Müdigkeit am Steuer: Lebensgefährlicher Blindflug

23.2.2018

Ein weitverbreitetes, aber oft unterschätztes Problem: Müdigkeit am Steuer. Wie schnell es bei Sekundenschlaf und Tagesschläfrigkeit zu schweren Unfällen kommen kann, wie Sie sich dagegen wappnen können und bei welchen Symptomen Sie unbedingt zum Arzt gehen sollten

26 Prozent der Autofahrer geben zu, dass sie bereits mindestens einmal am Steuer eingeschlafen sind

Was passieren kann, wenn es zum Sekundenschlaf kommt, ist immer wieder in den Lokalteilen der Tageszeitungen zu lesen. Allein in den ersten Monaten des Jahres 2018 gab es ­unter anderem folgende Meldungen:


  • Auf der Staatsstraße 2212 bei Arnstorf in Niederbayern kam ein 56-Jähriger mit seinem Transporter von der Straße ab, der Wagen krachte gegen eine Böschung. Der Fahrer wurde dabei so schwer verletzt, dass er mit einem Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden musste. Die Polizei vermutet Sekundenschlaf.
  • Ein 20-Jähriger fuhr auf der A6 bei Mannheim auf das Auto seines Vordermanns auf. Durch die Wucht des Aufpralls landete der Pkw in einem Acker und blieb auf der Seite liegen. Sechs Personen wurden schwer verletzt. Der 20-Jährige war offenbar eingeschlafen.
  • Isselburg im Münsterland: Ein 27-jähriger Autofahrer kommt von der Fahrspur ab und knallt ungebremst in einen parkenden Pkw. Der Mann hatte Glück, er blieb unverletzt, Sachschaden rund 23.000 Euro. Auch hier: Sekundenschlaf.
Bei Tempo 130 reicht schon eine Sekunde Unaufmerksamkeit für 36 Meter Blindflug

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zu Crashs z.B. nach Sekundenschlaf zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Erfasst werden lediglich Unfälle mit Personenschaden, und als müdigkeitsbedingt gilt ein Crash meist nur, wenn der Fahrer dies bei der polizeilichen Befragung selbst zu Protokoll gab. Im Jahr 2016 wurden so 1871 Übermüdungsunfälle ­registriert. Die Dunkelziffer ist nach ­Expertenschätzung immens.

Thomas Unger von der ADAC Unfall­forschung erklärt: "Unsere Fälle zeigen, dass bei Müdigkeitsunfällen Fahrzeuge häufig bei hohem Tempo von der Fahrbahn abkommen. Deshalb gibt es dabei überproportional viele Schwerverletzte und Tote."

ADAC Broschüre "Müdigkeit im Straßenverkehr" (PDF-Download632,7 KB)


26 Prozent der Autofahrer sind schon am Steuer eingeschlafen

Typischer Müdigkeitsunfall: Ein Lkw kommt von der Fahrbahn ab

Bei einer Umfrage des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) und der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) gaben 26 Prozent von 1000 befragten Autofahrern an, bereits mindestens einmal am Steuer eingeschlafen zu sein. Männer sind hier mit 34 Prozent deutlich stärker gefährdet als Frauen (16 Prozent). Noch drastischer lesen sich die Zahlen bei den Menschen, die viel auf Autobahnen unterwegs sind: 46 Prozent von 353 befragten Lkw-Fahrern erklärten, dass sie mindestens schon einmal während der Fahrt eingenickt sind.

Besonders fatal: 43 Prozent der befragten Autofahrer glauben, sie könnten den Zeitpunkt des Einschlafens sicher vorhersehen. Falsch, sagt Schlafforscher Dr. Popp vom Bezirksklinikum Regensburg: "Schläfrige Personen überschätzen sich, wenn sie meinen zu wissen, wann genau ein Sekundenschlaf eintritt. Untersuchungen im Fahrsimulator mit EEG- und Video-Aufzeichnung haben ­gezeigt, dass die Leute oftmals gar nicht wahrnehmen, dass ihr Gehirn sich im ­Sekundenschlafstatus befindet."

