Diesel-Nachrüstung: ADAC Test beweist Wirksamkeit

6.11.2018

Software-Updates, Austausch älterer Diesel und Hardware-Nachrüstungen sollen Fahrverbote verhindern. Das sind die Ergebnisse des ADAC Tests zur Diesel-Umrüstung. Außerdem: Alle Infos zum aktuellen Stand der Diskussion um SCR-Kats.

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Saubere Luft in Städten ist durch sinnvolle Maßnahmen möglich.
  • Durch Nachrüstung lässt sich der Schadstoffausstoß im Stadtverkehr deutlich reduzieren
  • Für den Test wurden drei Autos mit SCR-Systemen nachgerüstet
  • In Städten mit hoher Schadstoffbelastung will die Bundesregierung Diesel nachrüsten lassen

Lange bestritten Autoindustrie und Bundesverkehrsministerium, dass sich ältere Diesel-Fahrzeuge mit SCR-Systemen nachrüsten lassen. Bei diesen Hardware-Einbauten wird ein spezieller Katalysator in den Abgasstrang integriert. Dieser Katalysator macht dann die giftigen Stickoxide mithilfe des Harnstoffs AdBlue unschädlich. Autohersteller und Verkehrsministerium hielten bislang wenig von dieser Maßnahme: Zu teuer, zu aufwändig, zu wenig NOx-Reduktion. 

Diese Haltung hat sich jetzt geändert, zumindest im Verkehrsministerium. Am 2.10.2018 kündigte Verkehrsminister Andreas Scheuer an, Nachrüst-Systeme "so schnell wie möglich" zu genehmigen. Voraussetzung: Der Nachrüstsatz kann den Stickoxidausstoß unter 270 mg/km senken. Gleichzeitig forderte das Ministerium die jeweiligen Autohersteller auf, "die Kosten für das SCR-System und den Einbau" bei von Fahrverboten bedrohten Fahrzeughaltern zu übernehmen.

ADAC Test beweist: Diesel-Umrüst-Systeme wirken

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Ein Opel Astra nach der Umrüstung auf dem ADAC Prüfstand

Dass Hardware-Nachrüstungen an Euro-5-Dieselfahrzeugen nicht nur möglich sind, sondern auch funktionieren, bewies der ADAC Württemberg mit Unterstützung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums durch einen Test von verschiedenen Diesel-Nachrüstsystemen. Die Ergebnisse präsentierte der Club im Februar 2018.

Nach der ersten Testreihe optimierten drei der untersuchten Anbieter ihre Technik weiter: Baumot Twintec, Oberland-Mangold sowie HJS. Die überarbeiteten SCR-Systeme werden seit dem Sommer 2018 in einem Opel Astra 1.7 CDTI, einem VW T 5 und einem Fiat Ducato geprüft. Nun liegt ein weiterer Zwischenbericht zur Wirksamkeit der Diesel-Nachrüstsysteme (PDF-Download1,47 MB) vor (eine Kurzfassung gibt es hier (PDF-Download821,01 KB)). Insgesamt 50.000 Kilometer müssen die Fahrzeuge zurücklegen. Die Testwagen fahren täglich eine fest definierte Strecke von rund 700 km, die zu 56 Prozent aus Fahrten in der Stadt, auf Land- und Bundesstraßen sowie rund 44 Prozent Autobahn besteht.

Für den Dauertest wurden die Wagen mit Datenloggern ausgestattet, die das Abgasverhalten aufzeichnen: Etwa NOx-Emissionen vor und hinter dem SCR-System, Abgastemperaturen und AdBlue®-Verbrauch. Die ersten 10.000 Kilometer sind mittlerweile absolviert.

Der SCR-Kat sorgt für niedrigere Emissionen

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Grafik Nachrüstung Messung
Infografik: So stark sank der NOx-Ausstoß mit SCR-Kat

Das Ergebnis nach den ersten Messungen: Alle drei getesteten Euro 5 Dieselfahrzeuge stoßen im Straßenverkehr selbst unter günstigen äußeren Bedingungen von Temperaturen ab 23 Grad ungereinigte Rohemissionen von bis zu 1.200 Milligramm Stickoxid (NOx) pro Kilometer aus. Damit liegt ihr Schadstoffausstoß um ein Vielfaches über den offiziell geltenden Prüfstand-Grenzwerten.

Die gute Nachricht: Nach Einbau der verschiedenen Diesel-Umrüstsysteme sinken diese Emissionen im ADAC Test um 60 bis 80 Prozent. Damit drücken sie den NOx-Ausstoß der Testfahrzeuge auf oder unter den Grenzwert von 270 Milligramm pro Kilometer (mg/km), den die Große Koalition beim Dieselkompromiss in die Diskussion gebracht hat.

