Bremstest: Welche Autos die kürzesten Bremswege haben

Renault Talisman: eines von rund 400 Autos im ADAC Bremsenvergleich
Renault Talisman: eines von rund 400 Autos im ADAC Bremsenvergleich© ADAC/Uwe Rattay

Welche Autos haben die kürzesten Bremswege und welche die längsten? Und gibt es einen Unterschied zwischen Autos mit Verbrennungsmotor, Plug-in-Hybriden und Elektroautos? Der ADAC hat rund 400 Autotests ausgewertet. Die Ergebnisse überraschen.

  • Die besten Bremswerte hat der Porsche 911

  • Die schlechtesten Bremsen hat der Suzuki Jimny

  • Reifen haben erheblichen Einfluss auf die Bremswege

"Und jetzt mit voller Wucht auf die Bremse treten!" Diesen Satz hat jeder schon einmal gehört, der ein ADAC Sicherheitstraining absolviert und mit erfahrenen Instruktoren das richtige Verhalten in einer Gefahrensituation erlernt hat. Die Erkenntnis: Nur wer mit voller Kraft das Bremspedal durchtritt, nutzt das Potenzial der Bremsanlage. Weil viele dabei zu zaghaft sind, verschenken sie wertvollen Anhalteweg.

Auf andere Faktoren, die den Bremsweg bestimmen, hat der Fahrer allerdings keinen Einfluss: die Leistungsfähigkeit der verbauten Bremsanlage und die montierten Reifen. Und hier gibt es erhebliche Unterschiede, wie der ADAC bei einer Auswertung von 396 Autotests aus den letzten fünf Jahren festgestellt hat.

Bis die Räder qualmen: ADAC Bremstest

Standardmäßig muss jedes Fahrzeug zehn Vollbremsungen aus 100 km/h über sich ergehen lassen, aus denen der Mittelwert gebildet wird. Gebremst wird auf trockener Fahrbahn mit Sommerreifen und immer auf dem gleichen Teststreckenabschnitt – die Bedingungen sind also für alle Autos gleich.

Neben der Gesamtbewertung hat der ADAC die Ergebnisse der unterschiedlichen Antriebsarten getrennt ausgewertet und stellt die jeweils besten und schlechtesten Bremser vor:

Einflussfaktoren: Reifen und Gewicht

Der Reifen ist für den Bremsweg wichtig © PantherMedia/Christian Kellner

Auffällig: Am besten schneiden häufig Fahrzeuge mit sportlicher Bereifung ab. Diese bremsen auf trockener Fahrbahn überdurchschnittlich gut – das bestätigen auch die ADAC Reifentests regelmäßig. Zwischen den besten und schlechtesten Sommerreifen sind 4 bis 5 Meter Differenz auf einem identischen Fahrzeug durchaus üblich. Die Reifen als Bindeglied zwischen Fahrzeug und Fahrbahn haben sogar einen größeren Einfluss auf den Bremsweg als Bremsscheiben und -beläge, wie ein ADAC Bremsentest von Zubehörprodukten jüngst ergeben hat.

Und was macht das Fahrzeuggewicht aus? Bremsen etwa Elektroautos mit ihren zum Teil Hunderte Kilo schweren Batterien im Bauch schlechter als konventionell angetriebene Fahrzeuge? Das Ergebnis der ADAC Auswertung ist eindeutig: Es gibt keinen Unterschied. Elektrisch angetriebene Fahrzeuge bremsen genauso gut wie Benziner und Diesel. Alle Verbrenner kamen im Schnitt auf einen Bremsweg von 35,6 Metern, Plug-in-Hybride auf 36,2 und reine Elektrofahrzeuge auf 36,0 Meter. Grund für das ebenbürtige Abschneiden: Die schweren Batterien sitzen im Unterboden und senken den Schwerpunkt.

Bremswege: Porsche top, Suzuki flop

Das beste Auto im Test war der Porsche 911 mit einem sensationell kurzen Bremsweg von nur 30,9 Metern bei einer Vollbremsung aus 100 km/h. Am schlechtesten hat dagegen die Pkw-Version des Suzuki Jimny abgeschnitten: Er kam erst nach 45,2 Metern zum Stehen – das sind rund drei Pkw-Längen Differenz, die im Ernstfall entscheidend sein können. Anders ausgedrückt: Steht der Porsche schon längst, fährt der Suzuki immer noch 56 km/h schnell.

