Elektrische Lastenräder: ADAC Test mit Licht und Schatten

Im Test-Video zu sehen: Stärken und Schwächen von E-Lastenrädern ∙ Bild: © ADAC/Test und Technik, Video: © ADAC e.V.

Lastenräder mit Elektroantrieb können in vielen Fällen eine Alternative zum Auto sein. Doch wie alltagstauglich sind E-Cargobikes? Im Test: Fünf dreirädrige E-Lastenbikes und sechs einspurige "Long Johns".

  • Im Fokus: E-Antrieb, Sicherheit und Handhabung

  • Ganz anderes Fahrverhalten als beim Fahrrad

  • Reichweiten bis 65 Kilometer, teilweise lange Ladezeit

Ganz gleich, ob das Kind vor der Arbeit schnell zum Hort gebracht oder fürs Wochenende der Kühlschrank gefüllt werden muss – im Alltag lassen sich viele Aufgaben und Wege mit dem Lastenrad erledigen. Rund 80.000 E-Lastenfahrräder wurden im Jahr 2020 verkauft ein Zeichen dafür, dass der Marktanteil im Segment der Lastenbikes wächst.

Dank ausreichendem Platzangebot und elektrischer Unterstützung beim Treten sind die Cargobikes sogar eine Alternative zum Zweitwagen. Doch in der Praxis werfen die Lastenräder einige neue Probleme auf. Wie stabil stehen sie zum Beispiel beim Beladen? Wie praktisch sind größere Einkäufe darin unterzubringen? Und vor allem: Wie sicher sind Kinder bei einer Fahrt im E-Lastenbike?

Im Sommer 2022 waren sechs einspurige "Long Johns" mit verlängertem Radstand und der Ladefläche zwischen Lenker und Vorderrad im Test. Bereits 2021 hat der Club fünf Trikes mit einer vorn angebrachten Ladebox getestet. Da sich beide Lastfahrrad-Arten von der Bauweise grundsätzlich unterscheiden und jede ihre eigene "Fangruppe" hat, werden die Testergebnisse hier getrennt vorgestellt. Zu den Detailnoten samt Plus-/Minus-Bewertung kommen Sie in den Tabellen durch Anklicken des jeweiligen Modellnamens.

Testergebnis: Einspurige Lastenräder (2022)

2022 im Test: Sechs einspurige E-Lastenräder © ADAC/Test und Technik

Die sechs einspurigen E-Lastenräder wurden in den Kategorien Fahrverhalten, Antriebssystem, Handhabung, Sicherheit und Schadstoffe getestet. Das ADAC Urteil: Von den sechs Rädern im Test schnitten zwei "gut" ab, drei "befriedigend" und eines fiel mit "mangelhaft" durch.

Testsieger e-Muli punktet beim Fahrverhalten

Gutes Fahrverhalten und zum Kindertransport geeignet: Testsieger e-Muli © ADAC/Test und Technik

Testsieger mit der besten Gesamtnote ist das Modell e-Muli. Dieses Lastenrad überzeugte vor allem durch sein Fahrverhalten, das aufgrund der kurzen Gesamtlänge am ehesten mit dem eines normalen Fahrrads zu vergleichen ist. Zudem hat das e-Muli den geringsten Wendekreis. Verbesserungspotenzial bietet dagegen die Handhabung des Hauptständers, da das Rad beim Abstellen immer umständlich hinten angehoben werden muss. Der Korb ist faltbar und relativ kurz, gleichzeitig aber gut für den Transport von Kindern geeignet. Alle auf Schadstoffe geprüften Komponenten, die im direkten Hautkontakt zu Fahrer und Mitfahrern stehen, sind beim e-Muli durchweg schadstofffrei.

Lange Ladezeiten trüben elektrisches Vergnügen

Reichweite büßen E-Lastenräder generell aufgrund ihres höheren Gewichts ein: Im Schnitt ermittelte der ADAC für die Einspurer 40 bis 60 Kilometer. Umso wichtiger sind daher die Ladezeiten, und hier fällt das Modell Babboe mit über sieben Stunden Ladezeit negativ auf. Bei den anderen Lastenrädern im Test dauert es zwischen drei und fünf Stunden, bis der Akku wieder voll ist. Auch bei der Antriebsunterstützung gibt es teilweise große Unterschiede – wer viele Anstiege bewältigen muss, sollte beim Kauf unbedingt darauf achten.

Zu viele Schadstoffe im E-Lastenrad von Bullitt

Zu viele Weichmacher in den Sitzgurten: Das Modell von Bullitt bekam die Note "mangelhaft" © ADAC/Test und Technik

Testverlierer und das einzige Lastenrad mit der ADAC Note "mangelhaft" ist das Modell der Marke Bullitt. In den Sitzgurten des Lastenbikes wurden deutlich zu viel gesundheitsgefährdende Weichmacher gefunden – und die losen Enden der Gurte könnten von mitfahrenden Kindern in den Mund genommen werden. Das schlägt auf das Endergebnis durch, obwohl das Rad sonst in fast allen anderen Kategorien gute Ergebnisse erzielt. Der Hersteller des Bullitt hat nach unserer Veröffentlichung reagiert und angekündigt, die schadstoffbelasteten Gurte kostenfrei auszutauschen. Betroffene Kunden können sich direkt an den Hersteller wenden.

