Kinder auf dem Fahrrad mitnehmen: Praktisch – aber auch sicher?

Bild: © ADAC/Uwe Rattay, Video: © ADAC e.V.

Wer kleine Kinder auf dem Fahrrad mitnehmen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Doch welche ist die beste und vor allem die sicherste? Lastenrad, Anhänger und Nachläufer im ADAC Systemvergleich.

  • Lastenräder brauchen viel Platz

  • Fahrradanhänger mit Federung am komfortabelsten

  • Sicherheit noch ausbaufähig

Der Trend zum Fahrrad ist ungebrochen: Nicht erst seit der Corona-Krise boomt der Markt für Zweiräder. Speziell in den staugeplagten Großstädten können Fahrräder ihre Vorteile ausspielen. Und so werden auch immer mehr Kleinkinder mit dem Zweirad statt mit dem Auto von A nach B transportiert.

Kinder transportieren: Diese Möglichkeiten gibt es

Neben dem altbekannten Fahrradanhänger sind immer häufiger auch ein- oder mehrspurige Lastenräder zu sehen. Eine Variante davon ist der "Backpacker", also ein Fahrrad mit verlängertem Heck, auf dem sich bis zu zwei Kindersitze installieren lassen. Und: Mit einem "Nachläufer" kann ein Kind auf dem eigenen Fahrrad hinterhergezogen, ein weiteres auf dem Erwachsenenfahrrad im Kindersitz mitgenommen werden.

Der ADAC hat sich Handhabung, Komfort, Fahrverhalten und Sicherheit der verschiedenen Systeme angesehen. Das Ergebnis: Es gibt nicht das eine, herausragende System, das jedem zu empfehlen wäre. Vielmehr besitzt jedes einzelne seine Vorzüge, aber auch Nachteile. Und: Besonders bei der Sicherheit gibt es noch Nachholbedarf.

Wie sicher sind Lastenrad, Fahrradsitz und Co.?

ADAC Test Systemvergleich und Crashtest Kindertransport mit dem Fahrrad
Aufprall mit 30 km/h: Das Lastenrad kippt um und schlittert weiter ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Dieses Horrorszenario möchte man sich im wahren Leben nicht ausmalen: Ein Auto stößt mit dem Fahrrad zusammen, auf dem Kinder transportiert werden. Wie sicher sitzt man dann in oder auf den untersuchten Gefährten? In seiner Crash-Halle hat der ADAC daher einen Unfall nachgestellt, wie er in der Stadt durchaus vorkommen kann. Ein Auto trifft mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h und einem Winkel von 45 Grad auf die fünf verschiedenen Transportsysteme. An Bord der Fahrräder: ein Erwachsenendummy und zwei Kinderdummys.

Das Ergebnis: Die beiden Systeme mit Transportbox (Lastenfahrrad "Long John" und dreirädriges Lastenfahrrad) kippten in Folge des Aufpralls auf die Seite und schlitterten auf Grund der glatten Oberfläche der Transportboxen deutlich weiter als die Systeme ohne Transportbox – im schlimmsten Fall in den Gegenverkehr mit entsprechend gefährlichen Folgen.

Was dazu kommt und ebenfalls sehr bedenklich ist: Der "Long John" besitzt eine klappbare Sitzbank, an der auch das Gurt- und Rückhaltesystem befestigt ist. Durch die Kräfte beim Aufprall wird dieses aus der Verankerung gerissen! Weil dann die Gurte nicht mehr gestrafft sind, geht die Rückhaltewirkung verloren und die Dummys fallen nach dem Crashversuch aus der Transportbox. Die Rückhaltesysteme sollten daher verbessert werden.

Die erhöhte Sitzposition des Backpacker ist bei diesem Crash vorteilhaft ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Auch wenn ein Crash mit einem Auto für den Fahrradfahrer nie besonders gut ausgeht, haben der Fahrradanhänger sowie das Lastenfahrrad "Backpacker" mit der hohen Sitzposition für Kinder, die zudem in Kindersitzen untergebracht sind, Vorteile gegenüber den restlichen Systemen. Das schlechteste Bild gibt der Nachläufer ab. Das System bietet keinen zusätzlichen Schutz für das Kind auf dem eigenen Fahrrad: Hüfte und Beine werden beim Crash direkt getroffen, der Dummy prallt mit dem Kopf auf den Asphalt und schlittert ungeschützt weiter.

Wichtig: In jedem Fall sollten die Kinder unbedingt einen Helm tragen!

Handhabung und Fahrverhalten

Beim Lastenrad "Long John" beeinträchtigen das Lenkrad den Kopf der Kinder im Gepäckkasten
Beim Long John kollidiert der Bremsgriff des Lenkers beim Fahren mit den Köpfen der Insassen ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Nicht nur bei der Sicherheit, auch bei den übrigen bewerteten Kategorien fallen die Ergebnisse recht unterschiedlich aus. Die Lastenräder sind allesamt recht sperrig und lassen sich nur mit Mühe und großen Fahrzeugen transportieren – sie in den Familienurlaub mitzunehmen, fällt daher meist flach. Zudem benötigt das Trio, allen voran das dreirädrige Lastenfahrrad, eine große Abstellfläche, wenn es nicht benutzt wird. Der Nachläufer und der zusammenklappbare Fahrradanhänger dagegen finden in Keller oder Garage eher einen Platz.

