XTL, HVO-Diesel & Co.: Neue Kraftstoffe ab 2024

Eine Person die einen Zapfhahn nimmt
Die Zapfsäulen werden mehr: Ab 2024 stehen neue alternative Kraftstoffe zum Verkauf© Shutterstock/KateKlim

Ab Frühjahr 2024 sollen neue alternative Kraftstoffe wie die paraffinischen Diesel HVO100 oder C.A.R.E. zum Verkauf an der Tankstelle bereit stehen. Wer sie tanken darf – und was unbedingt zu beachten ist.

  • Gesetzgeber lässt neue alternative Kraftstoffe zu

  • Nutzbar nur bei Freigabe des Pkw-Herstellers

  • Auch E-Fuels sind prinzipiell zugelassen

Es gibt Alternativen zu Erdöl

Pommes im Fett einer Friteuse
Mögliche Kreislaufwirtschaft: HVO-Diesel aus altem Frittierfett© stock.adobe.com

Erdöl ist beileibe nicht mehr der einzige Stoff, um den sich alles dreht in der Mineralölindustrie. Die Grundstoffe für Tankstellensprit sind vielfältig geworden. Die Produktion alternativer Kraftstoffe funktioniert inzwischen sowohl auf Basis von diversen Pflanzen (Raps, Rüben, Mais etc.) als auch von Holzresten, Gülle, Klärschlamm oder Speiseabfällen. Es werden derzeit sogar Verfahren entwickelt, durch die Plastikabfall in Treibstoff umgewandelt werden kann.

Hintergrund ist, dass die klimaschädlichen CO₂-Emissionen aus dem Verkehrsbereich reduziert werden müssen. Nicht nur durch den Umstieg auf Elektroantrieb, sondern mit allen Möglichkeiten, die sich bieten – auch bezogen auf den aktuellen Fahrzeugbestand und die vielen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Deswegen arbeiten Forschung und Industrie seit vielen Jahren mit Hochdruck daran, CO₂-reduzierte, idealerweise sogar CO₂-neutrale Kraftstoffe zu (er-)finden.

Entscheidend für die Verfügbarkeit an der Tankstelle ist aber auch, ob es genügend Grundmaterial gibt, den jeweiligen Kraftstoff in ausreichenden Mengen zu produzieren. Und was der Kraftstoff in der Herstellung kostet, um wirtschaftlich zu sein.

Von den alternativen Spritsorten, die es aus den Entwicklungslaboren bis an die Tankstelle schaffen, ist aktuell Kraftstoff aus hydriertem Pflanzenöl (z.B. aus altem Frittenfett), offiziell bezeichnet als paraffinischer Diesel, als HVO oder HVO100 in den Schlagzeilen. Als noch zukunftsträchtiger gelten E-Fuels, mit denen sich größte Hoffnungen verbinden, den Verkehrsbereich ein für allemal klimaschonend zu machen: zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Gesetzgeber regelt Kraftstoffnormen

Ob all dieser technischen Möglichkeiten wurde es Zeit, dass der Gesetzgeber formal den Weg für neue Spritsorten ebnet. Er wacht mittels der 10. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (10. BImschV) darüber, dass nur solcher Sprit an der Tanke verkauft wird, der unbedenklich in den Verkehr gebracht werden kann und der einen möglichst umweltpolitischen Nutzen hat.

Die 10. BImSchV stützt sich wiederum auf nationale bzw. europäische Kraftstoffnormen, z.B. DIN EN 228 (Ottokraftstoff) und DIN EN 590 (Dieselkraftstoff). Die DIN EN 15940 für paraffinische Dieselkraftstoffe ist bis dato noch nicht in die 10. BImSchV aufgenommen. Nun wurde die BImschV dementsprechend neu gefasst – die Zustimmung des Bundesrats steht aber noch aus. Erst dann dürfen sie als Reinkraftstoffe in Deutschland an öffentlichen Tankstellen angeboten werden.

Deutschland ist hier übrigens europäischer Nachzügler. Vor allem in Skandinavien, aber auch in den Niederlanden ("Blauwe Diesel"), Italien (bei Eni) und Österreich sind Tankstellen, die paraffinischen Diesel anbieten, schon weit verbreitet: 2250 Stationen bieten ihn schon in Reinform (100 Prozent) an, über 11.000 zumindest in Beimischungen. Der Mehrpreis gegenüber Mineralöldiesel liegt in diesen Ländern für die Reinform-Variante etwa bei 5 bis 20 Cent.

Was bedeutet XTL und HVO?

Der neue Kraftstoff ab Frühjahr 2024 wird an der Tankstelle mit XTL gekennzeichnet. Das Kürzel XTL steht für "X to Liquid". Das bedeutet: Ein beliebiges Ausgangsmaterial wird "to Liquid", also in einen flüssigen Energieträger umgewandelt. Das "X" ist der Platzhalter für die verschiedene Rohstoffe, aus denen der neue Kraftstoff gewonnen wird. Die Endprodukte unterliegen der Norm DIN EN 15940 für paraffinischen Diesel.

Anhand der Herstellungsweise werden üblicherweise zwei paraffinische Kraftstoffarten unterschieden: synthetische Kraftstoffe, die nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren hergestellt werden, und paraffinischer Diesel aus hydrierten Pflanzenölen.

