Test Notbremsassistenten: Wenn die Technik den Durchblick verliert
Von Andreas Huber
Assistenzsysteme können das Autofahren sicherer machen. Je nach Wetterlage stoßen die Helfer aber an ihre Grenzen. Wie gut im Speziellen Notbremsassistenten bei Starkregen oder Nebel funktionieren, hat der ADAC in einer Stichprobe getestet.
ADAC testet Notbremsassistenten unter Extrembedingungen
Ergebnisse sind durchwachsen
Forderung: Hersteller müssen Systeme robuster auslegen
Nebel, Regen oder stark blendender Gegenverkehr – solche Wettereinflüsse erschweren das Fahren ungemein. Was der Person am Steuer die Sicht nimmt, bringt auch moderne Notbremsassistenzsysteme an ihre Grenzen. Die Helfer können im Alltag zwar Gefahrensituationen entschärfen oder ganz vermeiden. Wenn aber selbst der Mensch nichts mehr sieht, kann auch das Auto oft nur begrenzt unterstützen.
ADAC Test geht über Euro-NCAP-Standardtest hinaus
Zwar werden Notbremsassistenzsysteme im Rahmen der Sicherheitsbewertung von Euro NCAP bereits auf ihre Funktion hin getestet, allerdings finden diese Tests nur unter Idealbedingungen, also bei gutem Wetter, statt. Schlechtwettersituationen kennt das Testprozedere hier nicht.
Zwar hat Euro NCAP bereits angekündigt, im Laufe des Jahres 2026 Schlechtwetter-Szenarien bei der Bewertung solcher Assistenten mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Allerdings testet das Konsortium hier nicht selbst, sondern stützt sich auf Daten der Fahrzeughersteller. Doch kann man den Aussagen der Hersteller vertrauen? Für den ADAC Grund genug, verschiedene Fahrzeuge auch unter widrigen Bedingungen auf die Probe zu stellen.
Notbremsassistenten: Sechs Neuwagen im Test

Um vergleichbare Daten zu schaffen, nutzte das Testteam des ADAC eine Wetterhalle, die es erlaubt, unterschiedliche Wettereinflüsse zu simulieren. Auf rund 1600 Quadratmetern haben die Ingenieurinnen und Ingenieure die Möglichkeit, reproduzierbar realistische Bedingungen für die Sensorprüfung zu schaffen. Dazu gehören unterschiedliche Lichtverhältnisse, starker Nebel und Starkregen. Die Testszenarien lassen sich hier beliebig oft wiederholen, um allen Testkandidaten die gleichen Aufgaben zu stellen.
Sechs Autos mussten sich in der Wetterhalle beweisen. Testsieger war dabei der Mercedes CLA, gefolgt von Nio EL6, Tesla Model Y, Subaru Impreza, VW T-Roc und dem BYD Seal.
Ergebnisse teils ernüchternd

