Auto & Innovation

Wir machen's anders

Laurin Hahn gründete in München mit Freunden ein Start-up, um ein Elektroauto zu bauen. Unmöglich? Anscheinend nicht

Laurin Hahn redete locker und fachkundig, wirkte bescheiden und bodenständig. Was der 21jährige zu sagen hatte, klang unglaublich. Ja, es stimmt, was in Zeitungen zu lesen sei: Er würde mit seinem besten Freund und einer Freundin ein Elektroauto bauen. Ob jemand von ihnen denn Fahrzeugbau oder irgendetwas Technisches studiert habe, wollte ich wissen. „Nein“, antwortete Laurin Hahn, „Nach dem Abitur habe ich zunächst ein Start-up für Events gegründet. Aber wir haben schon lange über den Bau eines Elektroautos nachgedacht und uns viel mit dem Thema beschäftigt.“

Beim Crowdfunding kamen 300.000 Euro zusammen
Kaum zu glauben, aber soweit wahr. Denn nach rund vier Jahren Arbeit ist das Elektroauto-Projekt namens Sion nämlich tatsächlich schon weit gediehen. Ein Büro mit angeschlossenem Konferenzzimmer im Münchner Technologiezentrum nahe des Olympiaparks wurde im Frühjahr bezogen. Die ersten Entwicklungsskizzen sind längst Geschichte. Konzept und Gestalt des Sion sind mehr als in den Grundzügen festgelegt. Jetzt geht es an die Umsetzung zum Serienauto. Bei dem eingeläuteten Crowdfunding seien innerhalb von drei Tagen immerhin 300.000 Euro zusammengekommen, erzählt Laurin Hahn. „Wir haben zuletzt nur nur noch einige kleine technische und optische Änderungen vorgenommen, die das Ergebnis von Befragungen waren.“ Das ist ein erster entscheidender Unterschied zur Arbeit eines Automobilherstellers wie BMW oder Mercedes: zukünftige Kunden schon am Entwicklungsprozess teilhaben, sie mitreden zu lassen.

Solarpaneele auf dem Autodach erzeugen Strom
Der zweite und alles entscheidende Unterschied: Sono Motors hat keine Komponenten selbst neu entwickelt. Dazu wäre das Start-up kaum in der Lage gewesen. Als Autodidakten haben die jungen Leute weitere enthusiastische Mitstreiter gefunden und schließlich sondiert, was die Automobilzulieferer dieser Welt zu welchem Preis anbieten, und ob es zu ihren Vorstellungen passt. Wobei der Einstiegspreis möglichst niedrig sein sollte, bei größtmöglichem Alltagsnutzen, gepaart mit konsequent ökologischem Anspruch an alle Technik-Details. Ein Beispiel für Letzteres sind die 7,5 Quadratmeter Solarpaneele, die über das Dach, die Seiten und die Haube des Sion verteilt sind und die unter Idealbedingungen Strom für 30 Kilometer täglich generieren können. Oder das Moos im Armaturenbrett, das als biologischer Innenluftfilter eingesetzt wird. Außerdem könne der Sion nicht nur Strom laden, sondern auch abgeben. Zum Beispiel als Fahrstrom für andere Elektroautos. Oder auch als Strom für die Bohrmaschine und den Föhn, wenn man das Gerät unterwegs oder beim Campieren mal braucht. Und natürlich ist auch ans Teilen des Fahrzeugs mit anderen Menschen gedacht. Die App dazu wurde gleich mitentwickelt.

Derzeit ist der kleine Elektroflitzer auf Europa-Tour
Bei der offiziellen Enthüllung des Sion, am 28. Juli in München, erläuterte Laurin Hahn seine Zukunftsvisionen und Pläne vor 700 geladenen Gästen. Die Veranstaltung wurde selbstverständlich per Livestream in alle Welt übertragen. Die Gretchenfrage nach der Gesamtreichweite des Sion beantwortete Laurin mit „Es werden realistische 250 Kilometer, also echte, keine Laborkilometer“. Die Form seiner Präsentation ähnelte den Auftritten, die man vom legendären Apple-Chef Steve Jobs kennt oder von Tesla-Frontmann Elon Musk. Sono Motors wird kein eigenes Produktionswerk errichten oder kaufen wie es das Vorbild Tesla aus dem Silicon Valley getan hat. Dafür reicht das Kapital auf keinen Fall. Der Sion wird im Auftrag vom Band laufen. Damit der zustande kommt, müssen 5000 Bestellungen vorliegen. Seit Mitte August touren Vorserienmodelle des Sion durch Deutschland und Europa, um Kunden per Probefahrt zu bewegen, den Wagen verbindlich zu bestellen. Am Ziel, den Sion erfolgreich auf die Straße zu bringen, hält das Start-up aus München mit großem Optimismus fest. Naiv? Vielleicht. Von der angedachten Basisversion mit 14,4-kWh-Akku für 120 Kilometer Reichweite musste man sich inzwischen verabschieden. Die Resonanz für die Billigvariante war viel zu gering.

Text: Wolfgang Rudschies, Fotos: Stefanie Aumüller (2), PR (4)

Daten & Fakten (Herstellerangaben)

Sono Sion
Antrieb: 80 kW (109 PS) Dreiphasen-Asynchronmotor, wassergekühlte Lithium-Ionen-Batterie, Einganggetriebe, Rekuperation 
Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h 
Leergewicht: ca. 1400 kg
Reichweite: 250 km (30 kWh-Batterie)
Maße: L 4,11/B 1,79/H 1,68 m
Innenraum: 2+3 Sitze, bis 500 Liter Gepäck
Preis: Modell Extender 16 000 € (plus Batteriemiete 30 kWh) mit 50 kW ladefähig