Reisen im Nachtzug liegt im Trend, doch wie gut ist das Angebot? Der ADAC hat 21 Verbindungen in Europa untersucht und enorme Unterschiede festgestellt: bei Fahrtdauer, Komfort, Preis und Buchungsmöglichkeiten. Im Check: Nachtzüge in Metropolen von Stockholm bis Rom Abfahrt aus sieben deutschen Großstädten Zu wenig Direktverbindungen, teils über 20 Stunden Reisezeit Tipps fürs Suchen und Buchen von Nachtzügen Inhaltsverzeichnis Großes Interesse an Nachtzügen So lief der ADAC Nachtzug-Check Karte: 21 Nachtzug-Verbindungen im ADAC Check Ergebnis: Verbindungen von gut bis unattraktiv Überblick: alle Nachtzüge aus sieben deutschen Städten 10 Tipps: Nachtzüge richtig suchen und buchen Probleme: wenig Angebot, schwierige Buchung, hohe Preise Schlafwagen, Liegewagen oder Sitzwagen? Nachtzug als Alternative zu Flug und Auto? Fahrgastrechte: Risiko Umstieg 10 ADAC Empfehlungen für Nachtzug-Betreiber und Politik So wurde getestet Großes Interesse an Nachtzügen Der Nachtzug war lange eher ein Verkehrsmittel für eingeschworene Bahnfans, jetzt wird er zum Reisetrend. Ständig kommen neue Verbindungen hinzu, mit dem Ausbau der Strecken wächst offenbar auch das Interesse: 42 Prozent der Deutschen können sich grundsätzlich vorstellen, mit einem Nachtzug in den Urlaub zu starten, von den Jüngeren zwischen 18 und 39 Jahren sogar 52 Prozent. Das zeigt eine Umfrage des ADAC im Rahmen seiner Nachtzug-Studie. Als Vorteile des Nachtzugs nannten die meisten Befragten: entspannter reisen und erholt ankommen. Doch wie sieht es in der Realität aus? Wie gut sind die Verbindungen, Informationen und Buchungsmöglichkeiten? In einem umfassenden Internet-Check hat der ADAC das aktuelle Angebot für Zugreisen bei Nacht geprüft. So lief der ADAC Nachtzug-Check Für den Realitätscheck versuchte das Team, 21 Städteverbindungen über verschiedene Onlineportale zu buchen. Geprüft wurden Verbindungen aus sieben deutschen Startmetropolen (Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart, Dresden, Hannover) in zwölf beliebte Zielstädte in Europa: Paris, London, Madrid, Barcelona, Rom, Mailand, Brüssel, Wien, Budapest, Stockholm, Amsterdam und Florenz. Zur besseren Vergleichbarkeit wurde lediglich die Hinfahrt betrachtet. Ermittelt wurde immer das günstigste Angebot mit Liegemöglichkeit. Mehr zum Testverfahren lesen Sie hier. Karte: 21 Nachtzug-Verbindungen im ADAC Check Gute Direktverbindungen Sieben ausgewählte Verbindungen erwiesen sich im ADAC Check als gute Direktverbindungen: Sie erfordern kein Umsteigen, bieten akzeptable Abfahrts- und Ankunftszeiten und erreichen in maximal rund 15 Stunden ihr Ziel. Allerdings ändert sich das Angebot ständig, es ist möglich, dass Verbindungen aus dem ADAC Check nicht ganzjährig zur Verfügung stehen. Daher sollte man immer den aktuellen Stand überprüfen. Attraktive Verbindungen mit Umstieg Bei sieben Verbindungen, die in der ADAC Studie untersucht wurden, ist zwar ein Umstieg aus dem Nacht- in einen Fernverkehrszug nötig, aber zu einem zumutbaren Zeitpunkt: nicht früher als 6:30 Uhr morgens, bei den meisten erst nach 8 oder 9 Uhr. Die Reisenden müssen nicht allzu früh aufstehen, um den Zug zu wechseln. Und der Nachtzug-Anteil an der Fahrt ist mit über acht Stunden lang genug, um Schlaf zu finden. Unattraktive Verbindungen mit Umstieg Die Probleme bei der Nachtzug-Nutzung zeigen