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Warnsignale bei Müdigkeit: Darauf sollten Sie achten

    • Sie haben Probleme, die Spur zu halten; fahren ab und zu über den Seitenstreifen.
    • Die Straße fühlt sich immer enger an.
    • Ihr Blick haftet starr auf der Fahrbahn.
    • An die letzten gefahrenen Kilometer ­können Sie sich nur schlecht erinnern.
    • Sie übersehen ein Straßenschild, verpassen eine Abzweigung oder Ihre Ausfahrt.
    • Ohne es zu wollen, fahren Sie plötzlich langsamer oder schneller.
    • Die Augen brennen, die Lider sind schwer, Sie wollen die Augen reiben.
    • Sie müssen häufig gähnen und können das Gähnen nicht ­unterdrücken.
    • Ihre Augen schließen sich unwillkürlich, Sie blinzeln oder ­sehen unscharf.
    • Die Konzentration fällt Ihnen schwer, Ihre Gedanken ­schweifen ab.
    • Sie fühlen sich innerlich unruhig und ­haben das Bedürfnis, sich zu bewegen.
    • Ihre Stimmung wird schlecht: Sie werden nervös, gereizt oder aggressiv.

Aber Sekundenschlaf trifft einen nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel. Es gibt davor immer Anzeichen von Schläfrigkeit. Nur werden diese manchmal falsch gedeutet und sogar missachtet. Wenn ein oder mehrere Müdigkeitsanzeichen (siehe oben) eintreten, wird es höchste Zeit für eine Pause oder am ­besten einen kurzen Schlaf.

Der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin liegen ­Untersuchungen vor, dass die Fahrtüchtigkeit nach 17 Stunden ohne Schlaf ähnlich eingeschränkt ist wie mit 0,5 Promille Alkohol im Blut, nach 22 Stunden sogar wie bei 1,0 Promille. Und wer würde sich nach einem feuchtfröhlichen Abend noch mit gutem Gewissen ans Steuer ­setzen? Ganz nebenbei verstärken bereits geringe Mengen Alkohol die Schläfrigkeit erheblich.

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Recht: Unfall wegen Müdigkeit – 
bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe

Gibt der Unfallverursacher an, dass er sehr müde war oder eingeschlafen ist, kann er damit gegen §315c des Strafgesetzbuchs verstoßen haben. Hier heißt es: "Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug ­sicher zu führen", kann bei Gefährdung mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belegt werden. Zudem sind Schadenersatzansprüche der Geschädigten möglich.

Schlafstörungen und Tagesschläfrigkeit

Zoom-In
Die Zahl der getöteten bzw. schwer verletzten Kfz-Benutzer lag im Jahr 2014 nachts zwischen 1 und 4 Uhr fünfmal (Tote) bzw. dreimal so hoch wie morgens zwischen 7 und 10 Uhr (jeweils gerechnet auf eine Milliarde Fahrzeugkilometer).

Nicht nur nachts droht Gefahr durch Sekundenschlaf und langsame Reaktionszeiten. Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK unter 5200 Personen zwischen 18 und 65 Jahren leidet fast jeder zehnte Arbeitnehmer unter schweren Schlafstörungen.

Mitunter führen diese – wie auch Drogen, Alkohol oder Medikamente (z.B. manche Antidepressiva) – zu sogenannter Tagesschläfrigkeit. Wenn sie unbehandelt bleibt oder der Patient resistent gegen die Therapie ist, schließt schwere Tagesschläfrigkeit die Fahreignung generell aus ("Begutachtungsleit­linien zur Kraftfahrteignung" der Bundesanstalt für Straßenwesen) – sprich, diese Personen können im Extremfall ­ihren Führerschein verlieren.

