Staubilanz 2020: Drastischer Stau-Rückgang im Corona-Jahr

Eine Frau mit Maske sitzt angeschnallt in einem Auto
Deutschlands Autofahrer standen 2020 deutlich seltener im Stau als in den Vorjahren ∙ © Shutterstock/hedgehog94

Die Corona-Krise hat das öffentliche Leben in Deutschland 2020 weitgehend lahmgelegt. Auf den Straßenverkehr hatte sie allerdings eine positive Auswirkung. Die Staus auf den Autobahnen gingen gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent zurück. Das ergibt eine Auswertung der ADAC Verkehrsdatenbank.

  • Autofahrer standen 2020 halb so lang im Stau wie 2019

  • Die wenigsten Staus gab es im April, die meisten im September

  • A1, A3, A5 und A8 bleiben Spitzenreiter bei den Stau-Autobahnen

Wie die Analyse der ADAC Verkehrsdatenbank zeigt, bildeten sich 2020 auf Deutschlands Autobahnen rund 513.500 Staus – etwa 28 Prozent weniger als 2019. Ihre Gesamtlänge (rund 679.000 Kilometer) nahm im Vergleich zu 2019 um 52 Prozent ab. Autofahrer mussten auch deutlich kürzer im Stillstand ausharren. Die Gesamtdauer der gemeldeten Störungen sank um knapp 51 Prozent auf 256.000 Stunden.

Pkw-Verkehr bricht im Corona-Jahr ein

Die Kfz-Fahrleistung auf den Autobahnen – errechnet von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) – hat im Jahr 2020 infolge der Corona-Pandemie gegenüber dem Vorjahr deutlich abgenommen, insgesamt voraussichtlich um etwa 12 Prozent (Die Zahlen für Dezember 2020 werden erst Ende Februar 2021 veröffentlicht). Dabei war der Einbruch beim Pkw-Aufkommen signifikant, während die Zahlen von Lkw und Sattelzügen über 3,5 Tonnen – abgesehen von Einbrüchen im April und Mai – annähernd gleich blieb.

Besonders stark war der Rückgang des Pkw-Verkehrs im ersten Lockdown und in den Folgewochen: Rückgang im März um etwa ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr, im April sogar um mehr als die Hälfte. Nach der Lockerung bzw. der Aufhebung der Reiseverbote ab Mitte Mai 2020 stieg das Verkehrsaufkommen wieder. Mit den verschärften Corona-Regeln im November brach der Pkw-Verkehr erneut um ca. 26 Prozent ein.

Weniger Reise- und Berufsverkehr

Der Einbruch des Pkw-Verkehrs auf den Autobahnen dürfte mehrere Gründe haben. Der Berufsverkehr war deutlich geringer, weil viele Menschen von zu Hause aus arbeiteten. Dies wurde auch dadurch nicht ausgeglichen, dass Nutzer von Bus und Bahn aus Angst vor einer Ansteckung aufs Auto umgestiegen sind. Auch auf private Auto- und Dienstreisen verzichteten viele Deutsche.

Baustellen und Staus

Ähnlich wie das Kfz-Aufkommen standen auch die Staus ganz im Zeichen der Corona-Pandemie und den damit verhängten Einschränkungen und Reiseverboten. Während des ersten Lockdowns im März haben sich die Staus und Staulängen gegenüber Februar 2020 nahezu halbiert. Im April gingen sie dann noch mal um knapp 50 Prozent zurück, die Staulängen schrumpften sogar um 70 Prozent. Insgesamt war der April der stauärmste Monat.

Mit den Corona-Lockerungen der Reisebeschränkungen ab Mitte Mai nahmen das Verkehrsaufkommen und in der Folge die Staus wieder zu. Der staureichste Monat 2020 war der September. Beim zweiten Lockdown ab November reduzierten sich im Vergleich zum Oktober die Staus auf den Autobahnen um knapp 32 Prozent, die Staulängen schrumpften um mehr als 50 Prozent.

30 Prozent mehr Baustellen 2020

Anders als in den Vorjahren lässt sich in diesem Jahr kein klarer oder eindeutiger Zusammenhang zwischen den Baustellen und der Stauentwicklung erkennen. Im Corona-Jahr gab es rund 30 Prozent mehr Baustellen als 2019, die meisten davon im August und September. In dieser Zeit waren bis zu 800 zeitgleich in Betrieb.

Drastischer Stau-Rückgang an Ostern und Pfingsten

Die Reisetage um Ostern und Pfingsten zählen normalerweise zu den staureichsten Zeiten des Jahres. Nicht so 2020. Der Reise- und Ausflugsverkehr im Frühjahr blieb fast vollständig aus. In der Osterwoche registrierten die Experten "nur" rund 1800 Staukilometer. Im Vorjahr waren es 26.800 Kilometer. An Pfingsten summierten sich die Staulängen auf 12.000 Kilometer und damit weniger als die Hälfte vom Vorjahr. In der Weihnachtswoche waren es knapp 2700 Staukilometer und damit um rund 80 Prozent weniger als 2019.