Wenn der Porsche 911 bei einer Vollbremsung bereits steht, fährt der Suzuki Jimny immer noch 56 km/h schnell © ADAC e.V.

Autos mit Verbrennungsmotor: Porsche setzt Maßstab

Der Porsche 911 fährt nicht nur schnell, er bremst auch überdurchschnittlich © Right Light Media

Der aktuelle Porsche 911 zeigt es allen und bremst am besten. Seine groß dimensionierten Pirelli PZero-Sportreifen krallen sich regelrecht in den Asphalt. Zudem wirken sich der niedrige Schwerpunkt und die hecklastige Achslastverteilung positiv aus – der Heckmotor drückt mit fast zwei Dritteln des Gesamtgewichts auf die Hinterachse. So können auch die Hinterräder zu einem erhöhten Anteil am Bremsvorgang mitwirken.

Der BMW M5 landet mit 31,1 Metern und seiner gigantischen Reifenbreite von 275 Millimetern (Pirelli PZero) auf dem zweiten Platz. Ansehnlich sind auch die Bremswege bei Seat Leon ST Cupra (31,8 Meter) und Audi A7 (32,1 Meter), ebenfalls mit Sport-Pneus (Michelin) unterwegs. Der fünftplatzierte Ford Focus Turnier 1.0 EcoBoost zeigt, dass selbst ein nicht auf Sportlichkeit getrimmtes Familienauto gut verzögern kann.

Suzuki Jimny: gut im Gelände, aber nicht auf der Straße © Suzuki

Nicht akzeptabel: Die 45,2 Meter Bremsweg des Suzuki Jimny (Pkw-Version; Nfz-Version: 44,0 Meter). Ursache auch hier: die montierten Reifen – bei ihm ein Kompromiss aus Offroad- und Straßenreifen. Die mögen zwar im Gelände gut abschneiden, auf der Straße sind sie aber ein klares Sicherheitsmanko. Auffällig zeigt sich auch der Peugeot Rifter, der erst nach 41,4 Metern zum Stehen kommt (Michelin Latitude Tour) – für ein modernes Fahrzeug ein viel zu langer Bremsweg.

Der Land Rover Discovery wird mit Ganzjahresreifen ausgeliefert und kommt damit auf unzeitgemäße 40,9 Meter Bremsweg. Dass Toyota Aygo (39,1 Meter) und Suzuki Ignis (39,9 Meter) so schlecht bremsen, lässt sich nicht auf deren günstige Preise schieben. Zum Vergleich: Der Hyundai i10 (ebenfalls in der Kleinstwagenklasse) steht bereits nach 33,3 Metern.

Modell

Bremsweg aus 100 km/h

Reifen auf Testwagen

ADAC Testnote für Bremsweg

Verbrenner: Die besten Bremser




Porsche 911 Carrera S

30,9 m

Pirelli P Zero

VA: 245/35 ZR20

HA: 305/30 ZR21

0,9

BMW M5

31,3 m

Pirelli P Zero

VA: 275/35 ZR20

HA: 285/35 ZR20

1,0

Seat Leon ST Cupra R

31,8 m

Michelin Pilot Sport Cup 2

235/35 ZR19

1,3

Audi A7

32,1 m

Michelin Pilot Sport 4

255/40 R20

1,4

Ford Focus 1.0 EcoBoost

32,1 m

Continental SportContact 5

215/50 R17 91V

1,4

Die schlechtesten Bremser




Suzuki Jimny (Pkw-Version)

45,2 m

Bridgestone Dueler H/T 684 II

195/80 R15

5,5

Peugeot Rifter

41,4 m

Michelin Latitude Tour HP

215/65 R16

4,9

Land Rover Discovery

40,9 m

Pirelli Scorpion Verde all season

255/55 R20 M+S

4,7

Suzuki Ignis

39,9 m

Bridgestone Ecopia EP150

175/60 R16

4,3

Toyota Aygo

39,1 m

Continental EcoContact

165/60 R15 77H

4,0

Notengrenzen: 0,6 – 1,5 sehr gut; 1,6 – 2,5 gut; 2,6 – 3,5 befriedigend; 3,6 – 4,5 ausreichend; 4,6 – 5,5 mangelhaft

Plug-in-Hybride: Zwei Fahrzeuge gleich gut

Kommt mit aufpreispflichtigen Riesen-Bremsen an die Spitze: Mercedes GLE © Mercedes

