Elternhaltestellen an Grundschulen

23.8.2018

Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Gehalten wird oft an Bushaltestellen, im Halteverbot, auf dem Zebrastreifen oder in zweiter Reihe! Damit gefährden diese "Elterntaxis" nicht nur andere Kinder, die zu Fuß in die Schule gehen, sondern auch die eigenen. Eine Lösung stellen Elternhaltestellen dar, die in einigem Abstand zur Schule errichtet werden und den Hol- und Bringverkehr der Eltern vor dem Schultor entzerren

Elterntaxi
Beim Aussteigen ist Aufmerksamkeit geboten

Kinder unterliegen im Straßenverkehr einem besonderen Schutzbedürfnis. Aus Sicht der Unfallstatistik stellt die Mitfahrt im Pkw ein größeres Risiko für Kinder von sechs bis neun Jahren dar als die Fortbewegung mit jedem anderen Verkehrsmittel. So kommen jährlich mehr Kinder im Pkw der Eltern zu Schaden als durch die selbstständige Mobilität zu Fuß.

Daher werden seit geraumer Zeit zunehmend Konzepte entwickelt, die auf eine Änderung des Mobilitätsverhaltens von Kindern hin zu einer selbstständigen Teilnahme am Straßenverkehr abzielen. Leider fallen diese Konzepte noch nicht überall auf fruchtbaren Boden, da immer noch zu wenige Eltern bereit sind, ihre Kinder zur Schule laufen zu lassen.

Mittlerweile ist durch zahlreiche Studien nachgewiesen, dass die tägliche Bewältigung des Schulwegs zu Fuß eine Reihe von positiven Effekten auf die kindliche Entwicklung hat. Dazu zählen eine höhere Konzentrationsfähigkeit im Unterricht, eine gesteigerte körperliche Fitness, der Abbau von Übergewicht sowie – bei gemeinsamer Bewältigung des Schulwegs mit anderen Kindern – die Verbesserung des Sozialverhaltens.

Hinzu kommt, dass Kinder dadurch frühzeitiger ein Bewusstsein für Gefahrensituationen im Straßenverkehr entwickeln und in die Lage versetzt werden, ein räumliches Bild ("geistige Landkarte") der eigenen Stadt bzw. des eigenen Schulwegs zu entwerfen.

Verunglückte Kinder zwischen 6 und 9 im Jahr 2017
     
  Gesamt Leichtverletzte
Schwerverletzte
Getötete
Pkw-Mitfahrer 3309 2966 343 0                   
Fußgänger 2375 1760 610 5
Radfahrer 2003 1774 227 2
Sonstige 481 451 29 1
Summe8168 6951 1209 8
Tipp Icon

Empfehlungen

Elternhaltestelle

Für den Weg zwischen Elternhaltestelle und Schule

- Die Länge des Wegs sollte mindestens 250 Meter betragen, damit es zu einer Entzerrung des Verkehrs im unmittelbaren Schulumfeld kommen kann und an Eltern die Botschaft vermittelt wird: "Gehen ist gut, auch wenn es nur ein paar hundert Meter sind."

- Der Weg sollte sicher und komfortabel sein, um bei Eltern und Schülern eine hohe Akzeptanz zu erzielen.

- Der Weg sollte möglichst wenige Straßenüberquerungen erforderlich machen. Schwierige Querungsstellen sollten durch Ampeln, Zebrastreifen oder Schülerlotsen abgesichert werden.

- Der Weg sollte möglichst in Bereiche gelegt werden, in denen die Autos langsam fahren.

- Der Weg sollte ausreichend beleuchtet und im Winter geräumt sein.

- Der Weg sollte gute Sichtbeziehungen aufweisen, wobei besonderes Augenmerk auf die Grundstückseinfahrten zu legen ist.

Wichtig für Elternhaltestellen 

- Die Umsetzung ist mit den örtlichen Behörden (Verkehrsbehörde, Baulastträger) abzustimmen.

- Kindergärten oder weitere Schulen im näheren Umfeld der Elternhaltestellen sollten bei der Bemessung des Stellplatzbedarfs berücksichtigt werden.

