Rund ums Fahrzeug
Verkehr
Reise & Freizeit
Produkte
Mitgliedschaft
Der ADAC

Sono Motors: "Aufgeben ist keine Option"

Sono Motors CEOs Laurin Hahn und Jona Christians
Gründer von Sono Motors: Laurin Hahn und Jona Christians ∙ © ADAC/Andre Kirsch

Das Start-up Sono Motors hat ein innovatives Elektroauto entwickelt und tritt damit gegen die großen Autohersteller an. Vor Kurzem drohte das Aus. Im Interview erklären die Gründer, wie es gelingen soll, als David gegen Goliath zu bestehen.

Das Ziel ist hoch gesteckt: Ein kleines Münchner Start-up will ein Elektroauto bauen. Und zwar eines, das so nachhaltig ist wie irgend möglich: Es soll zusätzliche Energie über Solarzellen gewinnen, die am Auto verbaut sind.

Die Idee stammt von Laurin Hahn und Jona Christians, zwei der drei Köpfe von Sono Motors. Dabei sind die beiden nicht einmal ausgebildete Ingenieure oder Betriebswirte, sondern in jeder Hinsicht Autodidakten. Das weibliche Gegengewicht im Gründerteam ist die studierte Kommunikationsdesignerin Navina Pernsteiner, die sich in den ersten Jahren um das Crowdfunding gekümmert hat und sich heute auf die Entwicklung einer App
zu künftigen Mobility Services (Carsharing u.a.) der Firma konzentriert.

Dass Sono Motors es tatsächlich geschafft hat, ein innovatives Elektroauto zu entwickeln, mutet wie ein Wunder an. Aus dem 2016 gegründeten Team mit einer Handvoll Mitarbeitern wird eine Firma mit 100 Angestellten und weiteren 300 externen Projektmitarbeitern. Ende 2019 dann der Schock: Die Vertragsverhandlungen mit einem Großinvestor scheitern, die Firma steht vor dem Aus. Durch eine Crowdfunding-Kampagne gelingt es, innerhalb von 50 Tagen noch einmal mehr als 50 Millionen Euro einzusammeln und das Projekt zu retten.

Learning by doing: Wie funktioniert Elektromobilität?

Es heißt, ihr habt wie Steve Jobs in einer Garage angefangen. Was habt ihr da gemacht? Ein Auto umgebaut, einen Elektromotor und einen Akku reingehängt und alles miteinander verbunden oder wie müssen wir uns das vorstellen?
Jona Christians: Genau das haben wir gemacht. Wir haben uns 2012 gefragt, woran es bei der Elektromobilität hapert. Wir wollten sehen, wie man die Probleme – Preis, Reichweite, Infrastruktur – lösen kann.

Was für ein Auto war das?
Jona: Ein Renault Twingo. Aber wir haben ihn natürlich von vorne bis hinten umgebaut. Den Motor, den Akku, den wir uns online aus China bestellt haben und so weiter … Und dann merkst du, dass ein Elektroauto kein Hexenwerk ist.

Ihr seid mit dem umgebauten Twingo tatsächlich gefahren?
Laurin Hahn:
Ja. Wir haben eine Tüv-Zulassung bekommen und sind damit mehrere Tausend Kilometer herumgefahren.

Welche Reichweite hatte das Auto?
Laurin: 130 Kilometer. Das war eine ganz andere Nummer als der Sion heute.
Jona: Die Learnings waren extrem wichtig. Wir zwei sind ja Autodidakten, ohne Studium, ohne Berufserfahrung. Jetzt haben wir viele Fachleute als Partner und Zulieferer im Boot. Im Projekt von Sono Motors sind heute 400 Menschen involviert.

Sind eure Mitarbeiter alle mit dem gleichen Enthusiasmus dabei wie ihr selbst?
Jona
: Es ist niemand bei uns, weil er einen bequemen Nine-to-five-Job gesucht hat. Alle haben ihren persönlichen Grund, warum sie da sind. Und alle teilen unsere Einstellung.

Sono Motors hat nicht die Nachteile eines Autoherstellers

Ihr begebt euch ja nicht nur mit anderen Start-ups und dem Elektropionier Tesla, sondern auch mit den etablierten Autoherstellern in Konkurrenz. Hattet ihr nie Angst zu scheitern oder ein zu großes Risiko einzugehen?
Laurin: Das gehört beim Unternehmertum immer dazu, dass man risikoaffin ist und Schritte wagt, die normalerweise niemand gehen würde. Aber wir sind eben kein Autohersteller, der seine bestehenden Fabriken auslasten muss, und der eine Verantwortung für Hunderttausende von Mitarbeitern hat. Wir können schneller und entscheidungsfreudiger sein als etablierte Player. Und wir haben ein anderes Verständnis davon, wer unsere Kunden sind, und wie man sie am besten bedient.

Gab’s einen Punkt, an dem ihr gedacht habt: Jetzt hören wir auf, jetzt ist Schluss?
Laurin: Es gab viele Tiefpunkte. Aber wir wären heute nicht hier, wenn wir nicht immer wieder aufgestanden wären. Wenn wir nicht gesagt hätten, dass Aufgeben keine Option ist.