Unterm Strich zeigt sich: Kein Assistenzsystem meistert alle Situationen. Besonders dichter Nebel bringt die Technik an ihre Grenzen – hier versagen fast alle Testkandidaten, erkennen kreuzende Fußgänger nicht oder reagieren nicht auf stehende Fahrzeuge. Einen Unfall können sie somit nicht oder nur teilweise vermeiden.
Eine Ausnahme ist der Mercedes CLA, der in dichtem Nebel überraschend stabil reagiert, jedoch einen kreuzenden Fußgänger in leichtem Regen nur unzuverlässig erkennt. Der BYD Seal fällt insgesamt ab: Er tut sich bei Schlechtwetter schwer und warnt nicht vor Einschränkungen der Sensorik.
Subaru überzeugt dagegen vor allem mit transparenter Kommunikation: Das Kamera-System macht reduzierte Sicht klar kenntlich und ist nach einem Neustart meist sofort wieder einsatzbereit.
Das Testprozedere im Überblick
Das Team des ADAC testete die Fahrzeuge in sechs unterschiedlichen Wetterszenarien. Dabei hatten die Systeme jeweils mit einem kreuzenden Fußgänger und einem stehenden Fahrzeug zu kämpfen. Die Testfahrzeuge wurden immer auf 30 km/h beschleunigt und in die jeweiligen Testszenarien geschickt:
ein kreuzender Fußgänger-Dummy, der sich mit 5 km/h bewegt
ein stehendes Fahrzeug mit aktiver Heckbeleuchtung
Jeder Versuch wurde dreifach gefahren. Nach zwei übereinstimmenden Ergebnissen wurden diese auf den dritten Versuch überschrieben. Somit fuhren manche Modelle nur zweimal in den jeweiligen Testaufbau hinein.
Die Ergebnisse im Detail
Verbaute Sensorik: Radar, Kamera
Beeindruckt auch im dichten Nebel, zeigt aber im leichten Regen mit kreuzendem Fußgänger überraschende Schwächen, da die bereits eingeleitete Bremsung abgebrochen wurde.
Verbaute Sensorik: Lidar, Radar, Kamera
Unter Normalbedingungen arbeitet das System stabil, allerdings sind deutliche Einschränkungen bei dichtem Nebel zu beobachten. Trotz des technisch dem Radar überlegenen Lidar-Systems, wurde der Nio nicht erster.
Verbaute Sensorik: Kamera
Zeigt Probleme beim stehenden Fahrzeug und Nässe. Im dichten Nebel kommt es nur zu einer Warnung, eine Bremsung wurde nicht eingeleitet. Das System setzt nie ganz aus.
Verbaute Sensorik: Kamera
Der Subaru kommt mit Stereo-Kamera ohne Radar aus und kann überzeugen. Er warnt und bremst bei Erkennung sehr früh, setz bei dichtem aber Nebel aus. Der Subaru kommuniziert schlechte Sichtverhältnisse sehr klar und schaltet oft nach der Notbremsung ab, ist nach einem Neustart wieder aktiv.
Verbaute Sensorik: Radar, Kamera
Bei querenden Fußgängern erreicht das System frühzeitig seine Leistungsgrenzen. Bei dichtem Nebel ist der Notbremsassistent nicht verfügbar.
Verbaute Sensorik: Radar, Kamera
Im Test zeigte das Notbremssystem durchgehend Schwächen. Bei Starkregen und dichtem Nebel erfolgte nahezu keine Reaktion. Der Seal meldete dabei keine Sensorstörungen – entsprechende Warn‑ oder Störungshinweise blieben aus.
Technik: Kameras und Radar dominieren den Markt

Ein Blick auf die verbauten Sensoren zeigt: In der Branche dominieren derzeit hybride Fusionssysteme aus Kamera und Radar. Gleichzeitig macht Tesla vor, dass auch ein reduziertes Konzept – also ein kamerabasiertes System – respektable Leistungen erreichen kann. Das Model Y verhindert zwar nicht jede Kollision, warnt aber in allen Szenarien mindestens einmal und verschafft damit wertvolle Reaktionszeit.
Umgekehrt gilt: Mehr Sensoren bedeuten nicht automatisch bessere Ergebnisse. Selbst der mit Lidar ausgestattete Nio EL6 stößt bei dichtem Nebel an Grenzen – die Signalverarbeitung sowie das Zusammenspiel von Licht, Wassertröpfchen und reflektierenden Oberflächen bleiben offenbar eine besondere Herausforderung.
ADAC fordert: Assistenten müssen funktionieren
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Notbremsassistenten stets nur als letzte Rückfallebene zu verstehen sind. Die Person am Steuer ist immer die beste Instanz, um einen Unfall zu verhindern. Verlangen aber Unachtsamkeit oder schlechtes Wetter ein Eingreifen des Fahrzeugs, müssen die Systeme robust und zuverlässig arbeiten.
Genau hier liegt die Aufgabe der Hersteller: Systeme besser gegen Umweltbedingungen abzusichern. Ebenso wichtig ist eine klare Kommunikation zwischen Fahrzeug und Mensch. Wenn Systemgrenzen erreicht sind, braucht es unübersehbare Hinweise – konsistent, verständlich und rechtzeitig.
Fachliche Beratung: Manuel Griesmann - ADAC Technik Zentrum
