Leichte Beute: Autos und Motorräder mit Keyless

18.2.2019

Autos und Motorräder mit dem Komfort-Schließsystem "Keyless" sind meist deutlich leichter zu stehlen als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel. Das zeigt eine Untersuchung des ADAC an über 250 Modellen. Mit einer selbst gebauten Funk-Verlängerung konnten fast alle bisher untersuchten Fahrzeuge sekundenschnell entsperrt und weggefahren werden.

 

Frau öffnet Auto mit Keyless System
Autos mit Keyless-Schließsystem können sicherer sein als bisher - das zeigen unsere Tests.
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Ergebnisse im Detail

Die Sicherheitslücke bei den Komfort-Schlüsseln erleichtert Dieben das Handwerk ungemein: Sie müssen sich nur mit einem kleinen Gerät in die Nähe des Auto- oder Motorradschlüssels begeben - und mit einem zweiten Gerät in die Nähe der Autotür bzw. des Motorrads. Schon werden die Reichweiten der Signale hunderte von Metern "verlängert" und das Auto lässt sich ebenso öffnen wie die Lenkerschlösser der Zweiräder. Mit allen Fahrzeugen kann weggefahren werden. Das geht auch dann, wenn der Schlüssel im Haus liegt oder der Besitzer mit Schlüssel in der Hosen- oder Jackentasche einen Biergarten besucht. 

Laut unseren Experten können die beiden Geräte mit geringem Aufwand selbst gebaut werden. Die Bauteile im Wert von 100 Euro gibt es in jedem Elektronik-Laden. Das Tückische an diesem Trick: Läuft der Motor einmal, bleibt er auch ohne Schlüssel allermeist so lange in Betrieb, wie Sprit im Tank ist. Wenn ein Dieb dann noch bei laufendem Motor nachtankt, kann er das gestohlene Fahrzeug problemlos auch über weite Strecken entführen.

Die bestohlenen Fahrzeugbesitzer laufen überdies Gefahr, ein zweites Mal zum Opfer zu werden: Wenn ein Dieb den Motor eines gestohlenen Autos oder Motorrads abwürgt, kann er ihn mangels Schlüssel nicht wieder starten - und flüchtet. Wird das Fahrzeug dann von der Polizei aufgefunden und untersucht, gibt es keine Aufbruchs- oder sonstige Diebstahlspuren. Das kann schnell zu dem Verdacht führen, der Besitzer habe den Diebstahl nur vorgetäuscht, um Versicherungsbetrug zu begehen.

Der ADAC fordert die Auto- und Motorradhersteller daher auf, die gesamte Fahrzeugelektronik systematisch so abzusichern, wie dies in anderen IT-Bereichen längst Standard ist (idealerweise zertifiziert nach Common Criteria). Fahrzeuge mit Keyless-Schließsystem dürfen nicht deutlich leichter zu stehlen sein als Pendants mit normalem Funkschlüssel. Und: Für Besitzer betroffener Fahrzeuge muss es Abhilfe geben.

Vom ADAC untersuchte Fahrzeuge., 115,37 KB

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Besser geschützt

Autos mit Keyless-Schließsystem können sicherer sein als bisher. Das zeigt ein vom ADAC untersuchter Land Rover Discovery (Modelljahr 2018). Er ließ sich mit dem seit über zwei Jahren vom ADAC eingesetzten, selbst gebauten Funk-Verlängerer weder illegal öffnen noch wegfahren.

Neben dem Discovery ist nach Hersteller-Angaben auch in den Modellen Range Rover, Range Rover Sport (jeweils Modelljahr 2018) und Jaguar E-Pace die gleiche neue Keyless-Technik verbaut. Sie verwendet Computer-Chips mit Ultra-Wide-Band-Technik (UWB). Diese können aus der Laufzeit der Funksignale sehr präzise die Entfernung des Schlüssels zum Auto ermitteln. Bei Verwendung eines Funk-Verlängerers reagiert das Auto nicht mehr. Die anderen Fahrzeughersteller sind aufgefordert, ihre Keyless-Systeme ebenfalls sicherer zu machen. Idealerweise mit einem neutralen Nachweis für die Wirksamkeit der Anti-Diebstahl-Maßnahmen (z. B. nach Common Criteria).

Jaguar Land Rover macht es den Dieben schwer

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So geht Keyless

Der Auto- oder Motorradbesitzer muss den Schlüssel nur bei sich tragen, zum Öffnen ist kein Tastendruck am Schlüssel nötig. Sobald er sich seinem Fahrzeug nähert, erkennt dieses per Funk den Schlüssel. Beim Berühren des Türgriffs oder Drücken eines Tasters am Türgriff öffnet die Zentralverriegelung. Bei Motorrädern entriegelt das Lenkerschloss. Gestartet wird ohne Zündschlüssel durch Druck auf einen Taster.