Was war euer größter Fehler?
Jona
: Dem klassischen Weg eines Start-ups zu folgen. Du gründest, holst Investoren mit rein, blähst das Unternehmen auf, stellst dich als das große Einhorn dar und gehst als Gründer mit einer goldenen Nase raus. Wir wollten zwar niemals alles verkaufen und in andere Hände geben, aber wir sind dieser Story doch irgendwie gefolgt, und das war ein Fehler. Und so ein bisschen ist das jetzt ein Zurückkommen zu dem, wo wir gestartet sind, mit der Community.

Crowdfunding als Rettung in der Krise

Vergangenen November drohte das Projekt zu scheitern, weil ihr euch von einem großen Investor getrennt habt.
Jona:
Das war ein Schlüsselmoment. Nach der siebten Verhandlungsrunde ist das Thema gekippt. Denn was wir davor vereinbart und an Perspektiven für Sono vereinbart hatten, stand überhaupt nicht mehr zur Debatte. Das war wie vom Tisch gefegt. Es stand im Raum, dass die Patente abwandern sollten und der Sion in Europa nicht auf die Straße kommen sollte. Es gab kein Interesse daran, dass Sono fortbesteht.

Dann habt ihr weitere 50 Millionen Euro über Crowdfunding zusammenbekommen.
Jona
: Unsere Nachricht über die gescheiterten Verhandlungen war für alle schockierend. Wir sind dann durch Deutschland getourt – in Köln, Stuttgart, Berlin, Hamburg und München hatten wir Events, bei denen so eine Stimmung aufkam, dass wir zusammenhalten, dass wir es gemeinsam schaffen können.

Sieben Strategien: Von Produktion bis Finanzierung

Wie weit kommt ihr mit den 50 Millionen?
Laurin: Wir gehen jetzt in die nächste Prototypen-Phase, das ist der Serienstand der Karosserie mit dem Seriendesign. Das werden wir im Herbst vorstellen. Das Geld reicht zumindest bis dahin.

Aber es reicht nicht, um den Start der Produktion anzuschieben, oder?
Laurin:
Nein, das nicht. Wir brauchen bis dahin noch einmal 200 Millionen Euro. Dann läuft die Finanzierung außer über Investoren und die Community auch über Banken.

Ihr glaubt wirklich, dass die Banken ein solch gewagtes Start-up-Projekt durchfinanzieren?
Laurin: Die Bank finanziert zum Beispiel die Fertigungsroboter, die einen Gegenwert haben. Schon bevor wir die Firma gegründet haben, haben wir Strategien definiert, wie wir anstatt mit einer Milliarde, die die Großindustrie zur Entwicklung eines neuen Autos braucht, mit 250 Millionen auskommen.

Und wie genau sehen diese Strategien aus?
Laurin: Erstens, wir nutzen nur Carry-over-Parts, so genannte Übernahmeteile. Zweitens, der Sion hat einen Aluminiumrahmen, und daher brauchen wir keine Presswerkzeuge. Das spart einen dreistelligen Millionenbetrag. Drittens, wir brauchen keine Lackierstraße. Noch ein dreistelliger Millionenbetrag weniger. Viertens, wir haben nur Online-Direktvertrieb. Damit ersparen wir uns das Händlernetzwerk, plus die Marge des Händlers von 15 bis 20 Prozent. Fünftens, wir haben keine eigene Fabrik, wir lassen fertigen. Mit erneuerbaren Energien, Sozialstandards und so weiter. Und sechstens: Der Sion kommt nur in einer Variante.

Das heißt, die 250 Millionen reichen tatsächlich aus?
Laurin: Ja. Damit kriegen wir den Sion auf die Straße, 43.000 Stück pro Jahr.

Sharing-Services: Strom und Fahrzeug zum Teilen

Wo kommt dieser Idealismus her, der euch antreibt?
Laurin
: Wir können nicht dasitzen, die Nachrichten von der Klimakatastrophe lesen und nichts tun. Wir wollen auch nicht auf andere zeigen, die vermeintlich alles falsch machen. Oder auf die Politik schimpfen. Wer sich einmischen will, der muss selbst was in die Hand nehmen, um etwas zu verändern, um mitreden zu können. Oder sei still und halte still. Aber dann siehst du zu, wie irgendwie alles den Bach runtergeht und stehst irgendwie nur daneben.

Sion von Sono Motors: Innovatives Elektroauto eines Start-ups

Vorausgesetzt, ihr bringt den Sion auf den Markt – was macht ihr dann? Ab auf die Insel?
Laurin:
Nein, dann geht’s ja erst los. Wir haben außerdem weitere Pläne. Der Sion ist nicht das letzte Auto, das wir rausbringen wollen. Und wir haben die Sharing-Services, die wir in die breite Masse bringen wollen. Man kann ein Kind nicht in die Welt setzen, ohne es später nicht auch in den Kindergarten und dann in die Schule bringen zu wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.