Lkw-Abbiegeassistenten im Vergleich

25.04.2019

Abbiegeassistenten können Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindern. Wir haben die derzeit verfügbaren Systeme auf ihre Tauglichkeit überprüft.

Fahrrad fährt neben LKW

Im Jahr 2017 starben laut Statistischem Bundesamt deutschlandweit 37 Radfahrer bei Zusammenstößen mit rechtsabbiegenden Lkw. Abhilfe gegen dieses Unfallszenario versprechen Abbiegeassistenten. Sie sollen den Lkw-Fahrer auf Radfahrer aufmerksam machen, die sich rechts neben dem Fahrzeug befinden, und vor möglichen Kollisionen während des Abbiegens warnen. Eine Pflicht, die Schwerfahrzeuge mit den Assistenten auszustatten, besteht derzeit noch nicht; in Kürze soll dies jedoch auf europäischer Ebene beschlossen und verabschiedet werden. 

Das Bundesverkehrsministerium (BMVI) hat im vergangenen Jahr die „Aktion Abbiegeassistent“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, Unternehmen und Behörden heute schon dazu zu bewegen, die eigenen Flotten schnellstmöglich mit Assistenzsystemen nachzurüsten. Mit der Aktion ist ein Förderprogramm verbunden, das im Jahr 2019 die freiwillige Nachrüstung mit 5 Millionen Euro unterstützte. Pflicht werden die lebensrettenden Systeme frühestens im Jahr 2022. Ab dann müssen neue Fahrzeugtypen auf europäischer Ebene mit Abbiegeassistenzsystemen ausgestattet sein, die den technischen Anforderungen auf UNECE-Ebene genügen.  

 
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Was ist die "UNECE"?

Die United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) ist die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa. Sie ist eine von fünf Regional-Kommissionen des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen und gliedert sich in ein Exekutivkomitee und mehrere Fachkomitees. Dem Inland Transport Committee (ITC) untergeordnet ist das Weltforum für die Harmonisierung der Regelungen für Kraftfahrzeuge (World Forum for Harmonization of Vehicle Regulations). Ziel ist unter anderem die Harmonisierung gesetzlicher Anforderungen auf globaler Ebene für Fahrzeuge, Fahrzeugsysteme und -komponenten.

 

Fahrradfahrer und Auto stehen neben LKW

Welche Systeme gibt es und was können sie?

Wir haben im aktuellen Test heute schon verfügbare Abbiegeassistenten auf dem Testgelände und unter realen Verkehrsbedingungen überprüft. Dabei wurden die Systeme, die unterschiedliche Technologien (Radar-, Ultraschall- und sensoroptische Systeme) nutzen, anhand der Anforderungen des BMVI sowie in Anlehnung an die Vorgaben der UNECE in Form von spezifischen Testszenarien überprüft. Somit lässt sich feststellen, inwieweit die Systeme den Förderrichtlinien entsprechen und wie durch einen flächendeckenden Einbau in die Lkw die Verkehrssicherheit verbessert werden kann.

Sowohl das wachsende Angebot, als auch die unterschiedlichen Systembezeichnungen können für Verwirrung sorgen. Ob es sich bei dem jeweiligen System um lediglich ein Kamera-Monitor-System (KMS) handelt, das den Sichtbereich des Lkw-Fahrers erweitert, oder um eine Kombination aus Sensoren und KMS, das den Fahrer bei einer drohenden Kollision warnt, ist häufig schwierig zu erkennen.

Diese Produkte wurden getestet

EDEKA / Wüllhorst Fahrzeugbau: Preis: 760 Euro, der Einbauaufwand beträgt etwa vier Stunden. Das System besteht aus vier Ultraschallsensoren und einem Kamera-Monitor-System.

Mobileye – Shield+: Preis: 1.650 Euro, der Einbauaufwand beträgt vier bis fünf Stunden. Das System arbeitet mit einer Kamera, die softwarebasierte Erkennung ermöglicht, sowie einem Anzeigeelement im Führerhaus. 

MEKRA Lang – AAS: Preis: 1.850 Euro (radarbasierter Abbiegeassistent) + 800 Euro (KMS), der Einbauaufwand beläuft sich auf jeweils zweieinhalb Stunden. Das getestete System besteht aus einem Radarsensor und einem optional erhältlichen Kamera-Monitor-System. 