Große Unterschiede auch beim Fahrverhalten. So lassen sich das Lastenfahrrad "Backpacker", der Fahrradanhänger und das Nachläufersystem sehr konventionell bewegen und erst mit viel Gepäck oder zwei Kindern auf dem großen Gepäckträger macht sich der hohe Schwerpunkt beim Fahren bemerkbar und es wird etwas kippeliger. Und dass der Bremshebel am Lenker bei Kurvenfahrt mit den Köpfen der Insassen in Berührung kommt, ist beim "Long John" mehr als unschön.

Wegen ihrer Breite haben die beiden anderen Lastenfahrräder wie auch der Fahrradanhänger auf dem Fahrradweg, bei Begrenzungspollern und auf Wegen mit vielen Fußgängern mit ihren üppigen Abmessungen zu kämpfen. Speziell das eher träge Fahrverhalten des dreirädrigen Lastenfahrrads fällt hier negativ auf, wie auch das einspurige "Long John", das sich bei geringer Geschwindigkeit als etwas wackelig erweist.

Für alle Systeme benötigt man aber eine gewisse Eingewöhnungszeit, um sicher mit Kindern an Bord im Straßenverkehr unterwegs zu sein. Am überzeugendsten sind bei Handhabung und Fahrverhalten das Lastenrad "Backpacker" und der Fahrradanhänger.

Welches System bietet den größten Komfort?

ADAC Test und Technik Mitarbeiter Michael Peukert auf dem Fahrrad mit Anhänger bei den Vorbereitungen zum Crashtest Kindertransport
Der gefederte Fahrradanhänger bietet den meisten Komfort ∙ © ADAC/Uwe Rattay

Wenn die Kinder jeden Kieselstein spüren und nur durchgeschüttelt werden, dürfte ihnen schnell die Lust vergehen. Daher hat sich der ADAC auch den Fahrkomfort der Systeme angesehen. Wie verhalten sie sich bei einer Schwelle, auf Kopfsteinpflaster oder beim Herunterfahren eines hohen Randsteins? Hier entpuppten sich das einspurige Lastenfahrrad "Long John" beim Überfahren der Schwelle und dem Kopfsteinpflaster, sowie das dreirädrige Lastenfahrrad beim Randstein als besonders komfortable Systeme. Das Lastenfahrrad "Backpacker" enttäuschte dagegen und konnte lediglich beim Überfahren der Schwelle mithalten.

Insgesamt konnten der gefederte Fahrradanhänger und das Lastenfahrrad "Long John" am meisten von allen Systemen überzeugen, wenn auch beide bei der Randsteinprüfung schwächelten. Besonders auffällig waren die Unterschiede zwischen gefedertem und ungefedertem Fahrradanhänger. Mit Federsystem konnte die Belastungen auf die Kinder beim Überfahren der Hindernisse um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Der Aufpreis in einen Anhänger mit Federung lohnt sich also.

Wegen fehlender Montagemöglichkeiten für das umfangreiche Messequipment konnte das Nachläufer-System leider nicht geprüft werden.

Welches System ist für mich geeignet?

Der Käufer eines Kindertransportsystems mit dem Fahrrad muss sich im Vorfeld klar darüber sein, was er alles damit machen möchte. Soll es wenig Platz wegnehmen, nur hin und wieder oder täglich zum Einsatz kommen, sollen neben Kindern auch noch weitere Dinge des Alltags transportiert werden, soll das System auch mit in den Urlaub genommen werden oder gar ein Auto ersetzen? Und nicht zuletzt spielt auch der Preis ein große Rolle, denn der reicht bei den vom ADAC ausgewählten Systemen ohne E-Antrieb von rund 250 Euro bis 2200 Euro.

  • Wer hohe Sicherheit für seine Kinder sowie ein gutes Fahrverhalten und einfache Handhabung möchte, entscheidet sich für den Backpacker

  • Wer gute Sicherheit, Flexibilität und hohen Komfort möchte, greift zum gefederten Fahrradanhänger

  • Wer einen Autoersatz möchte, auch längere Strecken fährt und Einkäufe transportiert, greift zum einspurigen Lastenrad Long John

  • Wer einen Autoersatz möchte und eher Kurzstrecken mit vielen Zwischenstopps fährt und Einkäufe transportiert, greift zum dreirädrigen Lastenrad

  • Wer meist nur ein Kind transportiert und das zweite Kind nur gelegentlich und zeitlich begrenzt mitnimmt (z.B. am Berg), für den ist der Nachläufer die richtige Wahl

Die Tipps des ADAC

Vor dem Kauf sollte man grundsätzlich eine Probefahrt machen, da sich die Fahreigenschaften im Vergleich zu einem herkömmlichen Fahrrad unterscheiden können. Die vorhandenen Rückhaltevorrichtungen müssen fest an den Kindern sitzen und dürfen nicht über die Schultern rutschen. Dies ist unerlässlich, damit die Rückhaltesysteme auch ihre schützende Funktion ausüben können.

Der gewählte Luftdruck spielt beim Fahrkomfort eine große Rolle. Einen Hinweis erhält man beim Blick auf die Radflanke. Dort wird der Druckbereich für den jeweiligen Reifen angegeben. Ein guter Richtwert ist, sich hier für den Mittelwert zwischen Minimum und Maximum zu entscheiden. Ist nur eine Holzbank verbaut, kann ein zusätzliches Sitzkissen den Komfort für die Kinder erhöhen.

Fahrer und Passagiere sollten immer nur mit einem gut sitzenden und passenden Helm fahren, er kann das Verletzungsrisiko erheblich mindern.

Fachliche Beratung: Michael Peuckert/ADAC Technikzentrum