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"Wir müssen schneller werden." Autobahn-Chef Stephan Krenz im Interview

Verkehr auf deutscher Autobahn
Bessere Verkehrssteuerung: In Zukunft sollen Autofahrer genauere Infos über Staus bekommen ∙ © Shutterstock/Manfred Steinbach

Ab 2021 werden alle deutschen Fernstraßen von der Autobahn GmbH verwaltet. Geschäftsführer Stephan Krenz über den Kampf gegen Staus und bessere Infos für Autofahrer.

Stephan Krenz ist seit 2019 Geschäftsführer der Autobahn GmbH. Er kommt gerade von einem Treffen mit Bauunternehmern aus Bonn. Jetzt ist er in Frankfurt, im "House of Logistics and Mobility" am Flughafen. Dort befindet sich das Lagezentrum der hessischen Autobahnverwaltung. Ab 2021 sollen von hier die wichtigsten deutschen Fernstraßen überwacht werden. Denn dann wird es keine hessische, bayerische oder sächsische Autobahnverwaltung mehr geben, sondern nur noch ein einziges Unternehmen mit 15.000 Mitarbeitern, das dann für alle Autobahnen verantwortlich ist.

ADAC Redaktion: Warum wurde die Autobahn GmbH gegründet?

Stephan Krenz: Wir sehen im Straßenbau die Heterogenität der Regionen in Deutschland. In Schleswig-Holstein wird anders gearbeitet als in Bayern oder in Sachsen oder in NRW. Das müssen wir ändern. In Zukunft werden wir eine Aufgabe nicht mehr 16-mal unterschiedlich angehen, sondern einheitlich aus einer Hand.

Was muss beim Autobahnbau besser werden?

Die Genehmigungsverfahren müssen schneller werden. Und wir müssen an die Menschen denken, die unsere Straßen nutzen. Die Leute wollen fahren und nicht an Baustellen stehen. Wir fragen uns also: Wie viele Baustellen verkraftet das Netz? Wir bauen an allen Ecken und Enden im Netz. In Hessen werden Tagesbaustellen zum Beispiel zu Zeiten eingerichtet, in denen es absehbar wenig Stau gibt, und wenn sich Staus anbahnen, dann nimmt man sie raus und macht nachts weiter. Daraus können alle lernen.

Bei den Autobahnen geht es um Ausbau und Erhalt, mit dem Neubau ist es im Großen und Ganzen vorbei.

Werden Sie in den nächsten Jahren neue Autobahnen eröffnen?

Mit dem Neubau in Deutschland ist es im Großen und Ganzen vorbei, nur noch ein paar Lückenschlüsse hier und da. Es geht um Ausbau und Erhalt. Die Gesamtkapazität erhöht sich also nicht mehr signifikant, es wird aber mehr Baustellen geben und nach allen Prognosen mehr Verkehr.

Das klingt nach mehr Staus. Wie lässt sich das verhindern?

Wir müssen den Verkehr intelligent steuern, um die Lage für den Autofahrer erträglich zu machen. Wir haben eine relativ gute Datenlage, aber wir managen die Daten nicht gut genug für das gesamte Autobahnnetz. Das wird der Job der Verkehrszentrale Deutschland sein, die wir in Frankfurt einrichten. Wir müssen den Autofahrern alle Informationen gebündelt geben, also auch mitteilen, wann eine Baustelle beendet oder eine Unfallstelle geräumt ist. Und wann es sich lohnt, einen Stau zu umfahren, auch entlang der großen Magistralen wie A9 oder A7 oder A6. Dafür planen wir eine Autobahn-App.

Reicht das Geld?

Ja. Bis vor ein paar Jahren wurde das Autobahnnetz mangels Investitionsmitteln ziemlich auf Verschleiß gefahren, das müssen wir jetzt in Ordnung bringen. Mit den Mitteln, die uns jetzt zur Verfügung stehen, bekommen wir das hin.

