Motorradunfall: So können Crashs vermieden werden

Jeder verletzte Motorradfahrer ist einer zu viel
Jeder verletzte Motorradfahrer ist einer zu viel© Shutterstock/mitifoto

Motorradfahrerinnen und -fahrer verunglücken besonders oft. Der ADAC hat Motorradunfälle analysiert und zeigt, wie sich viele von ihnen vermeiden ließen.

  • Risiko: Motorradfahrende ohne passiven Schutz

  • Viele Abbiege-, Einbiege- und Kreuzungsunfälle

  • Praktische Tipps zum sicheren Motorradfahren

Motorradfahren macht Spaß – egal, ob man Touren macht, die sportliche Herausforderung sucht oder einfach nur den Hauch von Freiheit und Abenteuer spüren will. Kein Wunder, dass der Motorradmarkt boomt: Aktuell sind in Deutschland 4,7 Millionen Motorräder zugelassen – davon knapp 15 Prozent auch in Frauenhand.

Doch Motorradfahrerinnen und -fahrer haben ein deutlich höheres Risiko als Autofahrende. Es fehlen Knautschzonen, Sicherheitsgurte und meist auch ABS. Bei einem Unfall hat dies oft fatale Folgen. Ganz besonders bei Kollisionen mit einem Pkw.

Wie lassen sich solch schwere Unfälle verhindern? Oder zumindest deren Zahl verringern? Der ADAC hat eine detaillierte Analyse von Unfällen außerhalb von Ortschaften auf Basis der ADAC Unfalldatenbank durchgeführt.

Motorradfahrer: Erhöhtes Unfallrisiko

Im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmern sind Motorradfahrerinnen und -fahrer besonders gefährdet. Auf Basis der durchschnittlichen Fahrleistungen – die Deutschen fahren ca. 13.000 Kilometer pro Jahr mit ihrem Pkw und lediglich 2200 Kilometer mit einem Kraftrad – haben motorisierte Zweiräder gegenüber allen Verkehrsteilnehmern ein vierfach höheres Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein. Die Verunglücktenrate, also die Anzahl der Verunglückten je eine Mrd. gefahrene Kilometer, ist sogar siebenmal so hoch.

Allerdings kommen seit dem Jahr 2000 immer weniger Motorradfahrerinnen und -fahrer ums Leben oder werden schwer verletzt. Gleichzeitig steigt jedoch der prozentuale Anteil an getöteten und schwerverletzten Kradfahrerinnen und -fahrern an allen im Straßenverkehr Getöteten und Schwerverletzten. Das bedeutet: Für alle anderen Verkehrsbeteiligten hat sich die Verkehrssicherheit noch deutlich stärker gesteigert.

Insgesamt verzeichnet das Statistische Bundesamt jährlich mehr als 500 tödlich und fast 10.000 schwerverletzte Motorradfahrer und -fahrerinnen. 2021 war ca. jede fünfte im Straßenverkehr getötete oder schwerverletzte Person auf einem Kraftrad unterwegs.

Motorradunfälle: Ursachen und Wirkung

Häufig kollidieren Motorradfahrer mit anderen Verkehrsteilnehmern © ADAC/Peter Neusser

Um Potenziale zur Vermeidung von Unfällen mit motorisierten Zweirädern zu identifizieren, wurde eine Analyse auf Basis der ADAC Unfalldatenbank durchgeführt. Dafür werteten die Fachleute des Clubs ca. 2500 schwere Verkehrsunfälle aus, die sich außerhalb von Ortschaften (Autobahn, Landstraße etc.) ereigneten und an denen Motorradfahrende beteiligt waren.

Das Ergebnis: Insgesamt sind Kradfahrerinnen und -fahrer bei fast jedem vierten Verkehrsunfall außerorts beteiligt. Bei etwas mehr als einem Drittel handelt es sich um Alleinunfälle, bei knapp zwei Dritteln der Unfälle kollidieren die Motorradfahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Ein erhöhtes Unfallrisiko haben – gemessen an ihrem Anteil in der deutschen Bevölkerung – junge Motorradfahrerinnen und -fahrer im Alter von 15 bis 24 Jahren. Die Verletzungsschwere steigt dagegen mit dem Alter. Am häufigsten erleiden die Motorradfahrerinnen und -fahrer Schädel-Hirn-Traumata, Thorax-Traumata und Traumata an den Extremitäten. Verletzungen am Kopf, Thorax, Abdomen, Becken und Beinen führen am häufigsten zu schweren bis tödlichen Traumata.

