Fahrzeugklasse L7e: Chance oder Risiko?

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Von Jochen Krauß

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Frontansicht eines fahrenden Nissan Silence S04
Der Silence S04 wird in Deutschland von Nissan vertrieben© Nissan

Die Hersteller von L7e-Kleinstfahrzeugen preisen ihre Autos als Lösung für die urbane Mobilität der Zukunft. Welche Autos fallen in diese Fahrzeugklasse, und wo liegen ihre Vor- und Nachteile? Ein Überblick.

  • Bis zu 90 km/h Spitze

  • Fast nur als Zweisitzer erhältlich

  • Kaum Sicherheits- oder Assistenzsysteme

Der Parkraum in deutschen Innenstädten wird knapper, und auch auf den Straßen herrscht nicht nur zur Rushhour vielerorts Stau. Eine Lösung für weniger Gedränge im urbanen Verkehr könnten Leichtfahrzeuge bieten, denn sie sind raum- und energiesparender unterwegs als herkömmliche Pkw. Wir stellen die europäische Fahrzeugklasse L7e und einige ihrer Vertreter vor.

Definition: Fahrzeugklasse L7e

In der EG-Fahrzeugklasse L7e finden sich alle vierrädrigen Leichtfahrzeuge, die aufgrund höherer Leistung oder Geschwindigkeit nicht mehr unter die Klasse L6e fallen. Während die L6e-Fahrzeuge auf 45 km/h limitiert sind, werden Autos der Klasse L7e bis zu 90 km/h schnell und dürfen somit auf allen Straßen unterwegs sein. Daher wird für diese Fahrzeugklasse im Gegensatz zu den sogenannten Mopedautos ein Autoführerschein (Klasse B) benötigt.

Die maximale Nutzleistung in der Klasse L7e darf 15 kW (20 PS) und das Leergewicht darf 450 kg nicht überschreiten. Bei Fahrzeugen zur Güterbeförderung sind maximal 600 kg Leergewicht erlaubt. Wichtig: Bei Elektrofahrzeugen der Klasse L7e wird das Gewicht der Batterie dabei nicht mitgerechnet.

Newcomer Silence rollt den Akku zum Laden

Batterie des Nissan Silence S04
Die Akkus des Silence S04 lassen sich entnehmen und in Garage oder Wohnung rollen© Nissan

Recht neu im Karussell der L7e-Leichtfahrzeuge ist das S04 Nanocar (siehe Bild ganz oben) des spanischen Herstellers Silence, das in Deutschland von Nissan vertrieben wird. Das zweisitzige Elektroauto hat eine sehr schmale Spur und misst in der Länge nur 2,28 m. Damit eignet sich der S04 auch zum Querparken in der Stadt.

Der Basispreis für den Silence liegt bei 11.995 Euro, und der kleine Zweisitzer ist in zwei Varianten für die Fahrzeugklassen L6e oder L7e bestellbar. Je nach Variante schafft das Leichtfahrzeug so 45 oder bis zu 85 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Wem die Geschwindigkeit beim Laden zu langsam ist, kann den Akku des Silence entnehmen und dank Trolley-System gegen einen vorab aufgeladenen Akku austauschen. Je nach Version ist der Silence mit ein oder zwei Batterien ausgestattet, die bis zu 149 Kilometer Reichweite ermöglichen sollen.

Inzwischen ist auch der Silence S04 Unico über Nissan erhältlich. Er bietet nur rund 100 Kilometer Reichweite, ist mit einem Preis von 9990 Euro (zzgl. Nebenkosten) aber deutlich günstiger als der S04.

Softcar: Nachhaltiger Exot mit vier Sitzen

Seitenansicht eines Softcar mit geöffneten Türen
Elektrischer Viersitzer mit Flügeltüren: Das Softcar aus der Schweiz© Softcar

Eine Ausnahme zur ausschließlich zweisitzigen Konkurrenz will Softcar mit einem Elektroauto der Klasse L7e bieten, in dem vier Personen Platz finden sollen. Darüber hinaus setzt die Firma aus der Schweiz auf nachhaltige Materialien und eine vergleichsweise geringe Anzahl von Bauteilen. So soll das Softcar nur aus 1800 Komponenten gefertigt werden, während herkömmliche Autos aus rund 45.000 Einzelteilen bestehen.

Basis für das innovative Leichtfahrzeug-Konzept ist eine sogenannte Skateboard-Plattform, auf der künftig verschiedene Aufbauten realisiert werden sollen. Neben dem Viersitzer mit Flügeltüren will Softcar auch einen Kleintransporter, ein Cabriolet und einen Zweisitzer auf der Fahrzeugplattform realisieren.

Angetrieben wird das Softcar von einem Elektromotor, der 15 kW/20 PS Dauerleistung bereitstellt und das 640 Kilogramm (inklusive Akku) leichte Fahrzeug auf bis zu 90 km/h beschleunigt. Den Verbrauch gibt der Hersteller mit rund 8 kWh pro 100 Kilometer an. Mit seiner 15 kWh fassenden Batterie soll das Softcar knapp 200 Kilometer weit kommen. Ein gasbetriebener Range-Extender, den Softcar optional anbieten will, soll den Aktionsradius auf 400 Kilometer verdoppeln.

