Es gurgelt und summt: Testfahrt im neuen Toyota Mirai

Das Wasserstoffauto Toyota Mirai fährt auf einer Landstrasse.
Toyota Mirai 2021: Erste Testfahrt im leicht getarnten Prototypen ∙ © Toyota

Mit der zweiten Generation des Toyota Mirai geht das Brennstoffzellenfahrzeug mit mehr Reichweite und neuer Optik in die nächste Runde. Erste Testfahrt im Wasserstoff-Exoten. Alle Infos, technische Daten, Preis.

  • Wasserstoffauto jetzt mit 650 Kilometern Reichweite

  • Sehr komfortable Auslegung, Elektromotor mit 134 kW

  • Schneller Tankvorgang – wenn alles funktioniert

  • Preis: 63.900 Euro, Auslieferung ab März 2021

Ein kurzes Zischen, ein dezenter Heulton, und die Limousine setzt sich in Bewegung. Leise, fast so lautlos wie ein Elektrofahrzeug. Willkommen in der zweiten Generation des Toyota Mirai, dem Vorreiter der Wasserstofftechnik im Pkw.

Der Japaner wird elektrisch angetrieben. Doch die Energie wird nicht per Stromkabel geladen, sondern wird unter der langen Haube von einem Brennstoffzellenstack an Bord hergestellt. Als Primärenergie wird gasförmiger Wasserstoff aus Tanks im breiten Kardantunnel und unter der Rücksitzbank genutzt, der E-Motor befindet sich ebenfalls im Heck.

Die Tanks halten 5,6 Kilogramm Wasserstoff bei 700 bar Druck bereit und damit etwas mehr als beim Vorgänger. Der Kraftstoff wird in der Brennstoffzelle zu Strom und Wasser umgewandelt, die gewonnene Energie teilweise in einer Pufferbatterie zwischengespeichert.

Neuer Mirai mit klassischer Limousinenform

Das Wasserstoffauto Toyota Mirai fährt auf einer Landstrasse.
Mit knapp fünf Metern Länge ist der Mirai eine stattliche Limousine ∙ © Toyota

Von außen wirkt das neue Modell nicht mehr so als Exot wie der unkonventionell gestaltete Vorgänger. Er wirkt jetzt gestreckt: Kein Wunder bei stolzen 4,97 Metern Länge, dem niedrigen Dach und der üppigen Motorhaube – das sieht schick und sportlich aus und soll nicht nur technik-, sondern auch optikaffine Menschen überzeugen. Der neue Mirai will nun noch praktischer und noch komfortabler als der ohnehin schon sehr kommode Vorgänger sein, noch mehr Reichweite bieten.

Es gibt zwar auch einen Sportmodus, der Gaspedal- und Lenkradkennung merklich nachschärft. Doch richtig passen will das zu dem großen Gleiter nicht wirklich, auch wenn der Elektromotor mit 134 kW/182 PS und 300 Newtonmetern Drehmoment über das stufenlose Getriebe überaus kraftvoll die Hinterräder antreibt. Bei Vollgas beschleunigt der Mirai von 0 auf 100 in 9,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 175 km/h. Ein Tritt aufs rechte Pedal – und der Mirai beschleunigt verzögerungsfrei.

360-Grad-Ansicht: Das Cockpit des Toyota Mirai

Es gurgelt und summt sehr leise

Besser passen Eco- und Normal-Modus. Dann können sich die Passagiere in die weichen und bequemen Sitze zurücklehnen, während die immerhin 1,9 Tonnen schwere Limousine sanft und komfortabel über die Straße federt. In den gut gedämmten Innenraum dringt nur bei starker Beschleunigung ein leises Zischen, immer dann, wenn der Kompressor viel Luft durch die Brennstoffzelle presst. Begleitet wird es von einem leichten Gurgeln und Summen bei konstantem Tempo.

Das mag für Wasserstoff-Novizen ungewöhnlich sein, ist aber nicht störend und typisch für ein Brennstoffzellenfahrzeug. Das Geräusch ist allerdings schon bei leise eingestelltem Radio nicht mehr zu hören und noch weniger wahrzunehmen als beim Vorgänger. Grund: Die Brennstoffzellen-Einheit befindet sich nicht mehr unter den Vordersitzen, sie ist unter die Haube gewandert.

Im Normalfall entledigt sich der Mirai des anfallenden Wassers automatisch: Es dampft oder tröpfelt stetig aus dem „Auspuff“. Doch wer auf einen Showeffekt steht: Es gibt auch eine H₂O-Taste links neben dem Lenkrad. Dann entlässt der Mirai aus dem Unterboden effektvoll einen Wasserstrahl aus klarem, destillierten Wasser, das bei der Reaktion in der Brennstoffzelle als Endprodukt anfällt.

Viel Platz im edlen Innenraum

Fabian Hoberg fährt das Wasserstoffauto Toyota Mirai
Der Fahrer genießt die große Stille und den edlen Innenraum ∙ © Toyota

Genießen ist die Devise im Mirai. Dazu laden das im Testauto eingesetzte helle Leder und die Klavierlack-Optik am Armaturenbrett ein. Im Fond – der alte Mirai war ein Viersitzer – finden nun auch drei Erwachsene Platz, die bei 2,92 Metern Radstand eine fürstliche Beinfreiheit genießen. Das digitale Cockpit gibt Infos zum Fahrzustand und zur Brennstoffzelle, das Entertainmentsystem mit riesigem Bildschirm in der Mitte ist Toyota-gewohnt verspielt – erinnert etwas an die Schwestermarke Lexus.