LUIS Technology – Turn Detect: Preis: 1.690 Euro, der Einbauaufwand liegt bei vier bis fünf Stunden. Das System besteht aus einer Kamera mit softwarebasierter Erkennung, einer Steuerbox und einem Monitor.

*Orlaco – CornerEye und Radarsystem: Preis: 3.400 Euro, der Einbauaufwand liegt bei sechs bis sieben Stunden. Das System beinhaltet eine 270° Kamera mit Monitor und zwei Radarsensoren. 
Da das Radarsystem vom Hersteller nicht vermarktet wird, werden die Testergebnisse nicht veröffentlicht.

Das müssen die Testkandidaten leisten

Der Lkw-Abbiegeassistent soll den Fahrer eines Lkw auf Radfahrer hinweisen, die sich rechts neben dem Fahrzeug befinden und ihn bei einem beginnenden Abbiegevorgang vor einer möglichen Kollision warnen. Diese Systeme müssen ab eingeschalteter Zündung aktiv sein und dürfen nicht durch den Fahrer abgeschaltet werden können. Eine Signalisierung von gefährdeten Radfahrenden soll mindestens bei Fahrzeuggeschwindigkeiten vom Stillstand bis 30 km/h und bei Fahrradgeschwindigkeiten im Bereich von 5 bis 20 km/h erfolgen. Um den Abbiegeassistenten in den relevanten Situationen zu aktivieren, wird er an den Lenkeinschlag und/oder an den Fahrtrichtungsanzeiger des Lkw gekoppelt. 

Die Produktauswahl im Test beinhaltet Lkw-Abbiegeassistenten, die sowohl als Erstausrüstung, als auch für die Nachrüstung in verschiedenen Nutzfahrzeugen geeignet sind. Nach den nationalen Anforderungen zum Förderprogramm „Aktion Abbiegeassistent“ werden folgende Bauarten der Systeme unterstützt:

  • Ultraschall-Systeme mit Kamera-Monitor-Systeme (KMS)
  • Radarsysteme auch ohne KMS
  • Sensoroptische Systeme („Intelligente“ Kameras) auch ohne KMS

Die Fahrversuche werden mit Lkw, die schwerer als 7,5 Tonnen sind, auf Teststrecken durchgeführt. Bei den statischen Tests wird der Abdeckungsbereich der Systeme nach Norm geprüft. Die dynamischen Tests untersuchen die Erkennbarkeit von ungeschützten Verkehrsteilnehmern im Fahrmodus vor und während charakteristischen Lkw-Abbiegevorgängen.

Unterschiede zwischen den Technologien sind erheblich

Während alle getesteten Systeme (bis auf das Orlaco System) die Vorschriften des BMVI erfüllen und den Förderrichtlinien entsprechen, konnte keiner der Lkw-Abbiegeassistenten den Anforderungen in Anlehnung an die Vorgaben der UNECE gänzlich entsprechen. 

Zudem konnte im Test keines der Abbiegeassistenzsysteme den Radfahrer erkennen, wenn sich zwischen der Radfahrspur und der Lkw-Fahrspur Hindernisse, wie beispielsweise parkende Fahrzeuge oder Bepflanzungen, befinden.

Während der Fahrten im realen Straßenverkehr wurde die Zahl der Fehlwarnungen aufgrund von Verkehrsschildern oder Bäumen am Straßenrand ermittelt. Eine hohe Rate an Fehlauslösungen wirkt sich negativ auf die Akzeptanz und das Vertrauen des Fahrers auf das System aus. Bei Lkw-Abbiegeassistenten, die zwischen ungeschützten Verkehrsteilnehmern und Objekten, wie Verkehrszeichen, Ampeln oder Bäumen, unterscheiden können, kam es hingegen nur zu einer geringen Anzahl an Fehlauslösungen. Die Abbiegeassistenzsysteme von MEKRA Lang, Mobileye und LUIS verfügen über eine derartige Klassifizierung.

Die Unterschiede zwischen den verfügbaren Technologien sind erheblich: Neben Ultraschall mit einem Kamera-Monitor-System (KMS) gibt es auch Systeme, die mit Radar- bzw. Kameratechnik arbeiten. Andere können mittels zweier „intelligenter“ Kameras ungeschützte Verkehrsteilnehmer identifizieren und die noch verbleibende Zeit bis zu einer möglichen Kollision berechnen. 

