Der ÖPNV der Zukunft: Trends, Innovationen, Digitalisierung

Auch im ÖPNV setzt sich die Digitalisierung immer mehr durch
Auch im ÖPNV setzt sich die Digitalisierung immer mehr durch© iStock.com/blackCAT

Die Corona-Pandemie hat den ÖPNV kräftig durcheinandergewirbelt. Für die Verkehrsbetriebe stellen sich neue Herausforderungen, die zugleich Chancen für die Zukunft sind. Der ADAC zeigt die wichtigsten Trends und Innovationen.

  • Flexible, dem individuellen Bedarf angepasste Tickets

  • Kombination verschiedener Verkehrsmittel

  • Digitalisierung und eTarife

Im ersten Halbjahr 2021 fuhren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,5 Milliarden Menschen weniger mit Bus und Bahn als im gleichen Zeitraum 2020. Das ist ein Rückgang um 18 Prozent. Der Trend geht weg von der regelmäßigen Nutzung des ÖPNV hin zu einer gelegentlichen.

Laut Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) möchten 37 Prozent der Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel in Zukunft wahrscheinlich seltener oder gar nicht mehr nutzen. Die Gründe: Homeoffice, Studieren von zuhause aus, weniger Großveranstaltungen.

Zukunftstrend Flex-Tickets

Um zukunftsfähig zu sein, braucht der ÖPNV neue Wege. Im Eiltempo entstehen innovative Konzepte. Groß im Kommen sind einfache und flexible Tickets als direkte Reaktion auf die veränderten Arbeitsmodelle. Einige Beispiele:

Mit dem "FlexTicket" wenden sich der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und die Rheinbahn in einem Pilotprojekt an Großkunden, deren Arbeitnehmer zwischen Homeoffice und Büro wechseln. Diese zahlen einen monatlichen Grundbetrag von 20 Euro und können dann bis zu zwölf stark vergünstigte Tageskarten erwerben, so dass sie in der niedrigsten Tarifstufe für 2,50 Euro statt 7,20 Euro zwischen Büro und Wohnort pendeln können. Auch der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) hat ein vergleichbares Modell mit dem Ticket "ABO Flex" eingeführt.

Mit "Flex25" und "Flex35" plant der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) im Laufe des kommenden Jahres zwei weitere Modelle, die dann über die VRR-App angeboten werden sollen. Nach Zahlung eines monatlichen Grundbetrags von 3,90 Euro bzw. 8,90 Euro erhalten VRR-Fahrgäste 25 bzw. 35 Prozent Ermäßigung auf Einzeltickets. In der teureren Variante ist zudem die Fahrradmitnahme enthalten.

Auch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) testet ab 2022 flexible Tickets. In Frankfurt/Oder zahlen Fahrgäste einen monatlichen Grundpreis von 4,90 Euro und sparen dann mit dem "VBB-Abo flex" beim Ticketkauf 25 Prozent des Bartarifs. In Berlin kostet das "VBB-Flex-Ticket" 44 Euro und enthält acht 24-Stunden-Tickets, die innerhalb eines Monats abgerufen werden können.

Die Bayerische Regiobahn lockt Kunden mit dem "10er-TagesTicket", das innerhalb von 30 Tagen auf einer selbst gewählten Pendlerstrecke eingelöst werden kann. Fahrgäste sparen bis zu 33 Prozent gegenüber normalen Abo-Preisen. Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat mit dem "10er-TagesTicket" auch schon ein vergleichbares Modell eingeführt.

Fahrrad, Bus, Auto, Tram: Flexible Kombinationen

Ein weiterer Zukunftstrend sind Multimodalitäts-Tarife und -Flatrates. Die Stadtwerke Augsburg (SWA) haben bereits Ende 2019 als erstes Verkehrsunternehmen einen Multimodalitäts-Tarif namens "swa Mobil-Flat" aufgelegt. Für einen fixen monatlichen Preis zwischen 67 und 129 Euro kombinieren Kunden dort für ihre Fahrten verschiedene Verkehrsmittel. Abhängig vom gebuchten Tarif dürfen sie Bus, Tram, Leihräder und Carsharing-Angebote nutzen.