diese sieben Verbindungs-Beispiele: Manche Reisen dauern über 23 Stunden (von Berlin nach Madrid oder von Hamburg nach Barcelona). Teils sind drei, einmal sogar vier Umstiege nötig, manchmal gegen sechs Uhr morgens. Der Anteil der Fahrt im Nachtzug liegt z.B. bei den Verbindungen von Köln nach Florenz und Barcelona nur bei rund sechseinhalb Stunden – zu kurz für erholsamen Schlaf und rechtzeitiges Aufstehen vor dem Umsteigen. Manche Nachtzüge starten erst gegen Mitternacht oder noch später. Zudem sind sie auch noch vergleichsweise teuer: Über 600 Euro kostet beispielsweise die Hinfahrt von Hamburg nach Rom. Überblick: Alle Nachtzüge aus sieben deutschen Städten Zu welchen beliebten Städtereisezielen in Europa kann man aus den sieben deutschen Metropolen überhaupt mit dem Nachtzug fahren? Von 105 theoretisch möglichen Zugverbindungen (7 Startstädte x 15 Zielmetropolen) erfüllten nur die 55 in der folgenden Tabelle die Nachtzug-Kriterien. Zu diesen Städten in Europa fahren Nachtzüge Hier die Übersicht nach Zielen: Zu diesen 15 beliebten Städtezielen in Europa ermittelte das Team bei der Vorab-Recherche für den ADAC Marktcheck Nachtzug-Verbindungen aus den sieben deutschen Metropolen. Nach Lissabon wurden gar keine ausreichenden Angebote gefunden, Verbindungen nach Kopenhagen und Prag waren zum Testzeitpunkt nicht buchbar. Mehr Verbindungen zum Beispiel bei der Nachtzug-Initiative Back on track 10 Tipps: Nachtzüge richtig suchen und buchen Rechtzeitig buchen: Spätestens vier bis sechs Wochen vor Reiseantritt buchen, für Ferienzeiten möglichst noch früher. Für Onlinerecherche und Buchung das Portal der Deutschen Bahn oder App DB Navigator nutzen: Im Vergleich zu anderen Buchungsportalen finden Kundinnen und Kunden hier die meisten Verbindungen, Infos und oft die günstigsten Tickets. Bei der Verbindungssuche variieren: Manche Nachtzüge starten nicht von großen Bahnhöfen und nur an bestimmten Tagen. Daher besser nur die Stadt in die Suchmaske eingeben. Wenn dies nicht möglich ist, mehrere Bahnhöfe in der Start- und Zielmetropole ausprobieren. Das gilt auch für das Reisedatum. Verbindungssuche gegebenenfalls von der Ticketbuchung trennen: Falls die gewünschte Verbindung im Portal nicht buchbar ist, Ticket direkt über die Webseiten der nationalen Bahngesellschaften buchen oder vor Ort am DB-Serviceschalter kaufen. Notfalls Teilstrecken einzeln buchen: Direktverbindungen sind nicht immer buchbar. Falls die Gesamtverbindung nicht auf einem Ticket gekauft werden kann, empfiehlt es sich, Teilstrecken einzeln zu buchen. Bei der DB werden Betreiber der einzelnen Fahrabschnitte angezeigt. Preise vergleichen: Sofern die Verbindung vorhanden ist, kann sich ein Preisvergleich auf Trainline, Rail Europe oder direkt bei den Anbietern lohnen. Interrail-Ticket (Tages- und Monatspässe) durchrechnen: Vor allem bei sehr langen Fahrten mit mehreren Umstiegen kann sich das lohnen. Spezialabteile buchen: In vielen Nachtzügen können eigene Abteile für Frauen, Mobilitätseingeschränkte oder Familien (als Privatabteile) reserviert werden. Verspätungen einplanen: Um Anschlüsse sicherzustellen, sollte die Umsteigezeit nicht zu knapp bemessen sein. Fahrgastrechte prüfen: Information über Gültigkeit des Tickets bei verpasstem Anschluss einholen. Probleme: Viel zu wenig Direktverbindungen Für Bahnkundinnen und -kunden, die das Glück haben, eine direkte Verbindung zu finden, kann die Nachtzugfahrt durchaus komfortabel sein. Laut ADAC Umfrage würden immerhin 58 Prozent der Passagiere, die innerhalb der letzten 12 Monate einen Nachtzug benutzt haben, diese Art des Reisens sehr wahrscheinlich oder wahrscheinlich weiterempfehlen, bei den 18- bis 39-Jährigen sogar 72 Prozent. Der Realitätscheck zeigte jedoch die Probleme deutlich: Jenseits der immer noch viel zu wenigen Direktverbindungen gestaltet sich die Suche nach Nachtzugverbindungen von Deutschland in touristisch attraktive Städte in Europa eher unkomfortabel. Oft müssen die Passagiere zu nachtschlafender Zeit sogar mehrmals umsteigen. Gut die Hälfte der akzeptablen Verbindungen im Check erfordern mindestens einen Umstieg. Nachtzug-Buchung: Online schwierig Da das Nachtzuggeschäft in Deutschland von verschiedenen internationalen Staatsbahnen und privaten Anbietern betrieben wird, gibt es kein einheitliches länderübergreifendes Buchungsportal. Die Online-Recherche von Fahrzeiten, Preisen oder Komfortkategorien erwies sich daher oft als verwirrend und sehr zeitintensiv. Die beim ADAC Check genutzten Buchungsportale Deutsche Bahn, Trainline und Rail Europe werfen zum Teil unterschiedliche, Trainline und Rail Europe oft auch gar keine oder viel zu umständliche Verbindungen aus. Die Online-Buchung gleicht dann nicht selten einem Lotteriespiel, denn im zweiten Schritt ist die zuvor recherchierte Verbindung oft nicht buchbar. Entweder sind die Züge bereits ausgebucht oder sie erscheinen einfach nicht mehr. Von 21 Verbindungen, die das ADAC Team in einem ersten Testlauf als buchbar identifiziert hatte, standen fünf am nächsten Tag schon nicht mehr zur Verfügung. Der ADAC rät deshalb zur schnellen Buchung. Laut ADAC Marktforschung buchen 53 Prozent der befragten Nachtzugreisenden ihre Fahrt daher auch lieber am Schalter oder in einem Reisebüro als selbst online. Obwohl der Anteil der jüngeren Kundinnen und Kunden, die in der Regel die Internetbuchung bevorzugen würden, gerade bei Nachtzügen deutlich höher ist. Als nutzerfreundlichstes Portal zeigte sich bei den ADAC Recherchen das der Deutschen Bahn (DB). Es fand immerhin 19 der 21 ausgewählten Test-Verbindungen und stellte die meisten Informationen bereit, u.a. zu Betreibern, Fahrtverlauf, Zwischenhalten und Services an Bord. Es folgten Rail Europe (15 von 21) und Trainline (7 von 21). Die Daten für die geprüften Verbindungen wurden daher bei der DB erhoben (nur zwei Reisen, die dort nicht auftauchten, über Rail Europe). Nachtzug-Preise: Extreme Unterschiede Vor allem bei der Preisangabe hapert es bei den Portalen erheblich. Auch bei der DB waren die Preise für die 21 Testverbindungen nicht durchgängig abrufbar: Heißt es "Preisauskunft nicht möglich", müssen die Kundinnen und Kunden direkt beim jeweiligen internationalen Anbieter (z.B. SJ, European Sleeper, Eurostar) anfragen oder vor Ort am Schalter buchen. Andererseits: Bei drei Viertel der Anfragen des ADAC Teams überzeugte die DB mit dem günstigsten Angebot, Rail Europe lieferte immerhin bei der Hälfte der parallel recherchierten 21 Verbindungen den günstigsten Preis. Extrem hoch sind die Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Komfortkategorien innerhalb eines Zuges. Während die Fahrt in einem Sechser- oder Vierer-Liegewagen oft