Warnwesten-Skandal: Viele Modelle reflektieren nicht!

Gefährlich: Drei Warnwesten – doch nur zwei reflektieren. Sehen Sie es im Video ∙ Bild: © ADAC/ABGEDREHT, Video: © ADAC e.V.

Warnwesten sollen Personen bei Unfällen und Pannen, aber auch Radfahrende und Kinder besser sichtbar machen. Der ADAC hat bei einigen Modellen die Reflexion überprüft – das Ergebnis ist erschreckend: Über 30 Prozent sind mangelhaft und reflektieren fast gar nicht.

  • Viele Warnwesten erfüllen die Norm nicht

  • Dubiose Angebote vor allem im Internet

  • So können Sie die Reflexion selbst überprüfen

Seit 2014 ist sie in Deutschland Pflicht: die Mitführung von Warnwesten im Auto. Sie soll Personen bei Unfällen und Pannen besser schützen, wenn sie das Fahrzeug verlassen und sich im Straßenraum befinden. Aber auch Rad- und Motorradfahrende oder Kinder sind vor allem bei schlechter Sicht durch das Tragen der Westen im Straßenverkehr besser sichtbar.

Verdacht: Warnwesten nicht normgerecht

Blick aus einem Auto auf die Straße im Winter bei Nacht. In der Ferne sieht man eine Person mit Warnweste
Zum Glück hat eines der zwei Kinder eine normgerechte Warnweste an© ADAC/Abgedreht/Viktor Schwenk

Warnwesten sind für den Tag in Tagesleuchtfarben eingefärbt, für die Sichtbarkeit bei Nacht verfügen sie über retroreflektierende Streifen, strahlen also ankommendes Licht zurück. Das ist zumindest die Theorie. Doch im Sommer 2023 erschien ein Video auf dem YouTube-Kanal DashcamDriversGermany, in dem verschiedene Warnwesten gezeigt wurden, die zum Teil mangelhaft retroreflektierten. Doch kann es sein, dass in Deutschland Warnwesten verkauft werden dürfen, die nicht der DIN EN ISO 20471 entsprechen, in der die Anforderungen und Prüfverfahren für Warnkleidung definiert sind?

Der ADAC wollte es nachprüfen. Doch da einige der beschriebenen Modelle nicht mehr angeboten wurden, bestellten die Projektleiter über die Handelsplattform Amazon im Internet selbst 14 verschiedene Westenmodelle, darunter auch Sicherheitswesten für Kinder. Zum Vergleich wurden hausintern zusätzlich die "Sicherheitsweste für Kinder mit Frieda und Felix" und die "ADAC Sicherheitsweste Werbeart Jumo" beschafft.

Es wurde ausschließlich die Retro­reflexion der Westen beurteilt. Das Testprozedere bestand aus drei Schritten:

  • Erste Sichtprüfung

  • Überprüfung mit Schnelltestset

  • Normüberprüfung im Labor

Aufschlussreich: Erste Sichtprüfung

Warnwesten aus dem ADAC Test sind an einem Gitter aufgehangen. Sie werden beleuchtet, sodass man ihre Leuchtkraft sieht
Schon die einfache Sichtprüfung trennt die Spreu vom Weizen© ADAC/ABGEDREHT

Nach dem Eintreffen der Westen wurden die Produkte unter typischer Bürobeleuchtung betrachtet. Bereits hier fiel auf, dass einige Westen so gut wie gar nicht reflektierten. Für die Begutachtung muss sich die Deckenbeleuchtung in der Verlängerung der Sichtachse Warnweste – Kopf des Betrachters befinden, da eine Retroreflexion nur stattfindet, wenn Lichtquelle und Blick im selben Winkel auf die Weste treffen.

Das Befestigen einiger Westen an einer Schrankwand und das Anstrahlen mittels einer kleinen Taschenlampe oder Handy-LED ergaben die gleichen Resultate: Entweder hatte eine Warnweste eine gute Reflexion oder so gut wie keine. Das Ergebnis der Sichtprüfung: Die Hälfte der Warnwesten fiel bei den Testern subjektiv durch.

Rückruf für die Westen der TK-Gruppe

Ende November erreichte den ADAC ein Rückruf für die beschafften Westen "4x Warnwesten Neu" der TK-Gruppe aufgrund mangelhafter Retroreflexionseigenschaften, ausgelöst vom EU-Schnellwarnsystem für gefährliche Non-Food-Produkte. Diese Westen, wie auch die Kinderwesten "Safety Vest Child Neu" der TK-Gruppe, wurden in der ADAC Studie nicht weiter betrachtet.

