Kuriose Grenzen: Exklaven, Absurditäten, Hintergründe

Links Belgien, rechts die Niederlande: Grenzmarkierung in der belgischen Exklave Baarle-Hertog
Links Belgien, rechts die Niederlande: Grenzmarkierung in der belgischen Exklave Baarle-Hertog© Shutterstock/Frolova_Elena

Für viele Reisende sind Staatsgrenzen heutzutage banal: eine Straße, eine Grenzstelle, eine Kontrolle, das war’s. Doch es gibt auch bizarre und kuriose Grenzziehungen. Oft verbirgt sich dahinter eine spannende Geschichte. Eine Auswahl.

  • Absurd und bizarr: Kuriose Grenzziehungen weltweit

  • Was die Grenze für Anwohner und Reisende bedeutet

  • Welche Geschichte sich dahinter verbirgt

Deutschland/Schweiz: Büsingen am Hochrhein

Veraltet, aber aussagekräftig: Deutsche und Schweizer Telefonzelle nebeneinander in Büsingen © dpa/Gaetan Bally

Was viele Deutsche nicht wissen: Deutschland besitzt eine Exklave. Die 7,62 Quadratkilometer große Gemeinde Büsingen am Hochrhein östlich der Schweizer Stadt Schaffhausen ist vollständig von Schweizer Territorium umgeben. Verwaltungsmäßig gehört der Ort zum Landkreis Konstanz.

Die rund 1500 Einwohner leben gleichsam in zwei Welten. Laut einem Staatsvertrag aus dem Jahr 1964 ist Büsingen Teil des Schweizer Zollgebiets. Dadurch finden auch die Schweizer Verbrauchs- und Mehrwertsteuern Anwendung und der Warenverkehr zwischen der Exklave und der Schweiz kann ungehindert fließen. Die Schülerinnen und Schüler besuchen in der Regel weiterführende Schulen in Schaffhausen und die Schweizer Polizei darf in Büsingen sogar eigenmächtig Verhaftungen vornehmen. Andererseits sind die Bewohner und Bewohnerinnen natürlich deutsche Staatsbürger und nehmen daher an Bundes- und Landtagswahlen teil.

Eine Besonderheit ist das Kfz-Kennzeichen. Obwohl Büsingen zum Landkreis Konstanz gehört, lautet dieses nicht KN, sondern BÜS. Keine andere offizielle Buchstabenkombination findet sich auf deutschen Fahrzeugen seltener. Der Hintergrund: Das eigene Kennzeichen erleichtert den Schweizer Zollbeamten die Arbeit. Autos mit den Buchstaben BÜS werden bei der Einreise in die Schweiz und im dortigen Straßenverkehr wie Schweizer Fahrzeuge behandelt.

Die Exklave hat eine besondere Geschichte: Nach einem Konflikt mit Österreich Ende des 17. Jahrhunderts musste Schaffhausen die Kontrolle über Büsingen und einige andere Orte an die Regierung in Wien abtreten. Während es die übrigen Orte bereits 1723 zurück bekam, behielt Österreich Büsingen ein. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Ort mit anderen österreichischen Besitzungen zunächst Teil des Großherzogtums Baden und mit diesem 1871 Teil des Deutschen Reiches. 1918 stimmten die Einwohner in einer Volksabstimmung mit 96 Prozent für einen Anschluss an die Schweiz. Dazu kam es aber nicht, da die Schweiz kein geeignetes Territorium für einen Gebietstausch anbieten konnte.

Belgien/Niederlande: Baarle-Hertog

Baarle-Hertog: Die Grenze führt manchmal mitten durch ein Haus © Shutterstock/Frolova_Elena

Die vielleicht kurioseste Grenze der Welt ist mit dem Namen Baarle-Hertog verbunden. Hierbei handelt es sich um eine insgesamt 7,48 Quadratkilometer große belgische Exklave innerhalb der Niederlande. Der Ort zählt knapp 3000 Einwohner und gehört verwaltungstechnisch zur belgischen Provinz Antwerpen.

