11 Fernbus-Terminals im ADAC Test: Weiterhin Mängel

18.6.2020

Deutschlands größte Fernbus-Bahnhöfe erneut im ADAC Test: Nur der Sieger konnte sich jetzt auf  "sehr gut" verbessern, zwei Terminals waren mangelhaft.

Flixbus am Busbahnhof
Hell und übersichtlich präsentiert sich der Fernbus-Bahnhof am Stuttgarter Flughafen: Sieger im ADAC Test
  • Nach dem Stop durch Corona fahren Fernbusse wieder
  • Auch im erneuten ADAC Test Mängel bei Witterungsschutz und Fahrgastinfo 
  • Noch immer Nachholbedarf bei der Barrierefreiheit

 

Flixbus fährt vom Busbahnhof ab
Nach der Corona-Zwangspause rollen sie wieder: Die Fahrzeuge des Marktführers Flixbus

An den deutschen Fernbus-Bahnhöfen zieht wieder Leben ein: Anlass für den ADAC, jetzt den Test von elf dieser Terminals zu veröffentlichen. Durchgeführt wurde der Test bereits im Januar, also vor dem wochenlangen Stop der Fernbusse durch die Corona-Krise. Seit Ende Mai rollen die Busse von Flixbus wieder – mit zunächst begrenztem Angebot an Verbindungen (siehe Tipps: In Corona-Zeiten mit dem Fernbus unterwegs). Flixbus als größter Anbieter beherrscht mittlerweile mehr als 90 Prozent des Marktes.

Vor der Corona-Pandemie fuhren rund 23 Millionen Passagiere pro Jahr in Deutschland Fernbus. Mit dem Boom der letzten Jahre konnten die Ausstattung und der Service vieler Terminals nicht Schritt halten, das hatte bereits der erste ADAC Test 2017 gezeigt. Was hat sich seither getan? Um das zu klären, schickte der Club seine Tester erneut zu den größten deutschen Fernbus-Bahnhöfen.

Ergebnis: Der Terminal am Stuttgarter Flughafen, wieder Spitzenreiter wie schon im ADAC Test 2017, konnte sich von "gut" auf "sehr gut" steigern. Fünf Stationen wurden mit "gut" bewertet: Hannover, Hamburg, Köln/Bonn Airport, München und Leipzig. Drei erhielten "ausreichend": Mannheim, Berlin-Südkreuz und Rostock. Für die Fernbus-Bahnhöfe in Dortmund und Nürnberg vergaben die ADAC Tester "mangelhaft". Insgesamt zeigten sich bei den Ergebnissen kaum Abweichungen zum Stand von 2017, an den Terminals hat sich seither also nicht allzu viel getan.

 

Gewinner: Moderner Terminal in Stuttgart

Toiletteneingang im Busbahnhof
Modern und barrierefrei: Die Sanitäranlagen am Stuttgarter Fernbus-Bahnhof

Der Beste im Test, Stuttgart SAB, ist direkt in ein Parkhaus integriert. Hell präsentieren sich Beläge, Fahrbahnen, Wände und Decken. Es gibt moderne und behindertengerechte Sanitäranlagen sowie einen Babywickelplatz. In puncto Barrierefreiheit werden alle Standards erfüllt. Im Warteraum zeigt ein Infosystem die aktuellen Abfahrten, Passagiere finden Steckdosen und USB-Anschlüsse vor. Ein Ticketcenter mit Reiseagentur und Gepäckwagen gehört zum Service. Videoüberwachung sowie Personal vor Ort sorgen für Sicherheit.

Einziger Wermutstropfen bleibt die Lage außerhalb der Stadt am Flughafen, trotz guter Erreichbarkeit mit dem ÖPNV. Außerdem fehlen Komfort-Pluspunkte wie Schließfächer, Gastronomie, Geldautomat und Autovermietung. Das alles gibt es aber ganz in der Nähe am Airport.

 

 

Verlierer: In Nürnberg schutzlos im Regen 

Kein Witterungsschutz und zu wenig Sitzplätze: Fernbus-Terminal Nürnberg 

Test-Verlierer ZOB Nürnberg lässt die Fahrgäste dagegen fast komplett im Regen stehen. Es gibt keine Wartehalle, kaum Schutz vor schlechtem Wetter. An den Bussteigen bieten sich zu wenig geeignete Sitzflächen. Die Sanitäranlagen erweisen sich beim Test als verschmutzt und in Summe mangelhaft.

