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Der ADAC

Euro NCAP 2020: Was ist neu?

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © ADAC/Uwe Rattay

Die Crashtest-Organisation Euro NCAP testet und bewertet die aktive und passive Sicherheit neuer Fahrzeuge. 2020 wurden die Regeln verschärft. Unter anderem muss jetzt ein vom ADAC entwickelter Kompatibilitäts-Crash bewältigt werden.

  • Assistenzsysteme müssen mehr leisten

  • Kompatibilitäts-Crash simuliert Landstraßenunfälle

  • Neue Vorgaben für die Sterne-Bewertung

Seit fast 25 Jahren fährt das Verbraucherschutzprogramm Euro NCAP (engl. für European New Car Assessment Programme) Autos gegen die Wand. Und auch die verfügbaren Assistenzsysteme werden unter die Lupe genommen. Das Resultat: Ein kompletter Blick auf die Sicherheit neuer Fahrzeuge. Und damit ein toller Service für Autokäufer.

Auch der ADAC beteiligt sich im Rahmen der Unfallforschung maßgeblich an der Entwicklung neuer Tests für die aktive und passive Sicherheit. Weil sich die Technik ständig weiterentwickelt, wurden die Regeln jetzt angepasst und verschärft.

5 Sterne für die beste Sicherheit

Positives Euro NCAP Logo in 3D
Geprüfte Sicherheit: Das Euro NCAP-Logo ∙ © Euro NCAP

Eine der wichtigsten Änderungen ist die Verschärfung im Crashverfahren: Bislang wurde das jeweilige Fahrzeug auf eine stehende, deformierbare Barriere gesteuert. Jetzt wird das Fahrzeug gegen eine Barriere beschleunigt, die mit identischer Geschwindigkeit entgegenkommt. So lassen sich typische Landstraßenunfälle simulieren. Bei ihnen kommen in Deutschland die meisten Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Dieser Test wurde vom ADAC als "Kompatibilitäts-Crashtest" entwickelt.

Außerdem gibt es Neuerungen in der aktiven Sicherheit, also bei den Sicherheitsassistenten. Sie müssen jetzt in der Lage sein, noch mehr Unfallszenarien zu vermeiden oder abzumildern.

Erreicht das Auto insgesamt eine 5-Sterne-Wertung, steht das für eine hervorragende Gesamtnote beim Aufprallschutz und eine gute Ausstattung mit umfassender und praxisgerechter Unfallvermeidungstechnologie. Bekommt das Fahrzeug dagegen keinen Stern, werden lediglich die Typgenehmigungsnormen erfüllt. Der Verkauf ist gesetzlich zulässig, doch wichtige moderne Sicherheitstechnologie fehlt.

Passive Sicherheit: Das ist neu

Die Änderungen bei der passiven Sicherheit wirken sich vor allem auf größere Fahrzeuge wie SUVs aus. Bei ihrer Entwicklung müssen die Hersteller jetzt mehr Rücksicht auf andere Autos, auf Passanten oder Radfahrer nehmen: Ein Pkw, der künftig volle fünf Sterne erreicht, muss mehr Aufprallenergie "schlucken" – und seinen Kollisionsgegner dadurch besser schützen.

Näher an der Realität: Der Kompatibilitäts-Crash

THOR Dummy
Neu im Crashtest: Der THOR-Dummy ∙ © ADAC

Bislang wurde beim Crashtest mit 64 km/h gegen eine feststehende, deformierbare Barriere mit einer Überdeckung (Offset) von 40 Prozent gefahren. Künftig gibt es einen Zusammenstoß mit einer 1400 kg schweren, rollenden Barriere, die mit einem Deformationselement ausgestattet ist. Testfahrzeug und Barriere bewegen sich jeweils mit 50 km/h aufeinander zu, mit einem seitlichen Versatz (Offset) von 50 Prozent der Breite des Testfahrzeugs.

Durch dieses vom ADAC als Kompatibilitäts-Crash entwickelte Testverfahren (hier im Video) wird ein typischer Frontalunfall auf einer Landstraße nachgestellt. Tempo 50 ist dabei ausreichend, weil beide Kontrahenten üblicherweise noch kurzzeitig abbremsen, bevor es zur Kollision kommt.

