Sprachbedienung im Auto: Wie sinnvoll ist sie wirklich?

• Lesezeit: 6 Min.

Von Wolfgang Rudschies

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Die Fokussierung auf das Touchdisplay bei der Bedienung im Auto führt zu teils gefährlicher Ablenkung. Kein Problem, sagen die Hersteller mit Verweis auf eine Sprachsteuerung. Aber funktionieren Sprachbefehle tatsächlich so perfekt, wie man sich das wünscht?

  • 40 Autos im ADAC Test

  • Ein Allheilmittel ist Sprachsteuerung nicht

  • Über die Jahre ist Sprachbedienung besser geworden

Sprachsteuerung im Auto hat in den letzten Jahren einen enormen Entwicklungssprung gemacht. Während früher nur vorgegebene Befehle verstanden wurden, die in mehreren Stufen langsam und deutlich gesprochen werden mussten, können Systeme heutzutage einen frei gesprochenen Text solide verarbeiten.

Trotz aller Fortschritte stellen sich dennoch Fragen: In welchen Situationen sind moderne Sprachsysteme wirklich sinnvoll? Und gibt es Funktionen, bei denen die Sprachbedienung einer herkömmlichen Knopfbedienung möglicherweise unterlegen ist?

Dies zu ergründen, hat der ADAC 40 moderne Fahrzeuge untersucht, vom günstigen Dacia Duster bis zum luxuriösen Mercedes GLC.

Wenn Touch- und Sprachbedienung nerven

Eine Sprachbedienung im Auto
Die Sprachbedienung ist über eine Taste am Lenkrad oder durch ein Codewort aktivierbar© ADAC/Wolfgang Rudschies

Der Trend, separate Bedienelemente wie Tasten und Regler einzusparen und die Funktionen stattdessen in das zentrale Touchdisplay zu verlagern, sorgt bei Kunden oft für Unmut. Konfrontiert man die Autohersteller mit den Erfahrungen aus den ADAC Autotests sowie den zahlreichen Beschwerden der ADAC Mitglieder, die mit den tastenarmen Cockpits überfordert sind, wird häufig die Sprachsteuerung ins Feld geführt. Das Argument: Separate Bedienelemente seien oftmals nicht erforderlich, die jeweilige Funktion könne schließlich mittels der Sprachsteuerung ausgeführt werden.

Doch dazu müssen die Sprachbediensysteme auch gut funktionieren. Der ADAC hat die Systeme aktueller Autos auf ihre Praxistauglichkeit hin untersucht.

Viele Systeme der Sprachbedienung sind inzwischen so intelligent, dass sie beispielsweise auf den Befehl "Mir ist kalt" hin die Innenraumtemperatur erhöhen oder auf "Die Scheibe beschlägt" die Defrost-Funktion aktivieren. Zudem können einige Modelle sogar erkennen, von welchem Sitzplatz der Sprachbefehl kommt. Äußert beispielsweise der Beifahrer den Befehl "Sitzheizung anschalten", wird dessen Sitzheizung aktiviert und nicht etwa die des Fahrers.

Stärken und Schwächen der Sprachbedienung

In den drei Kategorien "Sicht & Assistenz", "Klimatisierung" und "Infotainment" mussten die Testwagen verschiedene Sprachbefehle zu insgesamt 18 Bedienaufgaben umsetzen. Unter dem Strich haben von den 40 Fahrzeugen 16 die Note "gut" und 14 ein "befriedigend" erhalten, 7 Fahrzeuge bekamen ein "ausreichend", 3 die Note "mangelhaft".

