Elektrische Lastenfahrräder im ADAC Test

14.10.2021

Lastenräder mit Elektroantrieb werden immer beliebter. Doch wie alltagstauglich sind die angebotenen Modelle? Der ADAC hat fünf dreirädrige e-Lastenbikes getestet. Das Urteil: Nur zwei Modelle waren gut – und ein Bike fiel sogar komplett durch.

  • Völlig anderes Fahrverhalten als beim Fahrrad
  • Reichweiten zwischen 40 und 65 Kilometern
  • Schwierigkeiten beim Kindertransport
  • Wichtig: Gut funktionierende Bremsen

 

Ob als Packesel, Kindertransporter oder Werkzeugbox: Immer öfter ersetzen elektrische Lastenfahrräder Pkw oder Kleintransporter. Mit rund 80.000 verkauften e-Lastenfahrrädern im Jahr 2020 zeigt dieser Trend einen stark anwachsenden Marktanteil– und nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land hat man inzwischen erkannt, dass so unter Umständen ein Kraftfahrzeug eingespart werden kann.

 

Die Modellpalette der unterschiedlichen Lastenräder reicht vom zweirädrigen Long John mit verlängertem Radstand bis zum Bäcker- oder Postfahrrad mit stabilen Gepäckträgern vorne und hinten. Doch wer jede Menge Platz zum Transport braucht, entscheidet sich für ein Trike mit drei Rädern – meist eines hinten und zwei vorne – und einer vorn angebrachten Ladebox, die sich auch für den Kindertransport eignet.

 

Der ADAC hat fünf dieser Dreiräder mit unterschiedlichen Lenkungstechniken in den Kategorien Fahren, Antriebssystem und Motor, Handhabung und Komfort, Sicherheit und Verarbeitung sowie auf Schadstoffe getestet.

 

Das Fahren mit dem Dreirad ist nicht einfach

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Ein Mann fährt mit einem Lastenfahrrad und ein Rad hebt ab
Besonders die Kurventechnik will mit Dreirädern gelernt sein

Die erste Überraschung erlebten die ADAC Ingenieure bei den Fahrversuchen mit den Probanden: Von fast allen Testpersonen erhielten sie anfangs sehr negative Rückmeldungen. Der Grund: Das Fahrverhalten der e-Lastenfahrräder ist nicht einmal im Ansatz mit der Handhabung eines Fahrrads zu vergleichen. Und egal ob Achsschenkel-Lenkung, Drehschemel-Lenkung oder Neigetechnik: Die ersten Fahrten in Kurven und Abbiegungen waren mehr als abenteuerlich.

Erst nach einer gewissen Zeit stellte sich dann doch bei allen eine gewisse Fahrfreude ein, denn Übung macht den Meister. Und spätestens nach dem ersten Transport von Kindern war das Eis mit der neuen Technik endgültig gebrochen. 

0,6 bis 1,5
sehr gut
1,6 bis 2,5
gut
2,6 bis 3,5
befriedigend
3,6 bis 4,5
ausreichend
ab 4,6
mangelhaft

Das Vogue Carry 3 bremst mangelhaft

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Ein Mann fährt mit dem Lastenfahrrad eine Kurve
Der Testsieger Chike e-kids fährt mit Neigetechnik

Testsieger ist das Chike e-kids. Das Fahrverhalten und die Gegebenheiten rund um den Kindertransport in Kombination mit qualitativ gut verbauten Komponenten überzeugten die Tester am meisten. 

Testverlierer ist aufgrund der Bremsentests das Vogue Carry 3. Dieses Lastenrad ist zwar mit Scheibenbremsen ausgestattet, doch die werden mittels Seilzugsystem betätigt. Das Resultat: Die geforderten Mindestverzögerungen nach der geltenden DIN 79010 werden nicht erreicht. Da zwei voneinander unabhängige Modelle dieses Typs die Anforderungen auf dem Prüfstand nicht schafften, musste das e-Lastenfahrrad deshalb auf das ADAC Urteil „mangelhaft“ abgewertet werden. Auch die Resultate nach den Praxisfahrten der eingesetzten Probanden unterstreichen das schlechte Prüfstandergebnis des Vogue Carry 3.