Neben den Verletzungsrisiken für die Insassen wird auch das Schaden- und Intrusionsbild an der deformierbaren Barriere bewertet. Denn nicht alle Fahrzeuge verhalten sich gegenüber dem Crashpartner so wie es zum Schutz des Unfallgegners sinnvoll wäre: Unnachgiebige Frontelemente können nämlich tief in das andere Fahrzeug eindringen und so schwere Verletzungen im Beinbereich der Insassen verursachen.

Um die Verletzungsrisiken besser erfassen zu können, sitzt seit 2020 ein THOR-Dummy (Test Device for Human Occupant Restraint) hinter dem Lenkrad. Der ADAC hat diesen Dummy erstmals 2017 eingesetzt. Er verfügt über eine deutlich verfeinerte Sensorik und eine höhere Biofidelität, d.h. die Bewegungen entsprechen mehr denen eines menschlichen Körpers.

Mehr Schutz für alle Insassen: Stärkerer Seitencrash

Euro NCAP 2020 was ist neu?
Neu: Bewertung der Interaktion von Fahrer und Beifahrer ∙ © ADAC e.V.

Auch bei einem Seitencrash müssen die Insassen besser geschützt werden. So ist die seitlich auf das Testfahrzeug treffende, deformierbare Barriere nun 60 km/h statt vorher 50 km/h schnell. Das Gewicht der rollenden Barriere wurde um 100 kg auf 1400 kg erhöht, wodurch sich die Crashenergie sogar um mehr als 50 Prozent erhöht.

Neu ist auch, dass nicht wie bisher nur das Verletzungsrisiko des Fahrers auf der dem Crash zugewandten Seite bewertet wird, sondern auch das des Insassen auf der dem Crash abgewandten Seite. Weiter wird auch die Interaktion von Fahrer und Beifahrer betrachtet und das dadurch vorhandene Verletzungsrisiko. Auch hierzu hat die ADAC Unfallforschung bereits im Jahre 2018 Untersuchungen durchgeführt.

Insassenrettung

Jetzt bewertet Euro NCAP auch, wie leicht es den Rettungskräften gemacht wird, Unfallopfer aus dem Fahrzeug zu bergen. So muss es ein Rettungsdatenblatt (Rettungskarte) geben. Zudem wird die Funktion des automatischen Notrufs e-Call geprüft. Und schließlich werden die Schloss- und Türöffnungskräfte nach dem Crash bewertet, die Funktionsfähigkeit der automatischen Entriegelung und die Öffnung bei Türgriffen, die während der Fahrt versenkt sind.

Assistenzsysteme: Höhere Anforderungen

Oft sind die Tester den gesetzlichen Regelungen sogar voraus. So sind Notbremssysteme, die auch Kollisionen mit Fußgängern oder Radfahrern entschärfen könnten, europaweit erst ab 2022 verpflichtend. Euro NCAP stellt ungeschützte Verkehrsteilnehmer dagegen schon jetzt in den Mittelpunkt.

Fußgänger-Notbremsassistent

Euro NCAP 2020
Fußgänger-Notbremsassistent im Abbiegevorgang ∙ © ADAC e.V.

Um beim Euro NCAP die volle Punktzahl zu erreichen, müssen Fußgänger künftig auch bei Rangier- und Abbiegevorgängen sicher erkannt werden. Löst die Notbremsung dann rechtzeitig aus, kann das in der Regel schwere Verletzungen vermeiden. Deshalb muss der Notbremsassistent beim innerstädtischen Abbiegen auf Fußgänger reagieren, die sich von der gegenüberliegenden Straßenseite nähern. Bei der Rückwärtsfahrt (zum Beispiel beim rückwärts Ausparken aus einer Hofeinfahrt über einen Fußgängerweg) muss der Notbremsassistent auf Fußgänger reagieren, die sich hinter dem Fahrzeug befinden oder die heckwärtige Fahrspur des Fahrzeugs queren wollen. Der ADAC hat dieses Unfall-Szenario im Rahmen eines Vergleichstests bereits im Jahr 2019 untersucht.