FahrzeugGesamtnoteSicht & AssistenzKlimatisierungInfotainment

Audi A3

befriedigend

mangelhaft

gut

gut

Audi Q6 e-tron

befriedigend

mangelhaft

sehr gut

gut

Audi e-tron GT

ausreichend

mangelhaft

mangelhaft

gut

BMW 5er

gut

befriedigend

sehr gut

sehr gut

BMW iX3

befriedigend

mangelhaft

gut

sehr gut

BYD Seal

befriedigend

mangelhaft

sehr gut

gut

Cupra Born

befriedigend

mangelhaft

gut

sehr gut

Dacia Duster

mangelhaft

mangelhaft

mangelhaft

mangelhaft

Dacia Jogger

mangelhaft

mangelhaft

mangelhaft

mangelhaft

Ford Capri

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Ford Kuga

ausreichend

mangelhaft

ausreichend

gut

Honda Civic

ausreichend

mangelhaft

mangelhaft

befriedigend

Hyundai Ioniq 6

befriedigend

mangelhaft

befriedigend

gut

Kia EV3

befriedigend

mangelhaft

befriedigend

gut

Leapmotor C10

ausreichend

mangelhaft

mangelhaft

gut

Lynk & Co 08

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Mazda CX-5

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Mercedes CLE

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Mercedes CLA EQ

gut

ausreichend

sehr gut

sehr gut

MG MG4

ausreichend

mangelhaft

ausreichend

ausreichend

Mini Cooper E

befriedigend

mangelhaft

gut

sehr gut

Mitsubishi Outlander

ausreichend

mangelhaft

mangelhaft

gut

Nio EL8

gut

befriedigend

sehr gut

gut

Nissan Leaf

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Opel Grandland

befriedigend

mangelhaft

befriedigend

sehr gut

Peugeot e-3008

befriedigend

mangelhaft

befriedigend

gut

Porsche Cayenne

befriedigend

mangelhaft

sehr gut

gut

Renault Clio

befriedigend

mangelhaft

gut

sehr gut

Renault Scénic

befriedigend

mangelhaft

gut

sehr gut

Škoda Elroq

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Škoda Superb

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Smart #5

gut

ausreichend

sehr gut

sehr gut

Suzuki e-Vitara

mangelhaft

mangelhaft

mangelhaft

ausreichend

Tesla Model Y

gut

ausreichend

gut

sehr gut

Toyota Prius

ausreichend

mangelhaft

mangelhaft

sehr gut

Volvo EC40

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

Volvo ES90

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

VW Golf

gut

mangelhaft

sehr gut

sehr gut

VW ID.7

gut

ausreichend

sehr gut

sehr gut

XPeng G6

befriedigend

ausreichend

gut

gut

Welcher Sprachassistent ist am besten?

Mit Abstand am besten geschlagen hat sich der BMW 5er, der 16 von 18 Bedienaufgaben erledigen konnte. Der Mini Cooper E ist bei Klimatisierung und Infotainment gut dabei, Licht- und Sicht- sowie ADAS-Sprachbefehle versteht er nicht. Sehr schlecht aufgestellt bei der Sprachbedienung ist der Suzuki e-Vitara.

Die zwei Dacia sind im Test komplett durchgefallen, weil die beiden Modelle Sprachbedienung nur in Verbindung mit einem gekoppelten Smartphone ermöglichen.

Wie weit die Qualitäten heutiger Sprachbedienungen auseinanderliegen, sieht man anhand dieser drei Fahrzeugbeispiele. Gut hat der BMW abgeschnitten, der Mini insgesamt mittelmäßig und der Suzuki schlecht.

SprachbefehlBMW 5erMini Cooper ESuzuki e-Vitara

Licht und Sicht




Abblendlicht einschalten

ja

nein

nein

Nebelschlussleuchte einschalten

ja

nein

nein

Warnblinker aktivieren

nein

nein

nein

Scheibenwischer einschalten

nein

nein

nein

Klimatisierung




Defrost aktivieren

ja

ja

nein

Gebläsestufe einstellen

ja

ja

nein

Temperatur einstellen

ja

ja

nein

Sitzheizung einschalten

ja

ja

nein

Klimaanlage (AC) aktivieren

ja

ja

nein

Umluft aktivieren

ja

nein

nein

Infotainment




Zielführung zu Adresse

ja

ja

ja

Zielführung beenden

ja

ja

ja

Radiosender aufrufen

ja

ja

nein

Telefonkontakt anrufen

ja

ja

ja

Tankstelle/Ladesäule suchen

ja

ja

nein

Radio stummschalten

ja

ja

nein

ADAS




Geschwindigkeitswarner ausschalten

ja

nein

nein

Spurhalteassistent ausschalten

ja

nein

nein

Was Sprachbedienung heute kann

Frau tippt im Auto in ein Navi
Die Eingabe eines Navigationsziels per Hand ist umständlich und gefährlich© iStock.com/nito100

1. Die Sprachsteuerung funktioniert im Bereich Infotainment in der Regel gut und ist dort besonders sinnvoll.

Gerade bei langwierigen Befehlseingaben wie einer Navigationsadresse, bestehend aus Ort, Straße und Hausnummer, oder der Auswahl eines Radiosenders aus den inzwischen mehrere Dutzend Radiostationen umfassenden Senderlisten ist die Sprachsteuerung die beste Bedienmethode und lenkt den Fahrer nicht ab. Im Gegensatz zur manuellen Eingabe: Nicht umsonst ist sie zur Eingabe eines Navigationsziels bei einigen Modellen während der Fahrt gesperrt.

2. Grundfunktionen im Pkw per Sprachbefehl umzustellen ist mit den heutigen Systemen meist nicht möglich.

Von den 40 getesteten Fahrzeugen waren lediglich 4 Modelle in der Lage, das Abblendlicht und die Nebelschlussleuchte per Sprachbefehl direkt zu aktivieren. Das Einschalten der vorderen Scheibenwischer war bei 2 Modellen möglich, die Betätigung des Warnblinkers beherrschte kein Fahrzeug.

3. Das Deaktivieren der abgeprüften zwei ADAS-Funktionen funktionierte nur bei wenigen Fahrzeugen.

In 3 Modellen lassen sich beide Assistenten (ADAS) mittels eines Sprachbefehls ausschalten. Bei 5 anderen Modellen lässt sich die entsprechende Bedienoberfläche öffnen und die Funktion darüber ausschalten. In den restlichen 32 Fahrzeugen funktioniert die Bedienung von Assistenzsystemen per Sprachbefehl gar nicht.