Symptome typischer Schlafstörungen

Wann Sie unbedingt zum Arzt gehen sollten

Hinter dauerhaft starker Schläfrigkeit kann eine Schlafstörung stecken, die noch nicht erkannt wurde. In diesem Fall sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Schlafapnoe

Lautes, unregelmäßiges Schnarchen und/oder Atemaussetzer im Schlaf sind wichtige Erkennungsmerk­male der Schlafapnoe. Die Atemaussetzer führen zu starken Schwankungen des Sauerstoffgehalts im Blut.

Syndrom der unruhigen Beine

Kernsymptom des Restless-Legs-­Syndrome ist ein unbezwingbarer ­Bewegungsdrang in den Beinen. Betroffene können schwer einschlafen und werden nachts oft wach.

Insomnie

Sammelbegriff für Ein- und Durchschlafstörungen. Patienten können schlecht abschalten, fürchten Schlaflosigkeit und bemühen sich übertrieben, endlich einzuschlafen.

Narkolepsie

Übermäßige Schläfrigkeit und ungewolltes Einschlafen am Tag. ­Patienten können dem Drang zum Einschlafen nicht widerstehen.

Technische Maßnahmen gegen Müdigkeit am Steuer

Dass Müdigkeit am Steuer ein ernst zu nehmendes Problem ist, wissen auch die Autobauer. So bieten vor allem eu­ropäische Hersteller für viele höherwertige Neuwagen optional Müdigkeitswarner an. Diese "beobachten" den Fahrer und schlagen mit einem Kaffeetassensymbol Alarm (siehe unten).

Bereits 2013 untersuchte die Technische Universität Berlin im Fahrsimulator den Nutzen: Tatsächlich konnten die Probanden mit Aufmerksamkeitsassistenten 20 Minuten länger fahren – ohne deutliche Müdigkeitsmerkmale. Offenbar fühlten sie sich bereits durch die Anwesenheit des Systems aktiviert. Bei späteren Befragungen gaben viele Interviewte jedoch an, dass sie trotz Müdigkeitswarnung weitergefahren sind. Gegen beruf­lichen Termindruck oder das zu Hause wartende Bett hat ein kleines Kaffeetassensymbol wohl keine Chance.

Eine straßentechnische Maßnahme, um den Fahrer zumindest aufzuschrecken, wenn er den rechten Rand der Autobahn überfährt, ist der Einsatz von sogenannten Rüttelstreifen. Diese haben ihren Nutzen in einem Pilotversuch auf einem 35 Kilometer langen Teilstück der A24 von Hamburg nach Berlin schon 2009 ­bewiesen. Das Einfräsen von Rüttelstreifen entlang aller deutschen Autobahnen würde jedoch mit insgesamt rund 100 Millionen Euro zu Buche schlagen.

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So funktionieren Müdigkeitswarner im Auto

Vor allem höherwertige Autos europäischer Hersteller haben häufig Müdigkeitswarner an Bord – oft versteckt in diversen Sicherheits-ausstattungspaketen. Dabei erkennt der ­Assistent einen müden Fahrer und fordert ihn auf, eine Pause einzulegen.

Im Hintergrund arbeitet eine Software, die die Lenkbewegungen und teilweise die Daten aus der Front­kamera in der Windschutzscheibe auswertet: Weichen die zu erwartenden Sollwerte der Lenkbewegung und Fahrzeugposition zu stark von den Istwerten ab, wird der Fahrer erst sanft, später immer deutlicher darauf hingewiesen. Je nach "Intelligenz" des Müdigkeitswarners werden auch Fahrtdauer, Blinkverhalten und Tageszeit in die Berechnung miteinbezogen. In der Praxis funktioniert das ­erstaunlich gut.

Frühere Tests mit einer Kamera im Cockpit, die beim Fahrer unter anderem den Wimpernschlag beobachtet hat, ­waren zwar erfolgreich, dennoch wurden sie nie in ein Serienmodell integriert – zu groß war die Angst vor fehlender Akzeptanz unter den Käufern.