Baarle-Hertog ist dabei kein einheitliches Territorium, sondern ein regelrechter Flickenteppich aus nicht weniger als 22 isolierten Landstücken, die in einigen Fällen nur einzelne Grundstücke umfassen. Innerhalb der belgischen Gebiete liegen wiederum sieben niederländische Enklaven. Ein einziges Kuddelmuddel.

Besonders bizarr: Die Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien verläuft teilweise mitten durch einige Gebäude. Vor allem in der Vergangenheit hatte dies mehr als groteske Auswirkungen: Als Gaststätten in den Niederlanden noch früher als in Belgien schließen mussten, fand man in einem Restaurant, das in beiden Ländern lag, eine mehr als pragmatische Lösung. Zur Sperrstunde wechselten die Gäste einfach an andere Tische.

Heutzutage behindert die Grenze das Leben in dem Ort kaum noch. Um aber Besuchern die besondere Situation vor Augen zu führen, wurde die Grenzziehung durch Markierungen auf den Gehsteigen verdeutlicht. Inzwischen fast schon selbst eine Touristenattraktion.

Doch wie kam es zu diesen verworrenen Verhältnissen? Ausgangspunkt waren mittelalterliche Territorialstreitigkeiten zweier Feudalherren im 12. Jahrhundert. Diese wurden schließlich in einem komplizierten Kompromiss beigelegt, der beiden Seiten die Kontrolle über einzelne Höfe und Grundstücke sicherte. Als nach der Reformation im 16. Jahrhundert der protestantische Teil der Niederlande die spanische Herrschaft abschütteln konnte, wurde der eine, mittlerweile protestantische Gebietsteil mit den übrigen Niederlanden unabhängig, während das andere, katholische Territorium bei Spanien verblieb. Aus diesen "Spanischen Niederlanden" ging schließlich der heutige Staat Belgien hervor. Alle späteren Versuche, die verworrene Lage durch einen Gebietstausch zu bereinigen, scheiterten.

Geografie-Quiz: Das ist kaum zu glauben

Treriksröset: Dreiländereck auf einem Steg im See

Auf einem Holzsteg durch drei Länder: Das nördlichste Dreiländereck der Welt © iStock.com/Jessica Ronnerhall

Das nördlichste Dreiländereck der Welt liegt im Norden Skandinaviens und ist etwas ganz besonderes. Norwegen, Schweden und Finnland stoßen hier mitten in einem See, dem Golddajavri, aufeinander. An dieser Stelle wurde 1926 das Grenzmal "Treriksröset" errichtet, was auf Schwedisch so viel wie "Drei-Reiche-Denkmal" bedeutet.

Kurios: Zum Treriksröset führt ein Holzsteg, auf dem man das Grenzmal auch umrunden kann. Auf diese Weise wandert man auf einer Distanz von vielleicht zehn Metern durch drei Länder.

Das Denkmal wurde 1926 auf einer kleinen künstlichen Insel errichtet und befindet sich etwa zehn Meter vom Ufer des Golddajavri entfernt. Es ist ein gelb gestrichener Betonklotz mit der Form eines leicht gewölbten Kegelstumpfes.

Übrigens: Wer das Dreiländereck besichtigen will, kann es nicht bequem mit dem Auto erreichen. Eine Straße gibt es hier nicht. Besucher müssen sich schon auf eine mehrstündige Wanderung einlassen. Ausgangspunkte sind die Orte Kilpisjärvi in Finnland oder Gálggojávri in Norwegen. Wer eine Wanderung scheut, kann sich alternativ auch ein Boot organisieren. Im Winter besteht zudem die Möglichkeit das Treriksröset auf Skiern oder mit einem Hundeschlitten zu erreichen.

USA/Kanada: Point Roberts

Point Roberts – Wie ein Schnitt mit dem Lineal: Links die USA, rechts Kanada © dpa/Darryl Dyck

Point Roberts ist ein isoliertes US-amerikanisches Gebiet rund 30 Kilometer südlich der kanadischen Metropole Vancouver. Es liegt im Süden der Tsawwassen-Halbinsel und grenzt ausschließlich an Kanada. Das Territorium ist lediglich 12,65 Quadratkilometer groß, zählt rund 1300 Einwohner und gehört zum US-Bundesstaat Washington.