Die ADAC Experten gehen davon aus, dass der Dauertest im Januar 2019 abgeschlossen sein wird. Bis dahin wird sich auch zeigen, wie die Hardware-Nachrüstsysteme mit winterlichen Bedingungen wie Frost, Regen und Schnee klarkommen.

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Ulrich Klaus Becker, ADAC Vizepräsident für Verkehr

„Der Ball liegt nun ganz klar im Feld der Industrie – die Hersteller müssen jetzt liefern. Erst wenn deren Angebote verbindlich auf dem Tisch liegen, wissen die Verbraucher, was die Beschlüsse der Koalition von Anfang Oktober 2018 tatsächlich wert sind. Denn es darf nicht sein, dass die Verbraucher, die sich trotz Prämien kein neues Auto leisten können, auf den Kosten der Nachrüstung sitzen bleiben.“

Was werden die Nachrüst-Systeme kosten?

Das Verkehrsministerium kalkuliert mit Nachrüstkosten von durchschnittlich 3000 Euro – und erwartet, dass die deutschen, aber auch die ausländischen Automobilhersteller die Summe einschließlich der Einbaukosten übernehmen. Filteranbieter wie TwinTec oder Oberland-Mangold würden für die Betriebssicherheit ihres Systems garantieren – allerdings nicht für Schäden, die durch die Benutzung am Fahrzeug entstehen. Doch dieses Risiko will natürlich nicht der Autobauer übernehmen. Die Haftungsfrage bleibt also ungeklärt.

In 14 Städten sollen Dieselfahrer umrüsten oder umtauschen können

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Grafik Nachrüstung Deutschland
Das Diesel-Maßnahmenpaket soll zunächst in 14 Städten gelten.

In 14 "Intensivstädten" übersteigen die Stickoxid-Werte im Jahresdurchschnitt 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Dort, so der Plan der Bundesregierung, sollen Diesel-Besitzer ihre Autos, unterstützt durch Prämien der Industrie, umtauschen oder nachrüsten können. Entweder durch einen SCR-Kat mit AdBlue-Einspritzung oder durch eine andere ebenso wirksame Lösung.

Auch Autos, die Personen gehören, die in direkt an die Intensivstädte angrenzenden Landkreisen leben,  sollen von Umrüstung oder Umtausch profitieren können. Gleiches gilt für beliebig weit entfernt wohnenden Pendlern. Und auch Selbstständige mit Firmensitz in der jeweiligen Stadt und Autofahrer mit besonderen Härten, z.B. Kranke, die regelmäßig zum Arzt müssen, werden nach aktueller Planung das Angebot nutzen können.

Wichtig ist: Das Auto darf anschließend im realen Straßenverkehr nicht mehr als 270 mg NOx/km ausstoßen – ein Wert, der in diesen Städten wohl auch generell für alle Diesel gelten wird, die z.B. schon ein Software-Update erhalten haben.

Sollten weitere Kommunen (z.B. Hamburg, Frankfurt und seit dem Urteil vom 9. Oktober Berlin) Verkehrsbeschränkungen planen (müssen), gilt das Programm auch dort.

Allerdings: Bis Nachrüstsätze für Euro 5-Diesel erhältlich sind, wird es noch dauern. Denn auch wenn die Technik im ADAC Test ihre grundsätzliche Wirksamkeit bewiesen haben, müssen die Systeme noch zugelassen werden.

Kein Zwang zur Umrüstung

Allerdings ist nicht geplant, jeden Autobesitzer zur Umrüstung zu zwingen. Nur wenn ein Fahrzeug von einem offiziellen Rückruf betroffen wäre, müsste es umgerüstet werden. Ist das nicht der Fall, bleibt die Typgenehmigung des Fahrzeugs uneingeschränkt gültig. Und das ist auch der Grund dafür, warum auch die Fahrzeughersteller nicht zu Hardware-Nachrüstungen gezwungen werden können.

In 65 Städten werden Busse und Lieferwagen umgerüstet

Das "Konzept für saubere Luft" soll in allen 65 Städten umgesetzt werden, die den zulässigen Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschreiten. Die Nachrüstung kommunaler Schwerfahrzeuge mit SCR-Kats soll dort vom Bund mit 80 Prozent genauso gefördert wie gewerblich genutzte Handwerker- und Lieferwagen von 2,8-7,5-t-Gesamtgewicht, die ihren Firmensitz in der Stadt oder einem angrenzenden Landkreis haben. Über die Übernahme des Restanteils verhandelt der Bund noch mit den Autoherstellern.