Keyless-Diebstahl geht weiter: Auch neue Autos sind leicht zu knacken

Viele Autos verfügen mittlerweile über ein Keyless-Schließssystem mit Komfort-Schlüssel. Markus Sippl, Leiter Fahrzeugtechnik beim ADAC, erklärt im Video, warum das unsicher ist und worauf man achten sollte. ∙ Durch Anklicken des Vorschaubildes mit dem Play-Button werden Sie auf die Internetseite von YouTube weitergeleitet. Für deren Inhalte und Datenverarbeitung ist der jeweilige Seitenbetreiber verantwortlich. ∙ Bild: © iStock.com/Birdlkportfolio

Immer noch sind Autos mit Keyless-Komfort-Schließsystem deutlich leichter zu stehlen als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des ADAC bei inzwischen über 500 Autos. Doch Systeme, die vor einem Autodiebstahl schützen können, werden von den meisten Autoherstellern einfach nicht verbaut!

  • 500 Autos vom ADAC im Test überprüft

  • Nur fünf Prozent sind vor Diebstahl gut geschützt

  • Schutz muss bei neuen Modellreihen Standard sein

Die weit verbreitete Sicherheitslücke bei den als Keyless bekannten Komfort-Schlüsseln kann für Autofahrende schnell ärgerlich werden. Denn den Ganoven wird es zu leicht gemacht: Autodiebe müssen sich nur mit einem kleinen Gerät in der Nähe des Autoschlüssels aufhalten – und mit einem zweiten Gerät in der Nähe der Autotür. So "verlängern" sich die Reichweiten der Signale um hunderte von Metern – und das Auto lässt sich bequem öffnen und starten.

Autodiebstahl wird zu leicht gemacht

Autos mit Keyless-Schließsystemen könnten sicherer sein – das zeigen ADAC Tests © ADAC/Uwe Rattay

Wie die kontinuierlichen Tests des ADAC bei mittlerweile 500 Autos mit Keyless-Systemen zeigen, konnten fast alle Fahrzeuge problemlos geöffnet und weggefahren werden. Nur fünf Prozent der überprüften Autos waren gegen den Angriff mit dem Reichweiten-Verlängerer geschützt und damit sicher vor dieser Art von Diebstahl. Wichtig zu wissen: Diese Sicherheitslücke bei Keyless-Komfort-Schlüsseln existiert auch, wenn der Schlüssel im Haus liegt oder man ihn unterwegs dabei hat. 

Die beiden Geräte, mit denen Autodiebstahl bei Keyless-Schließsystemen möglich ist, können nach Einschätzung der ADAC Experten mit geringem Aufwand selbst gebaut werden. Die Bauteile im Wert von rund 100 Euro gibt es im Elektronikhandel. Das Tückische an diesem Trick: Läuft der Motor einmal, kann das Auto auch ohne Schlüssel so lange fahren, wie Sprit im Tank ist. Wenn ein Dieb bei laufendem Motor nachtankt, kann er das gestohlene Fahrzeug problemlos auch über weite Strecken fahren.

Autobesitzerinnen und -besitzer von Modellen mit Keyless-Systemen können zudem ein zweites Mal zum Opfer werden: Wird das gestohlene Fahrzeug von der Polizei gefunden und untersucht, gibt es keine Aufbruchs- oder sonstige Diebstahlspuren. Das kann zu Problemen bei der Regulierung des Schadens oder zu dem Verdacht führen, der Besitzer habe den Diebstahl nur vorgetäuscht, um Versicherungsbetrug zu begehen.

Der ADAC fordert die Autohersteller daher auf, die gesamte Fahrzeugelektronik systematisch und nach neuesten Sicherheitsstandards so abzusichern, wie dies in anderen IT-Bereichen längst üblich ist. Fahrzeuge mit Keyless-Schließsystem dürfen nicht deutlich leichter zu stehlen sein als Pendants mit normalem Funkschlüssel. Unsere exemplarisch durchgeführte Abfrage zu den Sicherheitslücken bei Keyless-Schließsystemen wurde von den Autoherstellern jedoch nicht beantwortet. Einzige Ausnahme war Mercedes.

