Mercedes‑Benz Steer‑by‑Wire: EQS mit völlig neuem Lenkgefühl

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Von Andreas Huber

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Ein Mercedes EQS fährt um Pylonen
In der Luftfahrt wird schon lange auf eine mechanische Verbindung zwischen Pilot und Steuerflächen verzichtet. Mercedes bringt eine ähnliche Technik im EQS© Mercedes

An Steer-by-Wire-Systemen wird bereits seit Jahren getüftelt. Einen Durchbruch erlebte die Technik aber bislang nicht. Mercedes könnte das mit dem EQS im Zuge des Facelifts 2026 ändern. Eine erste Testfahrt mit einem völlig neuen Lenkgefühl.

  • Lenksystem verzichtet auf mechanische Verbindung zur Achse

  • Kein Umgreifen selbst beim Wenden nötig

  • Optional im gelifteten Mercedes EQS erhältlich

Was bei Flugzeugen schon seit Jahrzehnten eine technische Selbstverständlichkeit darstellt, könnte bald auch im Automobilbereich einer breiteren Masse zugänglich sein. Die Rede ist von Steer-by-Wire-Systemen. Die Technik erlaubt es, Fahrzeuge ohne feste Lenkübersetzung und ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Lenkgetriebe zu steuern.

In der Luftfahrt ist die Technik als "Fly-by-Wire" bereits seit den 1950er-Jahren beim Militär in Anwendung, mit der Concorde und später der Airbus-A320-Familie erreichte die Technik dann auch die Zivilluftfahrt.

Beim Auto wird das Thema trotzdem eher stiefmütterlich behandelt. Bislang trauten sich nur Nissan mit dem Infiniti Q5, Tesla mit dem Cybertruck und Lexus mit dem RZ an eine Serienreife heran. Deutsche Hersteller arbeiten zwar schon länger an Systemen, brachten diese aber bislang nicht auf den Markt.

Mercedes ändert das nun mit dem Facelift des elektrischen EQS. Das Elektro-Flaggschiff der Stuttgarter wird optional mit Steer-by-Wire verfügbar sein. Wie sich die Technik auf das Fahrverhalten der Limousine und auf das Fahrgefühl des am Steuer Sitzenden auswirkt, konnte die ADAC Redaktion bereits auf einer abgesperrten Teststrecke erfahren.

Welche Vorteile hat ein Steer-by-Wire-System?

Ein Mercedes EQS fährt um Pylonen
Durch die Pylonenreihe lässt sich der EQS mit der neuartigen Lenkung leicht manövrieren, die Technik erfordert aber etwas Gewöhnung© Mercedes

Klassische Lenkungen setzen auf eine starre Verbindung zwischen Lenkrad und den Achskomponenten, die elektromechanisch unterstützt wird. Die Lenkübersetzung ist meist starr. Selbst Progressivlenkungen erlauben zwar eine Veränderung der Übersetzung während des Lenkens, aber auch hier ist das Verhältnis starr.

Seltenere Aktivlenkungen entkoppeln durch ein Überlagerungsgetriebe die Räder vom Lenkrad, etwa beim Parken und Rangieren, allerdings eben auch mechanisch. Auch sie sorgen für eine bessere Handlichkeit.

Fällt die mechanische Verbindung aber weg, kann der Lenkwinkel am Rad komplett unabhängig vom Lenkeinschlag am Lenkrad und der Fahrsituation gewählt werden. Damit ist es bei der Fahrzeugentwicklung möglich, den vollen Lenkeinschlag an den Rädern zu realisieren, ohne dass die Person am Steuer umgreifen muss. Die Konsequenz ist ein komfortableres Fahrerlebnis, ohne lästiges Kurbeln beim Rangieren.

Wie fährt sich eine Steer-by-Wire-Lenkung?

Andreas Huber am Steuer eines Mercedes EQS
Mehr als 170 Grad Lenkwinkel sind beim EQS dank Steer-by-Wire selbst bei einem Wendemanöver nicht mehr nötig© Mercedes-Benz AG

Wer sich für die Steer-by-Wire-Option im kommenden EQS entscheidet, bekommt kein klassisches Lenkrad in die Hände, sondern ein futuristisches "Yoke"-Steuerhorn. Ein solches "Lenkrad" gibt es zwar auch bei Tesla. Doch anders als in den Tesla-Modellen, die noch auf eine klassische, mechanische Lenkung setzten und bei denen man beim nötigen Umgreifen oftmals ins Leere griff, geht das Konzept hier auf.

