Test Nissan Leaf: Schneller, weiter, alltagstauglicher

4.7.2018

Elektroautos sind nicht nur für die kaufkräftige Oberklasse gedacht, sondern für jedermann. Diesen Auftrag soll der neue Nissan Leaf zum Basispreis von 31.950 Euro erfüllen. Reichweite laut Hersteller: 285 Kilometer. Ob das realistisch ist, hat der ADAC im Autotest überprüft. Plus: Video, Daten und Fakten

Das aktuell weltweit erfolgreichste Elektroauto? Nein, kein Tesla. Sondern der Nissan Leaf: Rund 320.000 Stück hat der japanische Autobauer vom Leaf der ersten Generation verkauft. Und das sicherlich nicht wegen, sondern trotz seiner Optik: Selbst eingefleischte Leaf-Fahrer konnten sich nur mühsam an sein eigenwilliges Design gewöhnen. Dieses Problem ist nun Vergangenheit, denn die Karosserie des Neuen ist deutlich ausgewogener proportioniert – und damit erheblich gefälliger.

Der 40 kWh-Akku soll für 285 Kilometer reichen

Zoom-In
Seitenansicht des Nissan Leaf
Der Leaf ist um fünf Zentimeter auf 4,49 Meter Länge gewachsen

Nissan hat aber auch die Technik weiterentwickelt, vor allem die Batterie. Bei Einführung des Vorgänger-Modells im Jahr 2012 hatte die Batterie eine Kapazität von 24 kWh, was laut Prospekt für eine Reichweite von 199 Kilometern sorgen sollte, bei unserem ADAC Dauertest aber selten für mehr als 120 Kilometer reichte.

Im neuen Modell steht nun ein Speicher mit einer Kapazität von 40 kWh zur Verfügung, der es im neuen Verbrauchszyklus auf praxistaugliche 285 Kilometer bringen soll. Klingt gut, doch in der Realität sieht das ganze dann doch anders aus. Mit einer Komplettladung sind auf Basis des ADAC EcoTest Verbrauchs lediglich 200 Kilometer drin. Für ein Elektroauto ist das ok, wer aber den Leaf als vollwertigen Ersatz für einen Verbrenner sieht, dürfte damit nicht immer auskommen.

Rechnet man die Ladeverluste mit ein, die bei einem Elektroauto immer entstehen, verbraucht der Leaf laut ADAC EcoTest 22,1 kWh. Somit ergibt sich beim aktuellen Strommix in Deutschland ein CO2-Ausstoß von 128 g/km – kein Bestwert.

17 Stunden laden an der Haushaltssteckdose

Und wie sieht es mit den Ladezeiten aus? Der Leaf besitzt in der Grundausstattung serienmäßig einen Typ-2-Wechselstromladeanschluss bis 3,6 kW, der CHAdeMO Gleichstromanschluss mit bis zu 50 kWh für die Stromtankstelle ist für das Basismodell nicht verfügbar. In den höherwertigeren Varianten (Acenta, N- Connecta und Tekna) findet man den Gleichstromanschluss serienmäßig an Bord, außerdem kann der Typ 2 Ladeanschluss bis zu 6,6 kW verdauen.

Eine Komplettladung an der Haushaltssteckdose mit 2,3 kW bei 10 Ampere dauert ca. 17 Stunden, bei 4,6 kW Ladeleistung in etwa 8,5. Per Gleichstromanschluss lassen sich 80 Prozent der Batterie in 45-60 Minuten aufladen.

Unser Fahreindruck: Der Leaf liegt jetzt viel satter auf der Straße. Ein Grund dürfte – neben der aufwendigeren Geräuschdämmung – das höhere Gewicht des Akkus im Unterboden sein, der jetzt rund 300 Kilogramm wiegt. Das Gesamtfahrzeug bringt deshalb laut Nissan etwa 75 Kilo mehr als der Vorgänger auf die Waage. Das schon beim Vorgänger angenehm ausgewogene Fahrwerk ist auch beim neuen Modell gelungen. Vor allem im innerstädtischen Bereich gefällt, wie das Fahrwerk Querfugen und Gullideckel pariert.

