Mehr Sicherheit beim Bremsen: So wirkt ABS für Pedelecs

Pedelec Bremsung ohne ABS
Das Hinterrad hebt ab: Mit einem guten ABS kann das nicht passieren ∙ © ÖAMTC/Christian Houdek

Im Auto und bei Motorrädern ist das Antiblockiersystem längst Standard. Ob die ABS-Technologie auch den immer beliebter werdenden Pedelecs und E-Bikes zu mehr Sicherheit beim Bremsen verhilft, hat der ADAC nun überprüft.

  • ABS für Pedelecs seit 2018 erhältlich

  • Bislang geringe Verbreitung am Markt

  • System verhindert Blockieren des Vorderrads und Überschläge

Dass die Markteinführung des ABS (Antiblockiersystem) bei Motorrädern und E-Bikes im Vergleich zu Autos lange auf sich warten ließ, ist der unterschiedlichen Fahrdynamik geschuldet: Zweispurige Fahrzeuge haben eine hohe Fahrstabilität und ein anderes Bremsverhalten, einspurige dagegen kippen ohne Stabilisierung zur Seite. Und während ein Auto auch mit blockierenden Vorderrädern noch einigermaßen richtungs- und fahrstabil bleibt, führt eine Blockade des Vorderrads beim Zweirad nahezu zwangsläufig zu einem Sturz.

Wie funktioniert ein ABS für Pedelecs?

Das ABS verhindert Unfälle mit dem Pedelec
ABS-Sensoren an den Bremsscheiben beider Räder überwachen die Raddrehzahlen ∙ © ADAC Test- und Technik

Anders als bei den meisten Motorrädern wirkt das ABS-System beim Bremsen mit dem Pedelec nur auf das Vorderrad. ABS-Sensoren an den Bremsscheiben beider Räder registrieren deren Raddrehzahlen: Wenn das Vorderrad zum Blockieren neigt, greift die am Lenker angebrachte Steuereinheit blitzschnell ein und senkt den Druck an der Hydraulikbremse des Vorderrades so lange ab, bis es wieder rollen kann. Im Anschluss daran wird wieder Bremsdruck aufgebaut. Dieser Vorgang wird bei Bedarf vielfach pro Sekunde wiederholt, sodass der Fahrer oder die Fahrerin auch bei ganz durchgezogenem Bremshebel sicher zum Stehen kommt.

Zusätzliche Funktion verhindert Überschlag

Das ABS verhindert Unfälle mit dem Pedelec
Das ABS von Bosch ist unter anderem für das KTM Macina Sport erhältlich ∙ © ADAC Test- und Technik

Eine weitere Funktion des Pedelec-ABS soll bei einer Vollbremsung auf griffigem Untergrund das Abheben des Hinterrades vom Boden verhindern. Ob das funktioniert, hat der ADAC anhand des Systems der Marke BOSCH an einem KTM Macina Sport ABS überprüft. Die Funktion der Überschlagverhinderung ist von der reinen Blockierverhinderung unabhängig und muss seitens des Herstellers eigens als Feature adaptiert sein. Hierzu ist wie beim Einkanal-ABS von Bosch ein Sensor für die Drehbewegung des Hinterrads erforderlich, selbst wenn die Hinterradbremse vom ABS-System wie oben beschrieben gar nicht angesteuert wird.

Bei den Bremstests hat das Pedelec-ABS von Bosch auch unter ungünstigen Bedingungen (niedriger Reibwert) ein Blockieren des Vorderrads zuverlässig verhindert. Auch die Bremsstabilität war überwiegend gut beziehungsweise hoch. Nur bei einer von ca. 50 ABS-Bremsungen hob das Hinterrad bei niedriger Geschwindigkeit so weit ab, dass sich der Fahrer durch einen seitlichen Ausfallschritt vom Fahrrad in Sicherheit bringen musste. Der Hergang dieses Ereignisses konnte im Nachgang aber nicht nachgestellt oder wiederholt werden.

Verlängerter Bremsweg durch Pedelec-ABS

Das ABS verhindert Unfälle mit dem Pedelec
Steuergerät: Insgesamt wiegt das ABS von Bosch rund 800 Gramm ∙ © ADAC Test- und Technik

Die überwiegend gute Bremsstabilität wird allerdings durch eine deutliche Begrenzung der Bremskraft erkauft. Selbst auf griffigem Untergrund mit hohem Potenzial, Bremskräfte zu übertragen, wirkte die Bremse etwas schwach im Vergleich zur Bremse ohne ABS. Es zeichnet sich also ab, dass die Begrenzung der Überschlagtendenzen einen Teil der Wirkung der Bremse einschränkt. In der Bedienungsanleitung wird seitens des Herstellers auf diesen Umstand hingewiesen. Die sich ergebende Verlängerung des Bremsweges ist in Anbetracht der vergleichsweise niedrigen Ausgangsgeschwindigkeiten dabei allerdings verkraftbar.

