Weite Wege zur Notdienst-Apotheke

Nachts zur Notdienst-Apotheke: In ländlichen Gebieten bedeutet das oft einen weiten Weg
Nachts zur Notdienst-Apotheke: In ländlichen Gebieten bedeutet das oft einen weiten Weg© ABDA/Shutterstock/Bihlmayer Fotografie [M]

Zur nächsten Notdienst-Apotheke müssen Menschen in ländlichen Regionen Deutschlands nachts und am Wochenende häufig weit fahren. Das ergab jetzt eine Studie des ADAC. Bei der Erhebung war jede fünfte Strecke länger als 20 Kilometer, die weiteste führte sogar über 40 Kilometer.

  • Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

  • Auf dem Land sind es im Schnitt 14,5 Kilometer zur Notdienst-Apotheke

  • Vorsicht bei Entfernungs-Angaben in Luftlinie

Rund 20.000 Menschen suchen jede Nacht überall in Deutschland einen Apotheken-Notdienst auf. Doch die Zahl der Apotheken, die bundesweit diesen Service anbieten, geht zurück: von rund 21.500 vor zehn Jahren auf nur noch knapp 19.000 im Jahr 2020. Wer also nachts oder am Wochenende plötzlich dringend ein Medikament braucht, dürfte zunehmend Probleme haben, einen Notdienst um die Ecke zu finden – vor allem in strukturschwachen Gebieten.

Deshalb hat der ADAC in einer Stichprobe untersucht, welche Entfernungen Menschen aus kleinen Ortschaften auf dem Lande dafür zurücklegen müssen. Für die bundesweite Studie wurden die Wege aus 295 ländlich gelegenen Orten mit weniger als 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern überprüft.

40 Kilometer Fahrt oder ein paar Meter zu Fuß

40,4 Kilometer einfache Fahrt zur nächsten Notdienst-Apotheke. Das war die weiteste Entfernung, die in der Studie gemessen wurde. Diese Strecke musste eine Einwohnerin oder ein Einwohner von Gager auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern zurücklegen, wenn sie an einem späten Samstagabend Ende Mai dringend ein Medikament brauchten. Die durchschnittlich längsten Fahrten an allen drei Tagen der Erhebung mit mehr als 30 Kilometern waren im brandenburgischen Schwielochsee nötig, in Poppenbüll (Schleswig-Holstein), in Werben/Elbe (Sachsen-Anhalt) und in den Orten Stuer sowie Gager in Mecklenburg-Vorpommern.

Die kürzeste Distanz fand das Prüfteam in Sankt Goar (Rheinland-Pfalz), wo die Notdienst-Apotheke nur 57 Meter von der Heimatadresse entfernt lag. Bewohnerinnen und Bewohner der Insel Langeoog hatten es durchschnittlich nur 500 Meter weit bis zum Apotheken-Notdienst. Sehr kurze Distanzen wurden auch in Seckach (Baden-Württemberg), Walkenried (Niedersachsen) sowie Malsch (Baden-Württemberg) und Lichtenberg (Bayern) ermittelt.

Nur acht Prozent der Wege kürzer als fünf Kilometer

Nur gut acht Prozent der Wege waren in der ADAC Erhebung kürzer als fünf Kilometer, knapp ein Drittel zwischen zehn und 15 Kilometern, ein weiteres Fünftel erstreckte sich über 15 bis 20 Kilometer. Alle anderen Anfahrtswege – und damit über 20 Prozent – lagen über der 20-Kilometer-Marke, knapp neun Prozent sogar bei 25 Kilometer und mehr.

Dabei streben die Landesapothekerkammern kürzere Distanzen an: Die meisten empfehlen für die Entfernung ihrer Apotheken-Notdienste maximal 15 bis 20 Kilometer, in Ausnahmefällen gehen Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern von bis zu 25 Kilometern und Sachsen von bis zu 29 Kilometern aus. Brandenburg nannte keine Höchstwerte. Allein Schleswig-Holstein geht in dünn besiedelten Regionen von Distanzen bis zu 38 Kilometern aus.

Das Bundesverwaltungsgericht befand 1989 eine Entfernung von 13 Kilometern als gerade noch zumutbar für die Bevölkerung, während das Verwaltungsgericht München 2018 den Richtwert bei 15 Kilometern sah.