Im ADAC Ausweichtest verhält sich der Nissan nicht besonders sportlich oder agil, aber konsequent sicher. Das ESP fängt das beim Ausweichvorgang drängende Heck zuverlässig ab und stabilisiert das Auto. Gleichzeitig wird so deutlich Geschwindigkeit abgebaut, und der Leaf rollt sicher durch den Rest des Parcours.

Tipp Icon

E-Autos: Das könnte Sie auch interessieren

Elektromobilität, E-Mobilität, Ladestruktur, ADAC, InnovationWer überlegt, in Zukunft elektrisch mobil zu sein, der hat noch keine allzu große Auswahl.

Mit unserer Liste über die auf dem Markt erhältlichen Elektroautos deutscher und ausländischer Hersteller können Sie sich einen Überblick verschaffen.

E-Autos aus Deutschland, Frankreich, Korea, Japan, USA und Großbritannien

Wie schlagen sich Elektroautos im Dauertest? Wie lang hält die Batterie? Antworten im ADAC Autotest.

Bildergalerie: Klicken oder tippen Sie auf das Bild für eine größere Darstellung und mehr Informationen.

 

Die Motorleistung von nun 110 kW/150 PS ist vollkommen ausreichend. Den Sprint von null auf 100 km/h gibt Nissan mit 7,9 Sekunden an – und die Beschleunigung fühlt sich tatsächlich äußerst kräftig an. Dass die Höchstgeschwindigkeit auf 144 km/h limitiert ist, macht Sinn: Schließlich nimmt bei Elektroautos der Stromverbrauch jenseits der Richtgeschwindigkeit deutlich zu.

Typisch Elektromotor liegt das Drehmoment sofort an und sorgt für ordentliches Beschleunigungsvermögen. Dank fein geregelter Leistungsabgabe ist ein sehr zügiges, aber nicht unkontrolliertes Anfahren möglich, was sich positiv bemerkbar macht, wenn man in den fließenden Verkehr einfädeln möchte. Elektrisch Autofahren ist durch das nahezu geräusch- und vibrationslose Dahingleiten ohnehin eher Entspannungsübung.

Sogar einen Stauassistenten gibt es

Keine Wünsche lässt die Ausstattung offen: Je nach Ausstattungslinie oder als Extra gibt es nun eine auch eine Einparkautomatik, LED-Vollscheinwerfer und sogar einen Stauassistenten mit Stop-and-go-Funktion.

Nicht ganz überzeugen kann das sogenannte E-Pedal, das vom BMW i3 bekannt ist. Lupft der Fahrer den "Gas"-Fuß nur leicht, bremst das Auto wenig. Nimmt er ihn dagegen komplett vom Pedal, scheint das Auto den Anker zu werfen. Irgendwann schafft man es zwar mit Geschick und Übung, den Wagen in Kurven zu zirkeln, ohne das Bremspedal überhaupt zu berühren. Doch das funktioniert weniger perfekt als im i3, weil das Pedal im Leaf gelegentlich verzögert reagiert.

Und muss der Fahrer dann doch mal in die Eisen steigen, weil er sich mit einer Kurve verschätzt hat, scheint auch die Bremsleistung etwas verzögert zu wirken. Wer sich damit nicht anfreunden will, kann den Leaf alternativ auch ohne E-Pedal bewegen: Ein Tastendruck, und das Auto bremst, rollt und rekuperiert normal.

