Neuer Lkw-Abbiegeassistent: Mehr Schutz für Radfahrer

20.09.2018

Abbiegeassistenten können tödliche Unfälle zwischen Radfahrern und Lkw verhindern. Doch der Markt gibt bislang wenig her. Deshalb rüstet Edeka seine Flotte mit einem eigens entwickelten Assistenzsystem aus

Edeka LKW biegt ab, Fahrradfahrer fährtv vorbei
Radfahrer sind oft nicht sichtbar, da sie sich im toten Winkel befinden

Es war im Frühjahr 2015. Anton Klott hörte in den Nachrichten von mehreren tödlichen Unfällen. Radfahrer waren an verschiedenen Orten wieder einmal von Lastwagen erfasst worden, die an Kreuzungen rechts abbogen. Klott, technischer Leiter von Edeka Südbayern und seit 39 Jahren im Betrieb, fasste den Vorsatz: "Niemals soll ein Lkw aus unserer Flotte in solch einen schrecklichen Unfall verwickelt sein."

Warnton und Kamera machen auf Radfahrer aufmerksam  

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Illustration vom toten Winkel beim Abbiegen eines LKW
Die meisten Unfälle mit Radfahrern passieren beim Rechtsabbiegen

Klott begann zu forschen und erfuhr: Mehr als 3000-mal kollidieren Lkw und Fahrradfahrer jährlich in Deutschland. Knapp 700 Radler werden dabei verletzt, jeder zehnte tödlich, die Hälfte der Opfer stirbt durch rechts abbiegende Lastwagen – weil sie sich im toten Winkel befinden, den der Fahrer trotz diverser Spiegel nicht einsehen kann. Ein System, um das zu verhindern? Fehlanzeige! "Da war mir klar: Ich muss das selbst entwickeln."

Die Geschäftsführung gab grünes Licht, Klott machte sich an die Arbeit, sprach ausgiebig mit seinen Fahrern. Und schon drei Monate später war das System startklar, das mit einer Kamera den gesamten toten Winkel einsehbar macht und weitere Bereiche mit Ultraschallsensoren abdeckt. "Wichtig war mir dazu im Fahrerhaus die Kombination aus Bildschirm und Warnton", sagt Klott, "und vor allem, dass der Assistent zuverlässig arbeitet und nicht abschaltbar ist."

"Mittlerweile fahren alle 300 Lkw der Edeka-Flotte in Südbayern mit dem System. Und nicht nur das: Ein Partnerunternehmen baut die Komponenten zum Selbstkostenpreis in den Lkw jedes Interessenten ein. Das hat sich schnell herumgesprochen: Kommunen, Behörden, Speditionen klopfen inzwischen an; mehr als 1500 Fahrzeuge wurden bereits ausgerüstet.

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"Unser System kostet nur 1000 Euro"

Anton Klott im InterviewIm Interview: Anton Klott. Der 60-jährige ist gelernter Kfz-Mechaniker, Wagenbauer und Hufschmied. Er kam mit 21 zum Lebensmittelhändler Edeka und ist heute Technischer Leiter von Edeka Südbayern mit Sitz in Gaimersheim bei Ingolstadt.

ADAC Motorwelt: Herr Klott, wie kamen Sie auf die Idee, einen Abbiegeassistenten für Ihre Lkw-Flotte zu entwickeln?
Klott: Als ich Anfang 2015 mal wieder von schlimmen Unfällen las, bei denen Radfahrer von rechtsabbiegenden Lkw lebensgefährlich verletzt wurden, dachte ich nur: Das darf mit Fahrzeugen unserer Flotte niemals passieren. Auf dem Markt gab es aber keine wirklich guten Nachrüstlösungen für Warnsysteme. Gut heißt für mich: Nicht abschaltbar, ausfallsicher und mit einer Kamera ausgestattet, die den gesamten toten Winkel der Außenspiegel sichtbar macht. Zusätzlich gehört ein akustisches Warnsignal dazu. Wie gesagt: Das gab's nicht, also hab ich mir in der Geschäftsführung das OK für eine Eigenentwicklung geholt. Nach drei Monaten war ich fertig.