Testsieger ist der Abbiegeassistent MEKRA Lang-AAS

Mit Hilfe eines Radarsensors, der die Frequenzmodulation verwendet, um Geschwindigkeit, Reflexivität (Zurückspiegelung), Winkel und andere Parameter mehrerer Zielobjekte gleichzeitig zu messen, ist es möglich, zwischen ungeschützten Verkehrsteilnehmern und anderen Objekten zu unterscheiden. Als Folge dessen erbrachte das System MEKRA Lang-AAS das beste Testergebnis sowohl bei den Versuchen auf dem Testgelände, als auch während der Fahrt im realen Straßenverkehr.

Ebenfalls gut abgeschnitten hat das System von Mobileye. Der Abbiegeassistent überzeugt durch eine leichte und verständliche Signalisierung an den Fahrer. Zudem hat das System bereits die technische Vorabprüfung durch das deutsche Verkehrsministerium bestanden. Obwohl das System den Anforderungen auf UNECE-Ebene nicht vollständig entsprechen konnte, zeichnete es sich durch eine geringe Rate an Fehlauslösungen im realen Straßenverkehr aus.

Der Abbiegeassistent von LUIS Technology hat neben den Anforderungen des BMVI auch die statischen Tests in Anlehnung an die Vorgaben der UNECE gemeistert. Zudem erhielt das System „Turn Detect“ als erster Abbiegeassistent die Allgemeine Betriebserlaubnis. Da das System derzeit keinen ungeschützten Verkehrsteilnehmer detektieren kann, der die gleiche Geschwindigkeit wie das Fahrzeug aufweist, wurden die dynamischen Tests nach UNECE mit „nicht bestanden“ bewertet. 

Das System von EDEKA / Wüllhorst Fahrzeugbau, das unter anderem in Lkw der Firma Edeka verbaut ist, hat sowohl die statischen als auch die dynamischen Tests nach den BMVI-Anforderungen bestanden. Die statischen Tests gemäß den Anforderungen auf UNECE-Ebene konnten nicht erfüllt werden, dynamische Tests immerhin teilweise. Allerdings gab es bei der Fahrt im realen Straßenverkehr bei 59 Prozent der gefahrenen Rechtsabbiegeszenarien eine Fehlauslösung. Dies ist eine sehr hohe Rate an Fehlauslösungen, die eventuell die Akzeptanz des Lkw-Fahrers gegenüber dem System negativ beeinflussen kann. 

ADAC Empfehlungen an Hersteller und Gesetzgeber

  • Abbiegeassistenten sollten zur Serienausstattung gehören – schon vor der gesetzlichen Verpflichtung.
  • Abbiegeassistenten sollten künftig mit einem Notbremssystem gekoppelt werden.
  • Die Fehlerrate in der Erkennung sollte so gering wie möglich sein, um die Akzeptanz und die Nutzung durch den Fahrer zu erhöhen.
  • Zusätzlich sollte ein Kamera-Monitor-System mit Objektmarkierung verbaut sein, damit der Fahrer den Grund der Auslösung sehen kann.
  • Die Förderung für die Nachrüstung von Abbiegeassistenten sollte erheblich ausgeweitet werden, um rasch eine Durchdringung der Bestandsfahrzeuge zu erreichen.
  • Eine Überwachung direkt vor dem Fahrzeug deckt eine weitere Gefahrensituation ab.
  • Trotz parkenden Fahrzeugen oder Begrünung zwischen Fahrspur und Radweg sollte das Abbiegeassistenzsystem den ungeschützten Verkehrsteilnehmer erkennen.

Tipps und Hinweise für Verbraucher

  • Klassifizierende Systeme entlasten den Fahrer, sie können feste Hindernisse von Fußgängern und Radfahrern unterscheiden.
  • Kamera-Monitor-Systeme ermöglichen dem Fahrer die Überwachung der toten Winkel.
  • Vor dem Kauf die Vor- und Nachteile der verbauten Technik erklären lassen, in welchen Situationen das System wie reagiert, was es sieht und was es übersieht.

 

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Text: Andreas Hölzel

Fotos: iStock.com/CrazyD, ADAC/Andre Kirsch; Grafik: ADAC

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