Testfahrt Mercedes SL: Ist das noch ein klassischer Roadster?

Frontansicht eines fahrenden Mercedes SL
Der neue Mercedes SL ist deutlich sportlicher als sein Vorgänger ∙ © Mercedes

Mit der siebten Generation erfindet Mercedes den SL neu. Erstmals baut AMG den Roadster. Statt Komfort dominiert nun Sportlichkeit. Passt das zum ehrwürdigen Image des SL? Testfahrt, Infos, Daten, Bilder.

  • Der neue Mercedes SL wurde von AMG entwickelt

  • Zunächst zwei V8-Motoren mit 476 und 585 PS

  • Marktstart Anfang 2022 zu Preisen ab ca. 130.000 Euro

Seit rund 70 Jahren zählt der Mercedes SL zu den wenigen weltweiten Auto-Ikonen: Stets elegant, komfortabel, luxuriös und ein wenig sportlich machte er auf den Boulevards dieser Welt immer eine gute Figur. Nun stellt Mercedes die siebte Generation des SL vor, intern R232 genannt. Erstmals entwickelte nicht Mercedes das Cabrio, sondern seine sportliche Tochter AMG.

„Wir wollten den Roadster deutlich sportlicher abstimmen als seinen Vorgänger. Viele Besitzer der Vorgängermodelle äußerten diesen Wunsch“, sagt Frank Emhardt, Entwicklungschef Gesamtfahrzeuge bei Mercedes-AMG. Über drei Jahre konzipierte er mit seinem Team das neue Modell, mit den Ahnen sollte der neue SL wenig gemein haben. Im Vergleich zum Vorgänger wächst die Karosserie um sieben Zentimeter, bietet aber dafür auch zwei Notsitze im „Fond“.

Mercedes SL: Lange Haube, knappes Heck

Front und Seitenansicht eines fahrenden Mercedes SL
Mercedes SL: Unter der langen Haube schlummern bis zu 585 PS ∙ © Mercedes

An der Front dominiert der AMG-spezifische Kühlergrill mit 14 Lamellen die Optik. Dazu kommen eine lange Motorhaube mit zwei Powerdomes, kurze Überhänge und ein knappes Heck. Schon kurz nach dem Einsteigen fallen die straffen, ja fast harten Sitze mit gutem Seitenhalt sowie die großen Displays auf. Das mit Knöpfen überfrachtete Lenkrad scheint aus dem Motorsport zu kommen. Im unteren Bereich befinden sich zwei Regler. Während sich mit dem linken Auspuffklappe und Fahrwerk regeln lassen, dient der rechte für die Verstellung der sechs Fahrmodi. Das wirkt anfangs extrem gewöhnungsbedürftig.

Mit einem Tastendruck auf dem mittigen Display öffnet sich das Stoffverdeck in 15 Sekunden, sogar während der Fahrt bis 60 km/h. Die Sonne scheint ins Auto und der Nackenfön wärmt den Rücken. Noch die Sitzheizung aktivieren (Taste liegt in der Tür, nicht im mittigen Heizungs-Panel), Heizung aufdrehen und die Fahrt lässt sich offen auch bei kühleren Temperaturen genießen.

Mercedes SL mit atemberaubenden Fahrleistungen

Mann am Steuer eines Mercedes SL
"Die Bildschirme lassen sich auch bei Sonneneinstrahlung gut ablesen", sagt Autor Fabian Hoberg ∙ © Mercedes

Dass sich bei Cabrios greller Sonnenschein und große Bildschirme nicht gut vertragen, hat Mercedes bei der Entwicklung bedacht. So ist das 12,3 Zoll große Display der Kombianzeige hinter dem Lenkrad von einem Visier gut vor der Sonne geschützt, und bei dem 11,9-Zoll-Zentraldisplay in der Mitte lässt sich die Neigung verstellen. Das funktioniert sogar während der Fahrt einwandfrei – zumindest solange es der Fahrer gemütlich angehen lässt.

Doch dazu dürfte es selten kommen. Mercedes-AMG hat beim neuen SL in allen Bereichen nachgeschärft und wuchert mit exorbitanter Leistung. Als Antrieb dient ein 4,0-V8-Biturbo mit 476 PS (SL 55) oder mit 585 PS (SL 63) – und man stellt sich schon die Frage, ob es nicht ein bisschen weniger auch getan hätte. Muss ein SL wirklich in 3,9 Sekunden (SL 55) oder in noch atemberaubenderen 3,6 Sekunden (SL 63) auf Tempo 100 sprinten? Und wo bitte außerhalb von Rennstrecken soll eine Höchstgeschwindigkeit von 295 km/h und 315 km/h sinnvoll sein?

Klar, faszinierend ist es schon, mit welcher Kraft (700 und 800 Nm Drehmoment) der Mercedes die Straßendecke aufzureißen scheint. Dabei schaltet die Neungang-Automatik schnell durch die Gassen – entweder automatisch oder per Schaltpedal hinter dem Lenkrad. Damit die Leistung tatsächlich auf die Straße gelangt, setzt Mercedes-AMG beim SL erstmals auf Allradantrieb mit einer vollvariablen Momentenverteilung.

Der SL klebt förmlich auf der Straße

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Mercedes unbedingt den besseren Porsche 911 Turbo bauen wollte. Leistung und vor allem das Fahrverhalten sind deutlich extremer ausgelegt als beim Vorgänger. Der SL federt selbst im Modus Comfort direkt und hart ab, in Sport, Sport+ und Race klebt der Roadster an der Straße wie ein Gecko an der Wand. Bleiben der V8 im Ladebereich und der Roadster in Schwung, lassen sich Kurvenkombinationen wie mit einem Supersportwagen durchwedeln. Kein Zittern an der Karosserie oder am Lenkrad stört die schnelle Fahrt. Beim Spiel mit dem Gaspedal dringt ein basslastiges Röcheln in den Innenraum, gefolgt vom Zischen der Turbos. Das mag sicher das Sportlerherz erfreuen, aber kann auch ein wenig prollig wirken.

