ADAC Test: Wie barrierefrei ist der Nahverkehr?

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Von Tanja Echter

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Ein barrierefreier Nahverkehr erleichtert Millionen Menschen den Alltag: von Rollstuhlfahrenden über Eltern mit Kinderwagen bis hin zu älteren Fahrgästen. Ein ADAC Test zeigt, wo noch Verbesserungsbedarf besteht.

  • Einstieg bleibt größte Barriere

  • Haltestellen für Blinde oft schwer auffindbar

  • Was den ÖPNV für alle besser macht

Was und wie wurde getestet?

Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr ist für Rollstuhlfahrende oder Blinde entscheidend in puncto Nutzbarkeit. Aber auch Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit schwerem Gepäck oder Menschen, die altersbedingt nicht mehr gut zu Fuß sind, profitieren von stufenlosen Zugängen und gut erreichbaren Haltestellen.

Der ADAC hat zehn deutsche Städte aus der Perspektive von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und ortskundigen blinden Nutzern getestet. Im Fokus stand der Weg vom Gehsteig über die Haltestelle bis zum Einstieg in Bus und Bahn.

Untersucht wurden knapp 150 Haltepunkte in Augsburg, Bielefeld, Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Kassel, Magdeburg, Mainz, Mannheim und Rostock. Im Fokus waren je vier zentrale Ziele: das Rathaus bzw. Stadtzentrum und in der Regel das größte Einkaufszentrum, das größte Akutkrankenhaus sowie ein Hallenbad (möglichst ohne Sommerpause). Durchgeführt hat die Untersuchungen vor Ort die Firma PB Consult GmbH aus Nürnberg, ein Ingenieurbüro aus dem Bereich Mobilitätsforschung.

Barrierefreiheit wird zunehmend mitgedacht

Ein ADAC Test zeigt, dass Barrierefreiheit bei Neu- und Umbauten meist bereits berücksichtigt wird. Positiv fiel auf, dass an 93 Prozent der Haltesteige Leitstreifen für blinde Fahrgäste an der Bordsteinkante vorhanden waren. Sie helfen bei der Orientierung sowie der Absicherung zur Fahrbahn oder zu den Gleisen.

Auch ausreichend breite Warteflächen (87 Prozent) sowie gut begehbare und für Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen nutzbare Haltesteige (83 Prozent) und flache Rampen (84 Prozent) fanden die Tester vor.

Der Einstieg bleibt die größte Hürde

Während viele Haltesteige gut zugänglich sind, offenbart der Test aber auch Schwächen. Die größte Hürde bleibt der Einstieg in die Fahrzeuge. Dabei sind stufenlose Zugänge für viele Menschen eine wichtige Voraussetzung, um Bus und Bahn selbstständig nutzen zu können. Wie eine ADAC Umfrage im Vorfeld des Tests zeigt, halten 23 Prozent der Bevölkerung sie für unbedingt notwendig. Weitere 17 Prozent sehen in ihnen eine große Erleichterung. Mit zunehmendem Alter steigt ihre Bedeutung: Für 32 Prozent der 60- bis 69-Jährigen sind ebene Einstiege unverzichtbar.

Busse oft nur schwer zugänglich

Für Rollstuhlfahrende lässt sich der Einstieg meist durch das Ausklappen einer Rampe lösen. Menschen mit Rollator, Kinderwagen oder Gepäck müssen dagegen die häufig größeren Spalte und Stufen überwinden. Nach Empfehlung von Regelwerken sollten der Spalt sowie der Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Fahrzeug jeweils maximal 5 Zentimeter betragen. Viele Mobilitätseingeschränkte könnten dann selbstständig einsteigen und wären nicht auf eine Rampe angewiesen, die erst umständlich ausgeklappt werden muss.

Im Test ermöglichten aber nur 20 Prozent der Straßenbahnen und lediglich 3 Prozent der Busse diese Vorgabe. Im Städtevergleich lagen Chemnitz (60 Prozent), Erfurt und Mannheim (jeweils rund 40 Prozent) bei den Straßenbahnen vorne.

Armlehnen häufig Mangelware

Die gute Nachricht: An 92 Prozent der getesteten Haltesteige gab es Sitzgelegenheiten. Und an gut 80 Prozent der Haltesteige konnten sich wartende Fahrgäste auch anlehnen.

Besonders selten waren Armlehnen, die das Hinsetzen und Aufstehen erleichtern. Nur an 11 Prozent der Haltesteige fanden die Tester welche vor. Positiv fielen hier Magdeburg mit 57 Prozent und Bielefeld mit 30 Prozent auf. 11 Prozent der Haltesteige boten keinerlei Wetterschutz.

Bedürfniskonflikt bei der Bordsteinhöhe

Der ADAC Test macht auch deutlich: Barrierefreiheit ist selten eine Einzellösung, sondern erfordert das Austarieren verschiedener Bedürfnisse. Was Rollstuhlfahrenden oder Menschen mit Rollator hilft, ist nicht automatisch für Blinde optimal.

Ein Beispiel sind die Bordsteine: An gut 80 Prozent der getesteten Querungen machen abgesenkte Bordsteine Passagieren mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen das Vorankommen leichter. Blinde Menschen benötigen jedoch deutlich erkennbare Kanten und taktile Leitsysteme zur Orientierung und Absicherung. Entsprechende Bodenindikatoren waren jedoch nur an 28 Prozent der geprüften Querungen vorhanden.

Zugang zur Haltestelle für Blinde oft schwierig

Für blinde Fahrgäste beginnt die Herausforderung häufig bereits auf dem Weg zur Haltestelle. Nur 58 Prozent der getesteten Haltesteige verfügten über Auffindestreifen im Gehweg, die mit dem Blindenstock ertastet werden können.

