"Mobilität ist ein Menschenrecht"

Portrait von Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe im Interview ∙ © Stadt Münster

Münster ist die Siegerstadt beim ADAC Monitor "Mobil in der Stadt". Oberbürgermeister Markus Lewe über Fahrradstraßen, zufriedene Autofahrer und kreative Stadtplanung.

Wie zufrieden sind Sie als Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger oder als Nutzer des ÖPNV – das wollte der ADAC von Einwohnern, Pendlern und Besuchern von 29 Städten in ganz Deutschland mit bis zu 366.000 Einwohnern wissen. Klarer Sieger des Monitors "Mobil in der Stadt" ist Münster. Ein Gespräch mit Markus Lewe, seit 2009 Oberbürgermeister der 315.000-Einwohner-Stadt mit täglich rund 45.000 Aus- und 105.000 Einpendlern. Lewe ist zugleich Vizepräsident des Deutschen Städtetags.

ADAC Redaktion: Münster ist der Gewinner des ADAC Monitors "Mobil in der Stadt". Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Markus Lewe: Mobilität ist ein Menschenrecht. Und da alle Bürger unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen, muss man Mobilität ganzheitlich und integriert denken. Man darf kein Verkehrsmittel bevorzugen, sondern muss Angebote für alle schaffen und gleichzeitig die Menschen einbeziehen. Das tun wir, deshalb dürfen wir diesen Erfolg feiern.

Wie gehen Sie bei der Verkehrsplanung vor?

Zunächst muss man feststellen, dass es in einer Stadt vier Grundmängel gibt: Mangel an frischer Luft, an Platz, an Zeit und an Geld. Damit müssen Sie umgehen. Eine Innenstadt darf also kein Großparkplatz oder eine Autobahn mit angrenzenden Häusern sein. Die Menschen wollen Begegnungsräume, wir müssen Verkehre bündeln und attraktive Alternativen anbieten, je nachdem, was die Bürger gerade brauchen. Das kann das Auto sein, das Fahrrad oder der ÖPNV.

Wie muss die Mobilität in Münster in Zukunft aussehen?

Wir wollen schlaue Mobilität entwickeln, und dabei geht es uns vor allem um attraktive Alternativen zum Auto. Aber wir wollen die Menschen nicht mit Verboten aufs Fahrrad locken, sondern, indem wir das bestmögliche Angebot für jedes Mobilitätsbedürfnis schaffen.

Münster gilt als deutsche Fahrradhauptstadt. Was tun Sie, um diesen Status zu behalten?

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe auf dem Fahrrad
Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe auf dem Fahrrad ∙ © Stadt Münster

Pro Einwohner geben wir jedes Jahr gut 30 Euro für die Fahrradinfrastruktur aus. Diesen Wert werden wir innerhalb der nächsten fünf Jahre auf etwa 40 Euro pro Einwohner und Jahr anheben. Schon jetzt haben wir ja Waschanlagen und Parkhäuser speziell für Räder, und wir haben ein eigenes Fahrradbüro in der Stadtverwaltung. Gerade bauen wir 14 Velorouten ins Umland. So wollen wir den durchschnittlichen Radius eines Radfahrers von sieben auf 15 Kilometer steigern. Der Bedarf ist groß, schließlich haben wir hier 500.000 Räder.

Wie finden das die Autofahrer?

Ich glaube, die Zufriedenheit der Münsteraner Autofahrer hat auch mit den Fahrradstraßen zu tun, die wir parallel zu den Hauptverkehrsstraßen ausgewiesen haben: Wenn viele Münsteraner das Rad nutzen, können auch die Autofahrer wieder entspannter unterwegs sein – Einpendler, Besucher oder die Einheimischen, die aufgrund von Alter und Behinderung kein Fahrrad nutzen können. So kann ein Miteinander funktionieren.

Eine komplett auto- und damit parkhausfreie Stadt zu schaffen halte ich für verfehlt. Besser sind intelligente Parksysteme, gute Park-and-ride-Anlagen und Fahrradverleih-Angebote.

Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster

Für Bürger aus dem Umland ist das Auto oft erste Wahl. Wie gehen Sie damit um?

