Kawasaki Versys 650: Testfahrt, Daten, Preis

die Kawasaki Versys 650 frontal auf einer Strasse
Die Kawa Versys 650 ist ein Allrounder ∙ © Kawasaki

Die 650er-Versys von Kawasaki besticht vor allem durch ihr Design. Doch auch die Fülle technischer Neuerungen kann sich sehen lassen. Fahrbericht aus MOTORRAD 02/2015.

  • Solide Motorleistungen

  • Einfaches Handling durch verbesserte Technik

  • Gute Preis-Leistung

Da steht sie, die aufgepäppelte Versys, und unterscheidet sich auf den allerersten Blick von ihrer Vorgängerin. Die spitz zulaufende Verkleidungsnase mit zwei schlitzäugigen Scheinwerfern ersetzt die eigenwillige Verschalung mit den beiden übereinander platzierten Strahlern, transportiert damit endlich auch optisch das sportliche, irgendwo zwischen Enduro, Tourer und Naked Bike angesiedelte Konzept der Versys.

Ein Aufbruch, den auch der Motor mitgestaltet. 5 PS sollen die neue – nun vom Krümmer bis zur Endkappe einteilige – Edelstahl-Auspuffanlage sowie ein modifiziertes Mapping bringen und den dadurch auf 69 PS erstarkten Twin näher an die 72 PS leistende ER-6 rücken. Das alles, ohne den zusätzlichen Punch des Versys-Aggregats gegenüber des ER-6-Motors zwischen 3000 und 6000 Touren dranzugeben. Mehr Druck, schärferer Look. Worauf warten?

Viel Technik, einfach im Handling

Zwei Kawasaki Versys 650 Motorräder in unterschiedlicher Lackierung im Studio
Die Versys ist kein reines Funbike mehr ∙ © Kawasaki

Dezent pöttelt der Zweizylinder vor sich hin. Der Kupplungshebel ist in der Griffweite einstellbar. Schon mal gut. Gang rein, Abfahrt. Sanft schnurrt auch der Gegenläufer, obwohl er noch nicht einmal warm gefahren ist. Kein Ruckeln, kein ruppiges Anreißen. So kann man sich aneinander gewöhnen. Auch die ersten Schwünge gelingen intuitiv. Mühelos lässt sich die Kawa mit ihrem 1415 Millimeter kurzen Radstand (zum Vergleich: Suzuki V-Strom 650: 1560 mm) abklappen, präzise hält sie die Linie. Motorradfahren kann so einfach sein. Aber hallo, wie war das noch mal? Versys, nicht ER-6. Funbike, nicht braver Allrounder. Also: Gas auf.

Erst jetzt meldet sich die Neue zu Wort: "Junge, schau noch mal in mein Datenblatt. Wheelies, Stoppies, Drifts, Randale, all das war einmal. Ich bin vernünftiger geworden." In der Tat haben die Mannen in den grünen Overalls nicht nur am Plastik und den Abgasrohren gewerkelt, sondern gewaltig Hand an die Neue gelegt.

Der Motor lagert nun zum Teil in Silentblöcken, die Fußrasten wanderten um 15 Millimeter nach unten und um deren 20 nach vorn, der Windschild wurde in seiner Größe fast verdoppelt, der Tank um zwei Liter vergrößert, der Heckrahmen verstärkt, die Zuladung um stolze 30 Kilogramm erhöht und die Kofferaufnahmen optisch unauffälliger integriert. Im Klartext: Die Versys will nicht nur Funbike mehr sein. Oder zumindest eins, das sich auch im Alltag und sogar auf der Reise ordentlich schlägt.

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Der freche Flitzer von einst, ist er nun altersmilde geworden? Nur nicht aufregen. Denn was sich schon auf den ersten Metern angedeutet hatte, konserviert die Kawa auch bei flotterem Speed. Lässig lenkt sie mit dem neuen Dunlop D 222 ein, zieht blitzsauber ihre Linie. Auch später bleibt kaum ein Charakterzug der neuen Versys präsenter als dieses neutrale und leichtgängige Lenkgefühl.

LCD-Bildschirm und Bosch-ABS

Display des Kawasaki Motorrades Versys 650
Die Ganganzeige ist serienmäßig ∙ © Kawasaki

Und das der komfortablen Federung. Wie ein Luftkissen schluckt die übrigens über einen recht großen Bereich in der Zugstufendämpfung einstellbare Upside-down-Gabel sowie der Monoshock selbst übelste Kanten. Beeindruckend, erst recht vor dem Hintergrund, dass weder die nun von Showa gelieferte Gabel noch das Kayaba- Federbein diesen Komfort mit lascher Dämpfung und dementsprechend schwammigem Feedback erkaufen. Genuss ohne Reue möchte man sagen, wenn am Federbein die Einstellmöglichkeit der Zugstufendämpfung nicht dem Rotstift zum Opfer gefallen wäre.