Testergebnis: Dreirädrige Lastenräder (2021)

Bereit zum Test 2021: Die fünf Dreiräder im ADAC Testzentrum © ADAC/Ralph Wagner

Bereits 2021 hat der ADAC fünf dreirädrige E-Lastenräder mit unterschiedlichen Lenkungstechniken in den identischen Kategorien Fahren, Antriebssystem und Motor, Handhabung und Komfort, Sicherheit sowie auf Schadstoffe getestet. Das Urteil: Nur zwei Modelle waren gut – und ein Bike fiel sogar komplett durch.

Fahren mit dem Dreirad will gelernt sein

Dreirädrige E-Lastenbikes sollte man vor dem Kauf unbedingt probefahren © ADAC/Ralph Wagner

Eine Überraschung erlebten die ADAC Ingenieure bei den Fahrversuchen mit den Probanden: Von fast allen Testpersonen erhielten sie anfangs sehr negative Rückmeldungen. Grund: Das Fahrverhalten der dreirädrigen Lastenfahrräder ist nicht einmal im Ansatz mit der Handhabung eines Fahrrads zu vergleichen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob Achsschenkel-Lenkung, Drehschemel-Lenkung oder Neigetechnik verbaut sind: Die ersten Kurvenfahrten und Abbiegevorgänge waren mehr als abenteuerlich. Erst nach einer gewissen Eingewöhnungszeit stellte sich bei allen ein wenig Fahrfreude ein.

Auch das Fahren mit den Einspurern muss geübt werden, denn durch den langen Radstand ist deren Fahrverhalten auch nicht ganz mit der Handhabung eines Fahrrads zu vergleichen – auch wenn der Testsieger von eMuli dem Verhalten eines normalen Fahrrades schon sehr nahekommt.

Dreirad-Testsieger überzeugt beim Kindertransport

Sieger im Vergleich der Dreiräder: Das Chike e-Kids überzeugte die Tester am meisten © ADAC/Ralph Wagner

Testsieger bei den Dreirädern war das Chike e-kids. Sein Fahrverhalten und die Gegebenheiten rund um den Kindertransport in Kombination mit qualitativ gut verbauten Komponenten überzeugten die Tester am meisten. Auch das Anschnallen von mitfahrenden Kindern funktionierte beim Chike gut. Testverlierer war aufgrund der Bremsentests das Vogue Carry 3. Dieses E-Lastenrad ist zwar mit Scheibenbremsen ausgestattet, doch diese werden mittels Seilzugsystem betätigt. Das Resultat: Die geforderten Mindestverzögerungen nach der geltenden DIN 79010 werden nicht erreicht. Da zwei voneinander unabhängige Modelle dieses Typs die Anforderungen auf dem Prüfstand nicht schafften, musste das E-Lastenfahrrad deshalb auf das ADAC Urteil "mangelhaft" abgewertet werden.

Schadstoffe und schlechte Bremsen beim Testverlierer

Schlusslicht im Vergleich der Dreiräder: Das Carry 3 von Vogue © ADAC/Ralph Wagner

Neben den Bremsen sollte der Hersteller in Sachen Licht (nicht StVZO-konform), bei den Angaben zum Gewicht und im Hinblick auf Schadstoffe nachbessern. Denn beim Vogue war der Schadstoff Naphthalin in Griff und Sattel zu finden, der im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Aufgrund der relativen Flüchtigkeit stellt Naphthalin aber einen schwierig zu beurteilenden Parameter bei hautnahen Produkten dar. Daher wurde das e-Lastenfahrrad bei den Schadstoffen mit der Note 2,5 bewertet, allerdings ohne Auswirkung auf die Endnote.

Das sollte beim Kindertransport beachtet werden

Testleiter Stefan Grabmaier mit Kinder-Dummy im ADAC Technikzentrum Landsberg © ADAC/Ralph Wagner

Bevor es an den Transport von Kindern geht, muss das Fahren mit der richtigen Körperhaltung bei Kurvenfahrten, der angepassten Geschwindigkeit oder der Dosierung der Bremsen unbedingt schon geübt sein. Grundsätzlich sollte ein Kind ab einem Alter von neun Monaten stabil allein aufrecht sitzen können, um mit dem Lastenfahrrad befördert zu werden. Mit einem Dreipunktgurt angeschnallt, bestenfalls noch zusätzlich mit einem Beckengurt gesichert, müssen Kinder fest mit dem Lastenfahrrad verbunden sein. Dies schützt im Falle einer Kollision, verhindert aber auch ein Aufstehen während der Fahrt. Vor Fahrtantritt gilt es sich zu vergewissern, dass die Schultergurte auf den Schultern des Kindes aufliegen und nicht abgestreift werden können.

Welches Modell eignet sich für wen?