Bei Fischer-Tropsch-Kraftstoffen wird zuerst das sogenannte Synthesegas erzeugt, eine Mischung aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff. Im nachfolgenden Schritt wird aus dem Synthesegas der paraffinische Kraftstoff erzeugt. Als Ausgangsprodukt können dabei verschiedene Rohstoffe verwendet werden: Kohle (CTL – Coal-to-Liquid), Erdgas (GTL – Gas-to-Liquid) oder Biomasse (BTL – Biomass-to-Liquid).

Als paraffinischer Diesel aus hydrierten Pflanzenölen (HVO, englisch: Hydrotreated Vegetable Oils) werden Pflanzenöle bezeichnet, die durch eine katalytische Reaktion mit Wasserstoff (Hydrierung) in Kohlenwasserstoffe umgewandelt werden. Durch diesen Prozess werden die Pflanzenöle in ihren Eigenschaften an fossile Kraftstoffe (insbesondere Dieselkraftstoff) angepasst. Hydrierte Pflanzenöle können – wie Biodiesel – dem Dieselkraftstoff beigemischt werden (z.B. Diesel R33) oder auch in 100-prozentiger Reinform angeboten werden, zum Beispiel als HVO100 oder C.A.R.E.

Beide paraffinischen Dieselarten werden in Reinform an der Tankstelle unter der Kennzeichnung XTL geführt.

Die Symbole der neuen Kraftstoffe

Ab Frühjahr 2024 – wenn die Änderung der 10. BImSchV voraussichtlich umgesetzt ist – dürfen Tankstellenbetreiber Zapfsäulen mit XTL sowie Diesel B10 einrichten. Die beiden neuen Kraftstoffe können fortan die bekannten Sorten Super E5, Super Plus E5, Super E10 und Diesel B7 ergänzen.


Ohne Einschränkung nutzbar

Nur mit Freigabe des Herstellers nutzbar

Heute verfügbarer Kraftstoff

Super E5 | Super Plus E5 | Diesel B7

Super E10

2024 neu verfügbar


Diesel B10 | XTL

Um Fehlbetankungen zu vermeiden, schreibt die EU-Richtlinie 2014/94/EU eine einheitliche Kennzeichnung für die verschiedenen Kraftstoffsorten sowohl am Fahrzeug (in der Bedienungsanleitung und dem Tankdeckel) als auch an der Tankstelle (Zapfsäule und Zapfpistole) vor.

Was ist Diesel B10?

Diesel B10 ist, wie die Kennzeichnung andeutet, ein Diesel mit einer maximal zehnprozentigen Beimischung von Biodiesel. Bisher war die Biobeimischung beim Diesel auf maximal sieben Prozent (B7) begrenzt. Der größte Unterschied für den Kunden besteht darin, dass B10 nur dann getankt werden darf, wenn der Hersteller eine spezielle Freigabe für die Verwendung erteilt hat, genau wie es bei der Verwendung von Super E10 der Fall ist. Im Zweifel also lieber B7 tanken – denn das müssen Tankstellen, die B10 anbieten, immer auch parallel anbieten.

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Wichtig: Freigabe des Autoherstellers

Egal ob Diesel B10 oder XTL-Kraftstoff: Um eine der beiden neuen Spritsorten tanken zu können, sind modellspezifische Freigaben der Hersteller notwendig. Aktuell liegen solche Freigaben für XTL nur für wenige Modelle der Marken Audi, BMW, Citroën/Peugeot/Opel, Nissan, Renault/Dacia, Seat/Cupra, Škoda, Toyota, Volvo und VW vor.

Der ADAC recherchiert zurzeit die aktuellen Freigaben der Hersteller für XTL sowie B10 und wird die Informationen anschließend hier bereit stellen.

E-Fuels: Noch in der Warteposition

Eine Flasche E-fuel
Die Fabrikation beginnt mit Solarstrom und endet mit einem wasserklaren Kraftstoff© www.kit.edu

Mit Inkrafttreten der novellierten Verordnung wäre es den Tankstellen darüber hinaus auch möglich, E-Fuels als paraffinischen Diesel ab 2024 in den Verkauf zu bringen. Mit E-Fuels verbinden sich große Zukunftshoffnungen: E-Fuels sind nicht biogenen Ursprungs, sie basieren auf Wasserstoff und CO₂ als Grundstoff. Ist der zu seiner Produktion verwendete Strom regenerativer Natur (Wind oder Sonne), sind E-Fuels klimaneutral.

Nicht paraffinische E-Fuels können in zwei Fraktionen synthetisiert werden: Als E-Fuel-Benzin oder E-Fuel-Diesel. Sie unterliegen jeweils der gleichen Kraftstoffnorm wie herkömmliches Benzin und herkömmlicher Diesel, der DIN EN 228 bzw. DIN EN 590, und dürften – wenn sie die Norm erfüllen – heute schon verkauft werden.

Doch bei E-Fuels ist es noch überhaupt nicht absehbar, ob und wann sie an der Tankstelle bereit stehen werden. Zum einen fehlen Industrieanlagen, die die erforderlichen Mengen davon herstellen könnten. Zum anderen ist auch kein konkurrenzfähiger Preis in Sicht.