Trotzdem, die Grundabstimmung passt, und zum Trost spendierten die Kawa-Modellplaner für das Heck immerhin eine per Handrad einstellbare hydraulische Federvorspannung. Komfort dominiert auch die Sitzposition. Angenehm residiert es sich auf der breiten, weich gepolsterten Sitzbank, die größere Scheibe bietet spürbar besseren Windschutz als bislang – auch wenn sie durch die unpraktisch auf der Scheibenaußenseite angebrachten Rändelschrauben während der Fahrt nicht in der Höhe verstellt werden kann.

Die tiefer montierten Fußrasten öffnen den Kniewinkel, ohne dass die Rasten bei forciertem Auftritt vorschnell über den Asphalt schleifen. Allerdings: So aktiv wie bislang agiert es sich auf der Versys nicht mehr. Doch den Druck auf dem Vorderrad vermisst nur, wer auf der letzten Rille unterwegs ist.

Alle anderen werden eher Dinge wie die überarbeitete Bremse registrieren. Die Schwimmsattel-Anlage beißt aggressiver als ihre recht stumpfe Vorgängerin zu und gibt vor allem beim ersten Anlegen ein besseres Feedback als bislang. Eher im Verborgenen arbeitet der neue Bosch-ABS-Bremsmodulator. Der belässt das Heck bei einer Gewaltbremsung trotz der 150 Millimeter langen Federwege auch sicher und nervenschonend am Boden. Gut so.

69-PS-Motor und günstiger Preis

Motor des neuen Kawasaki Versys 650 Motorrades
Der Viertakt-Paralleltwin punktet vor allem im unteren und mittleren Drehzahlbereich ∙ © Kawasaki

In diese technische Harmonie fügt sich der Motor nahtlos ein. So kultiviert sich der Antrieb im Drehzahlkeller gibt, so kontinuierlich schraubt er sich auch durch die Drehzahlleiter. Ohne plötzlichen Leistungsschub und ohne Drehmomenthänger schiebt der Gegenläufer voran. Subjektiv überspielt der unaufgeregte Auftritt sogar die kräftiger gewordenen Muskeln. Oder vielleicht liegt’s auch nur daran, dass die bisher gemessenen Versys-Motoren mit 66 PS bereits ohnehin gut im Futter standen. Wie dem auch sei, seinen Hubraum kann der Zweizylinder trotzdem nicht verbergen.

Reicht es, bei moderatem Tempo die Drehzahlmessernadel des 650ers um die 5000er-Marke pendeln zu lassen, braucht’s für den schnittigen Kurventwist schon das obere Drehzahldrittel. Zwischen 7000 und 10.000 Touren beißt der Mittelklasse-Treibsatz zu, hängt direkt am Gas und liefert in diesem Bereich fast nahtlose Übergänge beim Schalten – und immer noch klare Bilder im Rückspiegel. Denn weil nun zwei der drei Motorhalterungen in Gummi lagern, bleiben Lenker und Fußrasten nahezu vibrationsfrei. So als ob auch sie vom Sinneswandel der Versys überzeugen wollten.

Ein Argument spart sich die Kawa bis zum Schluss auf. Trotz aller Modifikationen kostet die Versys mit 8292 Euro sogar weniger als ihre im Vorjahr reduzierte Vorgängerin. Ein Grund zum Grübeln. Denn mag die Versys mit der Neuausrichtung auch etwas braver geworden sein, unterm Strich hat sie wenig von ihrem Spaßpotenzial verloren – und viel an Universalität hinzugewonnen.

Technische Daten Kawasaki Versys 650

Herstellerangaben


Motor/Getriebe

Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Gabelschlepphebel, Trockensumpf­schmierung, Einspritzung, 2 x Ø 38 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 336 W, Batterie 12 V/14 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 3,067

Bohrung x Hub: 83,0 x 60,0 mm
Hubraum: 649 cm³
Verdichtungsverhältnis: 10,8:1
Nennleistung: 51,0 kW (69 PS) 8500/min
Max. Drehmoment: 64 Nm bei 7000/min

Fahrwerk

Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 41 mm, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 250 mm, Einkolben-Schwimmsattel, ABS

Alu-Gussräder: 3.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17; 160/60 ZR 17

Maße und Gewichte

Radstand 1415 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 108 mm, Federweg v/h 150/145 mm, Sitzhöhe 840 mm, Gewicht vollgetankt 216 kg, zulässiges Gesamtgewicht 426 kg, Tankinhalt/Reserve 21,0/3,0 Liter

Preis

8292 Euro


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