Praxistauglich: 650 Kilometer Reichweite

Im Vergleich zum Vorgänger wurde die Brennstoffzelle kompakter: 330 Zellen statt vormals 370 sorgen für die Umwandlung von Wasserstoff in Strom und Wasser, die Einheit wurde wesentlich kleiner. Dennoch stieg die Leistung von 154 auf 182 PS. Und in Kombination mit den nun drei Tanks mit insgesamt 20 Prozent mehr Volumen und der besseren Effizienz des Antriebs konnte die Reichweite um 30 Prozent erhöht werden. Bis zu 650 Kilometer weit soll der Mirai daher mit einer Tankfüllung kommen. Genauere technische Daten hat Toyota allerdings noch nicht bekannt gegeben. Nur so viel: Die angesaugte Luft wird im chemischen Prozess gereinigt und tritt sauberer aus, sagt Toyota.

An H₂-Tankstellen mangelt es noch

Ein Querschnitt mit Tanks vom Wasserstoffauto Toyota Mirai
Zwei Wasserstofftanks befinden sich unter dem Fahrgastraum, einer hinter der Hinterachse ∙ © Toyota

Brennstoffzellenfahrzeuge fahren zwar lokal emissionsfrei, haben allerdings auch ein paar Nachteile: Der Antrieb hat einen Wirkungsgrad von bis zu 65 Prozent, ein batterieelektrischer Antrieb etwa 90 Prozent. Dazu kommt die Gewinnung von Wasserstoff: CO₂-Neutralität wird nur erreicht, wenn Wasserstoff durch regenerative Energie erzeugt wird. Bisher wird Wasserstoff aus Erdgas gemacht: Um aus überschüssigem Wind- und Sonnenstrom Wasserstoff zu produzieren, wären Elektrolyse-Anlagen von großem Ausmaß nötig.

Außerdem hakt es bei der Infrastruktur. In Deutschland bieten derzeit nur 88 Tankstellen Wasserstoff an, weitere 11 sollen in den nächsten Monaten folgen. Zum Vergleich: Benzin und Diesel kann man an rund 14.400 Tankstellen zapfen.

Das Tanken selbst funktioniert so simpel wie bei einem Gasauto und ist in fünf Minuten erledigt. Vorausgesetzt die Tankstelle funktioniert, denn die Technik ist immer noch ziemlich störanfällig, wie der ADAC bei seinen Tests in der Vergangenheit immer wieder feststellte. Zudem gelingt es nicht jeder Tankstelle immer, die Tanks im Auto ganz voll zu machen: Oft fehlt der Druck, und die Anlage bricht ab. Ein Ärgernis, das man zwar nicht den Autos anlasten kann, den Aktionsradius aber doch erheblich schmälert.

Preis: Ab 63.900 Euro

Die Zelle des Wasserstoffautos Toyota Mirai
Die Brennstoffzelle erzeugt unter der Haube Energie aus Wasserstoff ∙ © Toyota

Insgesamt ist die Auswahl an Fahrzeugen mit Brennstoffzelle noch klein. Neben dem Mirai gibt es nur noch den Hyundai Nexo (ab 77.008 Euro). Europäische Hersteller – vor vielen Jahren noch Vorreiter bei der Brennstoffzellen-Technologie – sind beim Thema Wasserstoff inzwischen sehr zögerlich und sehen den Antrieb eher bei Nutzfahrzeugen denn bei Pkw.

Mit einem Grundpreis von 63.900 Euro (53.697 Euro netto) wurde der Mirai im Vergleich zum Vorgänger rund 15.000 Euro günstiger und kommt damit sogar in den Genuss der aktuellen Elektroautoförderung – rund 7500 Euro kann man also noch abziehen.

Ob es dem Mirai zum Durchbruch verhilft? Weltweit möchte Toyota 30.000 Mirai pro Jahr an den Mann bringen, in Europa 2500. Das ist zehnmal mehr als bisher, aber immer noch sehr wenig: 2019 wurden in Deutschland gerade einmal 85 Mirai zugelassen.

Toyota Mirai: Technische Daten

Technische Daten (Herstellerangaben)

Toyota Mirai

Motor/Antrieb

Elektromotor, 330 Brennstoffzellen und Hochvoltbatterie, 133 kW/182 PS, Drehmoment 300 Nm, Hinterradantrieb, stufenloses Automatikgetriebe

Fahrleistungen

9,2 s auf 100 km/h, 175 km/h Spitze

Tankinhalt

5,6 kg Wasserstoff

Verbrauch (WLTP)

k. A., 0 g CO₂/km

Reichweite

650 km

Maße

L 4,98 / B 1,89 / H 1,48 m

Kofferraum

k. A.

Leergewicht

1900 kg

Preis

ab 63.900 €

Hier lesen Sie, wie eine Brennstoffzelle funktioniert und finden viele weitere Infos zum Thema Wasserstoff.

Text: Fabian Hoberg