Ablenkung im Auto: Wenn die Bedienung zur Gefahr wird

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Von Jochen Wieler, Wolfgang Rudschies

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Der ADAC Redakteur Jochen Wieler bedient während der Fahrt das Touchdisplay im Auto und wird abgelenkt
In modernen Autos finden sich so gut wie keine Knöpfe mehr, wie hier im Leapmotor B10© ADAC

Kaum noch Tasten, immer größere Displays: Der seit einigen Jahren anhaltende Trend bei neuen Fahrzeugmodellen führt zu immer mehr Funktionen und komplexerer Bedienung. Und damit oft zu gefährlicher Ablenkung.

  • ADAC Autotest bestätigt: Bedienbarkeit verschlechtert sich

  • Fülle an Funktionen überfordert Autofahrer

  • Vor dem Autokauf Bedienbarkeit genau checken

Die Zeiten, als Autofahrer für jede Bedienfunktion eine separate Taste drücken, einen Regler drehen oder einen Hebel umlegen konnten, sind lange vorbei. Moderne Fahrzeuge bieten viel zu viele Funktionen, die sich in dieser Menge nicht mehr durch einzelne Tasten ein- und ausschalten lassen – schon gar nicht in guter Erreichbarkeit für den Fahrer oder die Fahrerin und optisch ansprechend im Cockpit gruppiert.

Die Autoindustrie setzt daher auf immer größer werdende Touchscreens mit einer Fülle von Funktionen und Einstellmöglichkeiten und verweist häufig darauf, dass dadurch die Bedienung sogar intuitiver sei. Schließlich kenne ja jeder das Prinzip vom Smartphone.

Nur noch Bildschirme: Gefährliche Ablenkung

Cockpit als rundes Display im Mini Aceman
Sieht zwar modern aus, übersichtlich ist der Bildschirm des aktuellen Mini aber nicht© ADAC/Test und Technik

Hier macht es sich die Industrie zu einfach. In einem Probandentest kam der ADAC bereits 2022 zu einem besorgniserregenden Ergebnis: Das Suchen und Finden von Funktionen in Digital-Menüs und -Untermenüs führt nicht selten zu gefährlich langer Ablenkung vom Verkehrsgeschehen.

Stand heute hat sich daran nichts geändert. Ganz im Gegenteil, aktuellere Modelle lassen sich sogar noch schlechter handhaben. Das bestätigt der ADAC Autotest, bei dem auch die Bedienbarkeit von mehr als 100 Fahrzeugen pro Jahr genau unter die Lupe genommen wird. Lag im Testjahr 2019 der Mittelwert der entsprechenden Teilnote noch bei 2,3 ("gut"), fiel der Wert 2022 auf 2,6 und damit auf "befriedigend" und 2025 weiter auf eine durchschnittliche Note von 2,7 – bei etlichen Ausreißern mit 4,0.

Ursächlich sind verschachtelte Menüs, zu viele und verstreute Funktionen, zu kleine Touchflächen, langsame Reaktionen auf Eingaben und Spiegelungen auf den Bildschirmen. Manchmal ist es auch so, dass nach Softwareupdates "over the air" die mühsam erlernten Bedienpfade von jetzt auf gleich geändert werden. Mit entsprechend längerer Bedienzeit und Blickabwendung von der Straße.

Bei manchen Herstellern scheinen Design- und Kostengründe vorzugehen. Wie soll es sich sonst erklären, dass es oftmals nicht einmal mehr physische Tasten für die Spiegel- und Lenkradverstellung gibt und man sich selbst hierfür durch Bildschirmmenüs quälen muss? Und was haben berührungsempfindliche Touchflächen auf dem Lenkrad verloren, wenn man sie nicht blind drücken kann und oft danebenlangt?

Wie sich die Bedienung von Automodellen verändert hat, zeigt folgende Bildergalerie:

Smartphones sind verboten, Auto-Tablets nicht

Lenkrad und Cockpit mit Tablet im Tesla Model Y
Bei Tesla (Model Y im Bild) gibt es hinter dem Lenkrad kein Kombiinstrument mehr. Die Bedienung via Touchscreen treiben die Amerikaner auf die Spitze© ADAC/Test und Technik

Geradezu paradox erscheint in diesem Zusammenhang, dass es (zu Recht) verboten ist, Smartphones im Auto zu benutzen, die Bedienung riesiger Tablets – etwas anderes sind die Bildschirme im Grunde ja nicht – aber erlaubt.