- Zur Steigerung der Akzeptanz bei Eltern und Bewohnern sollten die Maßnahmen durch Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden.

- Die Elternhaltestellen sollten mit Projekten wie Verkehrszähmer, "Walking Bus" oder Aktionstagen kombiniert werden.

Das gilt für Kinder 

- Kinder sollten stets auf der Gehwegseite aus dem Auto aussteigen.

- Kinder sollten zur Vermeidung von Straßenquerungen immer auf der Straßenseite aus dem Auto aussteigen, an der die Schule liegt.

- Kinder bis zu 12 Jahren, die kleiner als 1,50 Meter sind, müssen mit geeigneten Rückhaltesystemen gesichert werden. Der Sicherheitsgurt für Erwachsene zählt nicht dazu.

- Kindern sollte eingeprägt werden, dass sie auch dann vorschriftsmäßig gesichert sein müssen, wenn sie bei anderen mitfahren.

- Eltern sollten sich ihrer Vorbildwirkung bewusst sein – egal, ob sie als Fußgänger, Rad- oder Autofahrer unterwegs sind.

Hol- und Bringverkehr aus Elternsicht

Im Juli 2013 wurde eine Elternbefragung an 14 Grundschulen in 13 Städten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Es wurden nur solche Schulen in die Untersuchung einbezogen, die nach eigener Einschätzung ein Problem mit dem Hol- und Bringverkehr haben. Die Elternbefragung zielte insbesondere darauf ab, mehr über die Motive der Eltern zu erfahren, die ihre Kinder mehrmals pro Woche mit dem Auto zur Schule bringen oder von dort abholen. Die Befragung erfolgte mit schriftlichem Fragebogen, wobei die Ergebnisse (430 Rückantworten) statistisch zwar nicht als repräsentativ betrachtet werden können, aber dennoch wichtige Hinweise zur Problematik liefern.

Kinder werden häufiger und regelmäßiger zur Schule gebracht als von dort abgeholt. Da sie zum Teil unterschiedliche Schulschlusszeiten haben, wird das Problem der Bringverkehre bei Schulbeginn in der Regel stärker wahrgenommen als das Problem der Holverkehre zu Schulschluss.

Bequemlichkeit oder ganz praktische Überlegungen, wie "da mein Nachbar sein Kind eh mit dem Auto zur Schule bringt, fährt mein Sohn morgens gern mit, da er noch müde ist", sind nicht selten und stellen ein wesentliches Motiv für häufiges Bringen und Holen der Kinder dar. Etwa jedes zweite zur Schule gefahrene Kind bewältigt aufgrund der Entfernung zwischen Wohnort und Schule den Schulweg nicht auf der gesamten Strecke zu Fuß. Während sich das Hol- und Bringverhalten bei Mädchen und Jungen nicht wesentlich unterscheidet, werden Kinder der ersten beiden Grundschulklassen im Vergleich zu den älteren Grundschülern deutlich häufiger mit dem Auto zur Schule gebracht und abgeholt.

Hauptursache für Hol- und Bringverkehre sind aus Sicht der Eltern als unsicher empfundene Schulwege: "Es ist nicht möglich, meine Kinder allein zur Schule zu schicken, da der Fußweg für die Kinder nicht sicher ist." Gemeint sind damit mangelnde Verkehrssicherheit und befürchtete Belästigungen oder Bedrohungen. Der mit Abstand wichtigste Verbesserungsvorschlag im Bereich der Fußwege betrifft die Einrichtung von sicheren Querungsstellen in Form von Ampeln, Zebrastreifen oder Schülerlotsendiensten.

Bei der Einrichtung von Elternhaltestellen für Kinder ist die Sicherheit des Schulwegs zwischen der Ausstiegsstelle und der Schule für Eltern ebenfalls ein zentrales Kriterium. "Wichtig ist, dass die Gesundheit der Kinder auf dem Schulweg nicht gefährdet wird; aus diesem Grund ist eine Zone für das Wegbringen und Abholen der Kids sinnvoll", resümiert ein Vater eines Erstklässlers aus Marl. Hinzu kommt die Entfernung von der Ausstiegsstelle zur Schule, die laut den befragten Eltern ca. 200 Meter betragen kann. Eine Kombination aus Autofahrt und Fußweg wird von den Eltern dabei durchaus akzeptiert. "Wir lassen unseren Sohn dreimal die Woche den halben Weg zu Fuß zur Schule gehen."

