Sicherheitsrisiko: Kindersitze von Onlineplattformen
Von Andrea Piechotta

Auch wer einen Kindersitz online bestellt, erwartet ein sicheres Produkt für den Schutz seines Kindes im Auto. Eine Stichprobe zeigt: Bei Angeboten auf Onlineplattformen außerhalb Europas ist Vorsicht geboten. Die drei getesteten Kindersitze versagen beim Crashtest.
Drei Kindersitze von Onlineplattformen im Crashtest
Hohes Verletzungsrisiko bei allen getesteten Modellen
Zwei Sitze ohne erforderliche Zulassung
Vorsicht beim Onlinekauf von Kindersitzen
Bei der Recherche stießen die ADAC Kindersitzexperten auf mehrere Kindersitze und Babyschalen, die auf außereuropäischen Onlineplattformen angeboten werden und bei denen Zweifel an der erforderlichen Zulassung bestanden. Für die aktuelle Stichprobe wurden drei Produkte online für einen Crashtest erworben:
Ein tragbarer Kindersitz vom Onlineshop Verodie für Kinder von 0 bis 4 Jahren
Ein Kindersitz vom Webshop Wecro für Kinder von 1 bis 12 Jahren
Eine Babyschale eines Anbieters auf AliExpress
Auffällig waren bei den bei Verodie und Wecro angebotenen Kindersitzen unter anderem fehlende Seitenwangen sowie Gurtsysteme, die nicht dem bei Kindersitzen üblichen Standard entsprechen.
Teilweise fehlte sogar die vorgeschriebene Kindersitz-Norm UN-Reg.-129-Zulassung. Die durchgeführten Crashtests zeigten in allen Fällen ein hohes Verletzungsrisiko für Kinder.
Keine Zulassung: Diese Kindersitze dürfen nicht verwendet werden

Nach der Lieferung zeigte sich, dass die bei Verodie und Wecro gekauften Produkte über keine Bedienungsanleitung und kein Zulassungskennzeichen verfügten. Damit erfüllen sie nicht die gesetzlichen Anforderungen in Europa. Für Kindersitze ist die Zulassung nach der Kindersitz-Norm UN Reg. 129 verpflichtend.
Nur Produkte mit dieser Zulassung dürfen in Europa zur Sicherung von Kindern im Auto verwendet werden. Die beiden von Verodie und Wecro bestellten Sitze besitzen keine entsprechende Kennzeichnung und dürfen daher im Straßenverkehr nicht eingesetzt werden.
Frontalcrash: Kindersitz von Verodie versagt

Für den Frontalaufprall-Test wurde im bei Verodie (Preis rund 24 Euro) gekauften Sitz ein Kinderdummy platziert. Bereits wenige Millisekunden nach dem Aufprall versagten die Kunststoffverschlüsse des Gurtsystems. Zudem rissen die Befestigungsgurte vom Sitz ab.
Der Dummy wurde dadurch kaum zurückgehalten und schleuderte nahezu ungebremst nach vorne. Nur ein Spanngurt, der von den Testern am Dummy befestigt wurde, um die empfindliche Messtechnik zu schützen, verhinderte, dass der Dummy vollständig aus dem Versuchsaufbau herausgeschleudert wurde. Das Ergebnis: Der Schutz beim Frontalaufprall wird als "mangelhaft" bewertet. Das Verletzungsrisiko für das Kind ist sehr hoch.
Auch durchgefallen: Der Wecro-Kindersitz

Aufgrund der gravierenden Mängel im ersten Versuch mit dem Sitz von Verodie wurde die Geschwindigkeit beim Frontalcrash mit dem Wecro-Sitz (Preis rund 29 Euro) sogar reduziert. Doch auch hier versagten die Verschlüsse des Gurtsystems. Der Dummy bewegte sich nahezu ungebremst nach vorne und wurde vom Sitz nicht zurückgehalten.
Die Folge: Auch dieser Sitz erhält beim Frontalaufprall die Bewertung "mangelhaft". Die Gefahr schwerer Verletzungen wäre bei einem realen Unfall erheblich.
Babyschale von AliExpress: Mangelhaft beim Seitencrash

Die über AliExpress bestellte Babyschale (Preis rund 118 Euro) verfügte anders als die beiden anderen Produkte über eine UN-Reg.-129-Kennzeichnung und darf grundsätzlich in Europa verwendet werden. Allerdings fielen bereits bei der Begutachtung die sehr kleinen und nur wenig gepolsterten Seitenwangen auf. Deshalb wurde die Babyschale einem Seitenaufprall-Test unterzogen.
Das Ergebnis war ernüchternd: Der Kopf des Dummys schlug bei der simulierten Kollision gegen die Fahrzeugtür. Die gemessenen Belastungen deuten auf ein hohes Verletzungsrisiko hin. Der Schutz beim Seitenaufprall wird daher ebenfalls mit "mangelhaft" bewertet.
ADAC warnt vor Onlinekauf von Kindersitzen

Die Crashtests machen deutlich, dass der Kauf von Kindersitzen über außereuropäische Onlineplattformen ein erhebliches Risiko für Kinder im Falle eines Unfalls darstellen kann. In der Stichprobe wurden Kindersitze gefunden, die entweder keine gesetzlich vorgeschriebene Zulassung besitzen oder im Crashtest gravierende Sicherheitsmängel zeigten.
Keines der drei getesteten Modelle konnte die Anforderungen des Crashtests im ADAC Kindersitztest erfüllen. In allen Crashversuchen bestand ein hohes Verletzungsrisiko für das Kind.
Kindersitz kaufen: Darauf sollten Eltern achten
Beim Kauf eines Kindersitzes sollten Eltern nicht allein auf den Preis oder auch auf Produktbewertungen im Internet vertrauen. Besonders wichtig sind diese Aspekte:
Eine Zulassung nach der Kindersitz-Norm UN Reg. 129 (i-Size)
Gute Ergebnisse in unabhängigen Kindersitztests
Passender Einbau im eigenen Fahrzeug
Probesitzen des Kindes vor dem Kauf
Fachkundige Beratung im Handel
Der ADAC empfiehlt deshalb, Kindersitze möglichst im Fachhandel oder bei seriösen Anbietern zu kaufen. So können Eltern den Sitz im eigenen Fahrzeug testen und sicherstellen, dass Kind, Fahrzeug und Rückhaltesystem optimal zusammenpassen.
Fachliche Beratung: Burkhard Böttcher, ADAC Technik Zentrum