Risiko Alleinunfall

Bei Alleinunfällen, also rund einem Drittel aller Motorradunglücke, verlieren die Motorradfahrenden oftmals auf kurvigen Streckenabschnitten die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Sie verbremsen sich, sind unaufmerksam, stürzen und/oder kommen von der Straße ab. Mit 47 Prozent sind solche Fahrfehler die häufigste Unfallursache. Die zweithäufigste Ursache von Alleinunfällen ist mit 39 Prozent eine überhöhte Geschwindigkeit. Diese führt oft in einer Kurve zum Unfall.

Risiko Kollisionen

Bei knapp zwei Dritteln der Unfälle prallen die Motorradfahrenden mit anderen Fahrzeugen zusammen. Von Kradfahrerinnen und -fahrern verursachte Kollisionen treten am häufigsten aufgrund von Fehlern beim Überholen, einer unangepassten Geschwindigkeit und einem ungenügenden Abstand auf. Bei fast der Hälfte der Fälle waren die Kradfahrenden nicht die Unfallverursachenden.

Technik kann Unfälle vermeiden

Jetzt spontan bremsen? Da hilft dem Motorrad ein Kurven-ABS © Shutterstock

In Bezug auf die Fahrzeugtechnik gilt es neben den Sicherheitssystemen für Motorräder auch die für Pkw zu betrachten. Bei Motorrädern hätte ein Kurven-ABS in Kombination mit einer Traktionskontrolle ein hohes unfallvermeidendes Potenzial. Dadurch könnte ein großer Teil der Fahrunfälle verhindert werden. Aber auch ein Abstandsregeltempomat (ACC) und ein Totwinkelassistent könnten die Sicherheit der Motorradfahrerinnen und -fahrer erhöhen. Ein eCall-System würde die Hilfeleistung nach dem Crash verbessern.

Bei jedem zehnten Unfall mit Kradbeteiligung kollidiert ein linksabbiegendes Fahrzeug mit einem entgegenkommenden Motorrad. Da überdies die Hälfte aller Kollisionen beim Abbiegen, Einbiegen oder Kreuzen passieren, könnten Linksabbiegeassistenten und Kreuzungsassistenten bei Pkw das Sicherheitsniveau deutlich erhöhen. Denn durch eine Notbremsung könnten diese einen Zusammenstoß verhüten.

Die Rekonstruktion von Abbiege- und Kreuzungsunfällen ergab, dass das ab- oder einbiegende Fahrzeug ca. 15 km/h bis 25 km/h schnell ist, wenn es auf den bevorrechtigten Motorradfahrenden trifft, der zu diesem Zeitpunkt noch mit Tempo 60 bis 80 fährt.

Motorradfreundliche Straßeninfrastruktur

Gut für die (Fahr-)Linie: Eine sichtbare Straßenmarkierung © Shutterstock/Lukas Gojda

Maßnahmen, die die Sicherheit von Motorradfahrenden erhöhen könnten, finden sich im Merkblatt MVMot* der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Als große Probleme werden dort eingeschränkte Einsehbarkeit des Streckenverlaufs, ein mangelnder Grip auf der Fahrbahn oder fehlende Linksabbiegestreifen beschrieben.

Schon durch kostengünstige Maßnahmen wie das Zurückschneiden der Bepflanzung, das Entfernen von Hindernissen neben der Fahrbahn, das Herabsetzen der Höchstgeschwindigkeit oder das Aufstellen von Richtungstafeln in Kurven können Unfallschwerpunkte entschärft werden. Der Nachteil von infrastrukturellen Maßnahmen liegt jedoch darin, dass ihre Wirkung örtlich begrenzt ist.