In der Tat ist ein Umgreifen im EQS zu keiner Zeit notwendig. Auf einem Handling-Parcours standen Slalom-Passagen und ein enger Kreisverkehr als Demonstrationsobjekte zur Verfügung. In keiner Situation musste auch nur eine Hand vom Volant genommen werden.

Die ersten Meter im EQS fühlen sich zwar ungewohnt an, nach drei Runden hat man den Dreh aber raus. Problemlos zirkelt man danach um die Pylonen, der gewählte Winkel am Lenkrad ist dabei erschreckend gering. Besonders fällt das im direkten Vergleich mit einem EQS ohne das neue System auf: Hier ist man als Fahrer deutlich am Kurbeln. Den Punkt für Komfort bekommt hier ganz klar das Steer-by-Wire-System.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich nicht jede oder jeder mit dem neuen Lenkgefühl arrangieren wird. So bleibt abzuwarten, ob das seit Jahren gelernte Fahrverhalten im Alltag nicht doch dazu führen wird, dass Kurven oder Abbiegesituationen mit der neuen Technik falsch angegangen werden und es zu Blechschäden kommt.

Funktion: Dank Hinterachslenkung besonders wendig

Ein Mercedes EQS fährt um Pylonen
Wichtig für den Ansatz von Mercedes: Der Hersteller verbindet das System mit einer 10-Grad-Hinterachslenkung© Mercedes

Wie aber wird der Wunsch, die Richtung zu verändern, ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Lenkgetriebe übertragen? Vereinfacht gesagt wird die Eingabe des Lenkwinkels über Sensoren in ein elektrisches Signal gewandelt und per Kabel an das Lenkgetriebe übertragen. Die benötigte Lenkkraft wird durch einen kleinen Motor an der Lenkradnabe simuliert, damit sich das Lenkgefühl real und natürlich anfühlt.

Die Schwaben kombinieren die neuartige Lenkung mit einer Hinterachslenkung, die die Räder um bis zu 10 Grad einschlagen kann. Sie dient nicht nur der Reduzierung des Wendekreises oder der Stabilisierung des EQS während der Fahrt, sondern auch als letzte Rückfallebene bei einem vollständigen Systemausfall.

Grundsätzlich ist die Steer-by-Wire-Lenkung ohnehin redundant ausgelegt, was bedeutet, dass sich Mercedes nicht auf einen Signalpfad verlässt, sondern die Eingabebefehle grundsätzlich doppelt über Steuergeräte zum Lenkgetriebe schickt, was Ausfallsicherheit garantieren soll. Erst wenn diese Systeme versagen, nutzen die Entwicklerinnen und Entwickler das ESP und die Hinterachslenkung, um das Fahrzeug bis zum Stillstand noch zu manövrieren.

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Ausblick: Werden wir bald alle mit Steer-by-Wire fahren?

Die Antwort ist ganz klar: Nein! Selbst in der Luftfahrt ist die Technik nicht bei allen Herstellern zum Standardwerkzeug geworden, und im Automobilbau rückt eine Marktdurchdringung noch weiter in die Ferne, wenn sie denn überhaupt eintritt. In den meisten Fällen werden klassische Lenkungen mit Lenkgestänge weiterhin den Großteil der Fahrzeuge manövrierfähig halten.

Das Beispiel Mercedes zeigt aber, dass Steer-by-Wire auch in der Großserie künftig eine größere Rolle spielen könnte. Im Premiumsegment ist es denkbar, dass künftig mehr Marken solche Systeme anbieten werden, um ihrer Kundschaft noch mehr Komfort zu bieten.

Mit Blick auf das autonome Fahren ist ein Wegfall mechanischer Komponenten ohnehin notwendig. Sollen Lenkräder perspektivisch zeitweise für autonome Fahranteile verschwinden, geht das nur mit einer höheren Flexibilität der Fahrgasträume. Steer-by-Wire hat hier sicher einen Einfluss auf die Cockpits der Zukunft.