Hitzefalle: Wie gut erkennen Autos zurückgelassene Kinder?

• Lesezeit: 8 Min.

Von Tanja Echter

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Kindersitze stehen vor einem Auto im Rahmen eins Child Detection System Tests des ADAC
Die Hauptdarsteller der ADAC Studie: Kinder-Dummys vor ihrem Einsatz im aufgeheizten Fahrzeug© ADAC/ABGEDREHT

Schon wenige Minuten in einem aufgeheizten Auto können für Kinder lebensgefährlich werden. Deshalb sollen moderne Innenraumsysteme warnen, wenn ein Kind dort zurückgelassen wird. Was die Technik leistet, wo sie an Grenzen stößt.

  • Kinder niemals unbeaufsichtigt im Fahrzeug lassen!

  • Child Presence Detection (CPD) soll Eltern und Passanten warnen

  • Technik und Warnhinweise unterscheiden sich je nach System

Stehendes Fahrzeug, große Hitzegefahr

Das Child Detection System wird beim ADAC in 4 Automodellen getestet
Direkte Sonneneinstrahlung sorgt in den geparkten Testwagen für hohe Temperaturen© ADAC/ABGEDREHT

Jeden Sommer sorgen tragische Meldungen für Schlagzeilen: Kinder werden in Fahrzeugen zurückgelassen und erleiden lebensbedrohliche Hitzeschäden. Denn ein geparktes Auto kann schon nach kurzer Zeit zur Hitzefalle werden.

ADAC Messungen zeigen: Bei etwa 28 Grad Außentemperatur steigen die Temperaturen im Innenraum nach 30 Minuten auf über 45 Grad, nach 90 Minuten auf fast 60 Grad. Für Kinder und auch Hunde kann das schnell lebensgefährlich werden.

Child Presence Detection: Mit Technik Leben retten

Child-Presence-Detection-Systeme (CPD) sollen derlei Gefahrensituationen verhindern. Damit ausgestattete Fahrzeuge warnen, wenn sich nach dem Parken noch jemand im Innenraum befindet. Viele moderne Fahrzeuge haben die Technik bereits an Bord. Dabei gibt es Unterschiede:

  • Direkt messende Systeme nutzen Sensoren wie Radar, Kameras oder Ultraschall, um tatsächliche Lebenszeichen wie Atembewegungen zu erfassen. Dadurch können sie grundsätzlich auch zugedeckte oder schlafende Kinder erkennen.

  • Indirekt messende Systeme arbeiten dagegen mit Hinweisen aus dem Fahrzeugbetrieb, etwa geöffneten Fondtüren oder geschlossenen Sicherheitsgurten. Daraus folgern sie eine mögliche Belegung des Rücksitzes und erinnern die Fahrerin oder den Fahrer beim Verlassen des Fahrzeugs daran, den Innenraum zu kontrollieren. Ob sich tatsächlich ein Kind im Fahrzeug befindet, können sie allerdings nicht immer präzise feststellen.

Wichtiger Hinweis

Technik ersetzt nicht die Verantwortung der Erwachsenen: Kinder sollten niemals unbeaufsichtigt im Fahrzeug zurückgelassen werden, auch nicht für kurze Zeit!

ADAC Studie: CPD-Systeme im Vergleich

Für eine Studie hat der ADAC vier Fahrzeuge mit Child-Presence-Detection-Systemen (CPD) unter praxisnahen Bedingungen untersucht – drei mit direkt messender und eines mit indirekt messender Technik.

Im Fokus stand die Frage, wie zuverlässig die Systeme Insassen auf den Rücksitzen erkennen und welche Warn- und Alarmmechanismen sie anschließend auslösen. Die Untersuchung versteht sich als Bestandsaufnahme aktueller Systeme und nicht als Vergleichstest mit Bewertung oder Ranking.

Getestet wurde mit einem Neugeborenen-Dummy in einer Babyschale, dem Dummy eines einjährigen Kindes im Kindersitz sowie einem Hund auf der Rückbank.

Babyschale schwer zu detektieren

Ein Kindersitz in einem Auto im Rahmen eins Child Detection System Tests des ADAC
Niemals allein zurücklassen: Neugeborenen-Dummy in der Babyschale© ADAC/ABGEDREHT

Bei den direkt messenden Systemen im BYD Seal, Zeekr 001 und BMW iX3 zeigte sich ein vergleichbares Bild: Der Dummy eines einjährigen Kindes sowie der Hund auf der Rückbank wurden zuverlässig erkannt. Beim BMW iX3 deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das System neben Bewegungs- oder Atemsignalen auch zusätzliche Informationen wie den Status des Gurtschlosses berücksichtigt.

Schwierigkeiten hatten alle drei Fahrzeuge jedoch bei der Erkennung des Neugeborenen-Dummys in einer per Isofix befestigten Babyschale. Diese Konstellation scheint für die Systeme besonders herausfordernd zu sein.