Es kommt im Verkehr auf alle Fahrer an

Durchmogeln im Stau: Hoffentlich passen alle Autofahrer auf © Shutterstock/Sergey Watgers

Motorradfahrerinnen und -fahrer können sich selbst am besten schützen. Etwa indem sie passende Schutzkleidung, idealerweise sogar eine Airbag-Weste, tragen, sich und die Reifen zu Beginn jeder Fahrt "warm" fahren und einen Sicherheitscheck durchführen. Und indem sie in regelmäßigen Abständen Fahrsicherheitstrainings absolvieren, um die physikalischen Grenzen ihres Motorrads und die eigenen fahrerischen Fähigkeiten kennenzulernen sowie Letztere zu erweitern.

Da die meisten Unfälle auf ein Fehlverhalten von Fahrerinnen und Fahrern zurückzuführen sind, haben Bikerinnen und Biker, aber auch alle anderen Verkehrsteilnehmenden die Möglichkeit, Unfälle durch ein vorausschauendes, defensives Fahrverhalten zu vermeiden.

Video: So fahren Sie sicher Motorrad

Dennis, ADAC Sicherheitstrainer für Motorräder, zeigt, was Biker für ihre Sicherheit tun können, welche Rolle die Technik spielt und wie die Straße darauf einwirkt ∙ Bild: © ADAC, Video: © ADAC e.V.

Unfall vermeiden: Praktische Tipps für Biker

  • Schütze dich bei jeder Fahrt mit einem ECE-Helm, Motorradhandschuhen, -stiefeln, -jacke, -hose, Rückenprotektor und Nierengurt.

  • Achte bei deiner Jacke und Hose auf Protektoren im Bereich der Schultern, Ellenbogen, Rücken, Hüfte, Knie.

  • Für eine bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr sind kontrastreiche Kleidung und Fahrzeuglackierungen hilfreich.

  • Checke die Bremsen, Reifen, Feder-Dämpfer-Elemente, Fahrwerklager, Beleuchtungsanlage, Antrieb (z.B. Kette), Motor vor jeder Fahrt.

  • Übe Bewegungs- und Bedienungsabläufe in Ruhe ein.

  • Auch die Reifen brauchen Zeit, bis sie eine Mindesttemperatur erreicht haben.

  • Halte dich selbst körperlich fit, damit du auch bei langen Fahrten unter ungünstigen Bedingungen noch Reserven hast.

  • Wähle in Linkskurven eine Fahrlinie, die möglichst weit rechts ist. Dadurch hältst du den Abstand zum Gegenverkehr am größten. Außerdem brauchst du in Schräglage mehr Platz.

  • Trainiere die spezielle Blickführung für die Kurvenfahrt: Einlenkpunkt, Scheitelpunkt, Kurvenausgang, weiterer Straßenverlauf. Die Blickführung gehört zur den wichtigsten Lenkungsinstrumenten. Denn wohin man schaut, dorthin fährt man auch.

  • Überwinde die Angst vor satter Schräglage und trainiere schnelle und ausgeprägte Schräglagenwechsel, um die physikalischen Möglichkeiten auszunutzen und nicht zu große Kurvenradien zu fahren.

  • Trainiere das Zusammenspiel von Gas, Kupplung, Vorderrad- und Hinterradbremse bei zügiger Kurvenfahrt und in Schräglage.

  • Mithilfe von regelmäßig durchgeführten Fahrsicherheitstrainings kann die Kurvenfahrt optimiert, die Angst vor der Schräglage reduziert und der Fahrspaß in Kurven gesteigert werden.

  • Achte schon beim Kauf eines Motorrads darauf, dass die Sitzposition und die Leistung zu deiner Statur und deinem Fahrkönnen passen. Einen besseren Überblick bietet dir eine aufrechtere Sitzposition. Kaufe dir kein Motorrad, ohne davor eine Probefahrt gemacht zu haben.

Motorrad und Roller: Neuheiten, Tests, Fahrberichte

Fachliche Beratung: Isabella Ostermaier, Ruprecht Müller, beide ADAC Technikzentrum

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