Keyless-Schließsysteme sind heute weit verbreitet – sogar schon in Kleinwagen und zunehmend häufiger an Motorrädern. Teilweise kosten sie Aufpreis von einigen hundert bis über 1000 Euro, teilweise gehören sie zur Serien-Ausstattung oder sind untrennbar mit (eigentlich sinnvollen) Fahrer-Assistenz-Paketen kombiniert.

Für den Diebstahl von Keyless-Fahrzeugen ist kein "Hacken" von Daten oder gar Verschlüsselungen erforderlich. Es genügt ein einfacher Reichweiten-Verlängerer. Ein gestohlenes Auto läuft auch ohne Schlüssel so lange, wie Sprit im Tank ist (oder nachgetankt wird) bzw. bis der Motor abgewürgt oder ausgeschaltet wird.

 

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Keyless Motorrad

Komfort-Schließsysteme, auch „Keyless“-Systeme genannt, werden und wurden bislang überwiegend für Pkw angeboten. Seit einigen Jahren ersetzen auch einzelne Motorradhersteller vermehrt die klassischen mechanischen Schlösser an Lenkung und Zündung durch diese elektronischen Schließsysteme. Zu den wichtigsten Herstellern zählen BMW, Ducati, Harley-Davidson und KTM.

Um die aus dem Pkw-Sektor bekannte, reduzierte Diebstahlsicherheit, die sich durch Missbrauch dieser elektronischen funkbasierten Schließsysteme ergibt, bei Motorrädern zu überprüfen, wurden praktische Versuche an drei Motorrädern unterschiedlicher Marken durchgeführt. Hierbei kamen die gleichen Funkstreckenverlängerer zum Einsatz, die bereits bei den Prüfungen an Pkw verwendet wurden. Siehe hierzu auch den Punkt „So geht Keyless“. Bei allen drei Motorrädern war es mit den Funkverstärkern möglich, über weite Distanzen zwischen Funkschlüssel und Motorrad (ca. 20 m und mehr) das Lenkerschloss zu entriegeln und die Zündung zu aktivieren. Damit waren auch ein Start des Motors und ein uneingeschränktes Wegfahren der Maschinen möglich.

ADAC Empfehlungen

  • Der ADAC fordert die Motorradhersteller auf, die "Keyless"-Systeme so abzusichern, dass ein Missbrauch ausgeschlossen werden kann.
  • Die "Keyless"-Systeme sollten nur optional angeboten werden. Zudem sollten die Systeme explizit abschaltbar sein, um unter bestimmten Bedingungen einen Missbrauch grundsätzlich zu unterbinden.

Tipps für den Verbraucher

  • Als Käufer sollte die Bestellung des Fahrzeuges mit einem optionalem „Keyless“-System gut überlegt werden. 
  • Sichern Sie im Zweifel die Maschine durch zusätzlichen Diebstahlschutz (z. B. Bremsscheibenschlösser).
  • Fahrzeug über Nacht möglichst in einem abgeschlossenen Raum abstellen (Garage). 
  • Funkschlüssel innerhalb von Gebäuden nicht in der Nähe von Außentüren und Fenstern aufbewahren.

 

Video: So (un)sicher sind Keyless-Systeme beim Motorrad

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ADAC Position

  • Alufolie um den Schlüssel zu wickeln, ist keine zuverlässige Abhilfe, denn die Folie schirmt nicht immer zuverlässig ab und kann durch die Zacken anderer Schlüssel beschädigt werden. Außerdem: Wird ein Fahrzeug trotzdem geklaut, ist womöglich der Besitzer „mit schuld“, weil er die Folie vielleicht nicht dicht genug gewickelt hat. Das gilt auch für Blechdosen oder abschirmende Etuis, die die Funkwellen jedoch teilweise trotzdem durchlassen – etwa, wenn ein etwas größerer Schlüssel das Schließen des Etuis verhindert.
  • Die Fahrzeug-Hersteller sind in der Pflicht: Ein teureres Schließsystem darf nicht deutlich einfacher zu knacken sein als ein Standard-System mit normalem Funk-Schlüssel.
  • Wenn Sie bereits ein Fahrzeug mit Keyless-Schließsystem besitzen: Sehen Sie in der Betriebsanleitung nach (oder fragen Ihre Werkstatt), ob es sich deaktivieren lässt. Dann ist es mit der hier gezeigten Methode meist nicht zu knacken – arbeitet aber auch nur ohne den (oft teuer erkauften) Keyless-Komfort.

 

Foto: iStock.com/metamorworks