Test Toyota Mirai: Wasserstoff an Bord

29.5.2019

Wie schlägt sich ein Elektroauto mit Brennstoffzelle im Autotest? Der ADAC hat den Toyota Mirai mit seinem Wasserstoff-Antrieb unter die Lupe genommen. Plus: Technische Daten, detaillierte Testergebnisse, Video und Preise

Toyota Mirai fahrend von der Seite
Antrieb der Zukunft? Der Toyota Mirai sieht schon mal sehr futuristisch aus
  • Der Mirai bietet einen sauberen H2-Elektro-Antrieb ohne Schadstoffausstoß
  • Die Brennstoffzelle ermöglicht für bis zu 480 Kilometer Reichweite
  • Infrastruktur: Es fehlt noch an ausreichend Wasserstoff-Tankstellen

 

Es gehört viel Mut dazu, ein Auto wie den Mirai auf den Markt zu bringen. Nein, nicht wegen des eigenwilligen Designs. Vielmehr ist es sein Antrieb, der einer größeren Verbreitung zunächst im Weg steht: Der Toyota ist neben dem Hyundai Nexo das aktuell zweite kaufbare Elektroauto, das seinen Strom mithilfe einer Brennstoffzelle generiert und nicht aus einer Batterie bezieht.

Gute Fahrleistungen, lautloses Gleiten

Zoom-In
Toyota Mirai Heck
Autos mit Brennstoffzelle wie der Mirai tragen das übliche E-Kennzeichen 

Die Idee, an der auch andere Hersteller wie Daimler, GM und Honda seit Jahren tüfteln: Statt einen bleischweren Akku stundenlang aufladen zu müssen, wird an einer Tankstelle H2, also Wasserstoff gezapft. Den verwandelt die Brennstoffzelle an Bord in Strom. Auf der einen Seite einer dünnen Membran wird Wasserstoff eingebracht, auf der anderen Sauerstoff. Als Reaktion entsteht Strom für den Antrieb und Wasser, das aus dem Auspuff  tröpfelt.

Das Fahren geschieht weit unspektakulärer, als man denkt. Wer Elektroautos kennt, wird keinen Unterschied feststellen: Einfach den Startknopf drücken, Wählhebel auf "D", und der Mirai zieht fast lautlos und überraschend flott davon. Ein Tritt aufs Gas wird verzögerungsfrei in flotten Vortrieb umgesetzt. Von der Arbeit der Brennstoffzelle unter dem Beifahrersitz bekommt man außer einem leichten Sirren beim starken Tritt aufs Gas fast nichts mit.

Das Tanken funktioniert so simpel wie bei einem Gasauto und ist in fünf Minuten erledigt. Vorausgesetzt die Tankstelle funktioniert, denn die Technik ist immer noch ziemlich störanfällig. Zudem gelingt es nicht jeder Tankstelle immer, die 5-Kilo-Behälter ganz voll zu machen. Oft fehlt der Druck und die Anlage bricht ab. Ein Ärgernis, das man zwar nicht den Autos anlasten kann, den Aktionsradius aber doch erheblich schmälert.

Der Toyota Mirai im Alltag

Klicken Sie auf das Bild und lesen Sie, was uns im Redaktionsalltag und auf Reisen mit dem Mirai passiert ist 
Toyota Mirai an der Ladesäule

Georg Zähringer, Redaktion Motorwelt

Vor dem Tanken von Wasserstoff hatte ich gehörigen Respekt, und das Erklärvideo schaute ich mir sicherheitshalber fünfmal an. An der Tanke selbst war es dann trotz feuchter Hände ganz einfach. 

Obwohl der Mirai keine Elektro-Rakete wie ein Tesla ist, war ich begeistert: Vom lautlosen, sanften Aufstieg über den Brenner und dem entspannten Runtersegeln nach Sterzing. Dann Fenster auf und in wunderbarer Stille. Und fast allein auf der Strecke die kurvige Passstraße mit 20 Kehren rauf zum 2094 Meter hohen Jaufenpass. Im Anschluss segelte ich dann energiegewinnend dank hoher Rekuperation hinab ins Passeiertal und weiter nach Meran. So relaxed habe ich mich bisher auf keiner Pässetour gefühlt. 

