Harley-Davidson Low Rider S: Cooles Bike mit Schwächen

Ein Mann fährt auf einer Harley Davidson Low Rider S
Harley Low Rider S: Schweres Bike für Fans der Marke© Harley Davidson

Für die Low Rider S von Harley-Davidson sind lange Touren ebenso obsolet wie Rennstrecken-Ambitionen oder Geländeausflüge. Aber sie sieht gut aus. Fahrbericht, technische Daten, Bilder, Preis.

  • Sehr hochwertige Ausstattung

  • Stark motorisiertes Bike für über 22.000 Euro

  • Unbequeme Sitzposition

Jedes Motorrad verrät einiges über den Charakter seines Besitzers. Und weil die Charaktere bekanntlich höchst unterschiedlich sind, bieten Motorradhersteller zumeist eben nicht nur eines, sondern mehrere Modelle an. Dicke Tourer für die Gemütlichen unter uns, sehnige Sportbikes für die Mitglieder der Schnellfahrer-Fraktion oder Reise-Enduros für jene, die sich selbst als die Universalisten auf zwei Rädern sehen.

Wer's als Hersteller ganz genau nimmt, der untergliedert sogar seine Baureihen gleich mehrfach, um möglichst jeden als Käufer abzuholen. Harley-Davidson hat darin große Fertigkeit entwickelt. Die Motorradbauer aus Milwaukee haben mit der Low Rider S ein ziemlich böses, ganz sicher aber extrem motorisiertes Macho-Bike im Angebot.

Low Rider S: Eine Klasse für sich

Harley Davidson Low Rider S als Freisteller vor weiß, von der Seite aufgenommen
Das Retro-Bike gibt es in den Farben Vivid Black (Bild) und White Sand Pearl© Harley Davidson

Die Low Rider ist nicht nur irgendein Modell im Programm der Amis, sie ist ein besonders markantes Mitglied der Softail-Baureihe. Die ist mit ihrem Starrahmen-Look 1986 erstmals auf den Markt gebracht worden und nach wie vor eine der beliebtesten Plattformen von Harley-Davidson. Mittlerweile werden nicht nur die Triebwerke des Typs Milwaukee-Eight 107 mit 1745 Kubikzentimetern Hubraum verwendet, sondern es gibt für einige Modelle auch den größeren 114er-V2 mit 1868 Kubikzentimetern Hubraum.

Gegenüber der Low Rider, die das etwas kleinere Triebwerk aufweist, sind bei der S-Version zahlreiche Änderungen zu notieren, die den Fahreindruck recht deutlich beeinflussen. Wer sich bei der Modellbezeichnung Low Rider S irritiert hinterm Ohr kratzt und meint, sich an eine Harley dieses Namens zu erinnern, liegt richtig: 2016 war die erste Low Rider S erschienen, damals allerdings auf Basis der inzwischen nicht mehr angebotenen Dyna. Mit diesem Modell hat die neue Low Rider S außer der Scheinwerferverkleidung und zwei, drei weiteren Kleinigkeiten nichts mehr gemeinsam.

Im Test: 94-PS-Motor

Nahaufnahme vom Motorblock der Harley Davidson Low Rider S
Die Spitzengeschwindigkeit der Low Rider S liegt bei über 200 km/h© Harley Davidson

Dominierend beim Fahren ist ihr extrem durchzugsstarker V2-Motor, dessen Maximalleistung 69 kW/94 PS beträgt; weitaus wichtiger für den gewaltigen Bumms ist jedoch ihr mächtiges Drehmoment: Bereits ab Standgas liegen mehr als 100 Newtonmeter an, der Gipfel von 155 Nm wird bereits bei 3000 U/min erreicht. In der Praxis pfeilt die Low Rider S davon, sobald etwa 2000 Umdrehungen anliegen. Dann gibt's bis fast 5000 Touren kein Halten mehr. Mit vier Ventilen, Doppelzündung und ölgekühltem Auslassbereich ist der ansonsten luftgekühlte V2 Typ Milwaukee-Eight 114 technisch up-to-date; zwei Ausgleichswellen sorgen dafür, dass keine störenden Vibrationen in den Quasi-Starrrahmen eingeleitet werden.

Bilder: Die Harley-Davidson Low Rider S im Detail

Fahrwerk und Ergonomie

Das Federbein, in der Vorspannung stufenlos hydraulisch einstellbar, versteckt sich unter dem Sitz. Es liefert angesichts von nur 11,2 Zentimetern Federweg eine erstaunlich gute Leistung ab. Die vordere Upside-down-Telegabel spricht sehr fein an, so dass auf den 13 Zentimetern Federweg nur wenige harte Stöße nicht unschädlich gemacht werden können. Auf vielleicht noch höherem Niveau arbeitet die Dreischeiben-Bremsanlage; das im Hintergrund wachende, optisch kaum erkennbare ABS greift, sofern nötig, beherzt ein.

Der Kerl, der die Low Rider S als ständige Begleiterin auserwählt, tut gut daran, sich permanent fit zu halten. Womit weniger die Armmuskulatur gemeint ist als vielmehr die Gelenkigkeit. Denn die Sitzposition fordert ihm – erst recht auf längeren Ausfahrten – allerhand ab: Die Sitzoberfläche befindet sich nur 69 Zentimeter über dem Asphalt, wohingegen die Fußrasten einerseits zugunsten genügend Schräglagenfreiheit recht hoch und andererseits keineswegs weiter vorne montiert sind.

Zudem ist der Lenker eher hoch und zugleich weiter vorn platziert, so dass ein Empfinden von Bequemlichkeit nicht aufkommen mag. Der Hüftbeugewinkel ist so, dass man sich an Klappmesser kurz vor dem Einschnappen erinnert fühlt. Das kann man durchaus mögen, die bereits erwähnte Gelenkigkeit und Fitness vorausgesetzt, ist aber jenseits der 1,80 Meter selbst unter diesen Maßgaben kaum vorstellbar. Dass unser Mann auf der Low Rider S kein Interesse an einer Sozia hat, ist augenfällig: Es gibt keine zweite Sitzmöglichkeit.

Motorrad und Roller: Neuheiten, Tests, Fahrberichte

Ausstattung: Keyless-go, LED, USB

Der Tank von der Harley Davidson Low Rider S
Analoger 4-Zoll-Tachometer und analoger 4-Zoll-Drehzahlmesser© Harley Davidson

Auch wenn die 308 Kilogramm wiegende Low Rider S durchaus willig kurvenreiche Landstraßenpassagen absolviert, so scheint sie doch primär eine extravagante Gefährtin für kürzere Ausflüge zu sein. Auf solchen Ausfahrten macht sie echt was her, ist sie mit ihrer nach hinten stark abfallenden Linie doch ein Bike, das man gerne anschaut. Dazu kommt eine hochwertige Ausstattung mit einem Keyless-System, LED-Scheinwerfer, perfekt automatisch zurückstellenden Blinkern, USB-Anschluss und vielem mehr.

Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich Harley bei der Reifenwahl: Gilt der von Michelin nach Harley-Vorgaben gebaute Scorcher 31 bereits grundsätzlich nicht gerade als Gripwunder, so sorgten die Reifen der Testbikes im Falle der Low Rider S bei den Testern für echte Verwunderung: Sie waren teils schon vor zweieinhalb Jahren produziert worden!

Technische Daten Harley-Davidson Low Rider S

Text: Ulf Böhringer/SP-X