Eine blinde Frau auf dem Weg zu einer Strassenbahn
Für Blinde wichtig: Auffindestreifen auf dem Weg zur Haltestelle© ADAC

Die Unterschiede zwischen den Städten sind hier groß: In Bielefeld und Chemnitz waren alle getesteten Haltesteige mit Auffindestreifen ausgestattet, der Anteil in Kassel lag bei mehr als 80 Prozent. Deutlich schlechter schnitten dagegen Mainz und Magdeburg ab, wo entsprechende Leitelemente nur an rund 20 Prozent der Haltesteige vorhanden waren.

Ebenfalls problematisch sind aus Sicht der Betroffenen Haltestellen mit Radwegen, die im unmittelbaren Zugangs- und Einstiegsbereich verlaufen. Dort kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen zwischen einsteigenden oder wartenden Fahrgästen und Radfahrenden. Besonders gefährlich ist es für blinde Nutzer, wenn Radwege im Zugangsbereich keine taktil gesicherte Querungsstelle bieten. So weiß der blinde Nutzer nicht, dass er sich bereits auf einem Radweg befindet. Nur in 16 Prozent der Fälle waren die Radwege mit den notwendigen Bodenindikatoren abgesichert.

Vorbild Chemnitz: Barrierefreiheit gemeinsam gestalten

Chemnitz zeigt im ADAC Test, wie barrierefreier Nahverkehr gelingen kann. Rund die Hälfte aller Haltepunkte gilt nach eigenen Angaben der Stadt und strengen Kriterien bereits als barrierefrei. Hinzu kommen akustische Fahrgastinformationen in nahezu allen Bussen und Bahnen, "sprechende Anzeigetafeln" sowie spezielle Schulungen für das Fahrpersonal und Mobilitätstrainings für Betroffene. Im Rahmen des "Chemnitzer Modells" wird ein besonderer Fokus auf barrierefreie Gestaltung gelegt. Ein Erfolgsfaktor ist der enge Austausch zwischen Verkehrsbetrieben und Menschen mit Behinderungen.

So wird der Nahverkehr für alle besser

Barrierefreiheit endet nicht bei Rampen und Leitsystemen. Betroffene wünschen sich vor allem eine stärkere Einbindung in die Planung neuer Haltestellen und Umbauten sowie mehr Verständnis und Rücksichtnahme im Alltag.

  • In Einstiegsbereichen: Rollstuhlfahrende und blinde Menschen können häufig nur bestimmte Einstiegstüren und Flächen in den Fahrzeugen nutzen. Diese Bereiche sollten möglichst frei gehalten werden.

  • Platz machen, wenn es eng wird: Ob für Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder Gepäck – manchmal hilft schon ein kleiner Schritt zur Seite, damit alle gut ein- und aussteigen können.

  • Hilfe anbieten, aber nicht aufdrängen: Eine freundliche Nachfrage, ob Unterstützung gewünscht ist, kann die Fahrt erleichtern und sorgt für ein respektvolles Miteinander.

ÖPNV-Tipps für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen

  • Digitale Hilfen nutzen: Viele Verkehrsunternehmen bieten in den Apps oder auf den Webseiten spezielle Mobilitätseinstellungen mit Informationen zu Aufzügen, barrierefreien Zugängen oder passenden Verbindungen.

  • Angebote in Anspruch nehmen: Die Service-Hotlines der Verkehrsunternehmen helfen oft bei der Reiseplanung und beantworten Fragen zur Barrierefreiheit vor Ort.

  • Mobilitätstrainings: Zahlreiche Verkehrsbetriebe bieten Übungs- und Schulungsangebote, um den sicheren Umgang mit Bus und Bahn zu trainieren.

  • Auf sich aufmerksam machen: Wer auf einen stufenarmen Einstieg oder eine Rampe angewiesen ist, sollte sich am Haltesteig möglichst gut sichtbar positionieren und auf sich aufmerksam machen. So kann das Fahrpersonal rechtzeitig reagieren.

Barrieren abbauen, Fahrgäste gewinnen

Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gehören zu den wichtigsten Nutzergruppen des öffentlichen Nahverkehrs. Eine aktuelle ADAC Umfrage zeigt, dass 40 Prozent von ihnen mindestens einmal pro Woche Bus und Bahn nutzen. Bei Menschen ohne Mobilitätseinschränkungen sind es lediglich 30 Prozent.

29 Prozent der Befragten mit Einschränkungen gaben an, dass sie den ÖPNV häufiger nutzen würden, wenn Haltestellen und Zugänge durchgängig stufenlos erreichbar wären. Barrierefreiheit ist damit nicht nur eine Frage der Teilhabe, sondern auch ein wichtiger Hebel, um mehr Menschen für Bus und Bahn zu gewinnen.

ADAC fordert mehr Tempo

Fehlende Barrierefreiheit ist oft keine Frage des mangelnden Willens. Der ADAC Test zeigt vielmehr, dass komplexe Zuständigkeiten und Förderregeln den Umbau vielerorts bremsen. So gelten Haltestellen teilweise immer noch als barrierefrei, obwohl sie nicht mehr den aktuellen Standards entsprechen.

Aus Sicht des ADAC braucht der Ausbau deshalb mehr Tempo, eine gute Abstimmung und Umsetzung über Zuständigkeitsgrenzen hinaus sowie ausreichend finanzielle Mittel. Ebenso wichtig sind regelmäßige Schulungen des Fahrpersonals, da die Qualität des Einstiegs oft von einem präzisen Anfahren der Haltestelle abhängt.

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