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Der ADAC

Wenn Transporter automatisch bremsen: ADAC Test

Dieses Video wird über YouTube abgespielt. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google. Bild: © ADAC/Ralph Wagner

Transporter verursachen häufig Auffahrunfälle. Deshalb wird für neue Modelle ab 2022 ein Notbremsassistent zur Pflicht. Der ADAC hat getestet, ob die Technik den Anforderungen gewachsen ist.

  • Etwa jeder fünfte Transporterunfall ist ein Auffahrunfall

  • Heutige Ausstattungsrate mit Notbremssystem AEBS viel zu niedrig

  • Gesetzliche Verpflichtung der Hersteller zu AEBS ab 2022 kommt spät

  • AEBS-Technik im Transporter noch stark verbesserungsbedürftig

Statistisch gesehen passiert es jeden Tag, dass irgendwo auf Deutschlands Straßen Transporter gegen einen Pkw krachen, von der Fahrbahn abkommen, einen Fahrradfahrer rammen oder einen Fußgänger anfahren. Im Jahr 2018 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 9696 Unfälle mit Personenschaden durch kleine Lkw bis 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht – so heißen die Transporter amtlich – verursacht. Dabei verunglückten 146 Menschen tödlich, knapp 2000 wurden schwer verletzt.

Sehr häufig passieren Auffahrunfälle. Als Grund könnte man vermuten, dass die Fahrer zunehmend unter Termindruck stehen, gestresst sind und deshalb oft zu schnell fahren oder zu wenig Abstand halten. Das Problem: Während in modernen Pkw häufig schon heute ein Notbremsassistent (Autonomous Emergency Braking System – AEBS) an Bord ist, sind die Ausstattungsraten damit bei Transportern verschwindend gering.

Von den aktuell elf Transporter-Modellen auf dem Markt ist nur einer serienmäßig mit einem AEBS ausgerüstet: der MAN TGE. Bei acht Modellen kostet ein Notbremssystem Aufpreis, für zwei Transporter ist ein AEBS aktuell gar nicht erhältlich (Nissan NV 400 und Opel Movano).

Fakt ist: Ein obligatorisches AEBS wäre extrem sinnvoll für die Sicherheit auf der Straße. Aber im Handwerk- und Logistik-Gewerbe, wo die Transporter überwiegend eingesetzt werden, geht es um jeden Cent. Ein AEBS, das Aufpreis kostet, wird deshalb nur selten beim Kauf des Transporters mitbestellt. Die inzwischen beschlossene gesetzliche Auflage, die Typgenehmigung von Neufahrzeugen ab 2022 mit einem serienmäßigen AEBS zu verbinden, kommt daher eigentlich zu spät.

Notbrems- und Spurhaltesysteme im Pkw beweisen ihre Funktionssicherheit schon seit Langem ganz gut. Und das ist sicherlich auch ein Verdienst der Euro-NCAP-Tests, in denen die Sicherheits-Performance der Pkw bewertet wird. Autohersteller, die ein Fünf-Sterne-Ergebnis vorweisen möchten, dürfen sich weder bei der passiven noch bei der aktiven Sicherheit Patzer leisten.

Bremst der Transporter früh genug?

Der ADAC hat mit einem Transporter des Baujahres 2018 getestet, wie gut das AEBS heute schon funktioniert oder ob es Defizite gibt. Konkret ging es um die Frage: Bis zu welcher (Differenz-)Geschwindigkeit kann das System einen Aufprall verhindern? Bei der Testdurchführung kamen sowohl die zukünftigen gesetzlichen Anforderungen der UNECE-Regelung als auch die deutlich schärferen Kriterien von Euro NCAP in Anwendung.

Getestet wurde das automatische Bremsen in fünf unterschiedlichen Szenarien:

  • Auf ein stehendes Fahrzeug

  • Auf ein Fahrzeug, das voraus fährt

  • Auf ein Fahrzeug, das verzögert

  • Vor einem Fußgänger, der die Fahrbahn quert

  • Auf einen Fahrradfahrer, der vorausfährt

Bremsen auf stehendes Fahrzeug

Beim Bremsen auf ein stehendes Fahrzeug kommt der unbeladene Transporter mit einer Geschwindigkeit von bis zu 42 km/h zum Stillstand. Ab 45 km/h kann er die Kollision zwar nicht komplett vermeiden, verzögert aber so stark, dass die Unfallfolgen deutlich minimiert sind. Aufgelastet mit dem zulässigen Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen verhindert das System die Kollision nur, wenn der Transporter nicht schneller als 30 km/h fährt. Das ist zu wenig.

