ADAC Test 2021: Fahrradhelme für Erwachsene

23.6.2021

Der ADAC hat 14 City- und Urban-Fahrradhelme in den Kategorien Unfallschutz, Handhabung und Komfort, Hitzebeständigkeit und Schadstoffe getestet. Außerdem: Der Airbag-Helm Hövding 3 im Crashversuch.

Frau fährt mit ihrem Fahrrad durch die Stadt
Auch ohne Helmpflicht: Der Kopfschutz für Radler ist ein Muss/©ABUS
  • 14 Fahrradhelme zwischen 35 und 160 Euro im Test
  • Testsieger hat die besten Allround-Eigenschaften 
  • Großer Nachholbedarf bei Abstreifsicherheit und Beleuchtung

Alle Produkte erzielten erfreulicherweise eine ausreichende Schutzwirkung. Selbst das schlechteste Modell im Test wies noch eine befriedigende Schutzwirkung bei einem Stoß gegen den Helm auf. Erstaunlich dabei: Der günstige Urban Plus von Fischer (45 Euro) bot den besten Unfallschutz.

0,6 bis 1,5
sehr gut
1,6 bis 2,5
gut
2,6 bis 3,5
befriedigend
3,6 bis 4,5
ausreichend
ab 4,6
mangelhaft

Testsieger mit Allround-Qualitäten

Zoom-In
Produktbild des Uvex City I-Vo Fahrradhelms
Gute Allroundeigenschaften: Der Testsieger von Uvex/©ADAC/Ralph Wagner

Testsieger mit einer Gesamtnote von 1,8 wurde der City i-vo MIPS von Uvex. Der zweitbeste Unfallschutz und die, gemeinsam mit den Helmen von Cratoni und Giro, beste Handhabung im Test machen den Uvex zum Allroundtalent. Bei den Hitze- und Schadstoffprüfungen erreichte der Helm zudem jeweils die Note sehr gut. Allerdings liegt sein Anschaffungspreis mit 120 Euro auch im oberen Bereich des Testfeldes.

In einigen Testkategorien zeigte sich, dass die Hersteller von Fahrradhelmen noch großen Nachholbedarf haben. So zum Beispiel bei der Abstreifsicherheit der Helme. Hier wurde im Fahrradhelm-Test zusätzlich zur Normprüfung nach vorne auch die Möglichkeit des Abstreifens nach hinten geprüft. Dabei offenbarten gleich vier Modelle im Test signifikante Schwächen: Im Falle eines Sturzes wäre der wichtige Schutz des Kopfes vor einem Aufprall nicht gegeben. Auch wenn die Prüfung zusätzlich zur Norm vorgenommen wurde, sollten die Hersteller noch mehr Augenmerk auf die Sicherheit und den Unfallschutz der Produkte legen.

Bei Dunkelheit: Teuerster Helm kaum zu sehen

Leider war bei einigen Testkandidaten auch der Punkt Erkennbarkeit im Dunkeln ein im wahrsten Sinne des Wortes dunkles Kapitel. Absolutes Negativbeispiel im Test: Das Modell Omne Air Spin von POC. Dieser Helm war mit 160 Euro der teuerste unter den Kandidaten, wird aber gänzlich ohne Reflektoren oder LED-Beleuchtung verkauft. Der ADAC appelliert daher an die Hersteller von Fahrradhelmen, die Erkennbarkeit ihrer Produkte im Dunklen durch reflektierende Flächen oder eine entsprechende Beleuchtung zu verbessern.

Testverlierer: Schwer und unbequem

Zoom-In
Produktbild des Decathlon B'Twin City Fahrradhelms
Geringer Tragekomfort: Der Helm von Decathlon/©ADAC/Ralph Wagner

Verlierer des Vergleichstests war der billigste Helm unter den Testkandidaten. Der B'Twin City 500 Bowl von Decathlon erreichte nur die Gesamtnote 2,9. Er war der zweitschwerste Helm im Test und bot durch den tiefen Sitz nur wenig Tragekomfort. Das Gewicht eines Fahrradhelmes hängt entscheidend mit seiner Bauweise zusammen. Im Testfeld kamen gleich drei verschiedene zum Einsatz: Eine Bauweise sind sogenannte HartschalenhelmeHier ist der Schaumstoff mit einer dicken Außenschale aus hartem Kunststoff versehen. Die harte, glatte Oberfläche bietet Schutz gegen mechanische Einwirkung, erhöht jedoch das Gewicht. Der Testverlierer B'Twin City 500 Bowl ist ein Hartschalenhelm. 

