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Schaltung oder Automatik: Streit-Thema oder schon Glaubenskrieg?

17.1.2018

Automatik fahren nur lahme Enten! "Stimmt nicht!", sagt Motorwelt-Technik-Redakteur Thomas Kroher. Nach über 500.000 Kilometern im Auto benutzt er inzwischen am liebsten Fahrzeuge mit automatischer Schaltung. Ein Statement. Plus: Vor- und Nachteile der verschiedenen Getriebearten

Moderne Schaltungen (hier von BMW) haben mit der Ruckel-Automatik von früher nicht mehr viel gemein

Fräulein oder Frau Sebald? Ich habe tatsächlich vergessen, wie ich meine erste Lehrerin in der Volksschule genannt habe. Auch sonst sind manche Erinnerungen an die freundliche ältere Dame im Lauf der Jahre etwas verblasst. Doch eines weiß ich noch ganz genau: Sie fuhr einen VW. Genauer gesagt: einen VW Automatic! Für andere mag es einfach ein beiger Käfer gewesen sein. Für mich bedeutete der große Schriftzug "VW Automatic" in Schreibschrift hinten links: Wer ein Auto mit so einer Auszeichnung fuhr, musste etwas ganz Besonderes sein. Und hatte es verdient, meine Lehrerin zu sein.

Automatik – das Wort klang für mich Anfang der 70er-Jahre definitiv nach Zukunft. Intelligente Maschinen, die mir jeden Morgen zum Frühstücks-Kaba bereits die Marmeladenbrötchen schmieren, meine Hausaufgaben fehlerfrei in Schönschrift erledigen und mich anschließend bequem auf dem Rücksitz in die Schule fahren. "Automatisch" war für mich gleichbedeutend mit sorgenfrei, immer richtig und vor allem bequem.

"Automatik? Niemals – wir fahren sportlich!"

Es war mein Vater, der erste Zweifel an meiner schönen Automatik-Welt weckte. Irgendwann fragte ich ihn nämlich, ob wir uns nicht auch so einen tollen VW Automatic kaufen könnten. Seine Reaktion war ungewohnt heftig und kategorisch: "Automatik? Niemals – wir fahren sportlich!" Eine technische Begründung (ich war wohl noch zu klein) lieferte er nicht. Doch er verriet, dass Frau (Fräulein?) Sebald zwangsweise nur Automatik fahren dürfe, weil sie den richtigen Führerschein mit Schaltung gar nicht geschafft habe. Es gab also einen (Automatik-)Führerschein für Verlierer.

Als ich meinem Vater dann in seiner BMW Isetta zusah und hörte, wie er die Gänge der umgedrehten Schaltung in der linken Seitenwand mit mehrmals Kuppeln und Zwischengas einlegte, damit das Getriebe nicht knirschte (und trotzdem oft tat), bekam ich eine Ahnung davon, was "sportlich" sein musste. Viele Jahre später hatte ich dann mein erstes Auto: Es war zufällig auch ein beiger Käfer. Aber selbstverständlich mit 4-Gang-Schaltung – und ohne den Makel-Schriftzug "VW-Automatic" am Heck.

Bekanntlich hält sich ja nichts hartnäckiger als ein Vorurteil. Doch spätestens jetzt – nach 30 Jahren Führerschein mit gefühlt einer halben Million Kilometern – steht für mich fest: Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund mehr, die Gänge selbst in die Hand zu nehmen. Vielen alten Hasen unter den Autofahrern mag die unkomfortable Bedienung mit den unvermeidlichen Schaltpausen nicht mehr auffallen. Doch irgendwann landen auch eingefleischte Langstreckenfahrer im dichten Stadtverkehr oder im Stau – und dann nervt das ständige Schalten und Kuppeln.

 

Sieht sportlich aus: Manuelle Schaltung in einem Audi TT

Inzwischen gibt es tolle automatische Alternativen, die von sportlich bis spritsparend alles können. Allerdings bleibt der Handschaltung ein entscheidender Vorteil: Sie kostet nichts – zumindest keinen Aufpreis. Ein automatisiertes Schaltgetriebe, bei dem im Prinzip nur automatisch gekuppelt wird, ist relativ preisgünstig zu haben – und trotzdem meist das Geld nicht wert. Mit seinen optimierten Schaltpunkten spart es zwar etwas Sprit, doch die Zugkraftunterbrechungen beim Schalten sind ärgerlich – gerade bei schwachen Kleinwagen.