Daten und Fakten: Das ist die Autobahn GmbH

  • Die Zentrale der Autobahn GmbH befindet sich in Berlin

  • Das deutsche Autobahnnetz ist ca. 13.000 Kilometer lang und etwa 200 Milliarden Euro wert

  • Bundesweit gibt es 10 Niederlassungen und 41 Außenstellen

  • 189 Autobahnmeistereien betreuen jeweils eigene Netzabschnitte

  • Die Autobahn GmbH hat 15.000 Mitarbeiter

Haben Sie bei der Finanzierung Wünsche an die Politik?

Wir brauchen Verlässlichkeit, und die Mittel müssen leicht nach oben gehen. Außerdem brauchen wir Flexibilität, um beispielsweise Geld von einem Projekt ohne Baurecht in ein Projekt mit Baurecht umschichten zu können.

Wir werden das Autobahnnetz nicht mehr als Ländersache betrachten, sondern als Gesamtsystem.

Nach welchen Kriterien werden Sie entscheiden, wo das Geld für Bau und Sanierung eingesetzt wird?

Wir werden analysieren, wo die Verkehre laufen und wo nicht. Wir werden das Autobahnnetz also nicht mehr als Ländersache betrachten, sondern als Gesamtsystem. Und dann werden wir empfehlen, wo die Mittel prioritär eingesetzt werden sollten. Entscheiden wird das aber die Politik.

Daten werden immer wichtiger, um den Verkehr zu planen. Wo stehen Sie bei der Digitalisierung?

Derzeit können unsere acht Verkehrszentralen in den Metropolen nicht miteinander kommunizieren. Bezüglich der Digitalisierung gilt das für den Betrieb, die Planung und den Bau ähnlich. Das werden wir ändern.

Die Autobahn ist am besten fürs autonome Fahren geeignet. Diesen Vorteil müssen wir nutzen.

Wie bereiten Sie die Autobahn auf autonome Fahrzeuge vor?

Die Autobahn ist mit ihrer klaren Spurführung und der klaren Verkehrssituation am besten fürs autonome Fahren geeignet. Den Vorteil müssen wir nutzen, und dazu müssen wir mit der Industrie ins Gespräch kommen.

In Hessen gibt es einen Autobahnabschnitt mit Oberleitungen, die Lkw mit Strom versorgen, damit sie elektrisch fahren können. Ein Modell für ganz Deutschland? 

Das kann ich noch nicht entscheiden. Aber es gibt viele Ansätze für Innovationen, etwa beim Straßenbelag und beim Lärmschutz. Wie entwickeln wir ein digitales Abbild der Autobahn, wie digitalisieren wir das Planen und Bauen? Der E-Highway ist ein Inselprojekt in Hessen und Schleswig-Holstein, ein spannender Prototyp. Bisher machen 16 Bundesländer das nur für sich, es gibt keine vernünftige Koordination. Jetzt können wir die besten Ideen auswählen, die Power zur Umsetzung haben wir.

Die Situation für Lkw-Fahrer ist vielerorts katastrophal, überall fehlen Parkplätze. Was tun?

Das ist ein soziales Thema und ein Sicherheitsthema. An der A 4 nach Görlitz ist die Schlange der Brummis 20 km lang, die Leute schlafen quasi auf dem Standstreifen, das geht so nicht. Der Engpass für neue Parkplätze ist aber das Baurecht. Da gibt es erhebliche Widerstände der Anwohner, das führt zu langen politischen Diskussionen. Es müssen mehr Parkplätze gebaut werden. Aber das dauert.

Woran werden Sie den Erfolg Ihrer Arbeit messen?

Die Straßen müssen frei und sauber sein, genau wie die Rastplätze. Wer einmal mit Kindern an einem Rastplatz zur Toilette musste, weiß, wovon ich rede. Außerdem müssen wir besser mit den Nutzern kommunizieren. An unseren Ergebnissen bei diesen Herausforderungen werden wir uns gern messen lassen.

Welche Reisegeschwindigkeit empfehlen Sie Ihren Nutzern?

Verantwortungsvolles und umsichtiges Reisen ist das oberste Gebot. Wir bauen die Infrastruktur dafür.

Thomas Paulsen
Stellv. Chefredakteur
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