ÖPNV statt Dienstwagen, das ist das Konzept des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV). Unternehmer stellen ihren Mitarbeitern in der App "hvv-m" ein individuelles monatliches Mobilitätsbudget zur Verfügung. Das können sie beruflich und privat frei einsetzen, u.a. für den ÖPNV, den Fernverkehr oder Bike-Sharing.

Auf die gleiche Art funktioniert "Bonvoyo", das arbeitgeberfinanzierte Mobilitätsbudget der Deutschen Bahn, das auch Taxis einbezieht. Planung, Buchung und Verwaltung der Fahrten laufen über eine App, alle Kosten werden über den Arbeitgeber abgerechnet.

Innovative eTarife

Immer mehr Verkehrsverbünde bieten zuzsätzlich zu den klassischen Tickets auch eTarife an, die im Einzelnen unterschiedlich ausgestaltet sein können. Dabei checkt der Passagier mit seinem Smartphone oder auf andere digitale Weise in den ÖPNV ein, die Abrechnung erfolgt dann automatisch.

Dass man im digitalen Zeitalter nicht mehr zwingend auf Tarifzonen angewiesen ist, zeigt der Münchner Verkehrsverbund (MVV) mit seinem Pilotprojekt "Swipe+Ride". Vor Fahrtantritt wischt der Passagier über sein Smartphone ("swipe"), checkt ins System ein und beginnt seine Fahrt ("ride"). Steigt er aus, wischt er erneut übers Handy und beendet die Tour. Automatisch wird dann berechnet, welche Strecke er zurückgelegt hat – per Luftlinie zwischen Start und Ziel.

Für jede Fahrt im E-Tarif fällt ein Grundpreis an, hinzu kommt ein Entfernungspreis. Ein Höchstpreis pro Tag wird nicht überschritten und wer viel im E-Tarif fährt, ist ab der fünften Fahrt in einem Kalendermonat bonusberechtigt.

Während man in München aktiv ein- und auschecken ("Check-in/Check-out") muss, beabsichtigt der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) im Frühjahr 2022 mit automatischen Abmeldungen im "Check-in/Be-out"-Verfahren und damit verbundenen digitalen Best-Preis-Berechnungen zu starten. Die Luftlinie nehmen auch der Verkehrsverbund Rhein-Neckar in Mannheim und die Freiburg Verkehrs AG zur Grundlage, um Fahrten abzurechnen.

Stichwort elektronische Abrechnung: Kontaktlos bezahlen per EC- oder Kreditkarte können ÖPNV Nutzer mittlerweile in den Bussen und Bahnen in Jena, Erfurt oder Bonn.

Alles auf einmal, praktisch und flexibel

Trotz aller Innovationslust und Zukunftsprojekte – der deutsche ÖPNV bleibt zersplittert. Jede Region hat eigene Regeln, Systeme, Preise, Tarife. Die ÖPNV Akteure selbst sehen hier Optimierungs-Potenzial und haben deshalb die Plattform www.mobility-inside.de* geschaffen. Sie vernetzt Verkehrsverbünde, Verkehrsunternehmen und Mobilitätsanbieter und ihre unterschiedlichen Mobilitätsangebote und macht so lokale Angebote überregional verfügbar.

Kunden können über die Webseite vor einer Reise Fahrkarten für andere deutsche Städte erstehen und so bei Bedarf Tickets für eine bundesweite und durchgängige Reise in einer App buchen. Für die Nutzer ist es dabei egal, ob sie Verbundgrenzen überqueren oder von welchem Anbieter ihr Sharing-Fahrzeug kommt. Fernziel der Plattform ist es, möglichst alle Verkehrsunternehmen einzubinden. Aktuell machen bei der Plattform schon zehn Verbünde mit.

ÖPNV Tickets 2021: ADAC Studie zeigt gewaltige Preisunterschiede

Podcast: ÖPNV auf dem Land und in der Stadt

Im ADAC Podcast "Mobilität am Mittwoch" geht es in Folge 28 um die Frage, was beim ÖPNV auf dem Land und in der Stadt besser werden muss. Host Alexander Schnaars spricht dazu mit Christoph Gipp, der als Geschäftsführer des IGES-Instituts den dortigen Forschungsbereich Mobilität betreut.

Mit dem ÖPNV auf dem Land und in der Stadt unterwegs - das muss besser werden

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