Im Mercedes-Benz CLA erinnert die Technik anhand von Fahrzeugdaten an eine mögliche Belegung des Rücksitzes, erkennt Kinder jedoch nicht direkt. Weder der Neugeborenen- noch der Kinder-Dummy wurden erfasst. Hier zeigt sich der grundlegende Unterschied zu direkt messenden Systemen.

So alarmieren die untersuchten CPD-Systeme

Meldung über die Anwesenheit eines Kindes mit einem Child Detection System
Ein Display-Hinweis soll Passanten warnen© ADAC/ABGEDREHT

Beim Verlassen des Fahrzeugs wurde weder im BYD Seal noch im Zeekr 001 eine Warnung an den Fahrer selbst ausgelöst. Jedoch aktivierten beide Chinesen gut wahrnehmbare Warnblinker und Hupsignale, die außerhalb der Autos Aufmerksamkeit erzeugen.

Das BYD-System schickte zusätzlich eine Benachrichtigung an ein verbundenes Smartphone. Deren Zustellung erwies sich jedoch als nicht durchgehend zuverlässig. Zudem verschwand die Meldung nach kurzer Zeit wieder und war in der App-Historie nicht nachvollziehbar. Beim Zeekr 001 gab es keine zusätzlichen Benachrichtigungen oder Alarmstufen.

BMW iX3 überzeugt bei der Alarmstrategie

Nach erfolgreicher Insassenerkennung machte der BMW iX3 Passanten über Warnblinker und Hinweise im Zentraldisplay auf die Situation aufmerksam. Eine sinnvolle Zusatzfunktion, insbesondere bei stark getönten Scheiben.

Zusätzlich aktivierte das Fahrzeug automatisch die Standklimatisierung und verschickte wiederholt Push-Nachrichten über die BMW-App an verbundene Devices. Eine Benachrichtigung von Notfallkontakten oder weitere Eskalationsstufen wurden nicht ausgelöst.

Beim Mercedes CLA wäre mehr möglich

Beim Mercedes-Benz CLA blieb die Reaktion auf einen zurückgelassenen Passagier auf eine Anzeige im Fahrzeugdisplay beschränkt. Weitere Warnungen über Blinker, Hupe oder Smartphone konnten im ADAC Test nicht bestätigt werden. Überraschend, denn das Fahrzeug verfügt über zahlreiche Vernetzungs- und Benachrichtigungsfunktionen.

Aus Sicht des ADAC bleibt Potenzial ungenutzt: Eine gut sichtbare Meldung im Display, kombiniert mit einem Warnton, wäre technisch möglich. Vergleichbare Warnhinweise kommen bereits bei alltäglichen Fehlbedienungen wie einer nicht eingelegten Fahrstufe P oder einem offenen Fenster zum Einsatz.

Kann man ältere Autos nachrüsten?

Detailaufnahme eines Child Detection System Sensors im Rahmen eines ADAC Tests
Mit Gurtsystemen können ältere Autos nachgerüstet werden© ADAC/ABGEDREHT

Auch für ältere Fahrzeuge gibt es verschiedene CPD-Nachrüstsysteme, die nicht zuletzt aufgrund internationaler gesetzlicher Vorgaben auf den Markt kamen. In Italien müssen Kinder unter vier Jahren beispielsweise bereits seit 2019 mit einer entsprechenden Warnfunktion im Auto geschützt werden.

Die meisten Nachrüstlösungen erkennen Kinder über Sensoren im Kindersitz oder Gurtschloss, die per Bluetooth mit einem Smartphone verbunden sind. Entfernt sich die Aufsichtsperson vom Auto, während das Kind noch darin sitzt, löst die zugehörige App eine Warnmeldung aus.

Solche Systeme sind vergleichsweise günstig, stoßen allerdings an technische Grenzen. Im Gegensatz zu fest integrierten CPD-Systemen können sie Atem- und Bewegungsdaten nicht direkt erfassen. Fehlalarme sind deshalb möglich. Zudem sind sie auf eine Smartphone- und Bluetooth-Verbindung angewiesen. In der Regel können sie auch keine außenwirksamen Alarmfunktionen wie Warnblinker oder Hupen auslösen.

Fazit: Entscheidend ist das Warnsystem

Die ADAC Studie zeigt: Moderne Child-Presence-Detection-Systeme (CPD) können einen Beitrag zum Schutz von Kindern im Fahrzeug leisten. Vor allem direkt messende Systeme erkannten Insassen auf der Rückbank im Test meist zuverlässig. Gleichzeitig offenbart die Untersuchung auch die Schwächen der Technik, insbesondere bei der Erkennung von Säuglingen in Babyschalen.

Deutliche Unterschiede zeigten sich bei den Warnungen: Während einige Fahrzeuge Passanten einbezogen und mehrstufig alarmierten, beschränkten sich andere auf Hinweise im Fahrzeug. Aus Sicht des ADAC sind klare Fahrerhinweise sowie sicht- und hörbare Warnungen für das Umfeld entscheidend.