Neben den Bremsen sollte der Hersteller in Sachen Licht (nicht StVZO-konform), bei den Angaben zum Gewicht und im Hinblick auf Schadstoffe nachbessern. Denn beim Vogue war der Schadstoff Naphthalin in Griff und Sattel zu finden, der im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Aufgrund der relativen Flüchtigkeit stellt Naphthalin aber einen schwierig zu beurteilenden Parameter bei hautnahen Produkten dar. Daher wurde das e-Lastenfahrrad bei den Schadstoffen mit der Note 2,5 bewertet, allerdings ohne Auswirkung auf die Endnote.

Beim Bremsen zeigte sich bei den dreirädrigen Lastenrädern allgemein eine gewisse Empfindlichkeit auf Fahrbahnunebenheiten. Hier kann sich vor allem bei höheren Geschwindigkeiten ein Aufschaukeln der vorderen beiden Laufräder negativ auswirken. 

Seitliche Fahrbahnunebenheiten stellten sich bei den Dreirädern ohne Neigetechnik als Herausforderung dar, da eine schiefe Ebene durch das Lastenfahrrad und somit den Fahrer schlecht ausgeglichen werden kann.

Das ist beim Transport von Kindern zu beachten

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Ein Mann hält einen Dummie im Arm, der in einem Lastenfahrrad sitzt
Testleiter Stefan Grabmaier mit einem Kinder-Dummy

Bevor es an den Transport von Kindern geht, muss das Fahren mit der richtigen Körperhaltung bei Kurvenfahrten, der angepassten Geschwindigkeit oder der Dosierung der Bremsen unbedingt schon geübt sein. 

Grundsätzlich sollte ein Kind ab einem Alter von neun Monaten stabil allein aufrecht sitzen können, um mit dem Lastenfahrrad befördert zu werden. Mit einem Dreipunktgurt angeschnallt, bestenfalls noch zusätzlich mit einem Beckengurt gesichert, müssen Kinder fest mit dem Lastenfahrrad verbunden sein. Dies schützt im Falle einer Kollision, verhindert aber auch ein Aufstehen während der Fahrt. Vor Fahrtantritt gilt es sich zu vergewissern, dass die Schultergurte auf den Schultern des Kindes aufliegen und nicht abgestreift werden können.

Sehr gut funktioniert das Anschnallen beim Chike sowie beim Butchers & Bicycles. Beim Modell von Vogue dagegen war der Einstellbereich der Schultergurte zu klein, so dass ein Abstreifen leicht möglich ist. Das Gurtsystem vom Babboe ist etwas zu schmal und labil ausgelegt, zudem sitzt die hintere Befestigung des Gurtbandes unterhalb der Schulter. Das hat zur Folge, dass das Kind beim Festziehen nach unten gedrückt wird. Beim Babboe fällt auch auf, dass der Kopf des Kindes mit dem Lenker bzw. Bremsleitungen in Berührung kommt. Das führt dazu, dass die Kinder automatisch eine etwas nach vorne gebeugte Haltung einnehmen.

Grundsätzlich sollten die Kinder selbstverständlich einen Helm tragen, doch der Kopfbereich des Kindes muss im Lastenrad generell besser geschützt werden. In Folge eines Unfalls oder Sturzes mit dem Lastenfahrrad ist das Kind zwar beim Erstaufprall aufgrund der Transportbox geschützt, nach einem Umfallen des Lastenrades kann der Kopf des Kindes jedoch mit Teilen des Lastenfahrrades und noch vielmehr mit harten Gegenständen in der Umgebung zusammenstoßen. Das hat ein ADAC Crashversuch mit Lastenrädern kürzlich erst bewiesen.