Die meisten Helme im Test waren mit dem In-Mold-Verfahren hergestellt, bei dem die Außenschale und der Hartschaum des Helms miteinander verschweißt werden. Ergebnis: Eine vollständige Verbindung und damit eine sehr stabile Helmstruktur. In-Mold-Helme sind in der Regel leichter als normale Hartschalenhelme, was sich auch im Vergleich zeigte. Das Modell von Fischer ist ein Mikroschalenhelm, welcher ähnlich wie der Hartschalenhelm aus einer Hartschaumstoffschicht besteht. Im Gegensatz zur harten Kunststoffschicht des Hartschalenhelms ist dieser aber nur durch eine dünne Kunststoffschicht überzogen.

Airbag-Kragen: Guter Schutz, aber löst nicht immer aus

Zoom-In
Stuntman mit dem aufgeblasenen Hövding 3 Airbag-Fahrradhelm
Keine Trockenhaube, sondern Lebensretter: Airbag-Helm Hövding 3/©ADAC/Uwe Rattay

Zusätzlich zu den 14 Modellen im Vergleich untersuchten die ADAC Tester außer Konkurrenz den Airbaghelm Hövding 3. Dieses Modell ist genau genommen gar kein Helm, sondern ein Airbagkragen, der sich bei einem Unfall mit dem Fahrrad zu einem Helm aufbläst. Im Crashversuch mit einem Stuntman überprüfte der ADAC, ob der Hövding auch tatsächlich auslöst. Das Ergebnis des sogenannten Dooring-Unfalls, bei dem der Aufprall eines Radfahrers auf eine geöffnete Autotür simuliert, konnte sich sehen lassen: Der Hövding 3 löste in diesem Testszenario einwandfrei aus und bot einen sehr guten Schutz vor Kopfverletzungen.

Den sehr guten Unfallschutz hatte ein bereits in der Vergangenheit durch das Prüflabor der Uni Straßburg durchgeführter Test mit dem Hövding gezeigt. Voraussetzung für das hohe Sicherheitsniveau ist jedoch, dass der Airbaghelm bei einem Unfall auch auslöst. Dies ist allerdings nicht in jeder Situation, etwa bei einem stumpfen Aufprall ohne Rotationsbewegung des Radlers, gewährleistet. Auch bei Handhabung und Komfort offenbart der Airbagkragen Schwächen. So stören das hohe Gewicht und die deutliche Schwitzneigung des Fahrers durch den Hövding bei höheren Temperaturen. Zudem kommt es beim Anpassen an den Hals des Nutzers zu Faltenbildung am Stoff, was den Komfort deutlich schmälert.

Video starten

Helmtragequote mit Luft nach oben

Zoom-In
Grafik zur Tragebereitschaft eines Fahrradhelms in den verschiedenen Altersklassen
Erfreulich: Die Helmtragequote nimmt zu/Quelle: BASt

Damit ein Fahrradhelm im Falle eines Unfalls seine schützende Wirkung überhaupt entfalten kann, muss er allerdings auch getragen werden. Eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zeigte im Jahr 2020 erfreulicherweise über alle Altersgruppen hinweg eine Helmtragequote der beobachteten Personen auf einem Fahrrad von 26,2 Prozent (2019: 22,8). 

82,1 Prozent (2019: 71,8) der Kinder von 6 bis 10 Jahren trugen 2020 einen Fahrradhelm. Bei den 11- bis 16-Jährigen nahm die Helmnutzung deutlich zu und liegt jetzt bei 54,4 Prozent (2019: 34,4). In der Gruppe der 17- bis 21-Jährigen stieg die Helmnutzung auf 17,8 (2019: 13,9), bei den 22- bis 30-Jährigen auf 23,5 Prozent (2019: 17,5). Deutlich besser ist auch die Helmtragequote bei den ab 61-Jährigen auf 43,3 Prozent (2019: 20,7).