Heute noch bin ich begeistert von der tollen Ausstattung, von den vielen hilfreichen Systemen wie der Totwinkelwarnung im Seitenspiegel, der Rückfahrkamera, den superbequemen und doch Halt gebenden Sitzen. Es ist mir sogar ohne Blick ins Handbuch gelungen, das Navi- und Entertainmentsystem zu konfigurieren, mit dem Smartphone zu koppeln und störungsfreien DAB+-Empfang zu aktivieren. Gemeckert habe ich nur über die Länge des Elektroautos und das Rangieren. 

 

Toyota Mirai Blank Allgäu

Beate Blank, Bildredaktion

Vor Reisebeginn ins Allgäu mache ich mir einen genauen Routenplan: München – Heimertingen – Buxach und zurück. Laut Google Maps 260 Kilometer. Eine Wasserstoff-Tankfüllung unterwegs sollte also für die gesamte Tour ausreichen. Ich wähle den Eco-Modus, um Wasserstoff zu sparen.

Vom ersten Kilometer an fixiere ich die Instrumente, genauer gesagt, die verbleibende Reichweite. In Memmingen und Umkreis gibt es keine Wasserstoff-Tankstelle. Die nächste ist in Ulm, knapp 70 Kilometer entfernt – keine Option. Bei meiner Zwischenstation in Heimertingen angekommen, bin ich sehr überrascht über die noch verbleibenden 260 Kilometer Reichweite. Da war ich aber sparsam! Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue, ist alles tief verschneit. Die Reichweite ist mit einem Satz von 252 auf 160 Kilometer gesunken! Kann das durch den plötzlichen Kälteeinbruch passiert sein? 

So, jetzt habe ich Stress. Nach meinen Berechnungen und Google Maps liegen noch knapp 119 Autobahn-km vor mir. Ein kurzer Blick auf die H2-App und – Achtung: Meine Tankstelle steht auf Rot! Sie ist defekt. Mittlerweile habe ich nur noch eine Reichweite von 18 Kilometern, muss aber noch quer durch die Stadt zur alternativen Tanke. Ich schwitze Blut und Wasser. Der Mirai ist kein Auto für schwache Nerven. Aber es klappt. Gott sei Dank gibt es in München mehrere Stationen mit Wasserstoff. 

 

Toyota Mirai im Schnee

Matthias Maus, ADAC Reisemagazin

Kultivierter und stilvoller als im Brennstoffzellen-Flaggschiff von Toyota bin ich noch nie Auto gefahren. Fahrspaß pur – und hinten raus kommt nur Wasser: Fantastisch! Anspannung gibt's dann beim Tanken in Innsbruck. "Ich muss die Anlage erst freischalten", bestimmt die übellaunige Dame an der Tankstation – und mag dann überhaupt nicht einsehen, dass der Vorgang mit gut 0,5 Kg Gas nicht abgeschlossen sein kann. Nur mit einem Großeinsatz von Charme lässt sie sich zu dem Knopfdruck bewegen, der die Anlage erneut freischaltet. Unglücklicherweise rückt sie wieder nur 0,58 kg raus, weshalb man erneut bei der reizbaren Kassenkraft vorsprechen muss. Nach insgesamt vier Akten des anstrengenden Schauspiels hat man gut zwei Kilo Wasserstoff im Tank und vernimmt zum Finale die Botschaft, dass man bar zu zahlen habe. Die Abwicklung über die Tankkarte ist offenbar nicht bis in die Alpen durchorganisiert.

Zurück in München zeigt es sich, dass es Tankprobleme auch ohne den menschlichen Faktor gibt. Zwar wird der Tank mit 3,16 Kilo gefüllt, nur leider lässt sich anschließend die Zapfpistole nicht mehr abziehen. Der Kollege von der Hotline ruft auch gleich zurück, er verweist auf die Kälte und rät, es doch mal mit einem Becher warmen Wassers zu probieren. Tatsächlich ist der Zapfhahn eisig, wenn auch frei zu drehen. Es kostet übrigens einige Überwindung, Wasser an einen Tankstutzen zu schütten. Aber nach circa zehn Minuten – und 20 Minuten nach Beginn der Betankung – lässt sich der Hahn durch das warme Wasser erweichen.

