"Falschparker auf Behindertenparkplätzen sollten einen Punkt bekommen"

Portrait von Verena Bentele im Interviewformat
Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, im Interview mit der ADAC Redaktion ∙ © ADAC/Theo Klein [M]

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, spricht über herumliegende E-Scooter, behindertenunfreundliche Bahnhöfe und erklärt, warum 80 Millionen Menschen von Barrierefreiheit profitieren.

Das Wort "Behinderte" mag Verena Bentele gar nicht. Sie spricht lieber von Menschen mit Behinderung. Denn sie will das Menschsein nicht auf dieses eine Thema reduzieren: "Mich macht ja viel mehr aus, als nicht sehen zu können", sagt die von Geburt an blinde, ehemalige Spitzensportlerin. Als Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes kämpft sie auch für barrierefreie Mobilität und stellt im ADAC Interview klare Forderungen.

ADAC Redaktion: Wie viele Menschen würden in Deutschland von Barrierefreiheit profitieren?

Verena Bentele: Mehr als 80 Millionen, also alle. Man geht im Moment von circa 8 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung aus. Und 13 Millionen haben irgendeine Einschränkung, zum Beispiel nach einem Unfall, einer Krankheit oder weil sie einen Rollator nutzen. Für diese Menschen ist Barrierefreiheit eine notwendige Voraussetzung für Teilhabe. Das Schöne an Barrierefreiheit ist jedoch, dass sie niemanden ein- oder beschränkt, sondern allen hilft. Egal, ob sie einen Kinderwagen schieben, einen schweren Koffer haben, nach einem Kreuzbandriss an Krücken gehen oder die Oma im Rollstuhl zur Fußpflege bringen.

Zur Person

Verena Bentele (39) ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland.

Die vierfache Weltmeisterin und 12-fache Paralympics-Siegerin im Skilanglauf und Biathlon, von Geburt an blind, war nach ihrer Sportkarriere von 2014 bis 2018 Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Dem VdK gehört die gebürtige Lindauerin seit 2007 an. Die Germanistin ist als Coach, Rednerin und Buchautorin tätig und bestieg den Kilimandscharo sowie als erster blinder Mensch den Mount Meru im selben Bergmassiv.

Sie leben in München. Wie kommen Sie hier zurecht?

In Großstädten ist immer eine Bushaltestelle, Straßenbahn oder U-Bahn in der Nähe. Das ist ein Riesenvorteil. Ein Nachteil ist, dass häufig Blindenleitsysteme und Aufzüge fehlen. Und es gibt extrem viele Hindernisse. Gehwege sind oft vollgestellt mit Tischen und Stühlen von Cafés, mit Schildern, Aufstellern, Fahrrädern oder E-Scootern. Die stehen oder liegen oft mitten auf dem Gehweg.

Wie kann man Menschen dazu bringen, mehr Rücksicht zu nehmen?

Manchmal denke ich, dass man ihnen einfach die Augen verbinden und sie einen Tag durch München laufen lassen sollte – das würde vielleicht helfen. Es geht aber nicht ganz ohne Regulierung. Wenn der E-Scooter mitten im Weg steht, sollte es dafür ein Bußgeld geben.

Viele E-Scooter stehen in Frankfurt auf einem Platz
Abgestellte E-Scooter können ein gefährliches Hindernis für Menschen mit Sehbehinderung sein ∙ © dpa/Daniel Kubirski

Der ADAC hat vor drei Jahren in einem Test über Barrierefreiheit in Städten zahlreiche Mängel festgestellt. Hat sich das verbessert?

Ja, unter anderem weil Barrierefreiheit mehr in der Öffentlichkeit angekommen ist. Ob Ticket- und Parkscheinautomaten in der richtigen Höhe oder Indikatoren für Sehbehinderte vorhanden sind, hängt von der Kommune oder vom Betreiber ab. Wenn diese Dinge nicht mitgeplant wurden, müssen sie teuer und aufwendig nachgerüstet werden. Deswegen muss Barrierefreiheit verbindlich gesetzlich geregelt sein.

So wie im Personenbeförderungsgesetz, nach dem der ÖPNV bis zum 1.1.2022 barrierefrei sein soll?

Naja, gesetzliche Regelungen sollten natürlich vor allem eingehalten werden. In den letzten Jahren ist zwar einiges passiert, aber die meisten Stationen und Bahnhöfe sind noch längst nicht barrierefrei.