Hintergrund der kuriosen Grenzziehung ist der sogenannte Oregon-Kompromiss aus dem Jahr 1846. Damals legten Großbritannien und die USA ohne Rücksicht auf die geografischen Verhältnisse den 49. Breitengrad als Grenze zwischen ihren jeweiligen Territorien fest. Mit dem Beitritt der Provinz British Columbia zur Kanadischen Föderation im Jahr 1871 wurde der Breitengrad dann zur Grenze zwischen den USA und Kanada.

Die Einwohner von Point Roberts konnten mit der ungewöhnlichen Situation lange Zeit recht gut leben. Die Grenze war durchlässig und kaum eine echte Barriere. Doch dann kam Covid-19 und die Falle schnappte zu. Im März 2020 wurde die Grenze geschlossen und die Bewohner der Exklave konnten nur noch in Ausnahmefällen nach Kanada ausreisen. Kinder konnten nicht mehr zur Schule und auch die medizinische Behandlung wurde schwierig.

Die Wirtschaft litt unter dem Ausbleiben kanadischer Touristen, die zu normalen Zeiten in Point Roberts günstig tanken und Alkohol kaufen konnten. Die Bewohner saßen fest. Erst nach fünf Monaten, im August 2020, wurde eine Notfähre nach Fairhaven/Washington eingerichtet, die für die einfache Strecke zudem zwei Stunden benötigte. Im Februar 2021 öffnete Kanada schließlich wieder die Grenze. Das Schlimmste war vorbei.

Sint Maarten/St-Martin: Einzige Landgrenze zwischen Frankreich und Holland

Sint-Maarten/St-Martin: Geteilte Insel in der Karibik © Shutterstock/Paul McKinnon

Sint Maarten/St-Martin ist eine Karibik-Insel der Kleinen Antillen und liegt rund 400 Kilometer östlich von Puerto Rico. Sie ist gerade einmal 87 Quadratkilometer groß und ist mit rund 75.000 Einwohnern dicht besiedelt. Das Besondere: Die Insel ist politisch geteilt. Während die kleinere, südliche Hälfte Sint Maarten ein autonomes Gebiet der Niederlande ist, ist der größere, nördliche Teil St-Martin ein französisches Überseeterritorium. Kurios und bei Quizfragen beliebt: Hier befindet sich die einzige Landgrenze zwischen beiden Staaten.

Die politische Trennung wird nicht nur sprachlich deutlich. Während St-Martin komplett in Frankreich integriert und damit Teil der EU und der Eurozone ist, verfügt Sint Maarten über eine weitgehende Eigenständigkeit. Das Gebiet gehört nicht zur EU und die offizielle Währung ist der US-Dollar.

Trotz dieser Unterschiede stellt die Grenze keine Barriere dar. Kontrollen finden keine statt und in welchem Teil der Insel man sich befindet, sieht man vor allem an der Sprache der Straßenschilder.

Wie kam es zu dieser Situation? 1648 vertrieben Niederländer und Franzosen die Spanier von der Insel und teilten sie untereinander auf. Warum der französische Teil größer ist, erklärt eine Legende: Demnach beschlossen beide Seiten, jeweils einen Soldaten von einer bestimmten Stelle der Insel in gegensätzlicher Richtung loslaufen zu lassen und das Eiland zu umrunden, bis sie sich wieder am Strand trafen. Die Verbindungslinie zwischen beiden Punkten sollte die Grenze sein. Der listige Franzose habe dem Niederländer dabei als Geschenk eine Wasserflasche mitgegeben, die allerdings kein Wasser, sondern Gin enthielt. Der Niederländer machte reichlich Gebrauch davon, was seinen Schritt verlangsamte, so dass der französische Teil heute größer ist.