Im Vergleich zum Vorjahr ist also die Helmtragequote über fast alle Altersgruppen hinweg gestiegen. Lediglich die Altersgruppe 31 bis 40 Jahre verzeichnet einen Rückgang. Dennoch fällt auf, dass lediglich ein Viertel aller erfassten Fahrradfahrer mit einem Helm unterwegs waren. Hier gibt es also noch reichlich Aufklärungsbedarf über die schützende Wirkung eines Fahrradhelms im Straßenverkehr.

Tipps und Empfehlungen

Empfehlungen an die Hersteller

 

  • Die Erkennbarkeit im Dunkeln durch Reflektoren muss verbessert werden. Gleich fünf Helme (Cratoni, Giro, Lazer, POC und Specialized) erhalten hier nur ein „ausreichend“ oder schlechter!
  • Im Test zeigen vier Helme (B´Twin, Bell, Fischer und Nutcase) Auffälligkeiten beim Hitzetest. Es lösen sich Klebeverbindungen und es gibt Verformungen. Der Helm darf jedoch auch unter diesen Bedingungen zu keiner Zeit scharfkantige Elemente hervorbringen.
  • Die Kennzeichnung im Helm ist bei drei Helmen (Lazer, POC, und Specialized) nicht vollständig und wird daher nur mit einem „ausreichend“ bewertet.

 

 

 

Tipps für Verbraucher

    • Um eine möglichst gute Sichtbarkeit zu gewährleisten sollte der Helm mit einer LED-Beleuchtung ausgestattet sein. Da die Aktivierung vom Nutzer jedoch oft vergessen wird, sollte der Helm auch über eine passive Sicherheitsausstattung in Form von reflektierenden Elementen an der gesamten Helmschale sowie im Kinnriemen verfügen. Ein helles Design in auffälligen Farben erhöht zudem die Sichtbarkeit bei Tag und Nacht.
    • Da jede Kopfform individuell ist, ist es empfehlenswert, den Helm vor dem Kauf anzuprobieren. So lassen sich Passform und Einstellmöglichkeiten des Wunschhelms prüfen und ein Fehlkauf vermeiden.
    • Der Helm muss nach einem Sturz ersetzt werden: Es können dabei nicht sichtbare Schäden entstanden sein. Dadurch ist dann die Schutzfunktion des Helms teilweise oder vollständig beeinträchtigt.
    • Die ADAC Unfallforschung belegt, dass ein Helm beim Sturz effektiv vor vielen Kopfverletzungen schützen kann. Auch der schlechteste Helm im Test kann im Ernstfall Leben retten, wenn er richtig getragen wird. Daher gilt: Immer nur mit Helm fahren und diesen auch richtig aufsetzen und anpassen!

 

 

Fachliche Beratung: Michael Peuckert, ADAC Technik Zentrum

Methodik & Hintergrund

Unfallschutz

  • Berechnung und Bewertung der Verletzungswahrscheinlichkeit durch FE-Simulation auf Grundlage der linearen und rotatorischen Beschleunigung       
  • Festigkeit des Kinnriemens und Verschlusses gemäß DIN EN 1078
  • Abstreifsicherheit in Anlehnung der DIN EN 1078
  • Öffnen des Verschlusses unter Last gemäß DIN EN 1078
  • Erkennbarkeit im Dunkeln


Handhabung und Komfort

  • Gebrauchsanleitung und Kennzeichnungen in Anlehnung der DIN EN 1078
  • Passform mit mehreren Probanden, Benutzung mit Brille, Kopf- und Riemenanpassung sowie Bedienbarkeit
  • Belüftung mittels thermografischer Aufnahmen und Probandenversuche
  • Wirksamkeit des Blendschutzes
  • Reinigungsfreundlichkeit von Innenpolster und Außenschale      

 

Hitzebeständigkeit und Schadstoffe

Hitzebeständigkeit

Beständigkeit nach 4 Stunden bei 75 Grad Celsius

Schadstoffe

Untersuchung der Teile mit kontinuierlichem Hautkontakt auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Phthalate (Weichmacher)