Eine elektronische Info-Anzeige fehlt im Wartebereich völlig, hier erfahren Reisende nichts über Verspätungen, Ausfälle oder sonstige kurzfristige Änderungen. Dieser wesentliche Mangel bedeutete für die ADAC Tester ein K.-o.-Kriterium, dafür vergaben sie null Punkte in der Kategorie Information. Es existieren auch keine Videokameras, um die Sicherheit der Passagiere zu erhöhen. Bei der Verkehrssicherheit zeigten sich ebenfalls Defizite: Weil Zebrastreifen fehlen, müssen Passagiere beim Überqueren der Fahrspuren aufpassen, dass sie nicht von einem Bus erfasst werden.

Zwar verbuchten die Tester auch positive Merkmale wie Gastronomie, WLAN-Zugang und Personal vor Ort sowie ausreichend "Kiss & Ride"-Stellplätze fürs schnelle Absetzen und Verabschieden eines Passagiers. Doch dies konnte die Note "mangelhaft" im Gesamtergebnis nicht verhindern. 

 

++
sehr gut
+
gut
o
befriedigend
ausreichend
––
mangelhaft

Fehlende Infos und zu wenig Sitzplätze

Ähnliche Mängel wie beim Testverlierer Nürnberg gab es auch an anderen Terminals. Häufig fehlten die Wartehalle, ausreichend Sitzplätze und Witterungsschutz am Bussteig. Defizite bei der Sauberkeit kritisierten die ADAC Tester an mehreren Bahnhöfen: volle Mülleimer, verschmutzte Wartebereiche und Toiletten.

Aktuelle Infosysteme und Durchsagen im Wartebereich, am besten mehrsprachig – eigentlich Standard im internationalen Reiseverkehr – waren an vielen Stationen gar nicht oder nur teilweise vorhanden. Nur drei Websites von elf Fernbusterminals lieferten entsprechende aktuelle Infos. Teils fehlten Hinweisschilder auf den Fernbus-Bahnhof im Straßenraum. Umgebungs- und Orientierungspläne gab es häufig nicht an den zentralen Infotafeln. Abschließbare Fahrradabstellplätze fehlten außerdem – angesichts von immer mehr teuren Pedelecs und Lastenrädern werden diese wichtiger für Passagiere.

Noch nicht optimal für Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte

Besonderes Augenmerk wurde beim ADAC Test auch diesmal wieder auf die Barrierefreiheit gelegt. Denn seit Jahresbeginn 2020 müssen laut Behindertengleichstellungsgesetz sowohl Fernbusse als auch Terminals durchgängig barrierefrei sein. Von Rampen, Aufzügen, schwellenlosen und automatischen Türen sowie abgesenkten Bordsteinen profitieren auch Passagiere mit Kinderwagen oder Rollkoffern.

Hier besteht nach den Ergebnissen des ADAC Tests aber immer noch Nachholbedarf. Zwar müssen Fernbusse nun generell zwei Plätze für Rollstuhlfahrer anbieten, doch teils erweisen sich z.B. die Bussteige als zu schmal für den Hublift, der Rollstühle in den Fernbus hebt. Taktile Leitsysteme, die es Sehbehinderten ermöglichen, sich über ihren Tastsinn zu orientieren, fehlen an mehreren Stationen. Entsprechende Bedienfelder im Aufzug waren teilweise abgenutzt.

Positiv: Gut erreichbar und besser überwacht

Aber es zeigten sich durchaus auch positive Ergebnisse: Die meisten Fernbus-Bahnhöfe erweisen sich als sehr gut erreichbar mit ÖPNV, Pkw oder Fahrrad. Ausreichend Behindertenstellplätze sind dort vorhanden oder liegen in der Nähe. An allen Terminals waren die WC-Anlagen geöffnet, einige boten sogar eine Duschmöglichkeit für die Fahrer. Es ist mehr Personal vor Ort als noch beim ersten Test, auch Videoüberwachung und eine gute Beleuchtung sorgen für zusätzliche Sicherheit. An einigen Stationen gibt es Fahrgast-Infosysteme in Echtzeit (sogar auf Deutsch und Englisch) direkt an den Haltepositionen.