Aktuell befindet sich das Softcar immer noch der Homologationsphase. Obwohl das Modell ab 2025 in der Schweiz produziert werden sollte, kann man das kleine E-Auto noch nicht kaufen. Ob und wann das Softcar zum Stückpreis von mindestens 23.000 Euro auf den Markt kommt, ist daher noch ungewiss.

XEV Yoyo: Smart ForTwo aus China

Front und Seitenansicht eines stehenden XEV Yoyo
Futuristisch trotz Anleihen beim Ur-Smart: Leichtfahrzeug XEV Yoyo© XEV

Das Original des Smart ForTwo ist zwar Geschichte, doch der chinesische Hersteller XEV belebt die Idee unter dem Namen Yoyo munter weiter. Mittlerweile ist der elektrische Zweisitzer auch in Deutschland erhältlich. Online wird der Yoyo für Preise jenseits der 15.000 Euro angeboten, dafür bekommt man aber auch bis zu 15 kW Leistung. Außerdem schafft der XEV Yoyo für die Klasse L7e fast schon abenteuerliche 90 km/h.

Seine Akkus fassen rund 10 kWh und ermöglichen bis zu 150 km Reichweite. Der Clou auch hier: Statt mit mageren 2,2 kW in gut und gerne vier Stunden komplett aufzuladen, lassen sich die Batterien ebenfalls in wenigen Minuten tauschen. Aber natürlich nur, wenn man gerade in der Nähe einer entsprechenden Station unterwegs ist.

Microlino Spiaggia: Knutschkugel oben ohne

Draufsicht auf den Microlino Spiaggina
Sommermobil: Als Variante Spiaggia ist der Microlino auch ohne festes Dach zu haben© Microlino

Mit 17 Pferdestärken und 90 km/h bietet auch der Microlino ordentliche Leistungsdaten in der Klasse L7e. Doch auch beim Preis gibt der elektrische Zweisitzer den Platzhirsch: Mindestens 19.490 Euro werden fällig, wenn man im futuristischen Enkel der Isetta mit dem Charme der 1950er-Jahre unterwegs sein möchte. Dafür bekommt man einen 10,5 kWh fassenden Akku und 177 Kilometer Reichweite.

Die Zulassungszahlen sind nach wie vor bescheiden, und die Schweizer Macher wollen mit weiteren Varianten im Gespräch bleiben. Daher wurde auf dem Pariser Salon der Microlino Spiaggia als lebenslustiges Strandkörbchen mit Stoffdach vorgestellt. Parallelen zum Fiat Topolino Dolce Vita sind sicher nicht ganz zufällig, doch die offene 90 km/h-Version des Microlino kostet mindestens 25.990 Euro. Günstiger ist der geschlossene Microlino Lite, der aber nur 45 km/h Spitze erreicht: die L6e-Variante ist ab 17.990 Euro bestellbar.

Größte Schwäche: Die passive Sicherheit

Eigentlich können die L7e-Leichtfahrzeuge einige Verkehrsprobleme lösen. Sie benötigen weniger Verkehrsfläche, und die Konfiguration als Zweisitzer kommt dem tatsächlichen Mobilitätsbedürfnis entgegen, da statistisch gesehen zahlreiche Autos bei den meisten Fahrten jeweils nur eine Person befördern.

Doch ein entscheidender Nachteil der Fahrzeugklasse L7e ist die mangelnde Sicherheitsausstattung. Da die Leichtfahrzeuge im Sinn der EU-Normen nicht als vollwertige Pkw gelten, müssen sie auch nicht die strengen Sicherheitsauflagen herkömmlicher Autos erfüllen. Und aufgrund der Gewichtsvorgaben ist es schlicht nicht möglich, entsprechende Knautschzonen in der Karosserie unterzubringen und die heute üblichen Sicherheits- und Assistenzsysteme zu verbauen. Der Airbag im inzwischen eingestellten Mobilize Duo war eine Ausnahme.

Meist sucht man ABS, ESP, Airbags oder Notbremssysteme bei den Vertretern der L7e-Fahrzeuge vergeblich. Für Fahrten außerhalb geschlossener Ortschaften sind Autos der Fahrzeugklasse L7e daher nur bedingt geeignet. Im urbanen Raum können die – meist rein elektrisch angetriebenen – Schmalspurhelden aber vielleicht einen Impuls für die nachhaltige Mobilität der Zukunft setzen.

Tipps für Verbraucher

  • Vor der Anschaffung eines Leichtfahrzeugs der Klasse L7e sollte man sich Gedanken über den Einsatzbereich der Fahrzeuge machen. Trotz Höchstgeschwindigkeiten zwischen 80 und 90 km/h sind die Leichtkraftfahrzeuge nur bedingt für längere Überlandfahrten geeignet.

  • Einige Fahrzeuge sind wegen fehlender Heizung oder Klimatisierung nicht ganzjahrestauglich.

  • Im Grenzbereich können einige Vertreter der Fahrzeugklasse zum Kippen neigen.

  • Andere Verkehrsteilnehmer können die Geschwindigkeitsdifferenz oftmals schlecht einschätzen.

  • Fahranfänger sollten auch mit dem Leichtfahrzeug ein Fahrtraining absolvieren, um das Fahrzeug und speziell die Fahreigenschaften und den Grenzbereich besser kennenzulernen.

Text mit Material von SP-X