Mehr Sicherheit beim Bremsen: So wirkt das neue ABS für Pedelecs

Bremsen auf Schotter: Das neue E-Bike-ABS kann an unterschiedliche Bedingungen angepasst werden
Bremsen auf Schotter: Das neue E-Bike-ABS kann an unterschiedliche Bedingungen angepasst werden© ADAC/AB-GEDREHT

In Autos und Motorrädern sind Antiblockiersysteme längst Standard. Für Pedelecs und E-Bikes ist inzwischen die zweite Generation dieser Technologie verfügbar. Der ADAC hat überprüft, ob das neue ABS E-Bikes sicherer macht.

  • Neue ABS-Generation regelt spürbar besser

  • Komponenten sind jetzt kleiner und leichter

  • Verschiedene Fahrmodi wie: Allroad, Trail oder Cargo

Dass die Markteinführung des ABS (Antiblockiersystem) bei Motorrädern und E-Bikes im Vergleich zu Autos lange auf sich warten ließ, ist der unterschiedlichen Fahrdynamik geschuldet: Zweispurige Fahrzeuge haben eine hohe Fahrstabilität und ein anderes Bremsverhalten, einspurige dagegen kippen ohne Stabilisierung zur Seite. Und während ein Auto auch mit blockierenden Vorderrädern noch einigermaßen richtungs- und fahrstabil bleibt, führt eine Blockade des Vorderrads beim Zweirad nahezu zwangsläufig zu einem Sturz.

Gefahrbremsungen sind daher auch im nach wie vor boomenden Segment der E-Bikes und Pedelecs ein Problem. Das wird von steigenden Unfallzahlen untermauert: Laut Statistischem Bundesamt (Destatis Pressemitteilung Nr. N 043 vom 12. Juli 2022) verunglückten 2021 über 17.000 Nutzer und Nutzerinnen von Pedelecs, mehr als 130 Personen kamen dabei ums Leben. Allerdings gibt es bislang keine unabhängigen statistischen Zahlen zur Frage, in wie vielen Fällen schwerer Unfallverletzungen die Qualität des Bremsvorgangs eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte.

Leichtere Komponenten, weniger Schwächen

Getestet wurde das E-Bike-ABS an einem eMTB (links) und einem Trekking-Pedelec © ADAC/AB-GEDREHT

Dennoch hat das Bremsen von Fahrrädern, die mit ihm verbundene spezifische Dynamik am Zweirad und die möglichst professionelle Bremsbedienung in mehrfacher Hinsicht eine entscheidende Bedeutung für das allgemeine Risiko bei der Nutzung von Pedelecs und E-Bikes. Die Firma Bosch, die verschiedene Komponenten aktueller Pedelecs anbietet, hat auf der EUROBIKE 2022 die zweite Generation eines ABS für elektrisch unterstützte Fahrräder vorgestellt.

Die erste Generation dieses eBike-ABS hat der ADAC 2021 an einem Trekking-Rad getestet. Dabei offenbarte das System noch einige Schwächen. Besonders der Bremsdruckaufbau bzw. die initiale Bremswirkung wurde kritisiert.

Beim Nachfolger sind die Elektronikkomponenten kompakter gestaltet und weniger auffällig am linken Gabelholm angebracht. Der Hersteller spricht von einem fast 80 Prozent geringeren Gehäusevolumen und einem um über 50 Prozent reduzierten Gewicht im Vergleich zur Vorgängerversion. Dadurch verschwindet der große Kasten unter dem Lenker, in dem die Komponenten des alten Systems wenig ansprechend untergebracht waren.

Durch die baulichen Änderungen wurden die Komponenten des Systems nicht nur kleiner und leichter, auch die Hydraulikleitungen konnten verkürzt werden. So sind auch schnellere und damit feinere Reaktionen des ABS möglich: Das neue Antiblockiersystem regelte bei den ADAC Versuchen jetzt deutlich feiner als die Vorgängerversion.