ADAC Empfehlungen: So lassen sich Fernbusterminals verbessern

  • Nutzerfreundlichkeit: Kurzparkzonen für "Kiss & Ride" einrichten (z.B. am Köln/Bonn Airport)  also Parkplätze fürs kurze Absetzen und Verabschieden eines Passagiers, der in den Fernbus einsteigen will

  • Sauberkeit: Qualität der Reinigung und Serviceintervalle erhöhen (z.B. Nürnberg). Wartebereiche sauber halten und wo nötig sanieren (z.B. München)

  • Komfort und Information: Sitzmöglichkeiten einhausen und überdachen (z.B. Leipzig, Nürnberg). Dynamische Fahrgast-Informationssysteme insbesondere in Wartebereichen nachrüsten (z.B. Berlin-Südkreuz) und Durchsagen auf Deutsch und Englisch anbieten

  • Barrierefreiheit: Abgenutzte Bedienfelder im Aufzug oder fehlende taktile Leitsysteme für Sehbehinderte (z.B. Köln/Bonn Airport) ersetzen bzw. nachrüsten

Tipps: In Corona-Zeiten mit dem Fernbus unterwegs

Vor der Abreise

  • Erkundigen, ob das gewünschte Ziel wirklich angesteuert wird. Viele Linien und Haltestellen werden nur eingeschränkt bedient oder ganz gestrichen

  • Informationen zu An- und Abfahrten auf den Webseiten der Busunternehmen einholen. Die Internetseiten der Fernbus-Terminals informieren darüber nur selten

  • Frühzeitig buchen, weil Busse wegen der Abstandsregeln weniger Fahrgäste mitnehmen könnten

  • Vor Auslandsreisen beim Auswärtigen Amt informieren, ob bei der Aus- und Einreise oder im Zielgebiet Reisebeschränkungen bestehen

Im Fernbus-Terminal

  • Im Innenbereich des Terminals Mund-Nasen-Schutz tragen
  • Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Personen einhalten
  • Hände regelmäßig waschen und bei Bedarf desinfizieren
  • Beachten, dass WC-Anlagen geschlossen sein könnten (auch die Toiletten an Bord der Fernbusse)
  • Bedenken, dass Geschäfte für Reisebedarf und Proviant eventuell nur eingeschränkt oder gar nicht öffnen

Im Fernbus

  • Mund-Nasen-Schutz verpflichtend tragen. Bei Verwendung von Einweg-Masken auf längeren Fahrten Ersatz-Masken zum Austausch dabeihaben
  • Soweit möglich Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Reisenden und dem Busfahrer einhalten
  • Busunternehmer: Nach jeder Fahrt Busse desinfizieren
  • Busunternehmer: Fahrkarten beim Einstieg mit digitalen Check-in-Geräten kontaktlos prüfen

So hat der ADAC getestet

Die Tester prüften elf Fernbus-Terminals mit dem höchsten Fahrgastaufkommen in Deutschland (laut Marktführer Flixbus). Bahnhöfe, an denen aktuelle Bautätigkeiten stattfinden oder die in Kürze umgebaut werden sollen, wurden nicht getestet. Deshalb fielen z.B. Frankfurt am Main und Berlin IOB als Teststationen aus. Vor Ort waren die unangemeldeten Tester an Tagen mit hoher Frequenz (Freitag oder Samstag) im Januar 2020.

Die einzelnen Prüfkriterien waren in fünf Hauptkategorien unterteilt: Die Ausstattung (z.B. Witterungsschutz, Ticketschalter, WC’s) wurde mit 30 Prozent gewichtet. Mit jeweils 20 Prozent gewertet wurden Zugänglichkeit, Sicherheit (z.B. Fahrbahn-Querungen, Videokontrolle und soziales Umfeld) sowie Information (Fahrgastinformationssysteme, Durchsagen). Mit 10 Prozent trug der Komfort zum Gesamtergebnis bei – also z.B. Gastronomie und Aufenthaltsbereiche für Passagiere. Die Barrierefreiheit wurde in allen fünf Hauptkategorien betrachtet. Um die Ergebnisse gut vergleichen zu können, entsprachen Kategorien und Gewichtung dem ersten ADAC Test der Fernbus-Bahnhöfe 2017.

Text: Andrea Steichele-Biskup. Fotos: ©ADAC/Steffen Thalemann (3), ©ADAC/Stefanie Aumiller

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