unschlagbar günstig ist, steigt der Preis für eine Nacht im Schlafwagen schnell in den dreistelligen Bereich. Die Spanne beim Gesamtpreis der 21 untersuchten Verbindungen liegt zwischen 54 und 607,80 Euro. Schlafwagen, Liegewagen oder Sitzwagen? In der ADAC Studie suchte das Team jeweils nach dem günstigsten Angebot mit Liegemöglichkeit: ein Einzelplatz im Liege- und Schlafwagen für vier bis sechs Personen. Aber was ist eigentlich der Unterschied zwischen Schlaf-, Liege- und Sitzwagen? Hier beispielhaft die Komfortkategorien der beiden Betreiber, die die meisten Nachtzüge im ADAC Check und einen großen Teil der Verbindungen ab Deutschland anbieten: Kategorien im ÖBB Nightjet Die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB bieten eigene Nightjets (Zugnummern mit Kürzel NJ) an, auf einigen Strecken bereits in Wagen einer neuen komfortableren Generation, zu der künftig 33 Züge gehören sollen. Außerdem in Kooperation mit Partnerbahnen EuroNight-Züge (EN), bei denen Serviceumfang und Wagenmaterial vom ÖBB Nightjet-Standard abweichen können. Kategorien im European Sleeper Das 2021 gegründete belgisch-niederländische Bahnunternehmen European Sleeper (ES) bietet Nachtzüge zwischen Brüssel und Berlin an (und die Weiterfahrt über Dresden nach Prag, die jedoch keine Nachtzugverbindung aus Deutschland darstellt). Frühstück im Nachtzug meist inklusive Die ADAC Tester fanden fast immer Plätze in der gewünschten zweiten Liegewagenklasse (ohne Stornierungsoption). Allerdings konnten sie auch den Reisetag innerhalb des Zeitraums 27. Mai bis 23. Juni flexibel wählen. Nur in zwei Fällen mussten sie auf das teurere Komfortticket ausweichen, weil das Sparangebot nicht mehr buchbar war. Nur einmal mussten sie die erheblich teurere erste Klasse nehmen. Bei den meisten Bahngesellschaften ist das Frühstück inklusive, im European Sleeper musste es jedoch extra dazu gebucht werden. Reisedauer: Nachtzug als Alternative zu Flug und Auto? Taugt der umweltverträgliche Nachtzug innerhalb Europas als Alternative zum Flugzeug und Auto? Laut den Ergebnissen des ADAC Teams durchaus, wenn man direkte Züge mit einer Reisezeit von zehn bis maximal rund 15 Stunden nehmen kann. Jedoch nicht bei Fahrten über große Entfernungen, die mehrere Umstiege erfordern und weit über 20 Stunden dauern, wie z.B. Berlin – Madrid im besten Fall 23 Stunden und 44 Minuten. Die Reisedauer im gesamten Check betrug zwischen 11:20 und 23:44 Stunden, bei acht von 21 untersuchten Verbindungen war sie länger als 15 Stunden. Fahrgastrechte: Risiko Umstieg Auch bei kürzeren Entfernungen gilt: Mit jedem Umstieg steigt das Risiko, einen Anschlusszug zu verpassen. Eine Anschlussgarantie gibt es vor allem dann nicht, wenn man für Teilabschnitte der Reise Tickets von verschiedenen Bahngesellschaften gebucht hat, wie z.B. den Nightjet nach Paris und als Folgezug den privat betriebenen Eurostar nach London. Zwar gibt es ein Agreement von 16 europäischen Bahnbetreibern, dass gestrandeten Passagieren die Weiterfahrt kostenlos zu ermöglichen sei, doch einen Rechtsanspruch darauf haben Kundinnen und Kunden nicht. Infos zu Fahrgastrechten finden Sie hier. Fazit des ADAC Teams: So erfreulich der bisherige Ausbau des Nachtzug-Netzes in Europa ist – es gibt noch zu viel zu tun. 10 ADAC Empfehlungen für Nachtzug-Betreiber und Politik So wurde getestet