Kfz-Rückrufe: Warum es so viele gibt und was man beachten muss

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Von Regina Ammel

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Ein Mechaniker tauscht einen Airbag aus
Die Rückrufaktionen rund um den Takata-Airbag betrafen Millionen Fahrzeuge© dpa/Hans Lucas

Vielleicht haben Sie das schon selbst einmal erlebt: Ihr Auto wurde vom Hersteller in die Werkstatt beordert. Aber was steckt hinter einem Rückruf? Wie viele Rückrufe es gibt und was zu tun ist, wenn man betroffen ist.

  • 523 Rückrufaktionen im vergangenen Jahr

  • Millionen Fahrzeuge betroffen

  • Rückrufe ernst nehmen

Immer wieder gibt es spektakuläre Kfz-Rückrufe, die es sogar in die Nachrichten schaffen. Mal ist von Brandgefahr die Rede, mal sind es Airbags, die nicht oder zu früh auslösen. Doch nicht immer handelt es sich um einen gefährlichen Mangel. Viele der Rückrufe, die das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) auslöst, sind zwar sicherheitsrelevant, aber nicht lebensgefährlich.

Viele Rückrufe bei Takata-Airbag, Fahrwerk & Bremsen

In einem Fahrzeug stecken Tausende Einzelteile und Komponenten, die von einem Rückruf betroffen sein können. Die meisten Rückrufe betreffen sicherheitsrelevante Systeme im Auto.

Die aktuelle Auswertung der ADAC Rückrufdatenbank zeigt: Besonders häufig ist der Airbag betroffen. Knapp 10 Prozent aller Rückrufe wurden in den letzten Jahren aufgrund eines Mangels am Airbag-System durchgeführt. Fehlerhafte Airbags des Zulieferers Takata haben dabei die Zahlen besonders hochgetrieben. Mängelbehaftet sind zudem häufig Fahrwerk, Bremsanlage und Kraftstoffsystem. Sie machen etwa jeweils 7 Prozent der Rückrufe aus.

Bei den Bremsen führen beispielsweise fehlerhafte Bremssättel, falsche Bremsbeläge oder gar der Ausfall des Bremskraftverstärkers zu einem Rückruf. Bei der Elektrik können Feuchtigkeitseintritt in den Elektronikbereich, angescheuerte Leitungen, die Gefahr eines Kurzschlusses oder Brandgefahr durch fehlerhafte Steckverbindungen Mängel sein, die einen ungeplanten Werkstattbesuch nötig machen.

Mängel am Kraftstoffsystem können im schlimmsten Fall zu einem Brand führen. Sie sind besonders ernst zu nehmen, da sie sowohl ein Risiko für die Umwelt als auch ein Risiko für die Sicherheit bergen. Aber auch nicht funktionierende Airbags oder der Ausstoß von zu viel Schadstoffen stellen ein Sicherheits- und Gesundheitsrisiko dar.

Rückrufe ohne Sicherheitsrelevanz: Qualität im Fokus

Immer öfter werden Autos aber auch zurückgerufen, ohne dass eine sicherheitsrelevante Funktion betroffen ist. Das kann beispielsweise ein Pixelfehler bei der Aktivierung der Rückfahrkamera sein. Davon geht zwar nicht unmittelbar ein Sicherheitsrisiko aus, aber natürlich sind Nutzer und Hersteller gleichermaßen an einem fehlerfreien Produkt interessiert.

War also vor wenigen Jahren ein Rückruf noch etwas ganz Besonderes und wurde dieser nur durchgeführt, wenn ein gefährlicher Mangel auftrat, so werden mittlerweile auch dann Fahrzeuge zurückgerufen, wenn deren Qualität verbessert werden kann.

Rückrufe bedeuten heute aus Sicht der Hersteller: Wir kümmern uns um unser Produkt. Früher war die Hemmschwelle für eine solch öffentlichkeitswirksame Aktion höher, weil die Angst vorherrschte, dass Kunden und Kundinnen einen Rückruf als Makel wahrnehmen könnten.

ADAC: Rückrufe auf hohem Niveau stabil

Rückrufe scheinen mittlerweile fast alltäglich. Keine Woche, in der man nicht davon hört, dass ein Hersteller Modelle seiner Fahrzeugflotte in die Werkstatt beordert. Und tatsächlich: Im Zeitraum von 2009 bis 2025 ist die Anzahl der Rückrufaktionen gewaltig gestiegen – nämlich um rund 181 Prozent.