Während beim Babboe und Butchers & Bicycles die Kinderköpfe in den Transportboxen freiliegen, sind die Kinder im Chike zum Beispiel wesentlich besser geschützt. Hier entspricht der Transportbereich der Kinder einer geschützten Fahrgastzelle, vergleichbar mit einem Kinderfahrradanhänger. 

Unterschiede bei Komfort und Zuladung

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Ein Mann repariert ein Lastenfahrrad in einer Halle
Beim e-family von Nihola schlagen Stöße stark durch

Bei der computergestützten Komfortmessung wurden drei der am häufigsten anzutreffenden Fahrbahneigenschaften geprüft: Neben einer Schwelle und Kopfsteinpflaster mussten die Systeme auch zeigen, wie sie sich beim Herunterfahren eines hohen Randsteins verhalten. Alle Fahrbahnunebenheiten werden vom Modell e-kids von Chike sehr gut abgefedert – im Gegensatz zum Nihola: Speziell beim Pflaster schlagen hier die Stöße stark auf den Fahrer über. Schwierigkeiten bei der Pflasterfahrt hatte auch das Vogue.

Beim Aspekt Eigengewicht sticht das Chike mit leichten 38 Kilogramm hervor, lässt aber dafür nur eine Nutzlast von 60 Kilogramm zu. Über 71 Kilogramm bringt das Babboe auf die Waage: Dank der großen Holzkiste werden aber dafür 100 Kilogramm Nutzlast vom Hersteller freigegeben – ebenso beim Vogue. 

Doch ist das auch genug, um sämtliche Transportarbeiten damit erledigen zu können? Nicht unbedingt: Mit einem zulässigen Gesamtgewicht des Vogue-Rads von 220 Kilogramm (Babboe 200 Kilogramm) und abzüglich des Eigengewichts von etwa 70 Kilogramm dürfte der Fahrer bei voller Nutzlast dann nur noch 50 Kilogramm wiegen (Babboe 30 Kilogramm!). Die erlaubten 100 Kilogramm Nutzlast sind in der Praxis also kaum vollständig nutzbar.

Doch diese essentiellen Informationen fehlen bei vielen e-Lastenfahrrädern. Eine vollständige Angabe aller Daten war nur beim Chike und Butchers & Bicycles vorzufinden. Angaben auf dem Lastenrad selbst sind ohnehin leider Fehlanzeige – mit Ausnahme des zulässigen Gesamtgewichts bei Chike und Butchers & Bicycles. 

Lange Ladezeiten, geringe Reichweite

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Grafik über die Reichweite von Lastenrädern
Quelle: ADAC, 10/2021

Dass e-Lastenfahrräder aufgrund des höheren Gewichts auch etwas mehr an elektrischer Reichweite einbüßen, ist nachvollziehbar. Die liegt im Mittel zwischen 40 Kilometern beim Babboe bis hin zu knapp 65 Kilometern beim Nihola. 

Etwas ärgerlich dabei sind die langen Ladezeiten. Beim Nihola muss man knappe 8 Stunden für eine Vollladung einplanen. Technisch besser gelöst hat das unter anderem das Modell von Butchers & Bicycles mit einem Boschantrieb: Hier kann nach ca. 3,45 Stunden wieder vollgeladen gestartet werden.

Gewöhnungsbedürftig ist der doch sehr große Wendekreis der dreirädrigen Testräder, was vor allem dann auffällt, wenn die Straße beim Wenden recht eng ist. Das Chike benötigt als bestes Bike im Feld fast 5 Meter um zu wenden, das Butchers & Bicycles als schlechtestes satte 6,7 Meter.

Eine gut funktionierende Lichtanlage brachte nur das Chike mit – im Gegensatz zu Nihola und Vogue. Beim Letzteren fehlt sogar das Prüfzeichen (Wellenlinie, K-Zeichen sowie die Prüfnummer) am Frontlicht. Hier muss der Hersteller unbedingt nachbessern. Aufgefallen ist auch der erhöhte Blendfaktor bei Babboe, Vogue und Nihola. Die Montageposition beim Butchers & Bicycles erzeugt einen störenden Schatten bei der Ausleuchtung, hier wird auch das Potential der LED-Leuchtmittel nicht ausgenutzt.