Zwei Autos führen mit einem Bremsweg von 33,2 Metern die Liste an. Der schwergewichtige Mercedes GLE 350de muss dafür aber alle Register ziehen: Der Testwagen hatte aufpreispflichtige, größere Bremsscheiben verbaut und stand auf Pirelli-P-Zero-Sportreifen. Mit ihm messen kann sich nur noch der 609 PS starke Sportwagen Polestar 1. Erstaunlich beim Golf GTE: Im Vergleich zu seinem Bruder Golf 1.5 eTSI wiegt er 244 Kilogramm mehr, bremst aber 0,4 Meter besser. Der Kia Sorento beweist, dass ein schwerer SUV auch ohne aufpreispflichtige Hochleistungsbremsen eine starke Performance liefern kann.

Nur knapp unter 40 Meter Bremsweg: Suzuki Across © Suzuki

Der Suzuki Across ist der Verlierer unter den Plug-in-Hybriden und kommt erst nach 39,7 Metern zum Stehen. Hauptverantwortlich für den langen Bremsweg sind die serienmäßigen Ganzjahresreifen (Yokohama AVID GT BluEarth M+S), die auf trockener Straße nicht so viel Grip wie Sommerreifen bieten. Der mit dem Suzuki Across baugleiche Toyota RAV4 steht mit den Sommerreifen Bridgestone Alenza H/L33 Reifen zumindest etwas früher (38,4 Meter), kann aber auch nicht wirklich überzeugen. Und der Toyota Prius Plug-In mag mit seinen rollwiderstandsoptimierten Toyo Nano Energy J61 sparsam fahren, gut bremsen kann er aber nicht (39,4 Meter).

Modell

Bremsweg aus 100 km/h

Reifen auf Testwagen

ADAC Testnote für Bremsweg

Plug-in-Hybride: Die besten Bremser




Mercedes GLE 350de

33,2 m

Pirelli P Zero

VA:275/45 R21

HA:315/40 R21

1,8

Polestar 1

33,2 m

Pirelli P Zero

VA: 275/30 R21

HA: 295/30 R21

1,8

BMW 745e

33,3 m

Pirelli P Zero

245/45 R19

1,8

VW Golf GTE

33,4 m

Goodyear Eagle F1 Asymmetric 3

225/45 R17

1,9

Kia Sorento 1.6 T-GDI Plug-in Hybrid Platinum AW

33,5 m

Continental PremiumContact 6

235/55 R19

1,9

Die schlechtesten Bremser




Suzuki Across 2.5 Plug-in-Hybrid Comfort+ E-FOUR CVT

39,7 m

Yokohama AVID GT BluEarth

235/55 R19

4,3

Toyota Prius 1.8 Plug-in-Hybrid Comfort

39,4 m

Toyo Nano Energy J61

195/65 R15

4,1

Toyota RAV4 2.5 Plug-in-Hybrid Technik-Paket AWD-i

38,4 m

Bridgestone Alenza

225/60 R18

3,8

Kia Optima Sportswagon 2.0 GDI Plug-in-Hybrid Spirit

38,1 m

Nexen NFera SU 1

215/55 R17

3,65

Renault Captur E-TECH Plug-in 160 Intens

37,2 m

Michelin Primacy 4

215/55 R18

3,3

Notengrenzen: 0,6 – 1,5 sehr gut; 1,6 – 2,5 gut; 2,6 – 3,5 befriedigend; 3,6 – 4,5 ausreichend; 4,6 – 5,5 mangelhaft

Elektroautos: Polestar 2 verzögert am besten

Mit Brembo-Bremsanlage wirft er den Anker: Polestar 2 © Polestar

Wer das Performance-Paket wählt, bekommt beim 2,2-Tonnen-Polestar-2 eine Brembo-Bremsanlage. Die hat es in sich und stoppt den Elektrowagen mit ContiSportContact 6 nach nur 31,6 Metern. Ein hervorragender Wert – und der bisher beste eines Elektroautos im ADAC Autotest. Hut ab aber auch vor dem erheblich preiswerteren Mazda MX-30 mit 33,0 Metern Bremsweg. Bei 2,6 Tonnen Leergewicht müssen die Stopper des Audi e-tron Sportback quattro Schwerstarbeit leisten, bringen den Audi aber dennoch nach guten 33,5 Metern zum Stehen. Damit verzögert er genauso gut wie der Volvo XC40 Recharge.