Die folgende Liste zeigt die Sicherheitslücken bei allen Fahrzeugen, die vom ADAC seit 2016 im Autotest überprüft wurden.

Keyless: 500 Autos vom ADAC überprüft
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So funktioniert Keyless

Das Öffnen oder Schließen der Autotür funktioniert bei Keyless-Schlüsseln auch ohne Knopfdruck © Shutterstock/Sawat Banyenngam

Bei der Schließtechnik Keyless muss der Autobesitzende den Schlüssel nur bei sich tragen, zum Öffnen ist kein Tastendruck mehr nötig. Sobald er sich seinem Fahrzeug nähert, erkennt dieses per Funk den Schlüssel. Beim Berühren des Türgriffs oder Drücken einer Taste am Türgriff öffnet die Zentralverriegelung. Gestartet wird ohne Zündschlüssel durch Druck auf den Startknopf.
Keyless-Schließsysteme sind heute weit verbreitet – sogar in Kleinwagen und auch bei Motorrädern. Teilweise sind sie für einen Aufpreis von einigen 100 bis über 1000 Euro zu haben, teilweise gehören sie zur Serienausstattung oder sind untrennbar mit (eigentlich sinnvollen) Fahrer-Assistenz-Paketen kombiniert.

Für den Diebstahl von Keyless-Fahrzeugen ist kein "Hacken" von Daten oder gar Verschlüsselungen erforderlich. Es genügt ein einfacher Reichweiten-Verlängerer. Ein gestohlenes Auto läuft auch ohne Schlüssel so lange, wie Sprit im Tank ist (oder nachgetankt wird), bis der Motor abgewürgt oder ausgeschaltet wird.

Gut geschützt durch digitale Funktechnik

Autos mit Keyless-Schließsystem können mit digitaler Funktechnik leicht sicherer gemacht werden. Diese Technik verwendet Computerchips mit Ultra-Wide-Band-Technik (UWB) im Schließsystem, mit deren Hilfe aus der Laufzeit der Funksignale sehr präzise die Entfernung des Schlüssels zum Auto ermittelt werden kann. Bei Verwendung einer Funk-Verlängerung wie es bei dieser Form von Autodiebstahl der Fall ist, reagiert das Auto nicht mehr.

Erfreulicherweise verbaut seit 2018 Jaguar Land Rover als erster Autohersteller diese Technik in neuen Modellen. Neben dem Discovery ist laut Herstellerangaben die gleiche neue Keyless-Technik auch in den Modellen Range Rover, Range Rover Sport (jeweils Modelljahr 2018), Jaguar E-Pace und i-Pace verbaut.

Seit 2019 sind auch immer mehr Automodelle von Audi (A3), Seat (Leon), Škoda (Octavia) und Volkswagen (Golf 8, ID.3, ID.4, Caddy) ebenfalls mit UWB geschützt. Das zeigt, dass ein nach aktuellem Stand der Technik gesichertes Keyless-System auch in Fahrzeugen der preissensiblen Golf-Klasse möglich ist. Erste Modelle gibt es jetzt auch von BMW, Genesis und Mercedes, die mit Ultra-Wide-Band den selben Schutz bieten.

Bewegungssensoren nicht so sicher

Einige Hersteller setzen bei Keyless-Schließsystemen auf einen Bewegungssensor im Schlüssel. Wird dieser eine gewisse Zeit nicht bewegt, so schaltet das Funksignal ab und das Fahrzeug lässt sich auf die bekannte Weise nicht mehr illegal öffnen und wegfahren.
Aus Sicht des ADAC ist diese Methode aber weniger sicher, da in der Zeit bis zum Abschalten des Funksignals ein Autodiebstahl trotzdem möglich ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Diebe dem Opfer zu Fuß unauffällig folgen oder das Fahrzeug unmittelbar nach dem Abstellen entwendet wird.