Der Bahnhof Starnberg Süd hat beispielsweise keinen Aufzug, keine Rampe, sondern nur Treppen. Wer im Rollstuhl unterwegs ist, muss bis Starnberg Nord fahren, weit weg vom See. Sie fordern in solchen Fällen kostenlose Fahrdienste.

Barrierefreie Taxis wären eine Lösung, bis es dort endlich einen Aufzug gibt. Denn alle anderen müssen ja auch nicht mehr als ihr Ticket für die S-Bahn bezahlen, um an den Starnberger See zu kommen.

VdK: Deutschlands größter Sozialverband

1946 gegründet als Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands, hat der Sozialverband VdK* heute mehr als 2,1 Millionen Mitglieder, Tendenz steigend. Parteipolitisch und konfessionell neutral sowie gemeinnützig und finanziell unabhängig, setzt er weiter seine Schwerpunkte in sozialpolitischer Interessenvertretung und Sozialrechtsberatung. „Wir haben uns vor über 70 Jahren schon für Menschen mit Behinderung und die Themen Rente, Pflege, Bekämpfung von Armut eingesetzt. Genau das machen wir auch heute“, so Präsidentin Verena Bentele. Neben Menschen, die selbst pflegebedürftig werden oder Angehörige pflegen, kämen auch immer mehr zum VdK, weil sie dessen sozialpolitische Vertretung unterstützen wollten. Das durchschnittliche Eintrittsalter liege im Moment bei Mitte 50.

Laut VdK wird es beim jetzigen Tempo 35 Jahre dauern, bis alle Bahnhöfe barrierefrei sind. Wie kann man das beschleunigen?

Es gibt noch mehr Beispiele wie Starnberg. Wir brauchen ein finanzstarkes und zweckgebundenes Programm des Bundes, um Bahnhöfe schneller umzubauen. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist es für Menschen auf dem Land sonst ein Riesenproblem, wenn sie zwar in der Nähe eines kleinen Bahnhofs leben, aber trotzdem 50 Kilometer fahren müssten, um barrierefrei die Bahn nutzen zu können. Da ist am Ende doch das Auto die einzige Alternative.

Ein Rollstuhlfahrer steht an einem Treppenabgang
Für Menschen im Rollstuhl gibt es an vielen Bahnhöfen in Deutschland weiterhin keine Aufzüge ∙ © Shutterstock/s-ts

Hier ist ja auch nicht alles optimal. Aktuell berichten Autofahrende mit Rollstuhl von Problemen an E-Ladesäulen, vor denen der Bordstein nicht abgesenkt ist. Wie kann so etwas passieren?

Gute Frage. Seit 1994 haben wir im Grundgesetz den Zusatz, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Aber trotzdem haben wir an E-Ladesäulen, die ja noch relativ neu sind, Bordsteine, die nicht abgesenkt sind, Unebenheiten und Bedienelemente auf der falschen Höhe. Die Ladesäulenverordnung muss angepasst werden, ohne ewige Übergangsfristen.

Ihnen fehlt also die Geschwindigkeit?

Geschwindigkeit und Verbindlichkeit. Mich nervt, dass wir immer wieder von Abgeordneten hören, da haben wir damals noch nicht dran gedacht, das ist niemandem aufgefallen. Dabei ist die Teilhabe an der Mobilität für Menschen mit Behinderung, die oft aufs Auto angewiesen sind, sehr wichtig.

Welche weiteren Probleme hören Sie von autofahrenden VdK-Mitgliedern? Was müsste sich dringend ändern?

Das brennendste Thema sind Behindertenparkplätze. Wir bräuchten mehr davon, das treibt meine Mitglieder sehr um. Jeder, der ältere Menschen in seinem Umfeld hat, kennt das. Die wenigen Parkplätze, die es gibt, sind aber oft auch belegt von Menschen, die keine Berechtigung haben. Kein Verständnis habe ich hier für Falschparker: Wer sein Auto unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz abstellt, sollte einen Punkt in Flensburg bekommen und nicht nur ein Bußgeld. Mit dem neuen Bußgeldkatalog wird es jetzt zwar teurer – 55 statt 35 Euro – aber immer noch nicht teuer genug.