Hat der Kunde im Geschäft die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Warnwesten zu wählen, sind zwei Beobachtungen der ADAC Ingenieure hilfreich. Waren die Westen in Klarsichtfolie verpackt, so wurde der Reflexionsgrad durch die Folie so gut wie nicht verändert. Also kann man selbst bei verpackter Ware schon vor dem Kauf feststellen, ob die Weste etwas taugt. Und auffällig war, dass sich die retroreflektierenden Streifen der Westen, die so gut wie gar nicht reflektierten, deutlich rauer anfühlten als diejenigen, die eine hohe Retroreflexion aufwiesen.

Unkompliziert: Prüfung mit Schnelltestset

Die Leuchtkraft von Westen wird untersucht
Geht einfach: Prüfung der Reflexion mit dem Schnelltestset© ADAC/ABGEDREHT

Zur unkomplizierten Überprüfung, ob eine Warnweste die Norm EN ISO 20471 hinsichtlich der re­troreflektierenden Eigenschaften erfüllt, wurde zusätzlich das Prüfset 3M Confirm Security Laminate Verifier-Test verwendet. Dieses besteht aus einer Schutzbrille, an die auf beiden Seiten eine kleine LED-Lichtquelle montiert ist, sowie eine Karte mit drei retroreflektierenden Referenzflächen, die verschiedene Rückstrahlwerte definieren. Die Referenzflächen und ein reflektierender Streifen der Warnweste werden nebeneinander positioniert.

Das Ergebnis: Immerhin fünf der untersuchten Westen lagen bei dieser Betrachtung außerhalb der Anforderungen an die Retroreflexion in der EN ISO 20471. Die betroffenen Westen mussten zur weiteren Untersuchung ins Labor.

Weil alle Westen dieser ADAC Studie im Internet gekauft worden waren, haben sich die ADAC Tester zum Vergleich zusätzlich vier unterschiedliche Westen im Einzelhandel besorgt. Das Ergebnis des Schnelltests: Bei keiner dieser Westen wurden Mängel in der Retroreflexion erkannt.

Beweis: Der photometrische Labortest

Im Labor wird die Leuchtkraft von Warnwesten getestet
Überprüfung des retroreflektierenden Materials im Messlabor© ADAC

Um die Ergebnisse aus dem Schnelltest zu bestätigen, wurden die fünf auffälligen Westenmodelle in ein Fachlabor überstellt, das photometrische Messungen nach den in der Norm EN ISO 20471 festgelegten Bedingungen durchführte. Wir wollten aber auch wissen, ob wir mit den Schnelltests bei den nicht beanstandeten Westen richtig lagen, und haben diese ebenfalls untersuchen lassen.

Die Messergebnisse bestätigten die subjektiven optischen Wahrnehmungen und die Eindrücke mittels Schnelltest. Es gab eine Gruppe von Warnwesten, die die Norm erfüllten, und eine, die die in der Norm festgelegten Sollwerte um den Faktor 100 bis 200 unterschritten, also so gut wie nicht reflektierten und damit die Anforderungen für "hochsichtbare Warnkleidung" nicht erfüllten.

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Norm bestanden? Das Ergebnis

Bezeichnung Warnweste

Subjektiver Schnelltest

Photometrischer Labortest

4x Warnwesten Neu (TK-Gruppe)

Nicht bestanden¹

Safety Vest Child Neu (TK-Gruppe)

Nicht bestanden¹

LETTO & TAILOR Stark reflektierend (erste Charge)

Nicht bestanden

Nicht bestanden

LETTO & TAILOR Stark reflektierend (zweite Charge)

Bestanden

Bestanden

Warnweste Kinder, Sicherheitsweste Kinder (ZDQC)

Nicht bestanden

Nicht bestanden

Prowiste Warnweste Sicherheitsweste mit Reißverschluss (Nobiline GmbH)

Bestanden

Volkswagen Warnweste Gelb Original

Bestanden

Bestanden

Cartrend 73754 Warnweste (Inotec)

Bestanden

RAU KFZ Warnwesten Sicherheitswesten Set für die ganze Familie

Bestanden

Bestanden²

Inconnu Warnweste gelb reflektierend (HTC Equipements)