Hyundai Kona Electric (2018) mit bremswegverlängernden Reifen © Hyundai

Dass die Reifen entscheidend sind, zeigt der Hyundai Kona nur allzu gut. Die Elektroversion Kona Electric hat mit Nexen N Fera SU1 die zweifelhafte Ehre, die Liste der schlechtesten Bremser bei E-Autos anzuführen (40,3 Meter Bremsweg). Getestet wurde im Jahr 2018. Das mittlerweile geliftete Modell wird mit Michelin Primacy 4 Reifen ausgeliefert – und steht nun nach 36,1 Metern, spart also eine Wagenlänge ein.

Der kleine und leichte Smart Fortwo Coupé EQ nimmt sich 39,1 Meter bis zum Stillstand – kein guter Wert für den Elektrozwerg. Hier übertrifft ihn sogar der nur mäßig abschneidende Chinese MG ZS EV mit 37,6 Metern Bremsweg.

Modell

Bremsweg aus 100 km/h

Reifen auf Testwagen

ADAC Testnote für Bremsweg

Elektroautos: Die besten Bremser




Polestar 2

31,6 m

Continental SportContact 6

245/40 ZR20

1,2

Mazda MX-30

33,0 m

Falken Azenis FK 510 SUV

215/55 R18

1,73

Audi e-tron Sportback 55 S line quattro

33,5 m

Bridgestone Alenza 001

255/50 R20

1,9

Volvo XC40 Recharge Pure Electric Twin Pro AWD

33,5 m

Continental EcoContact 6

VA: 235/50 R19

HA: 255/45 R19

1,9

Opel Ampera-E First Edition

34,3 m

Michelin Primacy 3

215/50 R17

2,2

Die schlechtesten Bremser




Hyundai Kona Elektro (64 kWh) Premium (vor Facelift 2018)

40,3 m

Nexen N Fera SU1

215/55 R17

4,5

Smart Fortwo Coupé EQ prime

39,1 m

Continetal eContact Blueco

VA: 165/65 R15

HA: 185/60 R15

4,0

MG ZS EV Luxury

37,6 m

Michelin Primacy 3ST

215/50 R17

3,5

Nissan Leaf (62 kWh) e+ Tekna

37,0 m

Dunlop ENA-SAVE EC300

215/50 R17

3,2

Mini Cooper SE Trim XL

36,8 m

Hankook Ventus S1 evo³

205/45 R17

3,2

Notengrenzen: 0,6 – 1,5 sehr gut; 1,6 – 2,5 gut; 2,6 – 3,5 befriedigend; 3,6 – 4,5 ausreichend; 4,6 – 5,5 mangelhaft

Fazit

Ein kurzer Bremsweg ist wichtig und trägt zur Verkehrssicherheit bei. Ob schwerer Elektroantrieb oder konventioneller Verbrennerantrieb – beim Bremsen verhalten sich die Antriebsarten annähernd gleich. Wenn die tief positionierten Batterien den Fahrzeugschwerpunkt absenken, begünstigen sie die Bremsleistungen sogar.

Beim Trockenbremsen aus 100 km/h sind es überwiegend die Reifen, die über den Bremsweg entscheiden. Groß dimensionierte Bremsanlagen können zumindest dann ihren Trumpf ausspielen, wenn aus höheren Geschwindigkeiten bzw. mehrmals kurz hintereinander gebremst wird. Ihre Bremswirkung lässt dann nicht so schnell nach.

Tipps des ADAC

  • Als Bindeglied zwischen Fahrbahn und Fahrzeug überträgt der Reifen alle Kräfte und Momente. Deshalb: Immer vier Reifen des gleichen Modells und Typs verwenden .

  • Beim Reifenkauf möglichst am ADAC Reifentest orientieren, der auch die Bremswege bewertet.

  • Regelmäßig den Luftdruck am kalten Reifen prüfen, am besten alle zwei Wochen.

  • Bei schwerer Ladung oder schnellen Fahrten den Reifendruck entsprechend den Vorgaben des Fahrzeugherstellers in der Bedienungsanleitung erhöhen.

  • Eine defensive und vorausschauende Fahrweise kann gefährliche Situationen eindämmen.

  • Unnötige Zuladung vermeiden.

  • Eine korrekte Achseinstellung, funktionstüchtige Stoßdämpfer und Fahrwerksbauteile sind Grundvoraussetzung für sicheres Bremsen.

In den ADAC Autotests werden neben vielen weiteren Messwerten auch die ermittelten Bremswege angegeben.

Fachliche Beratung: Matthias Zimmermann/ADAC Technikzentrum