Hört sich alles sehr einfach an. Aber war es das?
Klott: Mit Kamerasystemen hatten wir schon Erfahrung, weil unsere Lkw mit Rückfahrkameras ausgerüstet sind. Zusätzlich hab ich mich mit der Unfallforschung der Uni München zusammengesetzt, aber auch die Wünsche und Erfahrungen unserer Fahrer eingeholt. Da ich keinen Zugang zu den Systemen der Fahrzeuge bekam, habe ich eine Lösung entwickelt, die unabhängig von der restlichen Infrastruktur funktioniert und vor allem in jedes Fabrikat passt. Sobald ein Fahrer den rechten Blinker setzt und langsamer als 30 km/h fährt oder mehr als 10 Grad Lenkeinschlag nach rechts macht, sieht er im Monitor den gesamten Bereich rechts des Fahrzeugs. Für die Fahrer ist das nach eigener Aussage eine riesige Hilfe und Erleichterung.

Wie teuer ist Ihr System?
Klott: Sehr günstig, wenn man bedenkt, dass ein neuer Sattelzug weit über 100.000 Euro kostet. Unser System kostet inklusive Einbau rund 1000 Euro, also weniger als ein Prozent des Fahrzeugpreises. Der Wert dagegen ist immens, wenn man zwei Dinge bedenkt: Schlimme, womöglich tödliche Unfälle werden vermieden. Und zweitens: Ein Fahrer, der solch einen Unfall verschuldet hat, ist in der Regel dauerhaft arbeitsunfähig. Was mich freut: Unser System, das mittlerweile ein Partnerunternehmen montiert, ist nicht nur in unseren 300 Lkw verbaut, sondern in mehr als 1500 Fahrzeugen von Behörden und externen Firmen.     

Der Abbiegeassistent ist für jeden Lkw geeignet

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Der Monitor vom LKW Abbiegeassistent
Angebracht ist der Bildschirm neben dem Rückspiegel

Das geht, so der findige Edeka-Mann, völlig problemlos, weil die Technik in jedes Lkw-Fabrikat passt. Und die Kosten? Klott: "Rund 1000 Euro inklusive Einbau – bei einem Lastzug für 200.000 Euro im Grunde eine Kleinigkeit." Aber eine, die wirkt. "Es ist unglaublich beruhigend zu wissen, dass man beim Abbiegen niemanden mehr übersehen kann", sagt ein Fahrer beim Ortstermin im bayerischen Gaimersheim.

Mehrfach machen wir mit einem Sattelzug Rechtsabbiegemanöver, stets ist die neben dem Gespann fahrende Radlerin im Monitor groß zu sehen. Auch der Motorwelt-Redakteur, der sich neben den vorderen Reifen kauert, ist sofort erkennbar.

Die Kunde vom Edeka-System drang inzwischen bis nach Berlin, wo Verkehrsminister Andreas Scheuer die Supermarktkette zum ersten Partner seiner neuen "Aktion Abbiegeassistent" machte. Ziel der Initiative: Möglichst bald möglichst viele Lkw auf freiwilliger Basis mit solchen Assistenten aus- und nachzurüsten, da eine gesetzliche Pflicht auf EU-Ebene frühestens 2022 kommt.


Hier finden Sie weitere Informationen, warum der ADAC die Aktion Abbiegeassistent unterstützt


Die Kamera ist in der Beifahrertür verbaut

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Kameras des Edeka-LKW Abbiegeassistenten
Alles im Blick: Die Kamera filmt den toten Winkel 

Weitere Ketten wie Rewe, Aldi und Netto oder Großspeditionen wie DB Schenker machen bereits mit, auch der ADAC unterstützt die Aktion. Doch es braucht mehr Angebote auf dem Markt. Einige Anlagen zum nachträglichen Einbau sind schon erhältlich, ab Werk bietet bislang aber nur Daimler einen Abbiegeassistenten an. Und die anderen?

"Wir arbeiten mit Hochdruck daran", heißt es auf Nachfrage bei MAN und Volvo. Man sei bald so weit. "Das hoffen wir sehr", sagt ADAC Vizepräsident Thomas Burkhardt. "Denn dieser Assistent rettet Leben."

Text: Claus Christoph Eicher. Fotos: Andre Kirsch.

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(acfo)