Fazit: Es kommt auf den Transporteinsatz an 

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Verschieden Modelle von Lastenfahrrädern stehen nebeneinander
Welches Trike soll's sein? Das Anforderungsprofil ist entscheidend

Der im ADAC Test nicht bewertete Aspekt ist der hohe Preis, der für die e-Lastenräder aufgerufen wird. Zusätzlich treibt die Kosten nach oben, dass sogar bei einem Preis von 5000 Euro immer auch noch optionales Zubehör angeboten wird, was für Grundfunktionen wie etwa den Transport von Kindern notwendig ist.

Deshalb sollte man schon vorab gut überlegen, für welchen Transporteinsatz das e-Lastenfahrrad benötigt wird. Im Test waren zum Beispiel das Chike, Butchers & Bicycles und das Nihola nicht gut für den Transport von Kindern zusammen mit getätigten Einkäufen geeignet. Das Platzangebot ist bei diesen Exemplaren für beides einfach zu gering. Wesentlich mehr Platz für Kinder und umfangreiche Einkäufe ermöglichen nur das Babboe und das Vogue. 

Tipps und Empfehlungen

Tipps für den Verbraucher 

  • Unbedingt Beratung einholen und auch die Kinder mit in das Fachgeschäft nehmen, um die Transportmöglichkeit von Kindern auszutesten.
  • Probefahren ist Grundvoraussetzung: Das Fahrverhalten fordert ein vorsichtiges Herantasten, egal mit welchem Lenkungssystem. Wenn möglich auch mit Beladung (Gütertransport) ausprobieren. Besonders die Bremseigenschaften prüfen.
  • Geschwindigkeit anpassen, um die Kippneigung sowie das mögliche Aufschaukeln zu minimieren.
  • Anforderungen der Transportbedürfnisse klären: Nicht jeder Transport kann von jedem e-Lastenfahrrad uneingeschränkt geleistet werden.
  • Die Fahrzeugbreite muss im Straßenverkehr einkalkuliert werden. Manchmal reicht bei einigen Situationen die Fahrradwegbreite nicht mehr aus und es muss auf die Straße ausgewichen werden. Hier ist erhöhte Vorsicht geboten, da die Manövrierfähigkeit mit den Lastenfahrrädern sehr eingeschränkt ist.
  • Kinder nur mit Fahrradhelm befördern – und zudem auch selbst Vorbild sein.

 

Empfehlungen an die Hersteller

  • Bremsen sollten generell möglichst hohe Wirkung haben, zumindest aber der
    geltenden Norm entsprechen.
  • Angaben zu zul. Gesamtgewicht, max. Fahrergewicht, max. Nutzlast und Eigengewicht sollten gut sichtbar am Lastenfahrrad angebracht sein.
  • Stand der Technik beim elektrischen Antrieb bedeutet: Keinen Nachlauf und kein verzögertes Ansprechverhalten des Motors.
  • Die Anschnallsituation der Kinder muss verbessert werden.
  • Ein eindeutiger Hinweis zum Tragen eines Fahrradhelmes für Kinder ist am Lastenfahrrad anzubringen.
  • Im Falle eines Umfallens muss der Kopfbereich des Kindes geschützt sein.
  • Gepolsterte Sitzauflagen für die Kinder erhöhen den Komfort und bieten auch bei Kurvenfahrten besseren Halt.
  • Qualitativ bessere Bedienungsanleitungen mit Informationen zu Anbaumöglichkeiten wie Fahrradanhänger oder Kindersitz sowie eine Konformitätserklärung.

Text: Thomas Kroher. Fotos: ADAC/Ralph Wagner. Technische Beratung: Stefan Grabmaier, ADAC Technik Zentrum