Kein System ersetzt menschliche Aufmerksamkeit. Moderne Technik kann jedoch eine zusätzliche Sicherheitsbarriere sein, um tragische Unfälle mit im Fahrzeug zurückgelassenen Kindern zu verhindern. Entscheidend ist dabei nicht nur die Erkennung eines Kindes, sondern die gesamte Warn- und Rettungskette – von der zuverlässigen Detektion über die Fahrerwarnung bis hin zur Information von Passanten oder weiteren Kontaktpersonen.

Bleiben Sie aufmerksam und beachten Sie

  • Warnhinweise von Fahrzeugen ernst nehmen und nicht ignorieren.

  • Warnblinker können ein Alarmsignal sein; im Zweifel ins Fahrzeug schauen.

  • Sicherheitssysteme nicht deaktivieren, wenn sie vorhanden sind

  • Beim Fahrzeugkauf auf CPD-Systeme achten. Direkt messende Systeme bieten den besten Schutz.

  • Bei Verdacht auf eine Gefahrensituation sofort handeln und Hilfe holen (Notruf 112).

Kinder bei Hitze im Auto besonders gefährdet

Ein Dummy sitzt im Kindersitz im Auto im Rahmen eins Child Detection System Tests des ADAC
Immer wieder passiert es: Das Kind (hier ein Dummy) wird im Auto vergessen© ADAC/ABGEDREHT

Warum ist das so wichtig? Babys und Kleinkinder reagieren deutlich empfindlicher auf Hitze als Erwachsene. Ihr Körper kann die Temperatur noch nicht vollständig regulieren. Auch Flüssigkeitsverluste wirken sich bei Kindern rasch aus. Hinzu kommt, dass sie Durst oder Unwohlsein oft nicht selbst erkennen oder mitteilen können. Sie sind vollständig auf die Aufmerksamkeit ihrer Betreuungspersonen angewiesen.

"Ein geparktes Fahrzeug wirkt wie ein Treibhaus", warnt Prof. Dr. Michael Schroth, Chefarzt und Ärztlicher Direktor an der Cnopfschen Kinderklinik in Nürnberg sowie Mitglied des ADAC Ärztekollegiums. "Ein leicht geöffnetes Fenster bietet keinen ausreichenden Schutz."

Wenn Sie ein Kind allein in einem geparkten Auto bemerken

  • Prüfen Sie (soweit möglich) durch die Scheibe, ob das Kind bei Bewusstsein ist.

  • Wenn ja: Versuchen Sie die Eltern oder Aufsichtspersonen ausfindig zu machen. Sind die Eltern nicht sofort zu finden und/oder zeigt das Kind Überhitzungserscheinungen, setzen Sie einen Notruf unter 112 ab.

  • Wenn nein: Wählen Sie sofort den Notruf 112.

  • Hilfe vor Eintreffen von Polizei und Rettungsdienst: Unter Umständen ist es notwendig, eine Scheibe mit einem Gegenstand einzuschlagen* und sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen einzuleiten. Die Leitstelle der Polizei oder Feuerwehr gibt Ihnen dazu telefonisch Handlungsanweisungen.

* Rechtlicher Hinweis: Das Einschlagen einer Autoscheibe stellt grundsätzlich eine Sachbeschädigung dar. Besteht eine akute Gefahr für Leben oder Gesundheit eines Kindes und lässt sich die Situation nicht anders lösen, kann ein solcher Eingriff aber gerechtfertigt sein. Vorrangig sind der Notruf, das Aufsuchen der Aufsichtsperson oder das Öffnen des Fahrzeugs auf andere Weise.

Erste Hilfe bei Überhitzung

Ein überhitztes Kind sollte sofort an einen kühlen, schattigen Ort gebracht werden. "Wenn es keinen Schatten gibt, kann eine Rettungsdecke als Schutz vor der Sonne verwendet werden", empfiehlt der Kinderarzt. "Enge Kleidung sollte entfernt oder gelockert werden, um die Wärmeabgabe zu erleichtern." Feuchte Tücher und kühle Getränke können die Körpertemperatur senken. Vermeiden Sie eine abrupte Kühlung mit Eiswasser oder Eispackungen direkt auf der Haut.

Zeigt das Kind Symptome eines Hitzschlags, handelt es sich um einen medizinischen Notfall (Notruf 112). "Charakteristisch sind eine Körperkerntemperatur von in der Regel über 40 Grad in Kombination mit neurologischen Symptomen wie Bewusstseinsstörungen, Apathie, Verwirrtheit, Krampfanfällen oder Koma", erklärt Schroth. "Weitere Warnzeichen sind eine schnelle Atmung, ein schneller Herzschlag sowie eine gerötete, überwärmte, schwitzige oder im Verlauf auch trockene Haut."

Überwachen Sie bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Atmung und Bewusstsein. "Bewusstlose Kinder mit erhaltener Spontanatmung sind in die stabile Seitenlage zu bringen", so Schroth. Bleibt die Atmung aus, muss das Kind sofort wiederbelebt werden.

Fachliche Beratung: Matthias Zimmermann, ADAC Technik Zentrum