ADAS steht für Advanced Driver Assistance Systems (auf Deutsch: fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme) und bezeichnet elektronische Sicherheitstechnik im Auto, die den Fahrer unterstützen, die Sicherheit erhöhen und menschliche Fehler im Straßenverkehr vermeiden soll. Diese Assistenzsysteme sind bei Neuwagen verpflichtend an Bord und werden bei jedem Zündungswechsel automatisch aktiviert.

Problem: Aufgrund der oft störenden und als übergriffig empfundenen Reaktionen neigen Autofahrer dazu, Tempowarner und Spurhalter auszuschalten. Das Deaktivieren über das Zentraldisplay erfordert mitunter einen hohen zeitlichen Bedienaufwand – was extrem gefährlich werden kann. Aus Gründen der Verkehrssicherheit wäre es also sinnvoll, wenn solche Funktionen durch einen einfachen Sprachbefehl umgesetzt werden könnten.

4. Klimafunktionen lassen sich beim Großteil der getesteten Fahrzeuge mithilfe von Spracheingaben steuern.

Diese Methode ist der Einstellung per Klima-Menü am Touchscreen vorzuziehen, weil es schneller geht und den Fahrer vor allem nicht ablenkt. Bei Autos, die separate Bedienelemente für Temperatur, Gebläse oder Sitzheizung bieten, sind die Einstellungen per Hand allerdings noch schneller umgestellt, da der Griff zur Taste noch etwas rascher gelingt.

Was Sprachbedienung leisten sollte

Viele Funktionen sind zeit- und sicherheitskritisch und müssen sich daher unter allen Umständen schnell und zuverlässig ausführen lassen. Dass einige Hersteller auf dezidierte Bedienelemente etwa für das Abblendlicht oder das Einstellen des Scheibenwischers verzichten und stattdessen die Funktionen in den (Unter-)Menüs des Infotainmentsystems platzieren bzw. an die Sprachsteuerung anbinden, ist der falsche Weg.

Bei plötzlich auftretendem Nebel muss der Fahrer das Nebellicht mit einem Handgriff umgehend einschalten können. Gleiches gilt bei einem Platzregen. Die Aktivierung per Sprachbefehl dauert in diesen Fällen länger und erhöht dadurch die Unfallgefahr.

Im Bereich des Infotainments hat die Sprachbedienung dagegen große Stärken und ist besonders bei langwierigen Bedienaufgaben (z.B. Zieleingabe, Anrufen eines Telefonkontakts oder Auswahl eines Radiosenders) die beste Möglichkeit zur Befehlseingabe – vorausgesetzt, das Sprachsystem kann den Befehl schnell und zuverlässig umsetzen. Auch beim Aufrufen selten genutzter Fahrzeugfunktionen, die sich oftmals in den Tiefen des Fahrzeugmenüs verbergen, kann die Sprachbedienung hilfreich sein und die Ablenkungsgefahr reduzieren.

Nicht jeder möchte eine Sprachsteuerung nutzen

Einschränkend muss gesagt werden, dass nicht jeder Fahrer sich mit einem Sprachbediensystem anfreunden kann oder mit seinem Fahrzeug sprechen möchte. Mitunter auch aus Datenschutzgründen, da die Verarbeitung gerade komplexer Sprachbefehle über die Server des Herstellers oder eines Dienstleisters (z.B. ChatGPT, Amazon Alexa) erfolgt.

Zudem gibt es Situationen, in denen die Sprachsteuerung unangebracht oder schlicht nicht nutzbar ist, etwa wenn sich die Insassen unterhalten, schlafende Mitfahrer nicht gestört werden sollen oder gerade ein Telefongespräch geführt wird. Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Sprachsteuerung zwar ein praktisches Hilfsmittel ist, eine zuverlässige haptische Bedienung jedoch nicht ersetzen kann.

Weil die Verarbeitung der Befehle teilweise in der Cloud, also außerhalb des Fahrzeugs, erfolgt, ist die Internetanbindung des Fahrzeugs zwingend erforderlich. Wegen der Datendienste kommen aber früher oder später Kosten auf den Nutzer zu. Will jemand das Geld sparen und die Datendienste kündigen, steht die Sprachbedienung nicht oder nur noch stark eingeschränkt zur Verfügung.

Fazit: Knöpfe und Tasten sind nicht komplett zu ersetzen

Obwohl moderne Sprachsysteme immer schneller und umfassender funktionieren, werden sie die konventionelle Bedienung über Knöpfe und Tasten nicht komplett ersetzen können. Die Begründung dafür ergibt sich aus den getesteten Fallbeispielen.

Ideal bei der Bedienbarkeit von Fahrzeugen ist aus Sicht des ADAC ein "Dreiklang" folgender Komponenten:

  • Physische Tasten und Regler für sicherheitskritische und häufig genutzte Fahrzeugfunktionen

  • Touchscreen für visuelle Darstellung, Karten, Medien und Einstellungen

  • Sprachsteuerung für komplexe, selten genutzte oder während der Fahrt ablenkende Funktionen

Fachliche Beratung: Alexander Werner, ADAC Technik Zentrum