 
Toyota Mirai Henn

Christof Henn, Redaktion Motorwelt

"Schönes Auto, wie fährt der sich denn so?" Das wollte ein Cafebesitzer in Wuppertal von mir wissen. "Fährt sich sehr gut und tankt ausschließlich Wasserstoff." Das ist zwar umweltfreundlich, aber im Alltagsbetrieb anstrengend. Denn der Tankvorgang ist einfach – meiner Tochter Lena, 17 Jahre, machte das sogar großen Spaß. Und es funktioniert auch unerwartet schnell.

Aber diesen beiden Vorteilen stehen zwei gravierende Nachteile gegenüber: Das Tankstellennetz ist viel zu dünn, sogar in Ballungsräumen. So musste ich weit fahren, um die einzige H2-Zapfsäule im weiten Umkreis von Wuppertal zu erreichen. Außerdem sind die Tankstellen sehr störanfällig. Auf der Fahrt von München nach Wuppertal und zurück brach gleich zwei Mal der Tankvorgang mittendrin ab. Die Folge: Mit viel weniger Kilo Wasserstoff als erhofft im Tank musste ich Umwege fahren, um die laut App nächste geöffnete und störungsfreie Tankstelle zu erreichen. Deshalb tankte ich auch meistens weit vor der Reserve – aus Sorge, dass eine Tankstelle ihren Betrieb vorübergehend einstellt.

In München musste ich zwei Mal unverrichteter Dinge wieder abfahren. Die Tanksäule war kurz vor meiner Auskunft ausgefallen und daher noch nicht in der App als "rot" angezeigt. Das kostet Zeit und Nerven. 

 

Toyota Mirai in Wien

Thomas Kroher, Redaktion Motorwelt

Ja, genau hier hätte der Toyota Mirai stehen sollen: Direkt vor der Wiener Hofburg. Die passende Bildunterschrift – "Modernste Technik trifft Tradition" oder so ähnlich – hatte ich schon im Kopf. Dass man auf unserem Bild den Toyota nicht sieht, hat einen einfachen Grund: Die Angst meiner Frau. 

Nein, nicht vor der Brennstoffzelle oder der Wasserstofftechnik – von deren Zuverlässigkeit hatte sie sich schon bei einigen Mitfahrten überzeugen können. Der Grund, warum meine Frau "Nein" zum Mirai sagte, war die zu geringe Reichweite des Toyota von prognostizierten 460 Kilometern. Von München nach Wien sind es über die verkehrsgünstigen A 92 und A 1 exakt 470 Kilometer, ein Tankstopp wäre also nötig gewesen. Doch auf dieser Strecke gibt es genau eine Tankstelle, in Linz, die zwar optimal auf halber Strecke liegt, mit ihrem Alleinstellungsmerkmal aber auch gefährlich ist. Was passiert, wenn diese Zapfstelle genau dann nicht funktioniert, wenn wir vorbeikommen? Und dass solche Situationen nicht ungewöhnlich sind, wusste meine Frau von diversen Schilderungen. 

Man soll mit seinen eigenen Ängsten verantwortungsvoll umgehen – und auch die seiner Liebsten akzeptieren. Es wurde ein spannender Theaterabend mit Nicholas Ofczarek als Mephisto. Dass wir das Schauspiel mit einer besseren Umweltbilanz noch entspannter hätten erleben können, erwähnte ich an diesem Abend nicht mehr.

 

Testverbrauch: 1,0 kg Wasserstoff/100 km

Der läge bei einem Testverbrauch von gut einem Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer bei 484 Kilometer. Das ist deutlich mehr, als die meisten Elektroautos mit Stromakku zu bieten haben. Beiden gemein ist, dass sie in der Anschaffung teuer sind, dafür aber lokal emissionsfrei fahren.