Solange die Anbindung des Umlands mit dem Zug nicht besser ist, wird es Individualverkehr geben. Deshalb bauen wir gerade einen dritten Umgehungsring. Eine komplett auto- und damit parkhausfreie Stadt zu schaffen – solche Diskussionen werden politisch wirklich geführt – halte ich für verfehlt. Damit würde sich eine Stadt abschotten. Besser sind intelligente Parksysteme, gute Park-and-ride-Anlagen und Fahrradverleih-Angebote.

Ärgern Sie sich mehr als Rad- oder als Autofahrer?

Mich ärgert Rücksichtslosigkeit. Der Radfahrer muss rücksichtsvoll gegenüber dem Fußgänger sein, der Autofahrer gegenüber dem Radfahrer. Und auch der muss sich an Regeln halten, zum Beispiel rote Ampeln beachten.

Was können Städte für Fußgänger tun?

Es muss Spaß machen, durch eine Stadt zu schlendern. Dafür brauchen Sie überraschende Ausblicke entlang des Weges und immer wieder Plätze, an denen die Leute innehalten können. Und die Fußwege müssen frei sein, da wird der Platzmangel einer Stadt noch einmal deutlich.

Manche Auto- oder Radfahrer denken ja, sie könnten ihr Gefährt überall abstellen. Sogar Lastenräder werden teilweise so auf dem Gehweg geparkt, dass Kinderwagen oder Rollator da nicht mehr vorbeikommen. Daher schaffen wir auch eigene Stellflächen für Lastenfahrräder.

Nur beim ÖPNV sind Sie beim ADAC Monitor nicht ganz vorn, nur auf Rang fünf.

Wir führen jetzt schon bei E-Mobilität im Busbereich. Und wir probieren im Süden der Stadt gerade Traffic on Demand, eine Art Bestellservice für Mobilität. Öffentlicher Nahverkehr, der nicht mehr angebots-, sondern nachfragebezogen ist, bei dem ein kluger Algorithmus den Fahrplan bestimmt – ein Mittelding zwischen Taxi und Bus. Und wir überlegen, ob wir eine Mobilitäts-Flatrate anbieten können, die auch den Verleih von Rädern, sowie die Nutzung von Bus und Bahn einbezieht.

Was halten Sie davon, den ÖPNV kostenlos anzubieten – wie es manche Kommunen machen?

Bei uns können Sozialleistungsempfänger den ÖPNV kostenlos nutzen. Kostenloser ÖPNV für alle wäre ein enormer finanzieller Kraftakt. Umfragen zeigen, dass es den Leuten bei den Öffentlichen um Qualität, Sauberkeit, Sicherheit, Geschwindigkeit, Pünktlichkeit geht. Dafür sollten wir die begrenzten finanziellen Mittel nutzen.

Der Bau einer S-Bahn für Münster zieht sich hin. Wie lassen sich große Infrastrukturprojekte schneller umsetzen?

Schienenprojekte sind wahnsinnig aufwendig bei der Planung, die Klagerisiken sind enorm. Wenn wir unsere Klimaziele erfüllen und Alternativen zum Auto schaffen wollen, sind wir darauf angewiesen, dass wir schnellere Planungszeiten bekommen.

Bei großen Projekten gibt es oft Widerstand aus der Bürgerschaft. Wie sollten Kommunen damit umgehen?

Man wird die Wut nicht immer verhindern können, Veränderungen sorgen stets für Ängste. Das merke ich bei der Planung unserer S-Bahn. Gerade bei Großprojekten braucht man frühzeitig Versammlungen für alle Bürger und kleine Foren. Auch wenn man keine inhaltliche Zustimmung bekommt, muss man ein offenes Ohr für Sorgen haben und gleichzeitig versuchen, Begeisterung für Projekte zu entfachen.

Brauchen die Kommunen nach der Corona-Krise mehr Unterstützung vom Bund?

Auch mit Blick auf den Klimaschutz sind Investitionen nötig, die eine Kommune allein nicht leisten kann. Wir brauchen eine moderne Verkehrsstruktur, bei der der Schienenverkehr eine sehr wichtige Rolle spielen wird. Die Städte sind im Moment natürlich sehr von Corona betroffen, der Einzelhandel leidet erheblich. Die Attraktivität der Innenstädte muss erhalten bleiben. Deshalb müssen die Investitionsversprechen, die es gibt, erhalten bleiben.

Christof Henn
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