Fahrwerk: Die Hinterachse lenkt mit

Heck und Seitenansicht eines fahrenden Mercedes SL
Hinter Fahrer und Beifahrer befinden sich im neuen SL zwei kleine Notsitze ∙ © Mercedes

Bei so viel Dynamik ist das Fahrwerk das A und O: Neben einem härteren Feder-Dämpfer-Set-up mit leichteren Alu-Federn sorgt ein speziell für den SL entwickeltes Active-Ride-Control-Fahrwerk mit aktiver Wankstabilisierung (Serie bei SL 63) mit hydraulischem System dafür, dass jedes Feder-Dämpfer-Element über Hydraulikelemente einzeln angesteuert wird. Im Millisekundenbereich ändert das System die Drücke an den Querstabis, um Wankbewegungen in Kurven auszugleichen. Resultat: Während sich der SL im Modus Comfort in Kurven noch leicht zur Seite neigt, bleibt er in Sport und Sport+ steif wie ein reinrassiger Rennwagen. Mit der aktiven Hinterachslenkung (Serie SL 63) mit einer Spurwinkeländerung bis zu 2,5 Grad am Hinterrad wird der SL in Kurven noch agiler.

Ab 80 km/h fährt der Heckspoiler je nach Fahrweise in fünf möglichen Stufen aus. Beim optionalen aktiven Aero-Paket fährt je nach Fahrprogramm eine Platte bis zu vier Zentimeter am Unterboden herunter. Damit erhält der SL mehr Abtrieb an der Vorderachse – für noch mehr Dynamik. Für einen sicheren Stopp sorgen 390 Millimeter große Verbundbremsscheiben vorne und 360 Millimeter große hinten. Optional bietet Mercedes-AMG Keramikscheiben mit 402 Millimeter an – alles Insignien eines Supersportwagens.

Kleiner Kofferraum und zwei Notsitze hinten

Kofferraum des Mercedes SL
Der Kofferraum ist von überschaubarer Größe ∙ © Mercedes

Dennoch hat der SL einen Hauch mehr Nutzwert bekommen als sein Vorgänger: Es gibt zwei Fondsitze mit Isofix-Halterung. Darauf finden Personen bis 1,50 Meter Platz oder natürlich auch Gepäckstücke oder Einkäufe. Im Hauptabsatzmarkt USA, wo der SL gerne das halbe Jahr über offen gefahren wird, dienen die hinteren Sitze als praktische Ablage. „Aber auch für die kurze Fahrt vom Sportplatz nach Hause mit vier Personen stellt kein Problem dar“, sagt Frank Emhardt. Die Begrenzung der Körpergröße sei im Übrigen eine freiwillige Selbstbeschränkung von Mercedes. Der Kofferraum bietet ein Volumen zwischen 213 und 240 Liter – was nicht wirklich groß ist.

Dem neuen SL fehlt die Grandezza

Seitenansicht eines stehenden Mercedes SL
Passt gut nach Kalifornien: Die USA sind der Hauptmarkt für den SL ∙ © Mercedes

Das Stoffdach wiegt 21 Kilogramm weniger als das Stahldach des Vorgängers und faltet sich als Z platzsparend in den Kofferraum, sodass sich der Schwerpunkt des SL verbessert. Um 18 Prozent soll die Torsionssteifigkeit der Karosserie zugenommen haben, die Quersteifigkeit um 50 Prozent – im Vergleich zum Supersportwagen AMG GT Roadster wohlgemerkt.
So stellt sich am Ende die Frage: Musste das sein? Warum müssen alle Autos immer sportlicher werden? Mit dem SL baut Mercedes-AMG zwar fraglos einen tollen offenen Sportwagen, nicht jedoch einen SL in bewährter Tradition, ein Auto für Genießer, das mit Grandezza stilvoll über Nizzas Corniche gleitet. Manche Kunden werden den Geist des alten SL sicher vermissen. Sportwagenfans wiederum finden nun vielleicht Geschmack am mindestens 130.000 Euro teuren SL.

Mercedes SL: Technische Daten

Technische Daten (Herstellerangaben)

Mercedes-Benz AMG SL 55

Mercedes-Benz AMG SL 63

Motorart

Otto

Otto

Leistung maximal in kW (Systemleistung)

350

430

Leistung maximal in PS (Systemleistung)

476

585

Drehmoment (Systemleistung)

700 Nm

800 Nm

Leistung maximal bei U/min. (Verbrennungsmotor)

5.500 U/min

5.500 U/min

Antriebsart

Allrad

Allrad

Beschleunigung 0-100km/h

3,9 s

3,6 s

Höchstgeschwindigkeit

295 km/h

315 km/h

CO2-Wert kombiniert (WLTP)

268 g/km

268 g/km

Verbrauch kombiniert (WLTP)

11,8 l/100 km

11,8 l/100 km

Kofferraumvolumen normal

240 l

240 l

Leergewicht (EU)

1.950 kg

1.970 kg

Zuladung

330 kg

320 kg

Garantie (Fahrzeug)

2 Jahre

2 Jahre

Grundpreis

- Euro

- Euro

Länge x Breite x Höhe

4.705 mm x 1.915 mm x 1.359 mm

4.705 mm x 1.915 mm x 1.353 mm

Text: Fabian Hoberg

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