Große Unterschiede zwischen den Bundesländern

Durchschnittlich legten die Menschen auf dem Land Distanzen von 14,5 Kilometern zurück, bis sie ihren Arzneiwunsch erfüllt bekamen. Allerdings kam es dabei stark auf das Bundesland an, in dem sie wohnten. Sachsen-Anhalt etwa lag fast genau im deutschlandweiten Mittel. Noch besser sah es mit durchschnittlich knapp zwölf Kilometern Anfahrtswegen in Rheinland-Pfalz und Bayern aus. Auch Baden-Württemberg, Thüringen, Niedersachsen und Sachsen blieben unter dem Mittelwert. Etwas längere Strecken waren in Schleswig-Holstein notwendig (15,5 Kilometer).

Die Schlusslichter bildeten Brandenburg mit 19,4 Kilometern und Mecklenburg-Vorpommern mit 19,6 Kilometern im Mittel. Hier gab es besonders viele lange Strecken: Jeweils fast die Hälfte aller Anfahrtswege (in Brandenburg 47 und Mecklenburg-Vorpommern 46 Prozent) erstreckte sich dort über 20 Kilometer und deutlich mehr.

Echte Fahrtstrecken weiter als Luftlinien-Angaben

Die Abfragen erfolgten im Mai und Juni 2021 jeweils an einem Sonntag, einem Samstag und nachts an einem Wochentag. Dafür nutzten die Prüferinnen und Prüfer den offiziellen Notdienstfinder von aponet*, einem Portal der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Hier werden die jeweils nächstgelegenen offenen Apotheken aufgelistet und die weiteren Ergebnisse nach Entfernungen sortiert.

Allerdings handelt es sich dabei um Luftlinien-Angaben. Die Folge: Im Durchschnitt war die tatsächlich zu fahrende Strecke, vom Prüf-Team mittels Routenplaner ermittelt, 30 Prozent beziehungsweise 3,2 Kilometer länger als auf der Webseite angegeben. In Gager betrug die Kilometerabweichung zur Luftlinie sogar 17 Kilometer.

In der Praxis konnte das zudem bedeuten, dass an der Küste Notdienste auf den vorgelagerten Inseln als erste Treffer angezeigt wurden, diese aber nur mit der Fähre erreicht werden konnten. Der nur etwas weiter entfernte Notdienst auf dem Festland wurde dann erst auf den nächsten Plätzen der Liste angezeigt.

Unterm Strich war bei knapp sechs Prozent der Abfragen im Test der erste Treffer auf der aponet-Liste nicht die kürzeste Auto-Verbindung. In der Studie wurde auch der zweite und dritte Treffer per Routenplaner geprüft, wenn diese nicht mehr als fünf Kilometer weiter als die Luftlinie des ersten Treffers waren. Auf die Nutzung von Fähren mit ihren Warte- und Überfahrtszeiten wurde ganz verzichtet. War eine Strecke kürzer als 300 Meter, ging die Fußgängerstrecke in die Auswertung ein, da so kurze Distanzen selten mit dem Auto zurückgelegt werden.

Weitere Treffer und Öffnungszeiten beachten

Wichtig: Die tatsächliche Anfahrtsstrecke und die Öffnungszeiten der Notdienst-Apotheke © imago images/Ina Peek

Wer eine Notdienst-Apotheke braucht, sollte also bei aponet-Ergebnissen die tatsächliche Fahrtstrecke zusätzlich per Routenplaner abfragen und weitere Treffer in der Liste checken, ob diese nicht eventuell besser zu erreichen sind als der erste Vorschlag. Außerdem bei längerer Anfahrt wichtig: auf die angegebenen Öffnungszeiten achten, damit man nicht vor verschlossener Tür steht.

295 kleine Orte: So wurden sie ausgewählt

Im Fokus der Untersuchung standen 295 ländlich gelegene Orte mit weniger als 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie wurden in den zehn Bundesländern mit den meisten strukturschwachen Gemeinden ausgewählt – nach einem Modell des mit der Studie beauftragten Hamburger Forschungsinstituts "BIK Aschpurwis + Behrens". Auch das Statistische Bundesamt wendet diese Methode an. Pro Bundesland wurden 30 Orte bestimmt, lediglich in Sachsen-Anhalt gab es nur 25 Orte, die den Auswahlkriterien entsprachen. Gar nicht dabei waren aus Mangel an solch kleinen Orten die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie Hessen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland. In jeder der 295 ausgewählten Gemeinden wurde dann eine zentrale Startadresse festgelegt als Ausgangspunkt für die Entfernungsmessung zur nächsten Notdienst-Apotheke.

Andrea Steichele-Biskup
Andrea Steichele-Biskup
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