Eine saubere Sache also? Es kommt drauf an. Ein Brennstoffzellenauto ist nur so sauber wie der Strom für die Produktion des Wasserstoffs – und damit im Betrieb auch nicht umweltfreundlicher als batteriebetriebene E-Autos. Beim aktuellen Strommix der Bundesrepublik fallen 121 Gramm CO2 je Kilometer an. Die Antriebswende beim Auto geht also nur Hand in Hand mit einer geglückten Energiewende. Insgesamt erhält der Toyota Mirai trotzdem volle fünf Sterne im ADAC Ecotest.

Bei der flachen Stufenheckkarosserie des Toyota zeigt sich, dass die Antriebskomponenten einfach nicht optimal unterzubringen sind. Vor und hinter der Hinterachse sitzen zwei Wasserstoff-Drucktanks und zwischen Rücksitzlehne und Kofferraum eine 1,6-kWh-Batterie, die zurückgewonnene Energie speichert. Variabel umklappen kann man die Rückenlehne nicht: Es bleibt bei einem zerklüfteten, nach ADAC Messungen 340 Liter fassenden Kofferraum und vier passablen Sitzplätzen mit bequemer Lederpolsterung.

Autos mit Brennstoffzelle sind (noch) Exoten

Was zukunftsweisend klingt, hat zwei Haken. Zum einen ist der Mirai, der das Format einer Mercedes E-Klasse hat, kein Schnäppchen. 600-1200 € Leasinggebühr (inkl. Versicherung und Wartung) sind im Monat fällig – oder wahlweise gut 78.000 €. Zudem gibt es in ganz Deutschland nur rund 50 Wasserstoff-Tankstellen. Ende 2018 sollen gut 20 weitere in Ballungsgebieten und an wichtigen Verkehrsachsen an der Autobahn dazukommen. Bis zum Jahr 2023 ist in Deutschland ein Netz von 400 Tankstellen geplant. Eine Karte zeigt den aktuellen Stand* der bereits gebauten und noch geplanten Standorte an. 

Doch auch wenn die Tankstellendichte wächst, sind Wasserstoffautos momentan eher etwas für Leute mit Pioniergeist. Noch sind sie teuer, und hinter dem Wertverlust steht ein dickes Fragezeichen. Aber sonst spricht nichts gegen den ausgereiften Japaner.

Lesen Sie hier den ausführlichen Testbericht zum Toyota Mirai.

 

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Technische Daten Toyota Mirai
Antrieb  Elektromotor, Brennstoffzelle, 114 kW/155 PS, 335 Nm ab 1 U/min 
Fahrleistungen  9,6 s auf 100 km/h, 178 km/h Spitze 
Verbrauch  0,76 kg Wasserstoff/100 km, 0 g CO2/km 
Maße  L 4,89 / B 1,82 / H 1,54 m
Kofferraum
361 l
Leergewicht
1850 kg
Preis
78.600 €
ADAC Messwerte (Auszug)

Überholvorgang 60-100 km/h
5,9 s 
Bremsweg aus 100 km/h
36,3 m
Wendekreis 12,2 m
Verbrauch / CO2-Ausstoß ADAC EcoTest
1,0 kg Wasserstoff/100 km , 121 g CO2/km (well-to-wheel)
Reichweite
480 km
Innengeräusch bei 130 km/h 67,0 dB(A)
Leergewicht / Zuladung
1860 / 320 kg
Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch 340 / – / – l

 

ADAC Testergebnis
Gesamtnote: 2,3
Karosserie/Kofferraum 3,3 
Innenraum 3,0
Komfort 2,3
Motor/Antrieb 1,5
Fahreigenschaften 
3,1
Sicherheit
2,0
Umwelt/EcoTest
2,3

 

  • Das hat uns gefallen: Lokal emissionsfrei. Leiser und harmonischer Antrieb. Gute Ausstattung. Hoher Komfort.       
  • Das hat uns nicht gefallen: Geringe Zuladung. Kofferraum nicht variabel. Keine Anhängelast.    

Text: Jochen Wieler. Fotos: Rasmus Kaessmann (2), Motorwelt (4), Shutterstock/Lipskiy+PR (1), PR (4).

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