist bei derzeit nur 43 Wasserstofftankstellen in Deutschland wichtig.

Die drei Tanks liegen Platz sparend unter dem Kofferraum, der so mit seinen umlegbaren Sitzlehnen gut nutzbar ist. Mit üppigem Raumgefühl und komfortabler Beinfreiheit bietet der 4,67 Meter lange Nexo – das ist VW-Tiguan-Allspace-Größe – ohnehin Platz genug. Die Sitze sind bequem, die verwendeten Plastikmaterialien der amerikanischen Version zwar schön, aber haptisch etwas enttäuschend. Optische Highlights bieten das digitale Display über die halbe Fahrzeugbreite und das flach liegende Instrumentenpanel. Allerdings lassen sich dessen Tasten nicht intuitiv ohne Blickkontakt bedienen. Ansonsten gibt der Nexo keine Rätsel auf: reinsetzen, starten und losfahren – wie mit jedem anderen E-Auto. Das bedeutet, sanft und stressfrei fast geräuschlos dahingleiten. Und nur bei Bedarf mal die enorme Durchzugskraft eines E-Motors ausprobieren. Beim Nexo sind es 395 Newtonmeter, der Spurt auf 100 Stundenkilometer dauert 9,5 Sekunden. Doch der Nexo verleitet ohnehin eher zum entspannten Cruisen – nicht nur in Amerika.

Das Brennstoffzellenprinzip

In Fahrzeugen kommen PEM (Polymer-Elektrolyth-Membran)-Brennstoffzellen zum Einsatz. Die Membran (in der Grafik in der Mitte) trennt die vom Wasserstoff (H2) umspülte Anode (links) von der Kathode (rechts) mit dem Sauerstoff (O2). Die Wirkungsweise: An der Anode scheiden sich die Wasserstoffmoleküle in Ionen und Elektronen. Die Ionen wandern durch die PEM zur Kathode und verbinden sich dort mit dem Luftsauerstoff zu Wasser. Weil die Membran jedoch für die Elektronen undurchlässig ist, müssen sie auf dem Weg zur Kathode den Umweg über eine Leitung gehen. Die "wandernden" Elektronen führen dann zu einem Stromfluss, der direkt von einem Elektromotor genutzt werden kann.

                 

Technische Daten
Hyundai Nexo
Motor Elektromotor, 120 kW/163 PS, Drehmoment: 395 Nm
Fahrleistungen 9,5 s auf 100 km/h 
Verbrauch ca. 1 kg H2/100 km
Maße Länge: 4,67/Breite: 1,86/Höhe: 1,63 m
Radstand
2,79 m
Preis ca. 60.000 €


Fazit

Redakteur Thomas Kroher mit dem Nexo in der Wüste bei Las Vegas

Erstaunlich, wie gut Hyundai schon das erste Anlaufexemplar des Nexo gelungen ist. Der extra für den Brennstoffzellenantrieb konstruierte SUV überzeugt durch ein sehr ausgewogenes – Fahrverhalten mit einer erstaunlich komfortablen Fahrwerks- und Lenkungsabstimmung sowie den neuesten elektronischen Assistenzsystemen – und das für einen Basispreis von wahrscheinlich knapp über 60.000 Euro. Und was macht die Konkurrenz? Die sollte das Märchen vom Hasen und dem Igel zu Ende lesen. "Ich bin schon hier!" ruft der Igel dem verzweifelten Hasen zu. Der bricht daraufhin erschöpft zusammen und stirbt.

Text: Thomas Kroher, Fotos: PR

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