Andere Eltern würden ihre Kinder sogar den gesamten Schulweg selbstständig zurücklegen lassen, wenn dieser – z.B. durch die Bildung von Gehgemeinschaften – sicherer wäre. Manche Eltern sind sich durchaus bewusst, dass man mit gutem Beispiel vorangehen muss, wenn man das Mobilitätsverhalten der Kinder zugunsten des Zu-Fuß-Gehens beeinflussen will. Appelliert wird auch an die Vorbildfunktion der Lehrer, die öfter mal zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule kommen sollen.

Die Eltern konnten im Rahmen der Elternbefragung über die Namensgebung des Haltebereiches für Hol- und Bringverkehr abstimmen. Der Vorschlag "Hol- und Bringzone" wurde am besten bewertet. Über 80 Prozent der Eltern finden diesen Begriff "sehr gut" oder "eher gut", der Begriff "Elternhaltestelle" folgte mit 72 Prozent. Mit ca. 40 Prozent war die Zustimmung für "Elterntaxi-Haltestelle" oder "Elternhalt" deutlich geringer.

Der ADAC hat sich für die Verwendung des Begriffs "Elternhaltestelle" entschieden, weil Autofahrer ohne Vorkenntnisse – anders als Eltern – diesen Terminus besser verstehen. Damit ist zu erwarten, dass die Akzeptanz höher ausfällt.

Wirksamkeit von Elternhaltestellen

Im Zeitraum 2016 - 2017 wurde an der Andreasschule in Essen das 3-Säulen-Modell "Mehr Freude am Gehen" umgesetzt. Zu diesem Modell des schulischen Mobilitätsmanagements an Grundschulen gehören ein Schulwegplanprozess, die Umsetzung des Verkehrszähmer-Programms und die Einrichtung von Elternhaltestellen. Zwei davon wurden im Juni 2017 mit 3 bzw. 5 Stellplätzen im Umfeld der Andreasschule eingerichtet.

Im Zuge dessen malten Schüler der dritten Klasse "Gelbe Füße" im direkten Umfeld der beiden Stand-
orte auf die Gehwege. Die Stadt Essen setzte außerdem verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Schulwegsicherheit um. Dazu zählten auch bauliche Maßnahmen wie die Errichtung von "Gehwegnasen" zur Verbesserung der Sichtbeziehungen.

Die Evaluation des Projektes erfolgte über schriftliche Elternbefragungen, die Anfang 2016 und Ende 2017 durchgeführt wurden. Die erste Frage zielte auf die Bewertung der Projektidee von Elternhaltestellen im Allgemeinen. Knapp zwei Drittel der Eltern bewerteten die Projektidee als "sehr gut", weitere 29 Prozent als "eher gut". Die zweite und zentrale Frage war die nach einer Änderung der Verkehrsmittelwahl nach Einrichtung der Elternhaltestellen. Es zeigte sich, dass sowohl im Sommer als auch im Winter bzw. bei schlechtem Wetter einerseits der Anteil an Fußwegen um etwa 20 Prozent gesteigert werden kann und andererseits eine Halbierung des Elterntaxi-Anteils möglich ist. Damit verursachen erheblich weniger elterliche Bringverkehre die typischen Konflikte im unmittelbaren Schulumfeld.

ADAC Leitfaden "Das Elterntaxi an Grundschulen"

Der ADAC Leitfaden "Das Elterntaxi an Grundschulen" zeigt auf, wie Schulen und Eltern das Thema angehen können und was bei der Einrichtung von Elternhaltestellen zu beachten ist.

Download "Das Elterntaxi an Grundschulen" (pdf), 1,09 MB

ADAC Shop: Leitfaden in Print-Form