ABS mit unterschiedlichen Fahrmodi

Das System von Bosch bietet verschiedene Fahrmodi je nach Nutzung des Pedelecs an © ADAC/AB-GEDREHT

Eine echte Besonderheit des neuen Pedelec-ABS ist, dass das System an die vielfältigen Fahrradtypen und an die verschiedenen Nutzungsbedingungen angepasst wurde. Von E-Lastenrädern bis zu E-Mountainbikes (eMTB) für den Downhill-Sport reichen die spezifischen Auslegungen des Assistenzsystems. Bosch nennt in Summe drei bzw. vier unterschiedliche ABS-Modi, die jedoch nicht für alle Pedelec-Typen angeboten werden.
Für eMTBs wird neben dem universellen Modus Allroad der sportliche Modus Trail bereitgestellt. Zudem kann bei diesem Fahrradtyp als einzigem das ABS komplett deaktiviert werden. Für Lasten- und Trekking-Räder sind die ähnlich ausgelegten ABS-Modi Cargo und Touring vorgesehen. In diesen Fällen ist das ABS immer aktiviert, wenn das Antriebssystem eingeschaltet ist.

Wie funktioniert ein ABS für Pedelecs?

Sensoren an den Bremsscheiben beider Räder überwachen die Raddrehzahlen © ADAC/AB-GEDREHT

Anders als bei den meisten Motorrädern wirkt das ABS-System beim Bremsen mit dem Pedelec nur auf das Vorderrad. ABS-Sensoren an den Bremsscheiben beider Räder registrieren deren Raddrehzahlen: Wenn das Vorderrad zum Blockieren neigt, greift die Steuereinheit blitzschnell ein und senkt den Druck an der Hydraulikbremse des Vorderrads so lange ab, bis es wieder rollen kann. Im Anschluss daran wird wieder Bremsdruck aufgebaut. Dieser Vorgang wird bei Bedarf vielfach pro Sekunde wiederholt, sodass der Fahrer oder die Fahrerin auch bei ganz durchgezogenem Bremshebel sicher zum Stehen kommt.

ABS-Zusatzfunktion kann Überschlag verhindern

Das Pedelec-ABS verhindert die Radblockade und weitgehend das Abheben des Hinterrads © ADAC/AB-GEDREHT

Neben der reinen Verhinderung der Radblockade z.B. auf losen Untergründen wie Schotterwegen erfüllen gute ABS-Systeme für Zweiräder eine weitere wichtige Funktion: Sie verhindern weitgehend das Abheben des Hinterrads und im Extremfall einen Überschlag des Fahrzeugs. Bedingt durch den kurzen Radstand und den hohen Schwerpunkt ist eine Bremsung mit einem Zweirad in klassischer Bauform immer mit einer ausgeprägten und sich selbst verstärkenden Dynamik verbunden. Bei leichten Fahrrädern hebt das Gewicht des Fahrenden den Schwerpunkt besonders weit nach oben.

Damit stellt die Überschlagsgefahr bei starken Bremsungen auf griffigen Untergründen das allgemeine Limit für die Verzögerung von klassischen Fahrrädern dar. Deutlich günstiger sind die Bedingungen bei Liegerädern mit niedrigem Schwerpunkt und Lastenrädern mit langen Radständen.

Die beschriebene Funktion der Überschlagverhinderung ist von der reinen Verhinderung der Radblockade unabhängig und muss seitens des Herstellers eigens als Feature adaptiert sein. Hierzu ist wie bei dem Einkanal-ABS von BOSCH ein Sensor für die Drehbewegung des Hinterrads erforderlich, selbst wenn die Hinterradbremse vom Regelsystem nicht angesteuert wird.

Aber: Verlängerter Bremsweg durch Pedelec-ABS

Das ABS für Pedelecs wirkt auf Untergründen mit verschiedenen Reibungswiderständen © ADAC/AB-GEDREHT

Die überwiegend gute Bremsstabilität wird allerdings durch eine deutliche Begrenzung der Bremskraft erkauft. Selbst auf griffigem Untergrund mit hohem Potenzial, Bremskräfte zu übertragen, wirkte die Bremse im Test etwas schwach im Vergleich zur Bremse ohne ABS. Es zeichnet sich also ab, dass die Begrenzung der Überschlagtendenzen einen Teil der Wirkung der Bremse einschränkt. In der Bedienungsanleitung wird seitens des Herstellers auf diesen Umstand auch hingewiesen. Aber: Die Verlängerung des Bremswegs ist in Anbetracht der vergleichsweise niedrigen Ausgangsgeschwindigkeiten verkraftbar.