Prima Beschleunigung mit dem DSG

Das stufenlose CVT-Getriebe ändert die Übersetzung dagegen ohne spürbaren Schaltvorgang – so wie die Variomatik eines Motorrollers. Die Geräuschkulisse ist meist angenehm, nur beim spontanen Beschleunigen heult der Motor akustisch unangenehm auf.

Da fährt sich die herkömmliche Wandler-Automatik viel komfortabler: einmal den Wählhebel auf "D" gestellt, muss man nur noch Gas geben. Allerdings auf Kosten eines höheren Spritverbrauchs von bis zu 0,5 l/100 km gegenüber dem Handschalter.

Mein persönlicher Favorit ist das Doppelkupplungs- oder Direktschaltgetriebe. Im Prinzip sind das zwei Schaltgetriebe, bei denen der nächste Gang schon eingelegt ist. Es kann automatisch oder manuell ohne Zugkraftunterbrechung unter Last geschaltet werden, was bei Bedarf prima Beschleunigungswerte ermöglicht.

Viele Jahre nach der Isetta hat auch mein Vater "Sportlichkeit" für sich neu definiert. Seine letzten beiden Autos fuhren mit Automatik. Und um nichts in der Welt hätte er mit einem Schalter getauscht.

 

Vor- und Nachteile verschiedener Getriebe

Andere Länder, andere Getriebe: In Nordamerika dominierte 2014 laut Daten von Automobilwoche und PwC mit über 73 Prozent von 17.028.399 eingebauten Getrieben die Wandler-Automatik. In der EU waren es nur 16,7 % von 16.685.457. Satte 68,1 % wählten hier ein manuelles. Experten prognostizieren aber den Automatik-Trend für viele andere Länder. Wir erklären, wie die einzelnen Getriebarten funktionieren und zeigen ihre Stärken und Schwächen.

Getriebeart Verbreitung Europa Verbreitung Nordamerika Vorteile Nachteile
Manuelles Schaltgetriebe: In Europa Standard­getriebe für kleine und mittlere Pkw mit 5 bis 6 Gängen. Kein Aufpreis.

68,1 %

7,8 %

Hoher Wirkungsgrad mit guten Fahrleis­tungen, kein Mehr­verbrauch, kompakte 
Abmessungen.  Unkomfortable Bedienung mit manuellem Schalten und Kuppeln, Zugkraftunterbrechung beim Schaltvorgang.
Automatisiertes Schaltgetriebe: Im Prinzip eine normale Schaltung, bei der die Gänge ­automatisch wechseln. Ab 300 €.

2,9 %

0,1 %

Hoher Wirkungsgrad ohne Mehrverbrauch, kompakte Abmes­sungen, preisgünstige 
Automatik-Funktion. Zugkraftunterbrechung während des Schalt­vorgangs, lange Schaltpausen, Möglichkeit 
der Fehlbedienung.
Stufenloses CVT-Getriebe: Durch einen variablen Übersetzungsbereich läuft der Motor fast immer im idealen Drehzahlbereich. Ab 1000 €.

1,9 %

15,0 %

Keine Schaltpausen. Geringer Verbrauch durch optimale ­Drehzahlen. Akustisch gewöhnungsbedürftig (Drehzahl ist vom Tempo entkoppelt), Aufheulen beim Beschleunigen.
Wandler-Automatik: Klassische Automatik-Variante mit Drehmomentwandler und mittlerweile sogar neun Gängen. Im Schnitt etwa 2000 €.

16,7 %

73,7 %

Hoher Fahrkomfort, keine Zugkraftunterbrechung, sanfte Schaltvorgänge, gut im Anhängerbetrieb. Relativ hoher Aufpreis, prinzipiell etwas höherer Spritverbrauch, 
großer Platzbedarf.
Doppelkupplungs­getriebe: Auch Direktschaltgetriebe genannt. Zwei auto- matisierte Teilgetriebe mit ­jeweils eigener ­Kupplung, schon bald mit 10 Gängen. Ab 1500 €.

10,4 %

3,4 %

Keine Zugkraftunter­brechung, sehr schnelle Schaltvorgänge, kein Mehrverbrauch, kompakte Abmessungen. Technisch aufwendig, deshalb relativ 
hoher Aufpreis.

Text: Thomas Kroher. Fotos: PR. Portraitzeichnung: Jindrich Novotny. (acfo).

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