Unterwegs auf Landstraßen: Trügerische Sicherheit

Auto im Frühling auf bayerischer Landstraße
Straßen außerorts sind in Deutschland die Unfallschwerpunkte schlechthin© Shutterstock/SusaZoom

Eine ADAC Untersuchung zeigt: Während sich die meisten Autofahrenden auf Landstraßen sicher fühlen, spricht die Unfallstatistik eine andere Sprache. Einschätzungen und Fakten.

  • Die meisten Befragten überschätzen die Sicherheit auf Landstraßen

  • Etwa jeder Zweite fährt dort schneller als erlaubt

  • Für strengere Regeln auf Landstraßen gibt es keine Mehrheit

Welche der drei Ortslagen – innerorts, außerorts, Autobahnen – ist am sichersten, wie schätzen das Verkehrsteilnehmende ein, und wie verhalten sie sich auf Landstraßen? Das hat der ADAC im September 2021 ausgewertet bzw. untersucht. Hier die wichtigsten Ergebnisse.

Das sagt die Unfallstatistik

Auf Außerortsstraßen, Autobahnen nicht eingeschlossen, entfallen seit Jahren rund 60 Prozent der im Straßenverkehr Getöteten. Noch über diesem Durchschnitt lagen diese Werte 2020 bei Pkw-Insassen (knapp 73 Prozent, 849 Tote), Motorradfahrenden (fast 76 Prozent, 418 Tote) sowie Pedelec-Fahrenden. Diese Verkehrsbeteiligten gehen dort also ein erhebliches Unfallrisiko ein.

Doch auch innerhalb dieser Ortslagen-Kategorie existieren Unterschiede. So gibt es auf Bundesstraßen mit ihrer überdurchschnittlich hohen Kfz-Fahrleistung pro Kilometer etwa doppelt so viele Todesopfer wie auf Landesstraßen, die in Bayern und Sachsen als Staatsstraßen bezeichnet werden. Auf den Kreis- und sonstigen Außerortsstraßen liegen Unfalldichte und durchschnittliche Verkehrsbelastung deutlich niedriger.

Die Umfrageergebnisse

Den Fakten aus der Unfallstatistik stehen die Kenntnisse und Einschätzungen der Befragten gegenüber. Bezüglich des Verkehrsunfallgeschehens gibt es erhebliche Abweichungen zwischen den statistisch erfassten Daten und den Einschätzungen.

Das Unfallgeschehen – oft falsch eingeschätzt

Schwerer Verkehrsunfall auf der L 1110 Möglingen-Stammheim, Auto schneidet beim Überholen Traktor, der sich überschlägt
Auf Außerortsstraßen ist das Unfallrisiko überdurchschnittlich hoch © dpa/imageBROKER

Dass die mit Abstand meisten Verkehrstoten auf Landstraßen zu beklagen sind, ist vielen Verkehrsteilnehmern nicht bekannt. So hielten nur 40 Prozent der Motorradfahrenden die Landstraße für die Ortslage mit den meisten Verkehrstoten, 43 Prozent der Fahrerinnen und Fahrer von Fahrrädern oder langsamen Kfz sowie 50 Prozent der Pkw-Fahrenden. Nur 20 Prozent derjenigen, die auf Landstraßen unterwegs sind, nannten auf die Frage, wo die meisten Verkehrstoten zu beklagen sind, die richtige Rangfolge: außerorts, innerorts, auf Autobahnen.

Das Sicherheitsgefühl – große Unterschiede

Auf die Frage, wie sicher man sich auf Landstraßen fühlt, gaben die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer sehr unterschiedliche Antworten. Sicher fühlen sich 74 Prozent der Pkw-Fahrenden, 59 Prozent der Motorradfahrenden, aber nur 31 Prozent der Fahrrad- oder langsame Kfz-Fahrenden. Aus dieser dritten Gruppe fühlt sich fast ein Drittel beim Fahren auf Landstraßen (überhaupt) nicht sicher.

Das Tempo – jeder Zweite ist oft zu schnell

Auf unübersichtlicher Strecke sollte das Tempo reduziert werden © imago images/Schöning

Auf die Frage, wie schnell man üblicherweise auf Landstraßen ohne örtliches Tempolimit und bei "freier Fahrt" unterwegs ist, gaben 48 Prozent der Pkw-Fahrenden an, schneller als erlaubt unterwegs zu sein, allein elf Prozent fahren (sehr) häufig schneller. Und: Biker sind im Vergleich zu Autofahrenden häufiger schneller auf Landstraßen unterwegs als erlaubt.

Langsamer als mit 100 km/h ist etwa die Hälfte der befragten Autofahrenden unterwegs, bei den Motorradfahrenden 43 Prozent.

Am Steuer von Pkw spielen zwei Faktoren eine Rolle: Alter und Geschlecht. Auf Landstraßen fahren Jüngere häufiger schneller als Ältere und Männer tendenziell eher als Frauen.