So schützen Sie sich vor Autodiebstahl

  • Wer ein Auto mit Keyless-Schließsystem besitzt, sollte in der Betriebsanleitung nachsehen, ob es sich deaktivieren lässt. Dann ist es mit der oben erwähnten Methode meist nicht zu knacken. Man verzichtet dann aber auf den oft teuer erkauften Keyless-Komfort.

  • Vor dem Kauf eines Autos den Sicherheitsaspekt bei der Wahl eines Keyless-Systems bedenken und wenn möglich, darauf verzichten.

  • Fahrzeug über Nacht möglichst in einer verschlossenen Garage abstellen.

  • Funkschlüssel innerhalb von Gebäuden nicht in der Nähe von Außentüren, Außenwänden und Fenstern aufbewahren.

  • Achtung: Alufolie um den Schlüssel zu wickeln, ist keine zuverlässige Hilfe. Denn die Folie schirmt nicht immer ausreichend ab und kann durch die Zacken anderer Schlüssel beschädigt werden. Außerdem: Wird ein Fahrzeug trotzdem geklaut, trägt womöglich der Besitzer eine Mitschuld, weil die Folie nicht optimal angebracht wurde. Das gilt auch für Blechdosen oder abschirmende Etuis, die die Funkwellen teilweise trotzdem durchlassen – etwa, wenn ein etwas größerer Schlüssel das Schließen des Etuis verhindert.

Das fordert der ADAC

  • Neue Automodelle mit Keyless-Schließsystem müssen zeitgemäß gegen Autodiebstahl gesichert sein.

  • Ein teureres Schließsystem mit Keyless-Technik muss mindestens genauso sicher sein wie ein Standard-System mit normalem Funkschlüssel. Es darf keinesfalls einfacher zu knacken sein.

  • Hier sind die Fahrzeughersteller eindeutig in der Pflicht nachzubessern und geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

  • Idealerweise mit einem neutralen Nachweis für die Wirksamkeit der Anti-Diebstahl-Maßnahmen.

  • Wenn die Hersteller als Schutz nicht die sichere Ultra-Wide-Band-Technik (UWB) wählen und stattdessen einen Bewegungssensor im Schlüssel verbauen, sollte dieser nach spätestens fünf Minuten Ruhezeit den Schlüssel abschalten. Um Autodieben nicht unnötig Zeit zu geben, ein Fahrzeug zu stehlen.

Wie sicher ist Keyless beim Motorrad?

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Seit einigen Jahren gibt es Komfort-Schließsysteme (Keyless) auch bei Motorrädern. Einzelne Motorradhersteller ersetzen vermehrt die klassischen mechanischen Schlösser an Lenkung und Zündung durch diese elektronischen Schließsysteme. Zu den wichtigsten Herstellern zählen BMW, Ducati, Harley-Davidson und KTM.

Die bei Autos bekannte, reduzierte Diebstahlsicherheit, haben ADAC Ingenieure auch bei Motorrädern überprüft. Hierfür wurden praktische Versuche an drei Motorrädern unterschiedlicher Marken mit Keyless-Schließsystemen durchgeführt. Es kamen die gleichen Funkstrecken-Verlängerer zum Einsatz, die bereits bei den Untersuchungen bei Pkw verwendet wurden.

Bei allen drei Motorrädern war es mit den Funkverstärkern möglich, über weite Distanzen zwischen Funkschlüssel und Motorrad das Lenkerschloss zu entriegeln und die Zündung zu aktivieren. Damit war auch ein Start des Motors und ein uneingeschränktes Wegfahren der Maschinen möglich.

Der ADAC fordert die Motorradhersteller deshalb auf, die Keyless-Systeme so abzusichern, dass ein Missbrauch ausgeschlossen werden kann. Auch sollten die Keyless-Systeme nur optional angeboten werden und sollten explizit abschaltbar sein.

ADAC Empfehlung: In jedem Fall das Motorrad immer durch zusätzlichen Diebstahlschutz (zum Beispiel mit einem Bremsscheibenschloss) absichern.

Fachliche Beratung: Arnulf Thiemel, Ruprecht Müller / ADAC Technikzentrum

Andrea Piechotta
Andrea Piechotta
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