Das lässt sich zum einen mit der deutlich gestiegenen Modellvielfalt erklären und zum anderen mit der stetig wachsenden technischen Komplexität der Autos. So gab es im Laufe der Jahre nicht nur potenziell mehr Fehlerquellen bei den einzelnen Modellen, sondern es sind auch Fahrzeugteile hinzugekommen, die es früher gar nicht gab. Assistenzsysteme oder Rückfahrkameras beispielsweise.

Die aktuelle ADAC Auswertung zeigt aber auch, dass die Zahlen in den letzten Jahren auf hohem Niveau stabil geblieben sind. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 532 Fahrzeugrückrufaktionen. Das sind etwa 4,5 Prozent mehr als 2023, aber deutlich weniger als im Rekordjahr 2023 mit 569 Rückrufen.

Informieren Sie sich hier, ob Ihr Fahrzeug aktuell von einem Rückruf betroffen ist.

Während also die Anzahl der Rückrufe einigermaßen konstant bleibt, war die Zahl der zurückgerufenen Fahrzeuge 2024 mit über 4 Millionen so hoch wie noch nie. Das erklärt sich einerseits durch die stetig wachsende Zahl der zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland. Denn immer mehr Autos bedeuten automatisch, dass dadurch auch die Anzahl der Fahrzeuge steigt, die zurückgerufen werden müssen.

Andererseits gibt es in manchem Jahr Rückrufe für Modelle, die bei den deutschen Autofahrern und -fahrerinnen besonders beliebt sind. Dann sind die Zahlen entsprechend hoch. Eine bedeutende Rolle spielt in diesem Fall auch der Takata-Rückruf, der unzählige Modellreihen gleichermaßen betroffen hat.

2025: Welche Automarke die meisten Rückrufe hat

Der 3er bMW ist vom Rückruf betroffen
2025 musste BMW die meisten Autos zurückrufen© BMW

2025 gab es knapp 2 Millionen zurückgerufene Fahrzeuge. Für den zahlenmäßig stärksten Rückruf im vergangenen Jahr sorgte ein bayerischer Hersteller. BMW rief wegen eines mangelhaften Bauteils am Anlasser 136.489 Autos zurück. In der Beschreibung des Rückrufs heißt es: "Das Starterrelais kann ungenügend gegen das Eindringen von Wasser sein. Im Falle von Korrosion kann es zu einem Kurzschluss und in der Folge zu einem Brand kommen." Bei den betroffenen Autos wurde jeweils der Anlasser getauscht.

Aktuell beordert BMW auch einige seiner X3-Modelle in die Werkstatt.

Der Hersteller mit den meisten Rückruf-Aktionen war im vergangenen Jahr Mercedes (47), gefolgt von Ford (45), Opel (39), Peugeot (36) und Citroën (33).

Takata und VW: Das sind die prominentesten Rückrufe

Der VW 6er Golf Diesel wird zurück gerufen
Allein aufgrund des Dieselskandals musste VW etwa drei Millionen Pkw zurückzurufen© Volkswagen

Ein Rückruf hält die Fahrzeughersteller seit Jahren in Atem: die fehlerhaften Airbags der Firma Takata. Sie lösten eine noch nie da gewesene Rückrufwelle aus. Betroffen waren und sind Millionen Fahrzeuge. Takata hatte bei den Airbags ein ungeeignetes Treibmittel verwendet – Explosionsgefahr!

Die fehlerhaften Airbags wurden viele Jahre herstellerübergreifend eingebaut. Allein bei den seit 2022 veröffentlichten Rückrufen waren in Deutschland insgesamt über 3,5 Millionen Autos aus den Baujahren 1999 bis 2019 betroffen. Die fehlerhaften Takata-Airbags waren mitverantwortlich für den starken Anstieg zurückgerufener Fahrzeuge im Jahr 2024. Erst im Oktober vergangenen Jahres musste Škoda verschiedene Modelle aus diesem Grund in die Werkstatt beordern.

Ein weiterer sehr prominenter Rückruf: die Entfernung einer unzulässigen Abschalteinrichtung bei Dieselmotoren im Zuge des VW-Dieselskandals, der 2015 ans Licht kam. Der Konzern war in den folgenden Jahren dazu gezwungen, allein in Deutschland etwa 3 Millionen Pkw zurückzurufen und die unzulässige Abschalteinrichtung aus den Autos zu entfernen.