Dreiräder haben unterschiedliche Lenkungstechniken © ADAC/Ralph Wagner

Generell entscheidend ist das eigene Fahrprofil: Sportliche Fahrer, die oft auf unebenen bzw. abschüssigen Strecken unterwegs sind, haben an den aktuell getesteten einspurigen E-Lastenfahrrädern mehr Freude als an den zweispurigen. Mit den Dreirädern lässt es sich etwas gemütlicher fahren und sie verfügen über mehr Stabilität beim Abstellen und Beladen. Ob man sich für ein einspuriges oder ein dreirädriges E-Lastenrad entscheidet, hängt auch vom primären Einsatzzweck des Lastenbikes ab. Schließlich unterscheiden sich beide Typen im Fahrverhalten deutlich von üblichen Fahrrädern und die Anschaffungskosten sind mitunter hoch.

Zusätzlich treibt die Kosten nach oben, dass sogar bei Preisen von 5000 Euro immer noch Zubehör extra angeboten wird, das etwa für den sicheren Transport von Kindern benötigt wird. Daher sollte vor dem Kauf eines E-Lastenrades gut überlegt werden, wie es später im Alltag genutzt wird.

Alle getesteten E-Lastenbikes sind zum Transport von Kindern geeignet, doch grundsätzlich gilt: Kinder sollten bei Fahrten im Lastenrad einen Helm tragen. Bei einem Unfall oder Sturz sind Kinder beim Erstaufprall aufgrund der Transportbox gut geschützt, wie Crashversuche des ADAC gezeigt haben. Doch wenn das Rad umfällt, kann der Kopf des Kindes auf den harten Untergrund stoßen. Gut gelöst ist dieses Problem übrigens beim Long John von Bullitt: Hier entspricht der Transportbereich der Kinder einer geschützten Fahrgastzelle, vergleichbar mit einem Kinderfahrradanhänger.

Tipps für Verbraucher

  • Beratung einholen und auch die Kinder mit in das Fachgeschäft nehmen, um die Transportmöglichkeit von Kindern auszutesten.

  • Probefahren ist Grundvoraussetzung – das Fahrverhalten fordert ein vorsichtiges Herantasten. Wenn möglich auch mit Beladung (Gütertransport) ausprobieren. Besonders beim Kurvenfahren oder auch beim Abstellen. Ein vorsichtiges Kurvenfahren mit einer angepassten Geschwindigkeit, sowie das korrekte Verhalten im Straßenverkehr, z.B. der Einsatz des entsprechenden Handzeichens beim Abbiegen müssen geübt sein, bevor es an den Transport von Kindern geht.

  • Bei dreirädrigen Lastenrädern: Geschwindigkeit anpassen, um die Kippneigung sowie das mögliche Aufschaukeln zu minimieren.

  • Anforderungen der Transportbedürfnisse klären – nicht jeder Transport kann von jedem e-Lastenfahrrad uneingeschränkt geleistet werden.

  • Fahrzeugbreite und der teils enorme Wendekreis müssen im Straßenverkehr kalkuliert werden. Ggf. reicht bei einigen Situationen die Fahrradwegbreite nicht mehr aus und es muss auf die Straße ausgewichen werden. Hier ist erhöhte Vorsicht geboten, da die Manövrierfähigkeit mit den Lastenfahrrädern sehr eingeschränkt ist.

  • Kinder nur mit Fahrradhelm befördern und beim Helmtragen auch selbst Vorbild sein.

  • Platzbedarf beim Parken bedenken.

Empfehlungen an die Hersteller

  • Beim Kurvenfahren der einspurigen Lastenräder darf kein Pedalkontakt mit der Straße entstehen und sich beim stärkeren Einlenken das Vorderrad nicht schlagartig zur Mitte neigen.

  • Die Standsicherheit der E-Lastenräder muss speziell beim Zusteigen der Kinder gewährleistet werden (kein eigenständiges Einklappen oder gar Umfallen).

  • Bremsen sollten generell möglichst hohe Wirkung haben, zumindest aber der geltenden Norm entsprechen.

  • Stand der Technik beim elektrischen Antrieb bedeutet: Keinen Nachlauf und kein verzögertes Ansprechverhalten des Motors.

  • Angaben zum zul. Gesamtgewicht, zum max. Fahrergewicht, zur max. Nutzlast und zum Eigengewicht sollten gut sichtbar am Lastenfahrrad angebracht sein.

  • Die Anschnallsituation für Kinder muss verbessert werden.

  • Ein eindeutiger Hinweis zum Tragen eines Fahrradhelmes für Kinder ist am Lastenfahrrad anzubringen.

  • Im Falle eines Umfallens muss der Kopfbereich des Kindes geschützt sein.

  • Gepolsterte Sitzauflagen für die Kinder erhöhen den Komfort und bieten auch bei Kurvenfahrten besseren Halt.

  • Qualitativ bessere Bedienungsanleitungen inkl. Informationen zu Anbaumöglichkeiten wie Fahrradanhänger oder Kindersitz sowie eine Konformitätserklärung werden gefordert.

Fachliche Beratung: Stefan Grabmaier, ADAC Technik Zentrum