Verkehrsschild mit Parksymbol für Behinderte
Mehr Behindertenparkplätze fordert VdK-Präsidentin Verena Bentele – und härtere Strafen für Falschparker ∙ © Shutterstock/Bihlmayer Fotografie

"Barrierefrei" wird oft mit "rollstuhlgerecht" gleichgesetzt. Werden Blinde, Seh- und Hörbehinderte ausreichend berücksichtigt?

Nein. Ich denke, dass ein Grund vor allem darin zu finden ist, dass viele sich den Rollstuhl sehr einfach vorstellen können. Ein großes Thema für Blinde und Sehbehinderte sind Leitsysteme auf dem Boden. Wichtig wäre zum Beispiel ein Aufmerksamkeitsfeld im U-Bahnhof, sodass man weiß: Aha, hier geht es auf der einen Seite Richtung Rolltreppe, auf der anderen zum Bahnsteig. Davon gibt es bislang viel zu wenige. Das gleiche gilt für Ampeln, die für Blinde mit akustischem oder vibrierendem System ausgestattet sind.

Wichtig ist auch, dass alle Elektroautos ein Geräusch machen müssen, egal bei welcher Geschwindigkeit. Denn sonst sind sie eine Gefahrenquelle, auch für ältere Menschen, kleine Kinder und Radfahrer.

Für Menschen mit Sehbehinderung sind akustische Signale, für Menschen mit Hörbehinderung Anzeigen an den Haltestellen entscheidend, sonst steigen sie eventuell in den falschen Bus.

Thema Tourismus: Wie könnte man Betriebe motivieren, mehr für Barrierefreiheit zu tun?

Barrierefreiheit ist doch gut fürs Marketing. Und irgendwann richtet es sowieso der Markt, weil wir eine immer älter werdende Gesellschaft haben. Allerdings: Wer jetzt Vorreiter ist, wird einen Vorteil haben. Alle Anbieter, ob Busunternehmen oder Hoteliers, tun sich also einen Gefallen, heute schon Barrierefreiheit herzustellen. Gleich an die richtige Türbreite denken, und nicht erst, wenn der Gast im Rollstuhl nicht ins Badezimmer kommt. Im Koalitionsvertrag sollte festgeschrieben werden, dass Barrierefreiheit nicht freiwillig bleibt. Wir machen ja auch bei Themen wie Brandschutz keinen Kompromiss – Gott sei Dank.

Was erwarten Sie von der nächsten Regierung?

Wir brauchen gesetzlichen Druck. Wir können auch noch 100 Jahre warten, dann haben wir vielleicht ein bisschen mehr Frauen in Führungspositionen und mehr Barrierefreiheit. Oder man beschleunigt das mit Regelungen. Ich bin eher Fan der Regelung, weil ich es nicht so mit dem Warten habe.

Interview mit Biathletin Verena Bentele in der ADAC Zentrale in München
Verena Bentele in der Münchner ADAC Zentrale im Gespräch mit Christof Henn und Andrea Steichele aus der Redaktion ∙ © ADAC/Theo Klein

Sie haben drei Wünsche frei, um Deutschland barrierefreier zu machen. Welche?

Mein grundsätzlicher Wunsch ist, dass Barrierefreiheit nicht nur im öffentlichen Sektor, sondern auch von privaten Anbietern garantiert werden muss. Viele Arztpraxen sind zum Beispiel nicht barrierefrei. Im Verkehrsbereich würde eine solche Verpflichtung auch eine gewisse Quote an Taxis betreffen. Das heißt aber nicht, dass ein Taxiunternehmer alle seine Wagen in die Schrottpresse fahren muss, sondern dass er von fünf Taxen vielleicht zwei haben muss, die auch Menschen mit Rollstühlen transportieren können.

Wunsch Nummer zwei: dass alle Ministerien Barrierefreiheit als Thema für sich annehmen und nicht immer als sozialpolitische Aufgabe abtun. Hätte man das Geld und die Ressourcen für das Projekt Pkw-Maut in die Barrierefreiheit gesteckt, wären wir heute schon ein Stück weiter.

Der dritte Wunsch: Dass Barrierefreiheit mitgedacht wird als notwendige Maßnahme, Klimapolitik sozialverträglich zu gestalten. Je barrierefreier unser Verkehrssystem wird, desto besser wird die Auslastung im ÖPNV.

Weitere ADAC Infos zur Barrierefreiheit

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Christof Henn
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