Rückruf durch das KBA: Das passiert dann

In Deutschland ist das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) zuständig für die Marktüberwachung von Kraftfahrzeugen. Das KBA handelt auf Grundlage verschiedener Verordnungen bzw. auf Grundlage des Produktsicherheitsgesetzes (ProdSG) und des Marktüberwachungsgesetzes (MüG).

Das KBA untersucht Mängel an Fahrzeugmodellen, die bei üblicher Nutzung ein ernstes Risiko darstellen. Letztendlich kann das KBA Maßnahmen zur Abhilfe oder Marktbeschränkung gegen die Hersteller bzw. Importeure ergreifen.

1. Meldung eines Rückrufs

Zuerst erhält das KBA per elektronischem Meldeverfahren die Nachricht, dass ein Fahrzeug zurück in die Werkstatt geordert wird. Das elektronische Meldeverfahren gewährleistet, dass ernste Risiken bzw. bereits ergriffene Maßnahmen auch an die zuständigen Marktüberwachungsbehörden aller Mitgliedsstaaten gemeldet werden.

Wenn einem Hersteller oder Importeur ein Mangel an einem Modell auffällt, ist dieser verpflichtet, diesen dem KBA mitzuteilen. Der betroffene Hersteller oder Importeur kann dabei die Bereitstellung der im zentralen Fahrzeugregister gespeicherten Halterdaten beantragen, um alle betroffenen Halter und Halterinnen direkt anschreiben zu können. Alternativ kann dies auch das KBA übernehmen.

In einem Brief werden die Halter und Halterinnen über Hintergründe und Abhilfemaßnahmen in Kenntnis gesetzt und erklärt, welche weitere Schritte nun erforderlich sind. Meistens werden die Autobesitzer und -besitzerinnen aufgefordert, einen Werkstatttermin zu vereinbaren.

2. Prüfung des Rückrufs

Das KBA bewertet den gemeldeten Mangels und sein Risiko. Gibt es seitens des Herstellers oder Importeurs bereits einen geeigneten Lösungsvorschlag, erfolgt vom KBA lediglich eine Anhörung. Erscheint die angebotene Maßnahme aber nicht ausreichend, wird erneut Kontakt mit dem Hersteller oder Importeur aufgenommen.

3. Überwachung des Rückrufs

Das KBA kontrolliert die Erfolgsquote des Rückrufs. Falls notwendig, werden letztmalige Halteranschreiben mit Fristsetzung verfasst und verschickt. Zu guter Letzt können eine Betriebsuntersagung ausgesprochen und entsprechende Fahrzeuge markiert werden. Dabei handelt es sich um Fahrzeuge, die zum Zeitpunkt der Abfrage den Status "außer Betrieb gesetzt" aufwiesen.

Was tun, wenn mein Auto von einem Rückruf betroffen ist?

Wenn Ihr Fahrzeug von einem Rückruf betroffen ist, sollten Sie Folgendes beachten:

  • Vereinbaren Sie möglichst bald einen Termin in einer Herstellerwerkstatt. So kann der Mangel am Fahrzeug schnell behoben werden.

  • Kosten für Material und Arbeitszeit übernehmen die Hersteller oder Importeure. Ein Anspruch auf kostenlose Ersatz-Mobilität besteht nicht.

  • Keine Angst vor Rückrufen: Die Qualität Ihres Fahrzeugs wird dadurch nicht schlechter, und im Zuge eines Rückrufs wird nichts Geheimnisvolles am Auto gemacht.

Wichtig zu wissen: Wer Rückrufe wahrnimmt, erhöht nicht nur seine Sicherheit, sondern steigert auch den Wert seines Fahrzeugs.

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ADAC Forderung an die Hersteller

Fahrzeughalter oder -halterinnen haben ein Recht darauf, zu verstehen, warum ihr Fahrzeug in die Werkstatt muss. Deshalb sollten Hersteller und Importeure stärker darauf achten, dass die Rückrufschreiben besser verständlich formuliert sind.

Häufig ist nicht klar erkennbar, warum genau ein Fahrzeug zurückgerufen wird, welche Gefahren von dem Mangel ausgehen und was das für die Fahrzeughalter und -halterinnen bedeutet. Ebenso fehlen teilweise Angaben darüber, wie lange das Auto in der Werkstatt bleiben muss und wie oder ob es bis zur Abarbeitung des Rückrufs genutzt werden darf.

Fachliche Beratung: Maximilian Bauer, ADAC Technik Zentrum