Überholen – eine kritische Situation

Ein silberner Opel überholt einen silbernen BMW Kombi auf einer Landstraße
Bei geringer Straßenbreite ist Überholen keine gute Idee © ADAC/Wolfgang Groeger-Meier

Jeder fünfte Pkw-Fahrende erlebt beim Überholen auf Landstraßen (sehr) häufig kritische Situationen, und zwar eher als Überholter. Als aktiver Teil ziehen Autofahrende meist an Traktoren vorbei. Motorradfahrende sind überholfreudiger und lassen am häufigsten Autos hinter sich. Jeder Vierte erlebt dabei riskante Situationen, und zwar meist als aktiver Teil des Überholvorgangs. Und: Mehr als die Hälfte der Motorradfahrenden nennt eigenes Fehlverhalten als Ursache einer gefährlichen Überholsituation.

Die drei häufigsten Ursachen für Gefahrensituationen beim Überholvorgang sind Gegenverkehr, plötzliche Beschleunigung und das Ausscheren des zu Überholenden. Auf eine sichere Gelegenheit zum Überholen zu warten, macht rund drei Vierteln der Auto- und Motorradfahrenden nichts aus.

Sicherheit – Radfahrende fühlen sich bedrängt

Fahrerinnen und Fahrer von langsamen Kfz, Fahrrädern oder Pedelecs erleben im Straßenverkehr häufig belastende Situationen. Besonders unsicher fühlen sie sich, wenn andere ihnen zu nahe kommen. Typische Situationen: Sie werden an ungeeigneten oder unübersichtlichen Stellen überholt bzw. ihnen kommen dort Fahrzeuge entgegen, der Seitenabstand beim Überholen ist zu gering, oder Fahrzeuge fahren mit hoher Geschwindigkeit von hinten heran.

Mehrheit für Beibehaltung der Regeln

Die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h erachten 72 Prozent der Pkw-Fahrenden und 65 Prozent der Motorradfahrenden als sinnvoll. Ihr Absenken würde das Sicherheitsgefühl der Verkehrsteilnehmer nur eingeschränkt erhöhen. Vor allem Männer, Autofahrende unter 50 Jahren und solche, die viel fahren, würden sich von einer niedrigeren Höchstgeschwindigkeit beeinträchtigt fühlen.

Ein generelles Überholverbot auf einspurigen Landstraßen befürwortet nur gut ein Drittel der Pkw- und Motorradfahrenden. Damit halten sich Ablehnung und Befürwortung in etwa die Waage.

Schlussfolgerungen

Diese Maßnahmen empfiehlt der ADAC

  • Unerfahrenen Verkehrsteilnehmern ist eine höhere Risikokompetenz in Bezug auf Kurvengeschwindigkeit, Überholen und situative Ablenkung zu vermitteln.

  • Auf schmalen und kurvigen Landstraßen sind örtliche Tempobeschränkungen explizit anzuordnen, wenn der Streckenabschnitt für 100 km/h ungeeignet ist.

  • Wo sicheres Überholen nicht möglich ist, sollte dies immer durch Überholverbote oder Fahrbahnmarkierungen deutlich gemacht werden.

  • Überregional bedeutsame Landstraßen sollen abschnittsweise oder durchgängig dreistreifig mit sicheren Überholmöglichkeiten ausgebaut werden.

  • Geschwindigkeitsverstöße durch Raser sind zu erfassen und zu ahnden. Das gilt besonders nachts und am Wochenende.

  • Obwohl die beweissichere Dokumentation von Verstößen durch Motorradfahrende schwierig ist, darf auf Kontrollen nicht verzichtet werden.

  • Beliebte Motorradstrecken sind mit Unterfahrschutz an Schutzplanken und flexiblen Kurvenleittafeln auszustatten.

  • Der Radverkehr sollte weitgehend getrennt vom schnellen Kfz-Verkehr geführt werden.

  • Es sollte geprüft werden, außerorts grundsätzlich alle Fahrzeuge mit Versicherungskennzeichen – zum Beispiel Roller – auf straßenbegleitenden Radwegen zuzulassen.

So wurde untersucht

Im September 2021 gaben 3261 Verkehrsteilnehmer ab 16 Jahren, die an mindestens zehn Tagen pro Jahr auf Landstraßen fahren, Auskunft zu ihrem Verhalten sowie zu ihren Einstellungen. Je rund ein Drittel der Personen beantwortete Fragen als Fahrerinnen und Fahrer von Pkw, von Motorrädern mit amtlichen Kennzeichen ab 45 km/h und von Fahrrädern einschließlich Pedelec/E-Bike oder Kfz mit Versicherungskennzeichen bis 45 km/h. Die Nürnberger infas quo GmbH führte die Untersuchung als Online-Befragung durch. Die Umfrageergebnisse sind repräsentativ.

Helmuth Meyer
Redakteur
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