Bestanden

XIWUPO Sicherheitsweste Auto

Nicht bestanden

Nicht bestanden

OK Cars - Warnwesten Auto Doppelpack in gelb ADAC Warnweste (Lizenzprodukt)

Bestanden

NVIYAM Warnwesten Auto Sicherheitsweste

Nicht bestanden

Nicht bestanden

4 Stück Warnwesten Auto … Reflektierende … Sicherheitswarnweste EN 471, Manufac Yobooom

Nicht bestanden

Nicht bestanden

ADAC Sicherheitsweste für Kinder mit Frieda und Felix

Bestanden

Bestanden

ADAC Sicherheitsweste Werbeart Jumo

Bestanden

¹ Produkt wurde zurückgerufen und nicht dem Labortest zugeführt ² Geringfügige Unterschreitung einzelner Sollwerte der EN ISO 20471

Eine Besonderheit stellte die Kinderwarnweste "LETTO & TAILOR" dar: Zur Überprüfung der negativen Labormessung wurde auch ein zweiter Satz beschafft. Hier wurde seitens des Herstellers/Anbieters das Modell geändert, die zweite Charge erfüllte in der zweiten Labormessung die Anforderungen aus der Norm EN ISO 20471 an das retroreflektierende Material.

Die Warnweste "RAU KFZ Warnwesten Sicherheitswesten Set für die ganze Familie" unterschritt die Sollwerte für neue Westen in nur einzelnen Messwerten um maximal 6 Prozent. Von einer Gefährdung von Personen, die diese Warnweste tragen, ist nicht auszugehen, in der subjektiven Betrachtung war kein Unterschied festzustellen gegenüber Warnwesten, die die Norm erfüllten.

So können Sie die Reflexion selbst testen

Die Leuchtkraft von Westen wird untersucht
Durchgefallen: Schon das weiße Blatt reflektiert besser als die Streifen auf der Weste© ADAC/Abgedreht/Viktor Schwenk

Wollen Sie überprüfen, ob Ihre Warnweste eine ausreichende Retroreflexion aufweist? Am besten schon vor dem Kauf? Mit diesen Methoden haben Sie die Möglichkeit, zumindest ansatzweise festzustellen, ob eine Warnweste ausreichend stark reflektiert:

  • Warnwesten reflektieren nur dann, wenn die Lichtquelle und das Auge des Betrachters nahe beieinanderliegen. Hält man eine Lichtquelle (zum Beispiel die Smartphone-Taschenlampenfunktion oder eine echte Taschenlampe bzw. Stirnlampe) direkt neben oder vor den Kopf, so reflektiert eine gute Warnweste ab einem Abstand von ca. 3 Metern strahlend weiß. Ungenügend reflektierende Westen jedoch sind kaum heller als ein weißes Blatt Papier.

  • Ein anderes Hilfsmittel ist die Erstellung eines Fotos mit aktiviertem Blitz mit einem Smartphone – mit den gleichen Bewertungskriterien wie mit der Taschen- oder Stirnlampe. Aber Achtung: Neueste Smartphones erkennen in den hellen, reflektierenden Streifen eine Überbelichtung und rechnen die Helligkeit herunter, was das Ergebnis verfälscht.

  • Natürlich kann man auch die Warnweste an einem Baum oder Mast befestigen und bei Dunkelheit mit eingeschaltetem Abblendlicht darauf zufahren. Auch in 100 Metern Entfernung müssen die Reflexionsstreifen gleißend hell leuchten. Selbst mit einem modernen LED-Licht am Fahrrad funktioniert das aus 50 Metern Entfernung.

Warnwesten: Darauf sollten Sie achten

Kaufen Sie möglichst nur Warnwesten, die ein eingenähtes Label besitzen mit Hinweis auf die Erfüllung der Norm EN ISO 20471. Eine zusätzliche Sichtprüfung ist aber trotzdem zu empfehlen. Und überprüfen Sie auch die Warnwesten in Ihrem Auto. Denn mangelhafte Warnwesten sind nicht nur lebensgefährlich: Auch die gesetzlichen Vorgaben nach der Straßenverkehrszulassungsordnung sind damit nicht erfüllt, das Fahrzeug ist nicht korrekt ausgestattet.

Fachliche Beratung: Burkhard Böttcher, ADAC Technikzentrum