Hier finden Sie den detaillierten Bericht zum getestesten Pedelec-ABS
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Kosten: Rund 500 Euro

Günstig ist auch die neue Generation des ABS für Pedelecs nicht. Rund 500 Euro müssen zu den Anschaffungskosten für E-Bikes und Pedelecs hinzugerechnet werden. Diese Mehrkosten lohnen sich jedoch, wenn dadurch bei Notbremsungen der Stillstand des stabilisierenden Vorderrads und in der Folge Stürze und Unfälle verhindert werden.

ABS für E-Bikes und Pedelecs sinnvoll

Das langsame Manövrieren der verhältnismäßig schweren Elektroräder ist dabei für ungeübte Fahrer und Fahrerinnen ebenso problematisch wie die starke Verzögerung der Scheibenbremsen. Oft zieht falsches Bremsverhalten daher Stürze und entsprechende Unfälle nach sich. Da hydraulische Scheibenbremsen wesentlich kräftiger zupacken als Felgenbremsen, wird die Vorderradbremse aus Angst oft zu zaghaft betätigt oder bei einer Schreckbremsung so stark, dass ein Überschlag des Rades samt Fahrer droht.

In solchen Situationen und speziell auf losem Untergrund kann ein ABS-System für E-Bikes und Pedelecs seine Vorteile ausspielen, jedoch müssen die "reduzierte" Bremsleistung und die höheren Kräfte am Bremshebel durch eine angepasste Fahrweise kompensiert werden. Für sehr sicherheitsbewusste Radfahrende ist ein ABS für E-Bikes daher durchaus empfehlenswert. Besonders sinnvoll erscheint das Pedelec-ABS zudem für Fahrräder mit langem Radstand, niedrigem Schwerpunkt und/oder hohem Gewicht wie z.B. die immer beliebteren Lastenräder. Diese Fahrzeuge haben nur eine geringe Überschlagtendenz bei Geradeausbremsungen.

ADAC Tipps für Verbraucher

  • Vor der Kaufentscheidung für ein Pedelec mit ABS: unbedingt das System vom Händler erklären lassen und eine ausgiebige Probefahrt mit Bremsversuchen durchführen (nur im geschützten Bereich abseits öffentlicher Straßen). Hierbei möglichst immer beide Bremsen einsetzen.

  • Angesichts der statistisch belegten erhöhten Risiken des Pedelec-Fahrens sollte ein neues Pedelec-Modell in jedem Fall über ein ABS verfügen.

  • Achten Sie darauf, das ABS der 2. Generation auszuwählen, da dieses wie beschrieben deutlich besser wirkt.

  • Nach dem Kauf: Machen Sie sich mit dem ABS eingehend vertraut. Die Bedienungsanleitung ist Pflichtlektüre. Hier werden die Möglichkeiten aber auch die Grenzen des ABS detailliert beschrieben.

  • Unabhängig davon, ob ein Pedelec mit oder ohne ABS ausgewählt wird: in jedem Fall das sichere Bremsen üben – und im Zweifel einen Coach oder ein Sicherheitstraining aufsuchen.

  • Alle ABS benötigen hydraulisch arbeitende Bremsen. Rücktrittbremsen können in keinem Fall in das ABS integriert werden.

Ebenfalls zu empfehlen ist ein Pedelec-ABS für Fahrer und Fahrerinnen, die viel auf unbefestigten, verschmutzten und damit rutschigen Strecken sowie bei allen Witterungen, also auch bei Niederschlägen und niedrigen Temperaturen unterwegs sind. Bei dieser Nutzung von E-Bikes und Pedelecs ist die Wahrscheinlichkeit von Gefahrensituationen hoch, in denen das Haftpotenzial der Reifen bei Bremsungen ohne ABS überfordert wird. Hier kann das ABS-System wirksam Stürze vermeiden. Dies gilt erst recht, wenn unter den beschriebenen Rahmenbedingungen in Gruppen mit geringen Abständen gefahren wird. In der Folge könnte ein Sturz dann eine Kettenreaktion auslösen.

Fachliche Beratung: Ruprecht Müller, ADAC Technik Zentrum