Staubilanz 2020: Weitere interessante Fakten

  • Dienstag war der staureichste Wochentag (2019 Mittwoch)

  • Der staureichste Tag des Jahres war Donnerstag, 27. Februar (Tag nach Aschermittwoch) mit rund 5600 km Stau

  • Der längste Stau, den Autofahrer über sich ergehen lassen mussten, bildete sich am Donnerstag, 6. Februar, auf der A81 Stuttgart -> Heilbronn zwischen Stuttgart-Feuerbach und Heilbronn/Untergruppenbach (27 km Länge)

  • Am Mittwoch, 10. Juni 2020 (Tag vor Christi Himmelfahrt) summierten sich die Staus nur auf einer Länge von rund 2700 km (Vorjahr: 8000 km)

Die schlimmsten Stau-Autobahnen

Die staureichsten Bundesländer blieben auch im Corona-Jahr trotz Stau-Rückgängen von bis zu 43 Prozent Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Auf diese drei Bundesländer entfielen insgesamt etwas mehr als die Hälfte aller Staumeldungen. Die Autobahnen A1, A3, A5 und A8 führten wie schon im Vorjahr das Stau-Ranking an, allerdings ebenfalls auf einem deutlich geringeren Niveau als 2019.

Auch an der Situation der besonders betroffenen Autobahnabschnitte änderte sich im Corona-Jahr nicht viel. Auf Platz 1 landete wieder der Abschnitt der A3 zwischen der Bundesgrenze Suben und Passau wegen der weiter andauernden Grenzkontrollen. Im Sommer 2020 wurde hier zudem eine Corona-Teststation für Reiserückkehrer in Betrieb genommen. Das Stauniveau auf diesem Abschnitt lag 2020 (316 Staukilometer je Kilometer Autobahn) allerdings deutlich unter dem Vorjahresniveau (598).

Erneut waren auch folgende drei Abschnitte in Baden-Württemberg in den Top 10 mit dabei: A5 Karlsruhe – Heidelberg, A6 Mannheim – Heilbronn und A8 Karlsruhe – Stuttgart.

Im Großraum Köln schafften es die Abschnitte A3 Köln – Oberhausen, A1 Köln – Dortmund, A4 Aachen – Köln in die Liste der zehn führenden Staustrecken.

Ausblick und Empfehlungen des ADAC

Für 2021 rechnet der ADAC mit einer allmählichen Normalisierung der Corona-Situation und in Folge dessen wieder mit zunehmend mehr Kfz-Verkehr sowie Staus und Behinderungen auf den Autobahnen. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich die Zahl der Arbeitswege sowie dienstlichen Reisen durch Homeoffice und Videokonferenzen deutlich reduzieren lässt. Flexible Arbeitsmodelle können den Berufsverkehr entzerren und Straße, Bus und Bahn entlasten.

Nach Ansicht des ADAC sollten Pendler mit Besserung der Corona-Lage auch wieder verstärkt den ÖPNV nutzen. Aus Angst vor einer Ansteckung sind zahlreiche Nutzer von Bus und Bahn auf das Auto umgestiegen. Diese Kunden müssen zunächst wiedergewonnen werden. Zudem sollten nicht nur Pendlern, die jeden Tag unterwegs zur Arbeit sind, günstige Zeitkarten bzw. Abos angeboten werden. Gerade Arbeitnehmer, die nicht täglich ins Büro fahren, benötigen neue digitale Tarife, so dass sie flexibel den ÖPNV nutzen können und dabei nicht auf teure Einzeltickets angewiesen sind.

Der ADAC fordert in diesem Zusammenhang, dass die Modernisierung der Schienensysteme im Nah- aber auch Fernverkehr konsequent vorangetrieben wird, um ein zuverlässiges, leistungsfähiges und attraktives Angebot zu gewährleisten.

Schließlich fordert der ADAC für einen möglichst störungsfreien Verkehr das Verkehrs- und Baustellenmanagement weiter zu verbessern. Dazu gehört, dass Engpässe auf chronisch überlasteten Strecken auch durch bauliche Maßnahmen beseitigt werden. Hier setzt der Club große Hoffnungen in die neue Autobahn GmbH des Bundes.

Nicht zuletzt kann der Verkehrsteilnehmer dazu beitragen, Staus zu vermeiden. Er kann sein Transportmittel, seine Zeit und Route zum Beispiel so wählen, dass er zum Aufkommen weniger beiträgt und somit letztlich CO2 spart.

Tipps für Autofahrer

Autofahrer, die 2021 weniger häufig im Stau stehen und ihre Fahrt individuell planen wollen, können sich vor Fahrtantritt über die aktuelle Verkehrslage und die Baustellensituation informieren.

Hier erfahren Sie, wie sich Autofahrer im Stau richtig verhalten.

Tipps für eine entspannte Autofahrt mit Kindern.

So haben die ADAC Stau-Experten untersucht

Den ADAC Stauexperten stehen folgende Datenquellen zur Erstellung der Staubilanz zur Verfügung: Fahrzeugflotten mit ihren Positions- und Geschwindigkeitsdaten (Floating Car Data bzw. FCD) in Echtzeit von ca. 300.000 Lkw-Flotten sowie rund 4,5 Millionen Nutzern von Smartphone-Apps.

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Katharina Dümmer
Redakteurin
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