Im Fall eines schweren Verkehrsunfalls ist es Kfz-Sachverständigen möglich, die Daten der Assistenzsysteme auszuwerten – auch die des Müdigkeitsassistenten. Ob und wie weit sie für eine rechtliche Beurteilung zu Rate gezogen werden, bleibt der zuständigen Staatsanwaltschaft überlassen.

Was hilft wirklich gegen Sekundenschlaf?

Die Antwort von Schlafforscher Dr. Popp ist so einfach wie einleuchtend: "Schlaf! Schon ein Kurzschlaf von 15 bis 20 Minuten macht Sie wieder für eine Weile fit. Die Wirkung können Sie noch steigern, wenn Sie zuvor starken Kaffee trinken. Das Koffein wirkt erst nach ca. 30 Minuten und verstärkt dann den wach machenden Effekt." Nur äußerst kurzfristig oder gar nicht sinnvoll sind Hausmittel wie laute Musik, offene Fenster oder Kaffee bzw. Energy­drinks ohne zusätzlichen Kurzschlaf.


Selbstversuch: 23 Stunden ohne Schlaf

4.00 Uhr

Dienstagmorgen, Bezirksklinikum Regensburg, Schlafmedizinisches Zentrum. Ich bin seit 21 Stunden wach. Zusammen mit Schlafforscher Dr. Roland Popp (Foto links) will ich testen, wie sich Müdigkeit bei einem gesunden Menschen auf die Fahrtüchtigkeit auswirkt. Der Testraum ist kahl, zwei Computer, eine Matratze, zwei Bilder an den Wänden. Sonst soll mich nichts in meiner Konzentration, oder was davon übrig ist, stören.

4.15 Uhr

Vor mir steht ein schlichter Monitor. 30 Minuten lang wird in einem sogenannten Vigilanztest meine Schläfrigkeit gemessen: Ich muss einer Art vir­tuellem Sekundenzeiger folgen. Immer wenn er einen Doppelsprung macht, soll ich eine Taste drücken. Den gleichen Test habe ich bereits vor einigen Tagen gemacht. Zur Mittagszeit, in hellwachem Zustand. Jetzt, um kurz nach vier Uhr morgens, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Permanent muss ich gähnen, meine Augenlider fühlen sich schwer an, die Punkte auf dem Bildschirm sehe ich zum Teil doppelt oder verschwommen. Egal wie stark ich die Augen zusammenkneife.

4.50 Uhr

Obwohl ich nüchtern bin, fühle ich mich gerade, als hätte ich bereits zwei große Bier getrunken. Wusste ich im wachen Zustand genau, dass ich gut abgeschnitten hatte, bin ich mir jetzt nicht sicher. Es können fünf Fehler sein oder zehn. Außerdem wird mir langsam kalt, obwohl der Raum gut geheizt ist. Als Zweites steht ein Reaktionstest an. So schnell wie möglich muss ich einen Knopf drücken, sobald auf dem Display vor mir Zahlen auftauchen.

5.15 Uhr

Mein Selbstversuch ist überstanden. Beim Vigilanztest habe ich zu meiner großen Überraschung kaum schlechter abgeschnitten als zur Mittagszeit, erst am Ende zeigt sich ein kleiner Einbruch. Dr. Popp hat dafür eine einfache Erklärung: "Sie waren zu ehrgeizig!" Dafür ist beim Reaktionstest (links) deutlich zu sehen, dass ich langsamer geworden bin: Mittags lag meine durchschnittliche Reaktionsgeschwindigkeit bei 229 Millisekunden, jetzt gibt es einige Aussetzer mit über einer halben Sekunde – im Ernstfall womöglich zu lang, um einen Unfall zu verhindern.

6.00 Uhr

Ich lasse mich erschöpft ins Hotelbett fallen. Mit dem Auto 125 Kilometer zurück nach München ist nach 23 Stunden ohne Schlaf definitiv zu gefährlich.

Text: Stefan Sielaff. Fotos: Stefan Kiefer (2), imago, Daimler AG. Infografiken: ADAC Motorwelt.

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