Die Sitzposition ist nicht für jeden ideal

Zoom-In
Interieur Nissan Leaf
Unten der Automatik-Wählknubbel, darüber die E-Pedal-Taste

Das Platzangebot fällt durchschnittlich aus. Auch wenn die Kopffreiheit für Fahrer mit einer Körpergröße von rund 2,1 m ausreichen würde, lassen sich die Sitze nur für Insassen bis knapp 1,85 m zurück schieben. Das Raumgefühl wird durch das hohe Armaturenbrett sowie durch die hohe Seitenlinie etwas gemindert. Sind die Vordersitze für 1,85 m große Fahrer eingestellt, finden im Fond Passagiere bis zu einer Körpergröße von ebenfalls 1,80 m genügend Platz. Allerdings fällt der Platz für die Füße unter den Vordersitzen gering aus, wie die ADAC Messwerte ergeben haben.

Schade aus, dass sich das Lenkrad nur in der Höhe, aber nicht längs verstellen lässt. Nicht jeder Fahrer findet so eine optimale Sitzposition im neuen Leaf.

Eine Batteriemiete wird von Nissan nicht mehr angeboten, der Akku ist stets im Kaufpreis mit drin. Los geht’s ab 31.950 Euro, doch wir raten zur zweiten Ausstattungslinie Acenta für 35.600 Euro. In dieser Variante ist nicht nur eine stromsparende Wärmepumpe enthalten, sondern auch ein umfangreiches Multimediasystem inclusive Smartphone-Anbindung und Sprachsteuerung, eine Rückfahrkamera und ein adaptiver Tempomat.

Bei acht Monaten Lieferzeit braucht man Geduld

Wer das Auto heute bestellt, muss mit sieben bis acht Monaten Wartezeit rechnen, sagt Nissan. Der Grund seien die Lieferengpässe der Batterie. Als Ausblick weist Nissan auf eine Version mit stärkerer Motorleistung und noch größerem Akku (vermutlich 60 kWh) hin, die im Frühjahr 2019 an den Start gehe. Dieser Leaf wird sich dann in puncto Reichweite sogar mit dem vielzitierten Model 3 von Tesla messen können – falls der dann überhaupt kommt. Der Nissan Leaf ist schon seit 2012 sehr erfolgreich da.

Hier lesen Sie den ausführlichen Testbericht zum Nissan Leaf Acenta.

Technische Daten Nissan Leaf (40 kWh) Acenta
Motor                     Elektromotor, 110 kW/150 PS, 320 Nm bei 1 bis 3283 U/min
Fahrleistungen                     7,9 s auf 100 km/h, 144 km/h Spitze
Verbrauch                     19,4 kWh/100 km (nach WLTP), 0 g CO2/100 km
Maße                     L 4,49 / B 1,79 / H 1,53 m
Kofferraum  400 – 790 Liter
Preis  35.600 €, Modellreihe ab 31.950 €
ADAC Messwerte (Auszug)

Überholvorgang 60-100 km/h
4,8 s 
Bremsweg aus 100 km/h
36,5 m
Wendekreis 11,5 m
Verbrauch / CO2-Ausstoß ADAC EcoTest
22,1 kWh/100 km , 128 g CO2/km (well-to-wheel)
Reichweite
200 km
Innengeräusch bei 130 km/h 68,7 dB(A)
Leergewicht / Zuladung
1572 / 423 kg
Kofferraumvolumen normal / geklappt / dachhoch 390 / 645 / 1265 l

 

ADAC Testergebnis
Gesamtnote: 2,3
Karosserie/Kofferraum 3,1 
Innenraum 3,2
Komfort 3,1
Motor/Antrieb 1,3
Fahreigenschaften 
2,8
Sicherheit
2,2
Umwelt/EcoTest
1,5

 

  • Das hat uns gefallen: Höhere Reichweite als beim Vorgänger. Gut abgestimmter und kräftiger Elektroantrieb. Umfangreiche Sicherheitsausstattung. Lokal emissionsfrei.
  • Das hat uns nicht gefallen: Geringe Reichweite. Hoher Preis. Lenkrad unzureichend verstellbar.
Text: Wolfgang Rudschies. Fotos: PR.

Viele weitere Fahrberichte und Autotests finden Sie bei der ADAC Motorwelt.

Kritik, Lob, Anregungen? Schreiben Sie uns: redaktion.motorwelt@adac.de.