Bremsen auf vorausfahrendes Fahrzeug

Bei diesem Test fährt der Transporter maximal 60 km/h, ihm voraus fährt ein Auto mit Tempo 20. Die Differenz-Geschwindigkeit beträgt maximal 40 km/h. Hier hat das System bei allen geforderten Geschwindigkeiten und Beladungszuständen des Transporters den Unfall verhindert. Ein erfreuliches Ergebnis.

Bremsen auf verzögerndes Fahrzeug

In diesem Szenario fahren Transporter und Pkw konstant 50 km/h mit verschiedenen Abständen. Bremst das vor ihm fahrende Auto, schafft es der Transporter mit derzeit verfügbarem System nicht, entsprechend den Anforderungen zu verzögern. Und zwar unabhängig vom Beladungszustand. Totalausfall.

Bremsen wegen querenden Fußgängers

Ein Fußgänger, der die Straße kreuzt, bleibt unversehrt, wenn der Transporter unbeladen und maximal 35 km/h schnell ist. Voll beladen kommt der Transporter bis 30 km/h vor dem Fußgänger zum Stehen, was immerhin in der Tempo-30-Zone genügt. Bei höheren Tempi in der Stadt verzögert der Transporter zwar noch, kann aber nicht mehr rechtzeitig vor dem Fußgänger anhalten.

Bremsen auf vorausfahrenden Fahrradfahrer

Bei einem vorausfahrenden Fahrradfahrer schafft es der getestete Transporter bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h rechtzeitig zu bremsen. Bei Tempo 60 vermindert er immerhin die Schwere des Aufpralls deutlich.

Fazit: Notbremssysteme müssen noch besser werden

Beim Blick auf die Ergebnisse der ADAC Tests muss man unterscheiden zwischen den Anforderungen, die der Gesetzgeber ab 2022 stellt, und den deutlich schärferen Kriterien von Euro NCAP. Der Gesetzgeber (UNECE-Regelung) gibt sich bei der Typgenehmigung neuer Modelle nämlich schon zufrieden, wenn ein unbeladener Transporter es bis zu einer Geschwindigkeit von 42 km/h schafft, den Aufprall auf ein stehendes Fahrzeug zu vermeiden. Der voll beladene Transporter muss das bis 35 km/h meistern – das schafft der Transporter des Baujahrs 2018 aber noch nicht.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Unfallszenarien mit einem Fahrzeug, das vor dem Transporter bremst, einem Fahrrad, auf das der Transporter aufläuft, oder einem Fußgänger, der die Fahrbahn quert, nimmt der Gesetzgeber in die Regularien für das Jahr 2022 noch gar nicht auf. Darüber hinaus zeigte sich bei den Tests, dass die Funktionsfähigkeit des Transporter-Notbremssystems an vielen Stellen unzureichend ist: Systeme im Pkw leisten heute schon deutlich mehr.

Der ADAC plädiert grundsätzlich dafür, Regelungen, die die Verkehrssicherheit betreffen, frühzeitiger und mit ambitionierteren Zielen durchzusetzen. Auch darf der Beladungszustand keinen Einfluss auf die Leistung von Assistenzsystemen haben. Bei der Beschaffung von Fahrzeugen sollten die Firmen und ihre Fuhrparkmanager darauf achten, dass Notbremsassistenten (und Spurhalteassistenten) im Fahrzeug sind. Denn diese unfallvermeidenden Systeme lohnen sich auch gegen Aufpreis.

Außerdem empfiehlt der ADAC spezielle Sicherheitstrainings für die Fahrer, damit sie für die besonderen Risiken von Transportern sensibilisiert und bestmöglich für die Herausforderungen ihres beruflichen Alltags vorbereitet sind.