Und noch absurder wird das Ganze, wenn speziell chinesische Modelle den Fahrer oder die Fahrerin ad hoc ermahnen, sich doch bitte auf den Verkehr zu konzentrieren, wenn man ja "nur" das Auto bedienen möchte. Ja, wer macht es einem denn so schwer? Selbst Lüftungsdüsen sind bei einigen Modellen nicht mehr manuell justierbar. Beim VW ID.7 oder dem Porsche Taycan etwa, bei Modellen von Tesla und bei vielen Chinesen ist das nur noch über den Bildschirm zu machen.

Euro NCAP bewertet ab 2026 die Bedienbarkeit

Detailaufnahme des Displays zur Einstellung im neuen Nio
Nio: Wer die Außenspiegel verstellen will, muss sich umständlich durch die Menüs hangeln © ADAC/Test und Technik

Dass es so nicht weitergehen kann, zeigt auch die Reaktion des Euro-NCAP-Konsortiums, das die Sicherheit von Autos bewertet. Längst geht es dabei nicht nur um das Crashverhalten, auch andere Themen spielen eine Rolle, beispielsweise Assistenzsysteme. Seit Januar 2026 werden zudem die Bedienelemente von Fahrzeugen berücksichtigt. Euro NCAP vergibt nur noch Punkte, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind:

  1. Physische Bedienelemente sind Pflicht: Um die vollen 5 Punkte im Bereich "General Vehicle Controls" zu erhalten, müssen sicherheitskritische Funktionen schnell und einfach auffindbar sein. Dazu gehören z.B. Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und eCall-Funktion. Überdies müssen die Funktionen bei der manuellen Auslösung ein auch haptisches Feedback geben.

  2. Abwertung von Touch-Lösungen: Reine Touchlösungen (ohne haptische Orientierungshilfen) für die oben genannten Funktionen werden abgestraft. Touch-Tasten am Lenkrad müssen zum Beispiel physisch voneinander getrennt oder durch Stege fühlbar sein.

  3. Fahrerüberwachung: Das System muss erkennen, ob der Fahrer oder die Fahrerin abgelenkt ist und bei einer Blickabwendung von drei bis vier Sekunden warnen.

  4. Infotainment- und Klimabedienung wird erstmalig mit betrachtet.

ADAC Forderungen

Zusätzlich fordert der ADAC den Gesetzgeber auf, die Homologationsvorschriften zu verschärfen. Sicherheitsrelevante Funktionen (Licht, Scheibenwischer, Warnblinker, Spiegel) müssen über haptische Bedienelemente verfügen, die blind bedienbar sind.

Die Autohersteller sollten zu physischen Tasten mit echten Druckpunkten zurückkehren, die Lenkräder von Bedienelementen entfrachten und die Sprachsteuerung verbessern. Eine gute Bedienbarkeit trägt schließlich zur aktiven Sicherheit bei.

Tipps für Verbraucher

  • "Blind-Probe" bei oft genutzten Funktionen: Versuchen Sie bei der Probefahrt zum Beispiel die Temperatur zu ändern oder das Radio stumm zu schalten, ohne den Blick länger als eine Sekunde von der Straße zu nehmen.

  • Konfiguration vor der Fahrt: Spiegel, Sitzposition und Assistenzsysteme müssen vor dem Losfahren eingestellt sein. Das ist in modernen Autos oft nur in den Bildschirmmenüs möglich und lenkt während der Fahrt zu sehr ab.

  • Sprachsteuerung nutzen: Trainieren Sie die Nutzung des Sprachassistenten, etwa für das Einstellen von Navi-Zielen, um den Touchscreen zu meiden. Informieren Sie sich, welche Funktionen über Sprechbedienung möglich sind.

  • Vor dem Kauf informieren: Die Bedienung nimmt bei jedem ADAC Autotest einen hohen Stellenwert ein und ist ausführlich im Kapitel "Innenraum/Bedienung" beschrieben.

Fachliche Beratung: Manuel Griesmann, ADAC Technik Zentrum