Günstig ist das ca. 800 Gramm schwere ABS für Pedelecs nicht. Rund 500 Euro müssen zu den Anschaffungskosten für ein Pedelec oder E-Bike hinzugerechnet werden. Diese Mehrkosten lohnen sich jedoch, wenn dadurch bei Notbremsungen der Stillstand des stabilisierenden Vorderrades und in der Folge Stürze und Unfälle verhindert werden. Es erscheint daher naheliegend, speziell E-Bikes und Pedelecs, die über eine eigene Energieversorgung verfügen, mit diesem Assistenzsystem auszustatten.

Ist ein ABS für E-Bikes und Pedelecs sinnvoll?

Mit ABS bleibt das Hinterrad auch bei Vollbremsung des Vorderrads am Boden ∙ © Christian Houdek

Die Prüfung des Bremsverhaltens mit dem E-Bike KTM Macina Sport ABS ergab eine gute Bremsstabilität. Die Tendenz zum Abheben des Hinterrades wurde wirksam begrenzt. Da mit dem Boom von E-Bikes und Pedelecs auch Risiken verbunden sind, ist ein Einsatz von ABS-Systemen in diesem wachsenden Segment durchaus empfehlenswert. Nicht selten haben sich die Käufer solcher Fahrräder seit Jahren nicht mehr auf zwei Rädern fortbewegt. Daher nimmt mit steigenden Verkaufszahlen auch die Tendenz sogenannter "Alleinunfälle" mit E-Bikes und Pedelecs zu.

Das langsame Manövrieren der verhältnismäßig schweren Elektroräder ist dabei für ungeübte Fahrer und Fahrerinnen ebenso problematisch wie die starke Verzögerung der Scheibenbremsen. Oft zieht falsches Bremsverhalten daher Stürze und entsprechende Unfälle nach sich. Da hydraulische Scheibenbremsen wesentlich kräftiger zupacken als Felgenbremsen, wird die Vorderradbremse aus Angst oft zu zaghaft betätigt oder bei einer Schreckbremsung so stark, dass ein Überschlag des Rades samt Fahrer droht. In solchen Situationen und speziell auf losem Untergrund kann ein ABS-System für E-Bikes und Pedelecs seine Vorteile ausspielen, jedoch müssen die „reduzierte“ Bremsleistung und die höheren Kräfte am Bremshebel durch eine angepasste Fahrweise kompensiert werden.

Für sehr sicherheitsbewusste Radfahrende ist ein ABS für E-Bikes daher durchaus empfehlenswert. Besonders sinnvoll erscheint das Pedelec-ABS zudem für Fahrräder mit langem Radstand, niedrigem Schwerpunkt und/oder hohem Gewicht wie z.B. die immer beliebteren Lastenräder. Diese Fahrzeuge haben nur eine geringe Überschlagtendenz bei Geradeausbremsungen.

ADAC Tipps für Verbraucher

  • Vor der Kaufentscheidung für ein Pedelec mit ABS: Unbedingt das System vom Händler erklären lassen und eine ausgiebige Probefahrt mit Bremsversuchen durchführen (nur im geschützten Bereich abseits öffentlicher Straßen). Hierbei möglichst immer beide Bremsen einsetzen.

  • Nach dem Kauf: Machen Sie sich mit dem ABS eingehend vertraut. Die Bedienungsanleitung ist Pflichtlektüre. Hier werden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des ABS detailliert beschrieben.

  • Unabhängig davon, ob ein Pedelec mit oder ohne ABS ausgewählt wird: In jedem Fall das sichere Bremsen üben. Hierfür im Zweifel einen Coach oder ein Sicherheitstraining aufsuchen.

  • Alle ABS benötigen hydraulisch arbeitende Bremsen. Rücktrittbremsen können in keinem Fall in ein ABS-System integriert werden.

  • Wenn geplant ist, viel und auch in Gruppen auf unbefestigten Wegen zu fahren, kann das ABS seine Vorteile in Notsituationen ausspielen.

Ebenfalls zu empfehlen ist ein Pedelec ABS für Fahrer und Fahrerinnen, die viel auf unbefestigten, verschmutzten und damit rutschigen Strecken sowie bei allen Witterungen also auch bei Niederschlägen und niedrigen Temperaturen unterwegs sind. Bei dieser Nutzung von E-Bikes und Pedelecs ist die Wahrscheinlichkeit von Gefahrensituationen hoch, in denen das Haftpotenzial der Reifen bei Bremsungen ohne ABS überfordert wird. Hier kann das ABS-System wirksam Stürze vermeiden. Dies gilt erst recht, wenn unter den beschriebenen Rahmenbedingungen in Gruppen mit geringen Abständen gefahren wird. In der Folge könnte ein Sturz dann eine Kettenreaktion auslösen.

Fachliche Beratung: Ruprecht Müller, ADAC Technik Zentrum