Verkehrssituation-Auto erkennt Fahhrradfahrer-VWID3-EuroNCAP
Vom ID.3 gut erkannt: Radfahrer, die hinter einem Hindernis hervorkommen ∙ © ADAC e.V.

Notbremsassistenten müssen zudem schneller auf Fußgänger und Radfahrer reagieren können. Im Test sind sie nämlich mit mehr Tempo unterwegs oder anfangs durch Hindernisse wie parkende Autos oder Hausecken verdeckt. Auch hier muss die Sensorik künftig den seitlichen Bereich vor dem Fahrzeug besser überwachen.

Kreuzungs- und Aufmerksamkeitsassistent

Verkehrssituation-Abbiegendes Auto-VWID3-EuroNcap
Das AEBS des ID.3 milderte den Aufprall beim Abbiegen ab ∙ © ADAC e.V.

Und die Anforderungen an den Notbremsassistenten steigen noch weiter: Abbiegevorgänge in den Gegenverkehr müssen überwacht und so Unfälle vermieden werden können, um die volle Punktzahl zu erhalten. Eine Kollisionswarnung ist nicht ausreichend. Abbiege-Unfälle in den Gegenverkehr sind wegen des Aufprallwinkels und der hohen Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Unfallgegnern in der Regel besonders folgenreich. Der ADAC hat dieses Crash-Szenario bereits im Jahr 2017 mit den ersten verfügbaren Systemen am Markt untersucht.

Auch die Fahrer-Aufmerksamkeitsüberwachung wird bei Euro NCAP zum Thema: In die Bewertung fließt das "Occupant Status Monitoring" ein. Dabei wird die Aktivität des Fahrers indirekt (zum Beispiel über Lenkradbewegungen) überwacht. Wird ein abgelenkter Fahrer erkannt, könnten Assistenzsysteme deutlich früher eingreifen, da man von einer verspäteten Reaktion des Fahrers auf Warnungen ausgehen kann.

Fazit

Euro NCAP hat die Weichen gestellt für einen höheren Insassenschutz wie auch für den besseren Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer – ein sehr wichtiger Beitrag zu Vision Zero, also einer Welt ohne Verkehrsunfälle mit Personenschaden. Dabei sind die Anforderungen sowohl an die Karosserie und an die Insassen-Schutzsysteme im Fahrzeug als auch an die Sicherheitsassistenten, die Unfälle vermeiden oder abmindern helfen können, gestiegen.

Und Sicherheit muss nicht teuer sein: Viele Hersteller von Modellen der Kleinwagenklasse und der der unteren Mittelklasse beweisen, dass man Sicherheit günstig anbieten und damit die Mindestanforderungen für die 5-Sterne-Bewertung deutlich übertreffen kann. Noch gehören solche Sicherheitspakete oft zur Sonderausstattung, sollten aber baldmöglichst zum Standard werden.

ADAC Tipps für Verbraucher

  • Sparen Sie nicht an der Sicherheit

  • Wählen Sie beim Neuwagenkauf auch optionale Sicherheitspakete mit aus

  • Achten Sie beim Gebrauchtwagenkauf auf eine gute Sicherheitsausstattung

  • Ziehen Sie beim Fahrzeugkauf die Bewertungen von Euro NCAP zu Rate

  • Machen Sie sich intensiv mit der Bedienung des Fahrzeugs und der Sicherheitsassistenten vertraut

  • Studieren Sie das Bedienungshandbuch. Sie werden überrascht sein, was Ihr Auto alles kann

  • Gestatten Sie sich und dem neu erworbenen Fahrzeug eine Eingewöhnungsphase

  • Passen Sie Ihre Fahrweise den Straßenverhältnissen, dem Verkehrsgeschehen und den Wetterbedingungen an

  • Legen Sie eine Fahrtpause ein, wenn Sie sich nicht fit fühlen. Halten Sie an und schlafen Sie 15 bis 30 Minuten (Power Napping). Studien belegen, dass es die Konzentration deutlich fördern kann

  • Alkohol, auch geringste Mengen, macht müde und verringert die Konzentration

  • Lassen Sie sich nicht ablenken. Finger weg von Smartphone und intensiver Bedienung des Touch-Displays des Fahrzeugs

Fachliche Beratung: Burkhard Böttcher, ADAC Technikzentrum Landsberg